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Weibliche Freiheit und Religion: kein Widerspruch!

Von Ina Praetorius

Amira Hafner-Al Jabaji

Endlich gibt es ein von Feministinnen verfasstes Manifest, das sich ausdrücklich der Frage zuwendet, wie weibliche Freiheit und Religion sich zueinander verhalten. Seit dem 18. Januar steht es auf der Webseite des Schweizer „Interreligiösen Think-Tank“. Acht Frauen, die sich dem Christentum, dem Islam oder dem Judentum zugehörig fühlen, haben den Think-Tank im Mai 2009 gegründet und nehmen seither zu unterschiedlichen Fragen, etwa zum Schweizer Minarettverbot oder zur „Kopftuchfrage“ dezidiert aus Frauensicht Stellung.

Das neue Manifest heisst: „Weibliche Freiheit und Religion sind vereinbar. Manifest für eine differenziertere Debatte um Religion und Frauenrechte“. Ina Praetorius hat die Präsidentin des Think-Tank, die Muslimin und Islamwissenschaftlerin Amira Hafner-Al Jabaji, zu ihrer Arbeit und zum Manifest befragt.

Ina: Vor knapp zwei Jahren habt ihr, acht jüdische, christliche und muslimische Frauen in der deutschsprachigen Schweiz, den „Interreligiösen Think-Tank“ gegründet. Wie kam es dazu?

Amira: Die Gründung des Think-Tanks hat eine mehrjährige Vorgeschichte. Wir arbeiten schon viel länger im und am interreligiösen Dialog zusammen. Einige von uns haben über Jahre interreligiöse Theologiekurse für Frauen konzipiert und durchgeführt. Jedes Mal bedeutete das, sich intensiv mit den Glaubens- und Denktraditionen, aber auch mit der „kollektiven und individuellen religiösen Befindlichkeit“ und den Sensibilitäten der Anderen auseinanderzusetzen. So ist unser Vertrauen zueinander gewachsen, das sich jetzt in einer neuen Form der Zusammenarbeit bewährt.

Ina: Und warum nun ein „Think-Tank“?

Amira: Konkret waren es vier Faktoren, die in die Gründung des Think-Tanks mündeten: Erstens  wollen wir das konkrete theologische Fachwissen, das wir intellektuell und didaktisch aufbereitet haben, einem weiteren interessierten Kreis zugänglich machen. Dabei geht es um Themen wie das Gewalt- und Friedenspotenzial in den Religionen, um Konzepte von Recht und Gerechtigkeit, gerade auch hinsichtlich Geschlechtergerechtigkeit, aber auch um Grundlagen wie Gottesverständnis und Menschenbild in den Religionen. Zweitens wollen wir unsere interreligiösen Erfahrungen weitergeben. Wir wollen zeigen, was interreligiöser Dialog alles bedeuten und bewirken kann, wo seine Herausforderungen und Stolpersteine liegen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten wir brauchen, um einen Dialog nachhaltig und inhaltlich konstruktiv zu führen. Drittens ist uns die Unabhängigkeit und kritische Distanz zu religiösen Institutionen wichtig. Wir repräsentieren keine Kirche und keine spezifische jüdische oder muslimische Glaubensgemeinschaft. So können wir frei und unabhängig unsere Haltungen und Einschätzungen zum Ausdruck bringen. Und viertens haben wir festgestellt, dass bis anhin immer die männlichen Repräsentanten der religiösen Institutionen als Meinungsmacher im interreligiösen Dialog agiert haben. Wir wollen ausdrücklich als Frauen Raum einnehmen. Es wird ja immer deutlicher, wie sehr die öffentlich geführte Debatte um Religion auf dem Rücken der Frauen und ihrer Rechte ausgetragen wird. Wir sehen hier die Aufgabe, solidarisch über die Religionsgrenzen hinweg zu agieren. Wir zeigen, wie wir in unseren jeweiligen Religionen von ähnlichen Phänomenen betroffen sind. Und doch gibt es unterschiedliche Konzepte, Handlungsperspektiven und Zugänge zu verschiedenen Themen, die wir respektieren. Mit einem Wort: wir setzen um, was wir fordern, nämlich dass interreligiöser Dialog als wichtiges Ziel hat, gemeinsame Ziele zu erkennen und dann auch gemeinsam zu handeln

Ina: Ihr tretet bewusst als Feministinnen auf, die zu ihren religiösen Zugehörigkeiten stehen. Braucht es das heute? Wie steht der Think-Tank zur politischen Frauenbewegung?

