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Rubrik denken

Die Säkularität der Moral und die derzeitigen Krisen der Religionen

Von Andrea Günter

Alle Jahre wieder

Ist es richtig zu veranschlagen, dass Christen und insbesondere Repräsentanten der Kirchen überdurchschnittlich moralisch und deshalb besonders vorbildhaft seien, weil Religionen die Moral und moralische Ansprüche in die Welt bringen?

Dieses Argument wurde in den letzten Monaten häufig angeführt, wenn es um den Rücktritt von Margot Käßmann und die sexuelle Gewalt an Kindern durch katholische Geistliche ging. Aber auch die Diskussion um den Islam und die Integration muslimischer Menschen ist hiervon betroffen. Was hier am Beispiel des Islams vor Augen geführt wird, betrifft Religionen grundsätzlich: Sind Religionen und religiöse Menschen bereit, sich an die Moral der Gesellschaft zu halten, in der die Religionsausübenden jeweils leben?

Gerade der katholische Fall zeigt, dass Religionen dazu neigen, Parallelgesellschaften zu bilden, zu glauben, sich nicht integrieren zu müssen. Dazu neigt nicht nur „der“ Islam, Christen insbesondere aus katholischen Kontexten nehmen das sogar als besondere Qualität ihrer Religiosität in Anspruch und behaupten, das, was sie als christliche Moral deklarieren, sei sogar die bessere, wenn nicht sogar die einzig richtige Moral. Es geht um die grundsätzliche Anfrage der Moral an die Religion und ihr Verhältnis zur Moral.

Die Säkularisierung der Wissensbestände ist ein wesentlicher Bestandteil aufgeklärten Selbstverständnisses. Mit der Säkularität von Wissensbeständen ist gemeint, dass Gott nicht (länger) als Ursprung und Erklärungsgrund von Dingen herhalten kann und darf, die andere Ursprünge und Erklärungsgründe haben. Für vieles, ja sogar für das meiste gilt, dass Gott nicht sein Ursprung, seine Ursache ist und diese Funktion damit nicht automatisch von Religionen und Kirchen in Anspruch genommen werden kann. Das betrifft gerade auch die Moral. Kaum ein Moraltheologe oder Religionsvertreter kann heute noch ernsthaft vertreten, dass Gott nötig ist, um Moral und Moralität zu begründen. Die meisten Moraltheologen, viele Philosophen und auch einige Religionsvertreter kennen die Erkenntnis der Moralpsychologie an, dass Moralität sich in der Mutter-Kind-Beziehung entwickelt, ihren Ursprung also darin hat, dass ein Kind lernen muss, sich in seine Mutter hineinzuversetzen und sich in der Welt menschlich einzubinden. Die kindliche Entwicklung der Perspektivenübernahme bildet die Grundlage für sein gutes und stimmiges (Über-) Leben, was einhergeht mit seiner sozialen und damit moralischen Kompetenz.

Der im Westen geschätzteste Vertreter des Buddhismus beispielsweise, der Dalai Lama, beeindruckt mit einem klaren und eindeutigen Bekenntnis zu dieser Haltung gegenüber der Moral. Dies lässt ihn in säkularen Kontexten für so viele Menschen überzeugend werden. Die Aufgabe der Religion sei es, zur Stärkung und Ausdifferenzierung der menschlichen moralischen Anlage beizutragen und somit dem Frieden und der Gerechtigkeit zu dienen, so charakterisiert er die Haltung der Religion zur Moral. Eine falsche religiöse Autoritätsgläubigkeit, ein religiöser moralischer Totalitarismus ist damit strukturell verwehrt.

Viele christliche Theologen sehen sich deshalb inzwischen allerdings unter einem theologischen Legitimationszwang. Wenn Moral und Moralität menschlich-weltlichen Ursprungs sind, wie kommt dann Gott ins Spiel? Gott selbst schreibt nicht vor, was gut und richtig ist. Einer positivistischen Offenbarungsmoral, so etwa der Tübinger Moraltheologe Karl-Wilhelm Merks, muss eine Absage erteilt werden.

