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Rubrik handeln

„Kreativ, provokant, auffallend“

Von Antje Schrupp, Katrin Wagner

In der Nacht zum Aschermittwoch haben Frauen von der „Feministischen Einzelkämpferinnen-Gruppe“ (FEG) in Mainz am Dom ein großformatiges Transparent angebracht. Darauf stand „KON“(-„Dom“), und sie machten damit auf die Situation von aidskranken Frauen aufmerksam. (Hier ein Bericht und die Stellungnahme).

Eine der Initiatorinnen war Katrin Wagner. Antje Schrupp befragte die 21-Jährige, die in Mainz „KuTheFi“ (Kulturanthropologie, Theater- und Filmwissenschaften), Afrikastudien und Ethnologie studiert, über die FEG, ihre Ziele und die Hintergründe der Kon-DOM-Aktion.

Wie seid Ihr auf die Idee mit dem Transparent am Mainzer Dom gekommen?

Die FEG war zu Beginn eher theorieorientiert. Wobei es uns wichtig ist, dass Feministinnen aller Strömungen mitmachen können. Wir betreiben keine dogmatische Gleichschaltung der Meinungen und Auffassungen, um uns als Gruppe definieren zu können. Überhaupt so eine Gruppe zu haben, ist schon viel wert. Die meisten von uns hatten aber schon länger den Wunsch, auch nach außen hin politische Statements zu setzen. Sich im stillen Kämmerchen aufzuregen, ist doch eher selten effektiv. Die wirklich unlustige, weil einfach nur sexistische Werbung eines Elektronikfachhandels hat dann vor einigen Monaten den Anstoß gegeben. Wir haben „sexistische Kackscheiße“ über die Plakate geklebt und hatten damit überraschend viel Resonanz. Dass Frauen alltägliche Sexualisierung und Verdinglichung nicht mehr nur stumm ertragen, schien tatsächlich zu überraschen und wurde von vielen sogar begrüßt. Die „k o n D o m“-Aktion jetzt war quasi das Ergebnis mehrerer Umstände. Anlässlich des hundertjährigen Welt-Frauentags wollten wir wieder etwas machen, obwohl die Veranstaltungen in Mainz auf den 19. März vertagt worden waren – man wollte wohl nicht mit dem Karneval konkurrieren müssen. So gab uns der Faschingsdienstag aber genug „Närrinnenfreiheit“, um nachts mit meterlangen Leitern über den Domplatz zu spazieren und das Baugerüst, das praktischerweise gerade am Dom angebracht ist, zu nutzen. Wenn man der katholischen Kirche etwas zu sagen hat, dann am besten schriftlich am Haupteingang der Kirche, das wusste schon Luther.

Warum wähltet Ihr gerade dieses Thema?

Sicher gibt es an dieser Institution einiges, woran man als Feministin Anstoß nehmen kann, unabhängig vom persönlichen Glauben. Die katholische Haltung zum Gebrauch von Kondomen ist aber in vielerlei Hinsicht wichtig: Seid dem letzten Buch über Papst Benedict gibt es Menschen, die glauben, dass „safer Sex“ nun nach katholischer Auffassung keine „Sünde“ mehr sei. Das ist faktisch falsch. Die Leidtragenden der Folgen von ungeschütztem Verkehr sind vor allem Frauen, also ist es auch Aufgabe von Feministinnen, sich für eine Kehrtwende dieser „Keusch-statt-Kondom“-Politik einzusetzen. Es geht um die Gesundheit, soziale Stellung und Selbstbestimmung unzähliger Frauen auf der ganzen Welt. Wie die aktuellsten Reports zu diesen Themen zeigen, wird eine frauenorientierte Kondom-Agenda immer wichtiger, denn Kondome schützen auch oder vor allem Frauen. Und last but not least war da das Wortspiel… Es zwang sich ja förmlich auf. Viele Leute (auch viele KatholikInnen) stimmen uns zu, es ist eben ein wichtiges Thema. Und wie man sicher merkt, hatten wir echt viel, viel Spaß an der Sache!

Warum findet Ihr solche öffentlichen Inszenierungen wichtig?

