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„Affidamento“ – sich dem Urteil einer anderen Frau anvertrauen

Von Dorothee Markert


Foto: Gordon Grand - Fotolia.com

Von manchen Dingen wissen wir sofort, wenn wir sie hören, dass sie uns angehen und für unser Leben wichtig sein werden. Ohne sie so verstanden zu haben, dass wir darüber vernünftig reden können, haben wir das Gefühl, eine wichtige Entdeckung gemacht zu haben, deren Bedeutung wir uns aber erst noch erarbeiten müssen. So ging es mir vor 23 Jahren, als ich den ersten Text italienischer Denkerinnen über deren Entdeckungen las, die eine Zeit lang unter dem Begriff „Affidamento“ in der italienischen und später auch in der deutschen Frauenbewegung diskutiert wurden.[1]

Bei diesen Diskussionen machte ich erstmals die Erfahrung, dass solche Einsichten, deren Wichtigkeit nicht nur für mein Leben, sondern auch für die Welt mir irgendwann schlagartig eingeleuchtet hatte, sich deshalb noch lange nicht leicht vermitteln ließen. Eine meiner politischen Freundinnen drückte diese Erfahrung neulich mit einem Paradox aus: „Manche Dinge können Menschen nicht verstehen, wenn sie sie nicht schon verstanden haben“. Was Affidamento ist, habe ich seit 1988 zusammen mit anderen, die ebenfalls von seiner Bedeutung getroffen worden waren, immer wieder zu erklären versucht, doch oft war ich frustriert und mutlos, weil die Adressatinnen die Idee entweder zu banal oder zu kompliziert fanden oder sie gründlich missverstanden und entweder ein altbekanntes Freundinnen-Unterstützungssystem, eine Vernetzung von Frauenaktivitäten beliebigen Inhalts, Seilschaften für den Karriereaufstieg von Frauen oder das generelle Einfordern von Frauensolidarität daraus ableiteten – also etwas, das nur Frauen anging und nicht die Welt.

Dass unsere „Saat“ trotz vieler Ablehnung und vieler Missverständnisse aufging, zeigen die großen Veränderungen in unserer Kultur, was die Beziehungen unter Frauen angeht. Wenn ich wieder einmal frustriert bin, weil ich nach einem Vortrag oder Seminar den Eindruck habe, dass meine Vermittlung nicht geglückt ist, sollte ich mich daran erinnern, dass ich nicht in der Hand habe und auch nicht in der Hand haben muss, was aus meinem Bemühen wird. Für diese Tatsache hat Hannah Arendt ein schönes Bild gefunden: Sie sprach von einem neuen Faden, den ich in das „Gewebe der Welt“, also zunächst einmal in das Gewebe menschlicher Beziehungen einbringe, von dem ich nicht weiß, wie er weitergewebt wird und vielleicht letztlich dem ganzen Gewebe ein anderes Aussehen gibt. Dass es ein solches Unvorhersehbares gibt, das zu meinem Bemühen dazu kommt, empfinde ich als etwas sehr Tröstliches.

Die große Veränderung, die durch eine Wandlung der Beziehungen unter Frauen eingetreten ist, haben drei Frauen und ich in unserer Flugschrift Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn 1999 folgendermaßen formuliert: „Frauen glauben nicht mehr an das Patriarchat, sie lassen sich nicht mehr von der Vorstellung beirren, schwächer und weniger wert zu sein als Männer. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben und für die Welt übernommen und die Herausforderung akzeptiert, die das bedeutet.“[2] Heute sind Erfahrungen – zumindest in unserer Kultur – undenkbar geworden, die noch als normal galten, als sie mich als Mädchen und als junge Frau schmerzlich trafen: Ehemänner besuchten ihre Frauen nach einer Geburt nicht in der Klinik, weil sie „nur“ ein Mädchen zur Welt gebracht hatten. Eine Frau, die ich sehr bewunderte, sprach mit mir als Zehnjährige darüber, dass es besser sei, drei Söhne zu haben wie ihre Schwester, während sie „nur“ einen Sohn und zwei Töchter hatte, ohne wahrzunehmen, dass sie damit auch mich und sich selbst abwertete. Noch Anfang der 80er Jahre bezeichneten Frauen unsere Arbeitsgruppe bei einer Fortbildung als „öde“, weil kein Mann dabei war, und versuchten Männer aus anderen Arbeitsgruppen zu uns herüberzuholen. Die damit ausgesprochene Kränkung und Abwertung habe damals wohl nur ich gespürt, da ich in den Kleingruppen der Frauenbewegung schon etwas von der Stärkung erfahren hatte, die Frauenbeziehungen ermöglichen können.

