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Auf ein Weiteres: die Quote? Zur Reaktualisierung der Frauenpolitik

Von Andrea Günter

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Die Quotendiskussion und die Politik der CDU-FDP-Regierung

Nun, wir haben wieder einmal eine Quotendiskussion. Sehen nun endlich alle ein, dass Frauenpolitik strukturelle Hebel braucht? Lassen sich in den Argumenten neue Einsichten und Aspekte entdecken? Gibt es interessante Entdeckungen zu machen?

Als erfahrene feministisch-politische Häsin hat frau den Eindruck, dass wieder einmal bekannte Argumente und Klarstellungen erinnert werden müssten: dass die Quote beispielsweise ein Instrument gegen die unausgesprochene 100, 98, oder auch nur 90-Prozent-Männerquote in den meisten Arbeits- und vor allem Machtbereichen sein soll und könnte. Aber geht es wirklich darum? Muss frau das nochmals verkünden? Ich habe keine Lust darauf, zumal ich eigentlich nicht für solche rechnerischen Lösungen bin.

Dennoch, die Quotenidee scheint, einmal in die Welt gesetzt, als politische Strategie unausrottbar, auch wenn immer wieder unterstellt wird, sie sei moralisch und politisch illegitim, eine Argumentationsrichtung, die das Grundgesetz, das Verfassungsgericht und der Europäische Gerichtshof angeblich rechtfertigen. Die Idee einer Frauenquote ist so unausrottbar, dass trotz mancher Dagegen-Urteile unserer gleichheitsbedachten Rechtssprechungsorgane sogar Politikerinnen der konservativen CDU oder der marktliberalen FDP auf diese Idee zu setzen beginnen. Sehr seltsam. Oder?

Nun ja. Der Spuk ist ja schon wieder vorbei. Für kurze Zeit erlebten wir einen CDU-neoliberalen-innenpolitischen Politik-Konzeptions-Streit, der sich sogar auf der Ebene der Frauen- und Geschlechterpolitik abspielte – wer hätte sich das träumen lassen! Alles, was sich auf der CDU-FDP-regierungspolitischen Konzeptebene an Selbstverständnissen und Widersprüchen zeigt, schlägt sich nun sogar auf die Auseinandersetzung um frauen- und geschlechterpolitische Konzepte nieder.

Und welch ehrenvolle Konstellation, welche Schlagzeile: Dax-Unternehmen sind abhängig von Geschlechterpolitik! Aktienkurse sind abhängig von der Anzahl der weiblichen Vorstände! Ist Frauenpolitik ein gewichtiger Kulminationspunkt und Streit um die derzeit gewichtigsten Grundlagen des Zusammenlebens: Familie und Finanzwelt in ein- und demselben Boot? Da gibt es nicht nur Zusammenhänge, da gibt es sogar Parallelen.

Auf der einen Seite der Streitlinie stehen die frauenpolitisch mehr als unbedarfte Familienministerin Kristina Schröder, die, ebenso wie ihre Chefin Angela Merkel, gegen jedwede strukturell greifende staatspolitische Maßnahme ist und den neoliberalen Individualisierungs-Kurs hochhält. Dabei bemerkt sie nicht, dass diese Form des neoliberalen, regelniedrigen Individualismus längst ausgedient hat, und das auch Konsequenzen für die Frauenpolitik haben müsste. Es ist kaum noch zu leugnen, dass neue staatliche, europäische, wenn möglich sogar weltweite Vorgaben für die Banken, Finanzgeschäfte und letztlich auch DAX-Unternehmen angesagt sind, und gleiches gilt ganz offensichtlich auch für die Geschlechterpolitik. Frauenquote und DAX-Unternehmen also: Da treffen endlich zwei zentrale Gegenspieler aufeinander. Und: Sie machen dieselbe Politik erforderlich.

Die Frau auf der anderen Seite, Ursula von der Leyen, präsentiert sich als staatliche Ordnungspolitikerin, die neue Regelungen will, weniger automatisierte Männer-Boni, also weniger Verteilung nach überkommenen Regeln. Doch eine Diskussion darüber, ob es Regelungen oder nicht geben soll, verschleiert, dass vermeintlich ungeregelte Bereiche eben nach „natürlichen“ Regeln laufen, also nach eingespielten, unbedachten Regeln, dass also Regeln mit Regeln verhandelt werden (müssen). Boni-Empfänger bekommen ihre Boni nicht regellos, sie haben Arbeitsverträge, die eingehalten werden müssen. Sie werden nach der vermeintlichen „Marktregel“ der Nachfrage bezahlt, wird gerne behauptet. Diese aber ist alles entscheidend? Dann herrschte das Naturrecht.