Wenn Moral weltlichen Ursprungs ist, was also gilt dann über das Verhältnis von Religion und positiver Moral? Wie hängen Gott und Moral zusammen? Vor allem aber: Wie hängen Moral und Gott, Moral und Religion zusammen? Gibt Gott – oder der Glaube an ihn – der Moral und Moralität eine besondere Qualität? Wie kann das gedacht werden? Ist es richtig zu veranschlagen, dass Christen und insbesondere Repräsentanten der Kirchen überdurchschnittlich moralisch und vorbildhaft sein müssen, weil sie hohe moralische Ansprüche formulieren?

Damit steht die Frage nach der moralischen, politischen Kontur der Religion und der Bedeutung des Glaubens an einen Gott für die Welt und ihre Moral im Raum. Nicht nur theoretisch, sondern praktisch ist es deutlich: Religionen und Kirchen sind nicht die Garanten von Werten und Moral, wie es religiöse, aber auch nicht-religiös verankerte Stimmen aus der Gesellschaft immer wieder gerne beschwören wollen. Religionen dürfen keinen moralischen Sonderstatus beanspruchen, im Gegenteil, die Gesellschaft muss verlangen, dass sie sich zu entwickelten moralischen Standards bekennen. Dies zielt mitten in die Frage nach dem Verhältnis von Moral und Religion. Denn wenn der Glaube an Gott einen wesentlichen Unterschied zu der weltlichen Existenz darstellen soll, Moral aber eindeutig innerweltlich gegründet ist, was ist dann das Besondere der religiösen Position? Steht sie gar jenseits oder über der Welt? Also auch jenseits der allein in der Welt begründeten Moral?

Immer wieder kann dieser Eindruck beim Beobachten des Gebarens mancher Kirchenvertreter in den letzten Wochen und Monaten gewonnen werden. Es handelt sich um einen Eindruck, der nur in säkularen Zeiten beobachtet werden kann. Denn solange die Religionen als die Vertretung der Moral auf Erden galten, weil die Moral als gottgestiftet betrachtet wurde, konnte man moralisches Versagen von Kirchenvertretern damit entschuldigen, dass es „normale Menschen“ seien, genauer gesagt, diese sich genauso moralisch und unmoralisch verhalten wie die übrige Bevölkerung auch. Wenn daher die Debatte um Homosexuellenfeindlichkeit und Zölibat aus gegebenen Anlass durchaus als sinnvoll erscheint, so wissen wir dennoch, dass das Zölibat nicht zwangsläufig sexuelle Gewalt verursacht, ebenso wenig Homosexualität, bzw. nicht-zölibatär lebende, heterosexuelle, „sogar“ verheiratete Menschen ebenso sexuelle Gewalt ausüben wie zölibatär oder homosexuell lebende Menschen. Im Vordergrund steht etwas anderes als ein vermeintlich legitimierter sexueller sozialer und/oder religiöser Stand: Es geht um reife, also moralisch verantwortete Sexualität, in jedem sozialen und/oder religiösen Stand.

Unmoralisches, weil unreifes und unverantwortliches Verhalten von Religionsvertretern in einer Zeit, in der Moral als immanent weltliche Größe erkennbar ist und unsere westliche Welt durchaus stolz darauf sein darf, wie weit sie ihre Moralität und moralischen Standards entwickelt hat (ohne dass damit Unvollkommenheit, Fehlverhalten und Versagen beschönigt werden müssen), stellt die Moralität von Religionen und Religionsvertretern in ein anderes, ganz neues Licht. Nehmen sie sich, weil sie das Andere und Bessere zur Welt darstellen woll(t)en, (immer wieder) heraus, sich jenseits der menschlichen und weltlichen Moral und ihrer Standards zu stellen? Wenn man den Staatsanwalt bei Missbrauchsverdacht außen vor lässt und sich vorbehält, ein eigenes (Aufklärungs-)System jenseits des weltlichen zu behaupten, dann ist das der Fall. Dann nimmt in diesem Fall die katholische Kirche in Anspruch, sich jenseits der weltlichen Moral und ihrer Pflichten stellen zu dürfen. Das gilt besonders für die katholische Kirche. Als Reaktion auf ihre Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus hat sich die protestantische Kirche hingegen klar dazu bekannt, dass die weltlichen Gesetze für sie gelten. Wenn Margot Käßmann keine religiösen Größen wie Gnade und Vergebung für sich in Anspruch nimmt, misst sie sich an weltlichen moralischen Prozessen, bis vielleicht hin zur Selbstsorge, sich etwa keinem moralischen Spießrutenlaufen aussetzen zu wollen.