Obwohl ich glaube, dass die Veränderung unserer Kultur, weg von der strukturellen und generalisierten Abwertung von Frauen und mit Weiblichkeit in Zusammenhang Gebrachtem, mit dem positiven Wirken von „Affidamento“ zu tun hat, bin ich bis heute nicht zufrieden mit der Art und Weise, wie die italienischen Denkerinnen „Affidamento“ erklärten und wie ich es dann weiter vermittelte. Entdeckt hatten die italienischen Denkerinnen die „Beziehungsqualität Affidamento“ in Romanen von Jane Austen aus dem 19. Jahrhundert, der für die Freiheit von Frauen wohl düstersten Zeit überhaupt. Entgegen allem, was in dieser Zeit für Frauen üblich war, vertraute sich hier eine junge Frau dem Urteil einer Älteren an, die eine Art mütterliche Freundin für sie war. Sie befolgte deren Rat, obwohl ihre ganze Umgebung anderer Meinung war, und sogar entgegen ihren eigenen Wünschen. Auch dann noch, als sich herausstellte, dass der Rat der Freundin falsch gewesen war, wofür sie diese auch offen kritisierte, hielt sie an der Bindung zu ihr fest. Entsprechend dieser Geschichte sprachen meine Lehrmeisterinnen dann von Affidamento als einer Beziehung zwischen einer „Jüngeren“, die noch intakte Ansprüche an das Leben hat, und einer „Älteren“, die schon die Erfahrung des Scheiterns gemacht hat. Auch das war schwer zu vermitteln und erzeugte zahlreiche Missverständnisse, beispielsweise das, dass das Alter für diese Beziehung eine große Rolle spiele oder dass nur junge Frauen „intakte Ansprüche an das Leben“ haben können und nur Ältere „die Erfahrung des Scheiterns“ gemacht haben.

Irgendwann begriff ich – auch aufgrund anderer Texte der italienischen Denkerinnen – , dass das Wesentliche von Affidamento nur verstanden werden kann, wenn wir uns mit dem „Begehren“ befassen, mit dem, was einer Frau für ihr Leben wichtig ist, was sie verwirklichen und in die Welt bringen will, was sie für sich und die Welt ersehnt, was der Ausdruck ihrer persönlichen Freiheit ist. Affidamento ist dann die Bindung an eine andere Frau, deren Begehren in eine ähnliche Richtung geht wie meines, so dass wir uns gegenseitig dabei helfen können, es in die Welt zu bringen. Dabei ist es auch möglich, dass eine auf diesem Weg schon weiter ist und die andere von ihr eine Zeit lang lernt und sich ihrem Urteilen anvertraut.

Um mit solchen Erklärungen von „Affidamento“ etwas anfangen zu können, muss eine Frau schon positive und wichtige Beziehungen zu anderen Frauen haben oder sie sich zumindest wünschen. Frauen, die nur bedeutsame Beziehungen zu Männern haben – und das sind meiner Erfahrung nach immer noch sehr viele – , werden sich aufgrund dieser Erklärungen nicht für „Affidamento“ interessieren. Durch eine zufällige Entdeckung bin ich nun auf eine andere Möglichkeit gestoßen, „Affidamento“ zu erklären, die vielleicht auch solchen Frauen den Zugang zur Idee des Affidamento eröffnen könnte.

Vor einiger Zeit übergab mir eine Freundin einen Ordner mit Kopien von Zeitungsartikeln, die von Frauen aus dem Umfeld des Mailänder Frauenbuchladens in den Jahren 1983 bis 1986 geschrieben worden waren. Sie war gerade dabei, sich der Reste eines gescheiterten Frauenprojekts zu entledigen, und meinte, ich könne vielleicht etwas mit den italienischen Texten anfangen. In einer schlaflosen Nacht schmökerte ich dann ein wenig darin herum. Dabei stieß ich auf einen Artikel von Luisa Muraro von 1985 unter dem Titel „Bindung und Freiheit“, dessen erster Abschnitt mich in großes Erstaunen versetzte. Darin stand Folgendes:

Wenn wir über die Affidamento-Beziehung zwischen Frauen nachdenken, müssen wir vielleicht der Genauigkeit halber hinzufügen, dass „Affidamento-Beziehung“ ein neuer Begriff ist, um etwas zu bezeichnen, was es in den Beziehungen zwischen Männern und in den Beziehungen vieler Frauen zu Männern schon gibt. Es kommt zu einer solchen Beziehung, wenn du dich, einfach ausgedrückt, an eine Person bindest, die dir bei der Verwirklichung von etwas helfen kann, wozu du dich fähig fühlst, das du aber im Augenblick noch nicht verwirklicht hast. In unserer Gesellschaft sind Affidamento-Beziehungen unter Frauen selten. Die Gründe dafür sind sehr komplex. Ich möchte das Thema daher von einer anderen Seite her angehen und werde folglich erklären, warum ich mich in der Weise, wie ich es oben beschrieben habe, an eine Frau gebunden habe.[3]

Verblüfft stellte ich mir die Frage, warum diese Erklärung von „Affidamento“, die so viel einleuchtender und naheliegender ist als die vorhin Dargestellte, nicht in der Vermittlung dieses Begriffs aufgegriffen wurde, warum sie in keiner weiteren Publikation zu diesem Thema aufgetaucht ist. Denn mit dieser Erklärung muss ich keinen Roman aus dem 19. Jahrhundert bemühen und auch keinen Umweg über das äußerst schwer zu vermittelnde Thema „Begehren“ machen – wobei ich es im Hinblick auf andere Themen sehr wertvoll finde, dass ich auf diese Weise gezwungen wurde, mich gründlich damit zu befassen. Denn die Art der Beziehung, die mit „Affidamento“ gemeint ist, kann ich im Alltag ständig beobachten, doch nach wie vor äußerst selten an Beziehungen zwischen Frauen.

Mit großem Erstaunen nahm ich beispielsweise bei einem Symposium zur Deutschdidaktik wahr, mit welchem unglaublichen Wohlwollen ein Professor einen seiner Nachwuchswissenschaftler vorstellte, dessen Vortrag ich dann ziemlich schwach fand. Ebenso wunderte ich mich über Männer, die nach erbitterten Diskussionen freundschaftlich beim Bier zusammensaßen. Es ist ja gerade dieses „Affidamento“ zwischen Männern, das Frauen oft die Aufnahme in ihre Kreise verbaut und ihnen den Aufstieg unmöglich macht. Wir haben diese Bindungen teilweise als „latente männliche Homosexualität“ verunglimpft, und mit Liebe haben sie ja auch zu tun, doch wahrscheinlich nur wenig mit Sexualität. Es ist eine  Art von Liebe zueinander, die sich auf etwas Bestimmtes in der Welt richtet, wobei die Bindung an das, was man in der Welt erreichen oder voranbringen möchte, oft stärker ist als die Bindung aneinander.

Weniger mit Erstaunen als mit Kummer reagiere ich auf Frauen aus meinem persönlichen Umfeld, die es nach wie vor nicht fertigbringen, sich dem Urteil einer Frau anzuvertrauen oder von einer Frau zu lernen, oft zu ihrem eigenen Schaden. Autorität können sie nur Männern zusprechen, beispielsweise Ärzten, Therapeuten, Anwälten, Wissenschaftlern, Politikern. Auch nach mehreren Fehldiagnosen und schädigenden Behandlungen durch verschiedene männliche Ärzte würden sie nie zu einer Ärztin gehen, die ich ihnen empfehle. Und manche klugen Gedanken können sie erst hören und weitervermitteln, wenn sie auch ein Mann ausgesprochen hat.

Nach unserer bisherigen Sprachregelung durften wir ein Anvertrauen und eine Bindung, die Menschen im Leben weiterbringt, nicht „Affidamento“ nennen, wenn wir sie zwischen Männern oder von Frauen zu Männern beobachteten. Dass Luisa Muraros Erklärung von 1985 nie aufgegriffen wurde, auch nicht von ihr selbst, hat sicher damit zu tun, dass Frauen der Frauenbewegung in jenen Jahren ständig darum ringen mussten, dass nicht alles, was sie für Frauen vorschlugen, auf Männer und männliches Verhalten hin, im Vergleich oder im Gegensatz dazu interpretiert wurde. Denn damals war der Gedanke, dass Beziehungen unter Frauen, weibliche Freiheit oder das Wirken von Frauen in der Welt an sich, ohne direkt auf Männer bezogen zu sein, eine Bedeutung haben könnten, noch ein zu zartes Pflänzchen.

