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Gedanken an Heiligabend im Labyrinth

Von Ursula Knecht-Kaiser

Auf dem Labyrinthplatz in Zürich treffen sich an Heiligabend um 17 Uhr alljährlich Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft zu einer schlichten Feier unter freiem Himmel.

Auszüge aus den Weihnachtsansprachen von Ursula Knecht-Kaiser aus den Jahren 2001-2010

Begrüssung und Einleitung

Herzlich willkommen im Labyrinth. Es ist Brauch geworden, dass wir uns hier am Heiligen Abend zusammen finden: Für eine kurze Weile innehalten, Wünsche und Gedanken austauschen, Lichter in den dunklen Garten tragen.

Weihnachten ist das Fest der Geburt.

Das Ereignis der Geburt feiern alle Kulturen und alle Religionen, überall auf der Welt – jede auf ihre je eigene Weise.

Wir haben Grund, ein Fest der Geburt zu feiern. Denn wir sind alle Geborene.

2001

Erwartet werden

Die Adventszeit war die Zeit der Erwartung.

Das Licht und das neue Leben, sie sind erwartet worden.

Das wünschen wir uns für diesen Labyrinth Platz durchs ganze Jahr hindurch,

dass Menschen, die hierher kommen, spüren:

Wir sind nicht umsonst auf der Welt

Es hat einen Sinn, dass wir da sind

Wir sind erwartet worden

Heiligabend im Labyrinth

Heiligabend im Labyrinth

Für diese Erwartung und das Erwartet-Werden steht die Frau im Labyrinthzeichen. Wir haben sie heute mit Lichtern umgeben.

Die Kinder werden jetzt jedem und jeder von uns ein Licht von dieser Frau in die Hand geben. Ihr dürft das Licht dann in den Garten und in die Welt hinaus tragen.

Wenn alle ein Licht in der Hand halten, werden wir hier im Kreis kurze Zeit innehalten. Vielleicht möchte jemand einen Wunsch oder einen Gedanken aussprechen, damit alle ihn hören.

 2003

Dankbar für alles, was im Verborgenen geschieht

Bevor ein Kind geboren wird oder bevor ein Gedanke oder ein Werk das Licht der Welt erblickt, geschieht Vieles und über eine lange Zeit im Verborgenen.

Wenn ich an die Kinder denke überall im Land, die Weihnachtsgeschenke gebastelt haben oder Brieflein geschrieben, zu Hause, im Verborgenen, damit sie heute jemanden Freude bereiten.

Weihnachten ist deshalb für mich ein Anlass, dankbar zu sein für all das, was im Verborgenen geschieht, oft unbemerkt und unbeachtet, damit es eines Tages sichtbar wird.

Weihnachten, das Fest der Geburt, ist die Feier der Anfänge. Anfänge wollen behütet sein, damit sie wachsen und gedeihen können. Anfänge sind zart und sie wecken in uns zärtliche Gefühle. Die Welt braucht Zärtlichkeit. Mit den Lichtern wollen wir die Zärtlichkeit von Weihnachten in die Welt hinaustragen.

Weihnachten ist das Fest der Wünsche. Wünschen heisst, in die Kraft des Lebens, der Natur, der Mitmenschen vertrauen. Und Wünsche gehen manchmal in Erfüllung.

Darum ist es, denke ich, wichtig, sich gut zu überlegen, was wir wünschen.

 2004

Das Versprechen der Geburt

Weihnachten ist das Fest der Geburt: Eine Frau hat ein Kind geboren.

Mit einem Kind, das neu in die Welt kommt und dadurch die Welt erneuert, verbinden wir Hoffnung und Erwartung.

Ich habe hier im Labyrinth in diesem Herbst eine Frau getroffen, die im Mai 1934 in Deutschland als Tochter einer Jüdin geboren wurde.  „In der Wunschwelt meine Mutter“, hat diese Frau erzählt, „wurde  ich am 30. Januar 1933 gezeugt“.

Der 30. Januar 1933 ist als Tag der Machtergreifung Hitlers in die Geschichte eingegangen. 

Für diese junge Mutter, die Jüdin in Deutschland, sollte etwas anderes in die Geschichte eingehen: die Ankunft der Tochter, die Geburt eines Kindes, das in dieser Zeit des Hasses, der Vertreibung und Verwirrung eigentlich gar nicht vorgesehen war.