Die säkulare Welt hält den Religionen den moralischen Spiegel der Welt vor. Religionen und Kirchen stehen unter Legitimationszwang: Halten sie sich an die weltlichen Gesetze, also an die moralischen Errungenschaften der Welt? Das ist die grundsätzliche und notwendige Anfrage der Gesellschaft an die Religionen unserer Zeit. Zugleich hat der umgekehrte Vorwurf greifbar seine Legitimation verloren: Die Welt sei unmoralisch, wenn sie nicht an Gott glaube, weil sie deshalb nicht zur Moralität fähig sei.

Dem Kaiser Steuern zahlen oder nicht? Dass Religionen die Ignoranz der weltlichen – der in der Welt entstandenen und für die Welt notwendigen – Moralität legitimieren, ist eine uralte Erfahrung mit Religionen, ein uralter Anspruch der Glaubenden. Die Frage nach dem Verhältnis der Religion zur Welt ist so alt wie die Religionen und ihre Konflikte mit den weltlichen Gesetzen. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, lautet eine Botschaft des Evangeliums. Diese Legitimation hat zwar oftmals dazu verholfen, weltliches Unrecht und Ungerechtigkeit anzuprangern. Der religiöse Fundamentalismus benutzt dieses Verhältnis von Religion und Moralität allerdings ebenso wie der politische: Glaube bedeute, sich über die Standards und Pflichten der Welt hinwegsetzen zu dürfen. Der Kern der Pflichten der (westlichen) Welt wiederum besteht darin, die Individualität und die Verschiedenheit der sexuellen, religiösen usw. Orientierungen zu schützen: also eine moralisch reife Praxis der Pluralität zu begründen.

Dies unterlaufen theologische Konzepte systematisch, analysierte Hannah Arendt 1929 in ihrer Doktorarbeit über den Liebesbegriff des Augustin. Die christliche Theologie betreibe Weltverachtung, und damit die Verachtung der Moralität der weltlichen Bindungen der Menschen. Vor Gott seien alle gleich: Der religiöse Stand begründet, dass alle gleichermaßen böse sind – oder eben gerechtfertigt. Damit gibt es keine Pluralität der Menschen, sondern nur gute oder böse, materialisiert im falschen oder dem richtigen religiösen Stand. Gilt dies als Legitimität der Moral, dann muss und kann Pluralität ausgemerzt werden, dann sind die Herausforderungen, die die Pluralität in der Moral mit sich bringt, als Versagen der Moralität klassifiziert, lautet Arendts Kritik an dieser theologischen Logik.

Nun sind wir heute in der historischen Position, dass wir akzeptieren, dass Moral also durchaus auf die Seite des „Kaisers“ gehört: dann insbesondere, wenn eine Gesellschaft hohe moralische Standards entwickelt hat, wozu die Absage an Übergriffe an die Integrität und die Achtung der weltlich begründeten moralischen Autonomie der Individuen ebenso gehört wie die aus der Pluralität der Menschen erwachsenen Moral. Es wäre also für Gottgläubige wenigstens zu unterscheiden zwischen: weltlich schlechten und weltlich guten (moralischen) Gesetzen, wobei die schlechten als verbesserungswürdige zu behandeln sind, die Kritik an ihnen aber auf keinen Fall eine Abwehr der weltlichen Moral begründen dürfen.