Amira: Vor allem im Abstimmungskampf um die Anti-Minarettinitiative im Herbst 2009 hat sich akzentuiert gezeigt, was wir schon lange feststellen: Das Thema der Frauenrechte wird für die Islamdebatte missbraucht und nach Belieben zurechtgebogen. Ohne dass dies transparent gemacht wird, gehen auch feministische Frauen und Gruppierungen, zum Beispiel in der Linken, ganz selbstverständlich davon aus, dass organisierte Religion per se frauenfeindlich und unterdrückerisch ist. Dabei blenden sie aus, wie das Selbstverständnis religiöser Frauen und insbesondere religiös feministischer Frauen ist. Sie ignorieren, dass für viele Frauen die Religion Antrieb und Legitimation zum Einsatz für (Geschlechter-)Gerechtigkeit ist, dass es deswegen nicht eine Überwindung und Abschaffung der Religiösen braucht, sondern im Gegenteil: eine Anerkennung der Tatsache, dass viele Frauen religiös sind und dass Religionen sich transformieren lassen.
Die Debatte um Frauenrechte und Religion macht deutlich, dass Feministinnen grundlegende Auffassungen des Feminismus, etwa das Selbstbestimmungsrecht von Frauen, plötzlich verwerfen können, wenn es beispielsweise darum geht, muslimischen Frauen einzureden, das Kopftuch symbolisiere eindeutig Unterdrückung. Es kann aber nicht sein, dass hier die Definitionsmacht bei nicht-muslimischen „Feministinnen“ wie Alice Schwarzer oder Necla Kelek liegt. Hier wollen wir eingreifen und die Debatte versachlichen und differenzieren.

Ina: Wie wird eure Initiative in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Amira: Die ganze Diskussion darum, wie Religion und Frauenrechte zusammenhängen, wird bis heute in der medialen Öffentlichkeit bewusst vereinfacht dargestellt. Es gilt die scheinbar eingängige Formel, Religion unterdrücke Frauen und sei darum schlecht. Eine differenzierte Auseinandersetzung, die auch vermittelnde Positionen einbezieht und die Selbstwahrnehmung religiöser Frauen und ihren Erfahrungen widerspiegelt, wird vorerst kaum zugelassen. Eine noch so sachlich formulierte Kritik an den feministischen Wortführerinnen, die sich dem Kampf gegen den Islam verschrieben haben und damit den muslimischen Frauen einen Bärendienst erweisen, scheint nicht erwünscht. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ zum Beispiel hat mit diesem Argument nicht über unser neues Manifest berichtet, und auch in der Frauenorganisation „Alliance F“ ist, nach Insiderinformationen, eine abweichende Meinung nicht erwünscht.
Genau aus diesem Grund braucht es aber unsere Arbeit und dieses Manifest. Denn Frauen sind erst frei, wenn sie sich öffentlich voneinander unterscheiden und nicht mehr eine einheitliche „Frauenmeinung“ vertreten müssen. In diese Richtung arbeiten wir. Wir wünschen uns, dass möglichst viele Menschen den Text aufmerksam lesen, diskutieren und weiter verbreiten. Damit klar wird: es gibt verschiedene Frauen mit unterschiedlichen Zugehörigkeiten und Vorstellungen davon, was Freiheit und Gerechtigkeit bedeutet. Wir müssen einander zuhören, voneinander lernen und einander weiterbringen. Diese Erfahrung machen wir seit Jahren im interreligiösen Dialog zwischen Frauen.

Ina: Danke für das Gespräch! Und nun hoffen wir beide, dass möglichst viele Leute das Manifest lesen und sich mit ihm auseinandersetzen. Ein bisschen Zeit muss man und frau sich dafür schon nehmen. Aber es lohnt sich, der Vielfalt weiblicher Stimmen und einer lebendigen Gesprächskultur zuliebe.