Das Kind hat ihr ein Tor geöffnet in eine andere Welt. Es war das Versprechen des Lebens und der Liebe und hat ihr die Kraft gegeben, das Leben zu lieben und zu schützen. Trotz allem…..

(Literatur: Annette Kuhn, Ich trage einen goldenen Stern – Ein Frauenleben in Deutschland. Aufbau Verlag 2003)

2006

Immer wieder neu anfangen dürfen

In der christlichen Kultur kennen wir die Weihnachtsbotschaft:

„Fürchtet euch nicht, euch ist heute ein Kind geboren“

Diese frohe Botschaft gilt jedem Kind, das neu zu uns auf die Welt kommt.

Es schenkt uns, der ganzen Welt, einen Neuanfang.  Es erlöst uns von der Angst, dass alles so bleiben muss, wie es ist. Es schenkt uns die Hoffnung, dass sich etwas verändern kann.

Im Labyrinth in Zürich

Im Labyrinth in Zürich

An den Kindern erfahren wir es ganz konkret: Als Menschen haben wir die Fähigkeit, neu anzufangen, immer wieder, wir alle, auch als Erwachsene, solange wir leben. Jede/r von uns darf immer wieder Anfänger,  Anfängerin sein.

Uns Menschen ist die Gabe des Neuanfangs geschenkt. Es braucht keine grosse Tat zu sein, es kann etwas Kleines sein. Vielleicht einer Situation, in der wir stecken, eine gute Seite abzugewinnen. Vielleicht Menschen, die wir eigentlich nicht mögen, mit denen wir eigentlich nichts zu tun haben wollen, einen guten Gedanken schenken. Bloss einen Gedanken. Das ist bereits ein Neuanfang – und damit hat sich etwas in der Welt verändert. Die Gabe des Neuanfangs ist die Kraft zur Veränderung.

„Fürchtet euch nicht, heute ist euch ein Kind geboren“

So wünsche ich uns allen, dass wir uns selber und uns gegenseitig an diese Gabe des Neuanfangenkönnens erinnern, immer wieder.

2007

Geben und Nehmen – schenken und empfangen

Wir alle haben das Leben geschenkt bekommen, ohne dass wir dafür vorgängig eine Leistung erbracht haben. Wir haben uns das Leben nicht verdienen müssen. Es ist nicht der Lohn für eine Arbeit. Es ist ganz und gar ein Geschenk.

Darum macht es Sinn, wenn wir einander an Weihnachten zum Fest der Geburt beschenken.

Aber schenken mit reinem Herzen, ohne Kalkül, ohne etwas zu erwarten, einfach so, das ist gar nicht so leicht.

Wir sind gewohnt und haben im Verlaufe unseres Erwachsenwerdens gelernt, in den Kategorien des Tausches zu denken und zu handeln: Gibst du mir, geb ich dir – geb ich dir, gibst du mir. Das hat aber nichts mit Schenken zu tun.

Von den Kindern können wir wieder lernen, wie schenken geht:

Sie schenken arglos, ohne Hintergedanken, einfach weil es Freude macht und sie das Bedürfnis haben, zu geben. Was haben sie doch in den vergangenen Wochen gebacken, gebastelt, gezeichnet, Briefchen geschrieben, Päckchen gepackt…

Wer schenkt, wer gibt, ist darauf angewiesen, dass jemand empfängt, dass jemand nimmt.

Auch das ist nicht so einfach. Wer ist denn schon gerne „Empfänger“? Es könnte  ja bedeuten und es könnte offensichtlich werden, dass wir Bedürftige sind, auf andere angewiesen. Und auf andere angewiesen sein, das gilt in unserer Kultur als Versagen, dafür schämt man sich.

„Geben ist seliger denn nehmen“ lautet ein Spruch. Stimmt er?

Vielleicht schwingt in ihm die Angst mit, zurückgeben zu müssen, was wir bekommen haben. 

Auch da wiederum können wir von den Kindern lernen:

Sie empfangen mit offenem Herzen, nehmen mit offenen Händen. Sie schämen sich nicht, bedürftig zu sein, beschenkt zu werden.

Wir Erwachsenen hingegen müssen wieder lernen, Nehmende, Empfangende sein zu dürfen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben.

So wünsche ich uns, dass wir die Kultur des arglosen Schenkens und die Kultur des naiven Empfangens üben und pflegen, dass wir Schenkende und Gebende und dass wir Empfangende und Nehmende sein können.