Deshalb muss die Frage gestellt werden: Welchen Kriterien folgen Regelungen, welchen sollen sie folgen? Mehr politischen Inhalt und Gerechtigkeit auch in der Geschlechterpolitik braucht ein Zusammenleben, das nicht „natürlich“, sondern human organisiert wird. Wie auch immer, von der Leyen hatte die politische Weichenstellung der Stunde eigentlich richtig verstanden – auch wenn sie sich letztlich doch wieder der Schröder-Position annähern musste.

Dennoch, die von der Leyen-Quoten-Aktion hatte von Anfang an einen fahlen Beigeschmack. Von der Leyen scheint die Parallele zwischen der Lage der DAX-Unternehmen und der Geschlechtersituation so wortwörtlich genommen zu haben, dass sie sich in ihrem Vorgehen auf die Chefetagen der Dax-notierten Wirtschaft konzentrieren wollte. Das passt freilich allzu gut zum politischen Stimmungsbarometer, denn auf die Banken und DAX-Unternehmen kann man derzeit gut populistisch einschlagen, da diese ja gerade eh in der Missgunst der Bevölkerung stehen.

Dass der Staat da neue Regeln setzen muss, sehen wohl die meisten inzwischen ein. Da in Bezug auf die finanzpolitische Spekulationskultur aber dennoch kaum etwas passiert, kann man ebenso gut noch ein Tröpfelchen Geschlechterpolitik dazumischen, oder? Wenigstens dringt dann nicht in die Öffentlichkeit, dass dort, wo der Staat einen direkten Einfluss hat, nämlich in staatlich finanzierten Organisationen wie der Polizei oder der Universität, genauso wenig Fortschritte bei der Zunahme von Frauen in Führungspositionen gemacht werden. Die allgemeine Politikratlosigkeit grassiert ungehindert. Warum schlägt eine CDU-Politikerin eine Quote für DAX-Unternehmen vor, ohne diese in den staatlichen Einrichtungen konsequent durchzusetzen?

Was diskutiert die Quote?

Dazu, diesen Text zu schreiben, hat mich eine Abschlussveranstaltung des Mentoring-Programms „futura-mentoring“ an der Universität Freiburg bewegt. Ich war eingeladen als Mentorin, die eineinhalb Jahre lang eine Mentee begleitet hatte. Und ich war präsent als eine frauenbewegte politische Denkerin und Ausbilderin in der Führungskräftequalifikation und systemischen Organisationsentwicklung. Nun mussten wir aber dem Ende dieses erst kürzlich installierten Programms beiwohnen. Die Rhetorik des Rektors dazu lautete: Das Programm wird in ein Coaching- und Supervisions-Angebot zur Förderung von Wissenschaftlerinnen weiterentwickelt.

Die Rhetorik von der „Weiterentwicklung“ wird ja immer gerne eingesetzt, das hört sich ja erst einmal auch gut an. Aber nicht jede Weiterentwicklung ist zwangsläufig gut, wie man gerade im Bildungsbereich sehen kann: So bedeutete die „Weiterentwicklung“ der deutschen bildungsorientierten Universität hin zu einer Bachelor-Lehranstalt eine klare Verengung auf berufliche Funktionalität.

Ist ein Funktionalisierungs- und Professionalisierungsprogramm für Frauen sinnvoll? Handelt es sich um eine sinnvolle geschlechterpolitische Lösung, Wissenschaftlerinnen zu „fördern“? Wenn man annimmt, dass Frauen immer noch „besser“ tun müssen, was sie eh schon tun, dann vielleicht ja. Wenn man jedoch zur Kenntnis nimmt, dass wir beispielsweise im Bereich der Geisteswissenschaften derzeit wenigstens 35 Prozent habilitierte, mit allen möglichen Fortbildungs- und Coachingprogrammen qualifizierte Frauen haben, diese aber immer weniger Professuren bekommen, welchen Sinn hat es, den Frauen noch weitere solcher Programme zu verpassen? Merkt denn niemand, dass es die Frauen, die gebraucht werden, längst gibt? Indem man die Lösung aktueller Ungleichgewichte für die Zukunft verspricht, kann man all diese Frauen zusammen mit der Gegenwart einfach überspringen. Jedoch, dieses politische Prinzip taugt nichts.