Ich halte es für sehr wichtig, dass Frauen überall mitreden und gehört werden. Unsere Welt verändert sich so schnell wie noch nie. Laufend wird irgendwas „reformiert“, da will ich mitwirken. Da will ich, dass auf die Bedürfnisse von Frauen geachtet wird. Da will ich am Patriarchat rütteln. Glücklicherweise weiß ich, dass ich da gar nicht so alleine bin, wie ich lange Zeit dachte. Theoretisch haben wir das Recht, praktisch müssen wir es uns immer wieder neu nehmen. Unsere Medien sind allerdings sehr sensationszentriert. Wie kommt es eigentlich, dass sogar Werbung für Klopapier präsenter ist als die Forderung nach gleicher Bezahlung für Männer und Frauen? Eine Handvoll Frauen, die mit Plakaten vorm Rathaus stehen…– sagen wir, die Berichterstattung würde, wenn überhaupt, dürftig ausfallen. Kreativ, provokant, fundiert, auffallend, gerne auch unterhaltend oder schockierend – so was wird wahrgenommen. Die Frauenbewegung ist meiner Meinung nach zwar gut im Internet angekommen, aber gleichzeitig auch mehr und mehr aus den öffentlichen, realen Räumen verschwunden. Wir wollen da ein bisschen gegenwirken und hoffen, dass sich noch mehr Frauen (und gern auch Männer) finden, die dasselbe in ihren Städten und Dörfern tun.

Was habt Ihr noch für Ziele?

Wir wollen einfach mehr Aufmerksamkeit auf genderbedingte Probleme beziehungsweise Benachteiligung lenken. Flagge zeigen, als Feministinnen. Öffentlichen Raum einnehmen. Zeigen, dass nicht nur gewisse 60plus-Journalistinnen, die für die Bildzeitung schreiben, etwas zu sagen haben. Wir möchten, dass feministische Debatten nicht auf Quote, Kopftuch und Kitas beschränkt werden. Toll wäre auch, wenn wir das etwas eingestaubte Image der Frauenbewegung wieder neu beleben könnten und vielleicht mehr junge Feministinnen vom Internet auf die Straße holen. Ich nehme mir grad raus, stellvertretend für viele unterschiedliche Frauen zu sprechen. Ich hoffe, dass ich damit niemandem unrecht tu. Natürlich wird jede Frau ihre persönlichen Gründe und Meinungen haben, die von mir genannten sind nur ein Ausschnitt daraus.

Autorin: Antje Schrupp, Katrin Wagner
Eingestellt am: 13.03.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Natürlich freue ich mich,über diesen Bericht zu erfahren, wie nun junge Feministinnen Aktionen gestalten. Genau so machten ich und andere es auch,gemeinsam oder alleine.
    Ich kam mir jeweils öfters alleine vor,obwohl ich nun zu den 60+ gehöre. Mein Status ist leider nicht jener einer Journalistin. Aber ich schrieb manchen Leserbrief, der veröffentlicht wurde.Mein Anliegen ist bis heute geblieben, gemeinsam Themen zu gestalten,die anstehen,und wenn nötig auf die Strasse zu gehen für Aktionen.Nur,vieles hat sich sogenannt professionalisiert.Damit wurde für viele ein Weg versperrt,sich spontan und gleichberechtigt Ausdruck zu verschaffen. Man/Frau musste aufpassen,nicht bestraft zu werden.

  • Obwohl zur Generation 60+ gehörend, bin ich als eine Aktivistin der 68er ff Frauenbewegung sehr angetan von der
    KON dom Aktion, die wirkungsvoll ,kreativ und augenscheinlich dem richtigen Ort/Institution zugeordnet auf die Männerdominanz /kirchliche Mißachtung der Lebenswelten von Frauen hinweist bzw. aufmerksam macht.
    Ich freue mich über die Initiative junger engagierter Frauen, das läßt mich hoffen, dass der allfällige back-lash in Sachen Frauenbewegung durchaus zu stoppen ist..
    „Se ben siamo donne,paura non abbiamo“heißt es so schön im italienischen Frauenlied- nur zu und Courage!

  • Stephanie sagt:

    Für die Mainzerinnen und drumherum:
    Die FEG trifft sich jeden 1. und 3. Mittwoch um 18:30 Uhr im Frauenzentrum Mainz (Walpodenstr. 10)!
    Feministinnen aller Strömungen und Generationen sind herzlich Willkommen – und solche, die es werden wollen.

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