(Literatur: Dorothee Markert, Fülle und Freiheit in der „Welt der Gabe“, Rüsselsheim 2006)

 2008

Vom Wunder des Geborenseins

Wir sind alle einmalig und einzigartig.

Jede Geburt ist ein Wunder und eine Überraschung.

Wir alle sind dieses Wunder, jede und jeder von uns.

Aus dem Dunkel des Mutterschosses sind wir durch die Geburt als Überraschung ans Licht der Welt gekommen.

Und wir behalten ein Leben lang die Fähigkeit, für uns selber und für andere immer wieder zum Wunder und zur Überraschung zu werden.

Allerdings, im Laufe unseres Erwachsenenlebens verlieren wir manchmal diese Fähigkeit, uns selber und andere als Wunder zu begreifen.

Wir fühlen uns als Rädchen im Getriebe des Alltags, der Arbeit, der immer gleichen Erwartungen zur Pflichterfüllung, die an uns gerichtet werden.

Wir glauben nicht mehr an Wunder. Wir erwarten keine Überraschungen.

Vielleicht sind wir, die wir heute hier zusammenkommen, nicht so abgestumpft wie andere, sonst wären wir vermutlich nicht hier. Aber wir kennen Menschen, die resignieren, die keine Erwartungen mehr haben, nicht an Wunder glauben können.

Da kann Weihnachten helfen.

Nicht umsonst wickeln wir an Weihnachten und zum Geburtstag Geschenke für unsere Lieben in buntes Papier, umschnüren sie mit glitzernden Bändern.

Kinder haben das in den letzten Tagen mit Hingabe getan. Sie stellen sich  dabei die erwartungsvollen und verwunderten Gesichter vor, wenn die Beschenkten die Päckchen auspacken und die Überraschung zum Vorschein kommt.

So wünsche ich mir und uns allen heute Abend, an Weihnachten, am Fest der Geburt, dass wir offen werden für Überraschungen. Dass wir fähig werden, an Wunder zu glauben, auch an das Wunder, das wir selber sind. Und dass wir diesen Glauben und die Offenheit für Überraschungen hinaus in die Welt tragen.

 Fotos: Ursula Knecht-Kaiser2009

Zauber der Menschwerdung

Jeder Mensch kommt als kleines, zartes, hilfloses Wesen zur Welt.

Wären da nicht andere Menschen, die sich kümmerten – um Nahrung, Wärme, Obdach – das kleine Wesen würde nicht überleben.

Wir alle, die wir hier zusammen sind, wären nicht am Leben, wenn wir nicht Zuwendung und Fürsorge erfahren hätten.

Fürsorge brauchen wir nicht nur am Anfang unseres Lebens. Hier ist sie einfach ganz offensichtlich, unmittelbar anschaulich.

Wir sind ein Leben lang bedürftig, abhängig von anderen. Manchmal brauchen wir mehr emotionale Zuwendung, menschliche Wärme – manchmal eher geistige Anregung, ohne die wir verkümmern würden – ein anderes Mal tatkräftige materielle Unterstützung, etwa wenn wir krank oder alt sind.

Unsere Kultur, die herrschende Weltanschauung, will uns glauben machen, das Ziel der Menschwerdung sei der Selfmademan, der von anderen unabhängige Mensch.

Das ist ein Irrtum, ein fataler Trugschluss. Eine Lüge.

Weihnachten, das Fest der Geburt, deckt diesen Irrtum auf. Es erinnert uns daran, dass wir ein Leben lang auf andere angewiesen sind. Es zeigt, dass wir, auf uns alleine gestellt, nicht überleben könnten.

Das ist ein Grund zu feiern. Wir freuen uns, Mensch unter anderen Menschen zu sein. Wir feiern das Fest, einander zu brauchen.

Wir haben dieses Labyrinthjahr unter das Motto gestellt „Vom Zauber des Notwendigen“. Der Erfahrung und dem Wissen, dass Zuwendung notwendig ist, damit wir am Leben bleiben, wohnt ein Zauber inne.

Wenn wir später die Wunderkerzen sprühen lassen, soll es diesem Zauber Ausdruck geben.

So wünsche ich mir und uns allen, dass wir uns an das kleine hilflose neugeborene Kind erinnern, das wir selber einmal waren, und dass wir dankbar sind für alle Fürsorge, die wir im Laufe unseres Lebens erfahren haben und noch erfahren werden. Dankbar auch für alle Zuwendung, die wir selber im Laufe unseres Lebens geben dürfen. Denn das gehört zum Zauber unserer Menschwerdung.            