Darauf zu setzen, dass die Welt anders sein wird, wenn die Kinder erst einmal anders erzogen sind, ist grundsätzlich ein falsches politisches Prinzip. Denn auf diese Weise wird vom Nachwuchs verlangt, die Probleme zu lösen, die die Erwachsenen nicht lösen können oder wollen – so kritisiert etwa Hannah Arendt dieses Verständnis. Auf diese Weise wird Erziehung (oder eben auch: Frauencoaching) zum Ersatz für Politik, und man weigert sich, die Gegenwart zu gestalten.

Deutlich wird die Unangemessenheit dieser Strategie durch Resultate wie die des Arbeitspsychologen Guido Strunk. Er war zusammen mit Kollegen und Kolleginnen in einem Projekt über „Karriere im 21. Jahrhundert“ eher zufällig auf sehr interessante Ergebnisse gestoßen (veröffentlicht in der Zeitschrift für Personalforschung, Nr. 23, 2009). Sie zeigen, dass es Frauen im Hinblick auf Karrierechancen nichts nützt, wenn sie ihr Verhalten ändern, mehr Leistung bringen, einen besseren Berufseinstieg haben, mehr Karriere- und Führungswillen an den Tag legen, mehr Überstunden machen, weniger Teilzeit arbeiten, keine Elternkarenz nehmen müssen.

Wenn es also überhaupt nicht darum geht, dass Frauen etwas anderes tun, besser werden müssen – was steht dann im Raum? Dann drängt sich der Gedanke auf, dass der Dreh- und Angelpunkt der ganzen Frage der ist, wie das, was Frauen tun, aufgegriffen wird!

Doch diesen gedanklichen Paradigmenwechsel scheint kaum jemand vollziehen zu wollen. Es ist ja auch viel einfacher zu sagen, Frauen müssten anders sein, und zu versuchen, sie entsprechend zu formen. Das wurde auch in der erwähnten Mentoring-Veranstaltung deutlich. Denn obwohl Guido Strunk seine Forschungsergebnisse in klaren Worten vortrug, setzten beinahe alle weiteren Beiträge individualistisch an: Was muss eine Frau, was muss ich tun, damit ich es richtig mache? In diese Perspektive wird über strukturelles, politisches Denken hinweggemauscht. Karriere machen anscheinend immer nur separierte Individuen. Die neoliberale Abrichtung der Sichtweisen wirkt nachhaltig, gesellschafts-, kulturkritisches, gar politisches Denken ist man nicht mehr geübt. Und dies gilt insbesondere, wenn es um Frauen geht.

Aber da gibt es eben immer wiederkehrend diese eine Ausnahme, die die Fahne für das strukturelle Denken hochzuhalten versucht: der Einsatz für die Quote. Bei der Quote als politischer Strategie geht es nämlich genau darum, zu verändern, wie das, was Frauen tun, aufgegriffen wird. Ob eine Quote dafür das geeignete Mittel ist, sei dahingestellt. Aber es scheint sich als ihre Funktion herauszukristallisieren, dass sie der Platzhalter für genau diese politische Herausforderung zu verstehen ist: Wie verändern wir, wie das, was Frauen tun, aufgegriffen wird? Hierfür braucht es neue Überlegungen, eine neue Kultur, ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis. Das erneute Auftauchen der Quotenfrage ist ein guter Anlass, sich genau damit auseinanderzusetzen.

Dass der gute Wille der Mächtigen und Selbstverpflichtungen innerhalb von männerbünderischen Strukturen nicht funktionieren, ist eine relativ einfache Bestandsaufnahme. Die Faktoren, die hier zu finden sind, tangieren vor allem die Oberfläche. Für eine vertiefte Auseinandersetzung müssen die Hintergrundbilder dafür, wie das, was Frauen tun, aufgegriffen wird, ins gemeinsame Bewusstsein gehievt werden.