Für Religionen gibt es vor allem ein Darüber-Hinaus: Sie müssen sich an den Status quo der moralischen Errungenschaften halten! Das muss, und das kann die Welt von ihnen verlangen, und zwar in dem Sinne, dass sie die moralischen Standards der Welt nicht unterschreiten dürfen. Sie dürfen aber gerne dazu betragen, postkonventionell zu werden: die Konventionen des Zusammenlebens verbessern, wenn Unrecht und Ungerechtigkeit geschieht. Wozu übrigens gerade auch die Fähigkeit zählt, die Konventionen der eigenen Religion immer wieder in eine postkonventionelle Moralität zu verwandeln. Dass es sich dabei um eine wirkliche moralische Verbesserung handelt, das aber müssen sie rechtfertigen: Kriterien und Auswirkungen benennen, dem Urteil anderer aussetzen. Denn vor der eigenen Gemeinde zu sprechen, also vor denen, die dasselbe denken und glauben, errichtet ein totalitäres System, klärte Immanuel Kant auf. Es negiert die Pflicht gegenüber der Welt: nämlich die gegenüber der Pluralität, letztlich die gegenüber der Moral und Moralität.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 20.12.2010
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Danke, Andrea! Solch einen Text muss ich mehrmals lesen…
    Und sollte mir nur dieser Satz „Wenn Moral und Moralität
    menschlichen Ursprungs sind,
    wie kommt dann Gott ins Spiel? Gott selbst schreibt nicht vor, was gut
    und richtig ist“ bleiben,
    dann hätte es sich schon gelohnt. Aber ich bleib noch bisschen dran…
    Nur gleich die Frage: was ist der Unterschied zwischen Moral und
    Moralität?
    (und eine 2. Frage an die Redaktion: warum kann ich nicht mehr nur
    einen einzelnen Satz aus einem Text bei bzw rauskopieren??)

  • Liebe Fidi,

    du bist ja, schnell! Ja, der Satz, den du dir merken willst, ist das Zentrum meiner Überlegungen. Und ich versuche die Auswirkungen dieser Tatsache zu entwickeln. Denn viele Menschen, egal ob gläubig oder nicht, halten es nach wie vor für selbstverständlich, dass Religionen Moral vermitteln. Was ich zeige, ist, dass genau das Gegenteil gilt, wenn man diesen Satz ernst nimmt: Religionen müssen zeigen, dass sie sich an die Moral der Welt, genauer gesagt an die Standards der Moral halten, die die Welt entwickelt hat. Und gerade auf katholischer Seite, s. Sexualmoral, ist deutlich, dass das so gar nicht im Blick ist, weder von Seiten der Kirche noch von Seiten der Öffentlichkeit, denn diese erlaubt der Kirche eine Parallelmoral, was der Bezug auf eine „höhere“ Instanz wie „Gott“ zu legitimieren scheint, fordert also nicht von ihr, sich an die Standards zu halten. Im Gegenteil, diese werden i.d.R. als Anpassung an die Verhältnisse dargestellt, also in ihrer moralischen Qualität abgewertet…

    Damit zu den Begriffen
    Moral: das sind die Inhalte von Moral, wie sie eine Gesellschaft ausgebildet hat.
    Moralität: bringt zum Ausdruck, wie wenig oder sehr sich Menschen an Moral und moralische Anforderungen halten

    Beispiel: Es gibt Menschen, die moralisch sind, insofern sie ständig moralische Inhalte hochhalten, aber ob sie sich daran halten oder ob diese Inhalte den Herausforderungen gerecht werden, auf die sie Antworten, das ist etwas sehr anderes…

    Herzliche Grüße und fröhliche Weihnachten
    Andrea

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Deine Antwort, liebe Andrea, lege ich mir auf meinen das-Gaben-sie-mir-Tisch
    und danke dir mit besten Wünschen… ! Fidi

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