Hier stehen das Manifest und Informationen über den interreligiösen Think-Tank:
http://interrelthinktank.ch/news_list.php?mastertable=category_news_page&masterkey1=1

Zum Weiterlesen:
http://issuu.com/amiraaha/docs/amirahafner

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Karin Hügel sagt:

    Plädoyer für eine weitere Differenzierung und eine Miteinbeziehung zusätzlicher Perspektiven bezüglich des Manifests für eine differenziertere Debatte um Religion und Frauenrechte (18.1.2011) des interreligiösen Think – Tanks:

    1) Als PhD-Studierende im Bereich Bibel- und Kulturwissenschaften wälze ich Bücher, was Religion oder Theologie etc. ist, sein könnte oder sollte. So stellt für mich die Formulierung im interreligiösen Frauenmanifest nur eine mögliche Definition dar, was Religion sei. Andere Frauen, die sich als religiös oder nicht als atheistisch etc. verstehen, haben möglicherweise ein anderes religiöses Selbstverständnis als hier behauptet wird.

    2) Wie aussagekräftig und sinnvoll sind tatsächlich Einteilungen in religiös/irreligiös, christlich/jüdisch/muslimisch oder jüdisch/heidnisch bzw. christlich/heidnisch etc. in konkreten Fällen? Könnte nicht ähnlich wie in Queer-Studien sexuelle und/oder soziokulturelle Geschlechternormen hinterfragt werden auch solche Kategorisierungen hinterfragt werden? Wer hat z.B. früher bestimmte Leute als sogenannte Heiden bezeichnet. Wie waren die Machtverhältnisse damals? Wie sind sie heute in verschiedenen Kontexten? Wie spricht jemand in der Gegenwart von sich selber, der sich nicht mehr oder gar nicht als religiöser Mensch betrachtet? Vielleicht würden in einer längeren Stellungnahme dazu unterschiedliche Differenzierungen auftreten, die sich nicht mehr entweder mit „religiös“ oder „irreligiös“ auf den Punkt bringen ließen…

    3) Setzt die Achtung vor Mitmenschen und die Anerkennung des_der anderen tatsächlich die Definition des Religiösen voraus wie sie im interreligiösen Frauenmanifest vorkommt – z.B., dass Gott als unverfügbarer Horizont verstanden wird? Über die Schreibweise von Gott könnte ebenso gestritten werden (nicht besser: Gött_in oder gar G*tt)? G*tt statt Gott in Zusammenhang mit der Hebräischen Bibel zu schreiben, wäre meine Art darauf hinzuweisen, dass vor allem JHWH keinerlei körperliche Geschlechtsmerkmale aufweist und es deshalb nicht nachvollziehbar ist, warum in vielen herkömmlichen Übersetzungen der Schriften G*tt noch immer sprachlich als rein männliche Figur weitervermittelt wird oder warum einzelne schwule Auslegungen G*tt der Hebräischen Bibel meines Erachtens fälschlicherweise sogar als phallisch bezeichnen.

    3) Die Formulierung „weibliche Freiheit“ und weitere Ansätze im interreligiösen Frauenmanifest zeugen meiner Ansicht nach allein von einer feministischen Perspektive und nicht auch von einer Reflexion bereits vorhandener queerer Studien. Z.B. hätten Unterdrückungs- und Diskriminierungserfahrungen diverser queerer Personen auch angesprochen werden sollen (d.h. Personen, die ihre sexuellen und/oder soziokulturellen Geschlechternormen hinterfragen bzw. hinterfragen wollen). Mit einer Schreibweise mit _ oder * hätte zusätzlich auch gespielt werden können, um die Dichotomie weiblich/männlich sprachlich in Frage zu stellen.