Denn die Bilder, die das Aufgreifen dessen, was Frauen tun, beeinträchtigen, sind so alt wie unsere Kulturgeschichte: Die biblische Eva-Erzählung zählt ebenso dazu wie die Odyssee und die Mythologeme der Philosophie, sogar der Aufklärung. Die Evas sollen zukünftig schweigen müssen; Odysseus soll seine Ohren vor dem Gesang der Sirenen, die die Weisheit über Leben und Tod verkünden, verstopfen; Augustinus wiederum spricht seiner Mutter die Urteilsfähigkeit ab, denn das, was sie an Gutem sagt und tut, kann niemals von ihr, es muss von Gott kommen. Und die neuzeitlich konzipierte Freiheit und Vernunft versucht, die Bindung an Sinnlichkeit, Erfahrung und ihre Abhängigkeit vom menschlichen Austausch zu kappen. Darüber hinaus darf nicht länger ignoriert werden, dass Frauen allen „Frauen-sind-die-besseren-Menschen-Mythen“ zum Trotz den gleichen Karriere- und Machtwillen haben, sich ebenso sehr anstrengen wie Männer. Solange das von Frauenseite aus ignoriert, abgewertet und lächerlich gemacht wird, ist das Aufgreifen dessen, was Frauen tun, demotiviert.

Ein Mentoring-Programm für Frauen zum Beispiel ist eine Strategie, die dazu beiträgt, dass das, was Frauen tun, anders aufgegriffen wird. Vorhandene Funktionen werden durch neue Weichenstellungen in den Beziehungsverläufen verändert, womit auch verändert werden muss, wer was wie aufgreift. Frauen greifen auf, was andere Frauen sagen und tun: Dies trägt dazu bei, eine andere Spiegelungskultur zu entwickeln, anstatt Frauen in vorhandene Funktionen anzupassen. Das gehört zur Kulturentwicklung von Organisationen – und ist etwas ganz anderes als Funktionsentwicklung.

Statt also das Verhaltensrepertoire von Frauen zu verengen, brauchen sie die Möglichkeit, ihres voll auszuschöpfen. Und hierfür wiederum sind sie davon abhängig, was andere mit dem, was sie tun, anfangen. Nur so kann eine breitere, stimmige Optionenpalette für alle Lebens- und Arbeitsbereiche entwickelt werden kann.

Muss damit präzisiert werden, inwiefern es um Regeln geht? Vielleicht muss vorübergehend sogar eine Art geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vorgenommen werden, was die Praktiken von Regelungen betrifft? Männer brauchen neue Regeln für das, was sie tun. Frauen brauchen neue Regeln dafür, wie das, was sie tun, aufgegriffen wird? Über die „Quote“ als Sinnbild für diesen Zusammenhang, für diese Verschränkung wird noch einige Zeit diskutiert werden müssen.

Zum Weiterlesen: Anke Drygala, Andrea Günter: Paradigma Geschlechterdifferenz. Ein philosophisches Lesebuch, Sulzbach/Ts. 2010, 254-257; Andrea Günter: Hörende Vernunft und der genealogische Ursprung von Handlungsfähigkeit, in: dies. (Hg.), Frauen – Autorität – Pädagogik. Theorie und reflektierte Praxis, Königstein/Ts. 2006, 169-210.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.02.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • machajo sagt:

    auf meiner twitter Timeline gibt es den hashtag #hach.

    Und genau das empfinde ich beim Lesen dieses Artikels. Ich geb der Autorin völig recht, dass es strukturelle Maßnahmen braucht, um die vielen hochqualifizierten, ehrgeizigen und klugen Frauen, die HEUTE schon da sind, eine Chance zu geben. Die Gegenargumente zu Quote unterstellen oft, dass dann unqualifizierte Frauen Pöstchen bekommen. Das ist Käse, aber machtpolitisch erfolgreich, weil dann sogar Frauen sagen „Ich will keine Quotenfrau sein“. Also ich habe genug Selbstbewusstsein, um zu sagen – ich wäre gerne Quotenfrau, denn dann hätte ich endlich dieselbe Chance auf eine Professur bei gleicher Eignung.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Wir wollen das Leben gestalten,Mit-gestalten und nicht immer als Publikum „dienlich“ sein.Es fehlt das Vertrauen,dass wir sogenannte „Pöstli-Frauen“ auch gestalten können.

  • Ingo sagt:

    In ak 381 (1995) findet sich ein älterer Text von Frigga Haug zum Thema: Paradoxien feministischer Realpolitik. Zum Kampf um die Frauenquote >>> http://www.akweb.de/ak_s/ak381/05.htm

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