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Patriarchale Kultur mitten in Amerika

Von Antje Schrupp

Wer die ganze Härte und Schrecklichkeit des Patriarchats nur noch vom Hörensagen kennt: Dieser Film zeigt, wie das war, damals. Wie das ist, auch heute noch, mancherorts. Wie eine Gesellschaft funktioniert, in der Frauen nichts gelten und nichts zu sagen haben, und in der sich alles nur um die Männer und ihre Machtspiele untereinander dreht. In der auch die Frauen mitmachen, indem sie die Anweisungen ihrer Männer ausführen und zu Handlangerinnen werden. In der eine Einzelne – scheinbar? – nichts bewirken kann, egal wie groß ihr Freiheitsdrang ist. Weil das System monolithisch ist, weil sie immer wieder vor Mauern rennt.

Die Geschichte, die Debra Granik in ihrem zweiten Spielfilm „Winter’s Bone“ erzählt, spielt mitten in den USA von heute, im südlichen Missouri, weit abseits der glitzernden Hollywooddramen und postpatriachal-liberalen Erzählungen New Yorks. Hier, mitten im Wald, lebt die 17-jährige Ree zusammen mit ihrer psychisch kranken Mutter und zwei jüngeren Geschwistern, die sie versorgt. Eines Tages kommt der Sheriff und teilt ihr mit, dass der Vater bei einem Gerichtstermin das Haus verpfändet hat und danach verschwunden ist. Wenn er nicht binnen einer Woche wieder auftaucht, verlieren sie alles.

Bei ihrer Suche nach dem verschwundenen Vater stößt Ree auf eine Wand aus Schweigen und Angst. Mafiös ist die Gemeinschaft dieser verstreut liegenden Paare und Familien, die in Wäldern in Holzhütten oder alten Wohnwägen leben, verbunden durch die Machenschaften bei der Produktion einer illegalen Droge, die offenbar die wirtschaftliche Grundlage jener Gegend ist.

Interessant an dem Film ist, wie klar hier gezeigt wird, dass nicht die persönliche Abhängigkeit der Einzelnen, sondern die Notwendigkeit der Fürsorge für andere es ist, was Frauen in patriarchalen Kulturen Fesseln anlegt. Ree selbst ist so stark, wie eine nur sein kann, und sie wüsste für sich selbst durchaus Auswege aus der Situation – das Leben in der nächsten Stadt, eine Karriere beim Militär, irgendwas. Aber sie kann nicht weg, weil ihre Mutter und ihre Geschwister sie brauchen.

Ebenfalls interessant ist, wie die stabilisierende Rolle der Frauen in patriarchalen Kulturen funktioniert. Im Anschluss an den Film hatten wir eine Diskussion darüber, ob es letzten Endes so etwas wie „Frauensolidarität“ gegeben hat, die zu einem halbwegs Happy End führt (dass es eines gibt, damit ist wohl nicht zu viel verraten, denn es gibt in amerikanischen Filmen ja immer eines, wie unplausibel es auch sein mag).

In der Tat erfüllen die beteiligten Frauen die Anweisungen der Männer (die mit krassester physischer Gewalt regieren) immer nur bis zu einem bestimmten Punkt. Irgendwann durchbrechen sie die Logik, in kleinen Gesten, bevor es zum Äußersten kommt.

Aber ist das wirklich Widerstand gegen die Übermacht der Männer, wie einige der anderen meinten, die mit mir zusammen den Film anschauten? Oder ist es nicht vielmehr eine das System stabilisierende Notbremse, die verhindert, dass die Unmenschlichkeit zu einem solchen Skandal würde, dass man sie wirklich hinterfragt?

Der Film läuft am 31. März in Deutschland an.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 29.03.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Doreen Heide sagt:

    Zweifelsohne kommt fürsorglichen Frauen eine stabilisierende Rolle im System zu. Wenn niemand mehr die Kinder versorgt, dann sterben sie und damit die ganze Gesellschaft, so einfach ist das. Nur sind die allerwenigsten so gefühlskalt genug, das in Kauf zu nehmen, auch die Männer nicht. Aber solange es jemanden, d.h. Frauen gibt, die die Sorgeaufgaben übernehmen, können jene sich entspannt zurück legen und müssen noch nicht mal schlechtes Gewissen haben, denn „die Frauen machen das doch gerne“.
    Die Entlastung des Gewissens funktioniert aber unter Frauen genauso gut. So gibt es in jeder Familie immer eine (Schwieger)Tochter, der die Aufgabe zufällt, sich um die alten Eltern zu kümmern. (Meist ist es diejenige, die am nähesten dran wohnt oder am wenigsten ‚Nein‘ sagen kann.) Die anderen Töchter und Söhne sind damit entlastet.

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