    4) Im interreligiösen Frauenmanifest auf Seite 4 wurde unter anderem Gen 1,26f. als biblische Quelle des Engagements für Frauen für die vollen Menschenrechte angeführt; dies sei ein egalitärer Text in den Schöpfungsberichten. Ich finde es auffallend, dass gerade dieser Text seitens konservativer Interpret_Innen gegen diverse queere Personen noch immer herangezogen wird:

    „Vor allem Gen 1,27 zusammen mit dem folgenden Vers 28 unterstreicht eine binäre Teilung der Menschheit, fährt mit der Betonung der Reproduktion fort und wird von heterosexistischen AuslegerInnen wie z.B. den konservativen AnhängerInnen in der Katholischen Kirche häufig angeführt. Joseph Kardinal Ratzinger (Ratzinger 2003: 6) zieht z.B. Gen 1,27 heran, um anschließend zu behaupten, dass Mann und Frau einander gleich seien und sich einander in ihrem Mann- und Frausein ergänzen, wobei er im selben Kapitel sogenannte homosexuelle Beziehungen moralisch verurteilt (Ratzinger 2003: 7). Durch Dokumentationen, wie den Film „Improvvisamente l’inverno scorso“ von Gustav Hofer/Luca Ragazzi, (Hofer/Ragazzi 2008), der im Juni 2009 beim Queer Film Festival „identities“ in Wien Österreich-Premiere hatte, wird bewusst, wie sehr eine solche Argumentation gerade heute wieder bei unterschiedlichen konservativen Strömungen, z.B. in Italien, im Umlauf ist. Sally Gross (Gross 1999) weist darauf hin, dass sie als Intersexuelle angeblich den biblischen Kriterien als Mensch nicht entspricht und dass aus bestimmter christlicher fundamentaler Sicht ihre Taufe für ungültig erklärt wird. Mit Gen 1,27 wird argumentiert, dass intersexuelle Körper operativ mit einer männlich/weiblichen Dichotomie in Konformität gebracht werden müssen.“
    (Zitat aus meinen beiden Aufsätzen im EWSTR-Jahrbuch 2010 und im Buch Frauenin/transFormation, die voraussichtlich im Frühjahr 2011 gelesen werden können; Stichwort: Schöpfungsberiche; vgl. http://home.medewerker.uva.nl/k.hugel/page3.html )

    Ist doch interessant, wie weit feministische und queere Auslegungen andere Ansätze und Ergebnisse haben? Wer fühlt sich wodurch in – auch religiösen – Traditionen belastet oder bestärkt?

    Für diverse queere Personen lege ich folgende Relektüre von Gen 1,27 bezüglich der Erschaffung der Menschheit im Anschluss an die Rabbinerin Margaret Moers Wenig nahe: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie, Mann und Frau und jede Kombination dazwischen.“

    5) Grundsätzlich interessieren mich sowohl religionskritische Ansätze als auch solche, welche feministische/queere Transformationen von Religionen darstellen bzw. einfordern. Und ich finde die gegenwärtigen politischen Zustände, auch in Österreich, leider auch Anlass genug, um den Versuch zu unternehmen, in der Öffentlichkeit differenziertere Stellungnahmen hervorzubringen.

    6) Ich würde in diesem Zusammenhang auch säkulare Organisationen und alle – nicht nur religiöse – Menschen in ihrem Selbstverständnis hinterfragen. Oft werden unterschiedlichen Religionen dort allein negativ wahrgenommen. Aus kommunistischer Ideologie und Fortschrittsglauben heraus wurde zum Beispiel Schamanismus abgewertet. Dies wurde mir durch den sowjetrevolutionären Film „Ein Sechstel der Erde“ von Dziga Vertov aus dem Jahr 1926, den ich vor im Wiener Konzerthaus gesehen hatte, erst bewusst. Ist es weiters z.B. richtig, allein einer Religion alles Böse zuzuschreiben als ob damit schon etwas Gravierendes gelöst sei? Andere im Laufe der Geschichte entstandene Weltanschauungen könnten auch als neue Ideologien oder quasi „Religionen“ betrachtet werden. So könnte ich mich fragen, ob das, was Hitler verbreitet hat, eine der letzten vorherrschenden Religionen im Lande war und mancherorts noch ist? Wäre also letztendlich auch die Nicht-/Aufarbeitung der NS-Zeit noch immer ein Thema in diesem Zusammenhang – einzelner Menschen in Österreich (und anderwo) und vor allem jener Parteien im Lande, die es damals schon gab etc.? Wie also über das Judentum hier reden? Wer redet? Und in wie fern würde es Sinn machen, die Frage zusätzlich umzukehren – was ist Säkularität? – und dies in einen feministischen und queeren Dialog miteinzubeziehen?

    Wien, Feber 2011.

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