 2010

Welt teilen. Aber wie?

Wir kommen zur Welt, umhüllt und geschützt vom mütterlichen Raum. Zuerst ganz real im Leib einer Frau. Später umsorgt mit allem, was für unser Überleben notwendig ist, Nahrung, Obdach, Sprache. Wir lernen „du“ und „ich“ sagen. Wir merken, dass wir einmalig und einzigartig sind, dass wir uns von anderen unterscheiden. Im Schutz der mütterlichen Welt nehmen wir mehr und mehr Raum ein und gestalten unsere eigene Welt. Wir wagen neugierig die ersten Schritten in die Aussenwelt und kehren ins mütterliche Umfeld zurück. Wir streiten, setzen unseren eigenen Willen durch, grenzen uns ab von der Mutter –  und erleben, dass wir nicht verstossen werden.

Später als erwachsene und selbständige Menschen verlassen wir diesen mütterlichen Schutzraum. Wir setzen uns der Welt aus, einer Welt, die wir mit vielen anderen teilen, ob wir das wollen oder nicht. Wir kommen nicht umhin, Beziehungen zu anderen, uns fremden Menschen einzugehen.

Aber wie soll das geschehen? In unserer globalisierten Welt ist das Risiko gross, auf Unvertrautes, Fremdes, Unverständliches zu treffen. Wir erleben dies als Bedrohung; es löst Angst aus. Wir fürchten, nicht verstanden oder vereinnahmt, unterworfen, assimiliert zu werden.

Oder wir übernehmen selber die Initiative, zwingen den anderen unsere Vorstellungen und Werte auf, unterwerfen sie, enteignen sie ihrer herkömmlichen Welt.

So sieht die Welt aus, in der wie leben: Machtkämpfe um Vorherrschaft, Unterdrückung, Angstszenarien, blutige Konflikte.

Manche wählen die Möglichkeit, sich aus allem zurückzuziehen. Sie mischen sich nicht ein, haben den Glauben an gelingende Beziehungen verloren. Sie bleiben allein und werden einsam.

Wie können wir diesem Teufelskreis entkommen?

Vielleicht, indem wir uns an die Zeit erinnern, als wir uns und die uns fremde Welt im Schutz des mütterlichen Beziehungsraumes entdeckten. Wir haben ihren Rückhalt gespürt und das hat uns Mut gemacht, auf das Fremde zuzugehen. Wir waren dem anderen nicht gnadenlos ausgeliefert, so unvollkommen der Schutz und der Rückhalt auch gewesen sein mag.

Ein einigermassen friedliches, nicht von Dominanz und Unterdrückung geprägtes Zusammenleben ist vorstellbar, die Begegnung mit den anderen, den Fremden, kann gelingen, wenn wir die innere Gewissheit haben, dass wir, ich und der/die andere, uns gegenseitig die Möglichkeit offen lassen, immer wieder in den Schutz der eigenen Welt zurückzukehren.

Der Labyrinthplatz, so scheint mir, kann hin und wieder ein Schutzraum sein. Ein Ort, der uns Rückhalt gibt auf dem Weg durch die Welt mit all dem Ungewissen, Unverständlichen, Verstörenden, dem wir begegnen.

Jedenfalls erfahren wir dies von Menschen, die das Labyrinth besuchen. Ich erinnere mich an die Begegnung mit einer jungen Philippinin, die mir von ihren Schwierigkeiten im fremden Land und ihrem Heimweh erzählte. „Ich komme gerne ins Labyrinth“, sagte sie. „Es ist wie die Mutter“, und dabei kreuzte sie die Arme über der Brust und streichelte ihre Schultern „sie tröstet mich.“

So wünsche ich mir und uns allen, dass wir uns immer wieder an diese erste Erfahrung des mütterlichen Rückhalts erinnern, wenn wir dem anderen, dem Fremdem begegnen.

Wir werden heute wie in den vergangenen Jahren DONA NOBIS PACEM singen, unseren tiefen Wunsch nach Frieden ausdrücken. Der Friede kommt aber nicht von aussen oder von oben. Wir können ihn nur uns selber und den anderen geben, mal für mal, wenn wir die Angst voreinander verlieren.

Ich danke Luce Irigaray für ihr jüngstes Buch „Welt teilen“ (2010), das mich zu diesen Gedanken inspiriert hat.

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