Heute könnten wir jedoch anders damit umgehen und könnten dadurch neue Wege eröffnen, um Affidamento zu erklären. Wir könnten damit besser als bisher vermitteln, warum mehr Affidamento in Beziehungen unter Frauen nicht nur uns Frauen, sondern vor allem auch der Welt gut tut.


[1] Mein erster Text aus diesem Kontext war das „Grüne Sottosopra“ der Libreria delle donne di Milano, Mehr Frau als Mann, in: Gisela Jürgens/Angelika Dickmann, frauen – lehren, Rüsselsheim 1996

[2] Ulrike Wagener et al., Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn, Rüsselsheim 3. Aufl. 2001, S. 9

[3] Luisa Muraro, Legame e libertà, in: Azimut Nr. 16, Juni 1985

 

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.04.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Toll, dass Du dieses Zitat von Luisa Muraro wiederentdeckt hast und auf diesem Weg weiterverbreitest!

  • ursula knecht sagt:

    Danke, liebe Dorothee! Dass der Muraro-Text aus dem Nachlass eines gescheiterten Frauenprojekts stammt, berührt mich sehr. Eine österliche Botschaft, auferstehen, immer wieder, weitergehen! Herzlich Ursula

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Dorothee, die Formulierung „…sich dem URTEIL einer anderen Frau anzuvertrauen…“ empfinde ich ungut; denn um ein Urteil, so wie ich das Wort in seiner Gültigkeit benütze, kann es doch nicht gehen – denk ich.
    Antje, aus dem Text lässt sich wieder nix rauskopieren…

  • Cassandra Reitzig sagt:

    Ich bin durch die Feministische Partei-Die Frauen, auf diese Seite gestoßen, da ich eine Erklärung des Begriffes Affidamento gesucht habe und fand vor allem natürlich das Zitat des Artikels von Luisa Murano sehr einleuchtend. Du fühlst dich anscheinend oft missverstanden bei der Erklärung diese Begriffes, aber ich finde man brauch es gar nicht so lang und groß erklären. Allen das Beispiel mit dem Männern, die sich gegenseitig helfen veranschaulicht es sehr gut. Schöner Text. Vielen Dank für die Begriffserklärung.
    Liebe Grüße

  • Liebe Dorothee Markert,

    könnte ich „Affidamento“ in der Kurzformel:
    „die gemeinsame Liebe zu einer 3. Sache“ verstehen ?
    Soll dies auf 2 Frauen beschränkt sein ?
    Soll es sich immer um eine alte
    und eine junge Frau handeln ?
    Wieso muß sich die junge Frau „berurteilen“ lassen ?
    Urteil ist für mich ein „Ur – teilen“. Ich kann beraten, stützen, zuhören, fragen, in den Austausch gehen, aber ich lehme für mich das „Gehorchen“ ab und ziehe das „Hinhorchen“ vor. Wenn ich beurteile, bin ich im wertenden Patriarchat, wieder in der Hierarchie …
    Siehst Du dies anders ?

    Liebe Grüße
    Karin v. Wangenheim

  • Dorothee Markert sagt:

    Mit „sich dem Urteil einer anderen Frau anvertrauen“ ist nicht gemeint, dass diese mich beurteilt oder verurteilt. Wenn ich dem Urteil einer Frau vertraue, also beispielsweise einer politischen Freundin, dann setze ich mich gründlich mit ihrer Einschätzung einer Situation oder eines Vorhabens auseinander und nehme diese ganz ernst. Sie wird für mich maßgeblich. Das heißt nicht, dass ich nicht mehr die Freiheit habe, mich trotzdem anders zu entscheiden.
    Nein, diese Affidamento-Qualität muss nicht auf zwei Frauen beschränkt sein. Je mehr weibliche Autorität wir in der Welt haben, umso besser. Dass es in dem literarischen Beispiel, mit dem italienische Philosophinnen affidamento erklärten, um eine ältere und eine jüngere Frau ging, hat zu viel Verwirrung geführt, (wie ich in meinem Artikel schon geschrieben habe). Natürlich muss das nicht immer so sein.
    Die gemeinsame Liebe zu einer dritten Sache ist ein wichtiger Aspekt von Affidamento. Dazu kommt aber noch eine verbindliche Beziehung mit viel Vertrauen zueinander, meistens auch eine gemeinsame Praxis.
    Danke für die Kommentare und Fragen!

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