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Eine Überlieferung, die unserer Kultur schwer im Magen liegt

Von Dorothee Markert

Nach ihrer „postpatriarchalen Ethik“ und ihrer „unfertigen Theologie“ anhand von Kirchenjahr und christlichen Festen hat Ina Praetorius nun auch noch ein Buch über das apostolische Glaubensbekenntnis geschrieben. Wort für Wort und Satz für Satz geht sie auf diesen alten Text ein, der in christlichen Gottesdiensten immer noch oft gemeinsam gesprochen wird, und der – wie sie schreibt – ihr schon lange schwer im Magen lag. Da sie ihn aber fast auswendig konnte, als sie das merkte, sei es zu spät gewesen, ihn wieder auszuspucken (22). Warum also widmet sie diesem Text auch noch ein ganzes Buch? Das hat mit den „Älteren“ zu tun, die ihr diese Worte, beispielsweise das Wort Gott, zusammen mit ihrer Liebe „geschenkt“ haben, vor allem eine pietistische Tante, eine fromme Frau, die „niemandem Angst machte“ (11). Mir erschien das als Begründung zunächst etwas weit hergeholt, doch dann fiel mir ein, wie meine Patentante reagiert hatte, als sie erfuhr, dass ich aus der Kirche ausgetreten war. Sie konnte gut nachvollziehen, dass ich der Kirche als Institution den Rücken kehrte, doch sie war empört, dass ich das wegwerfen wollte, was meine Mutter, meine Großmutter und sie mir für mein Leben als etwas in ihren Augen sehr Kostbares mitgegeben hatten.

Cover: Ich glaube an Gott...

Cover: Ich glaube an Gott...

Ina Praetorius zeigt mit diesem Buch, wie spannend eine Textauslegung sein kann, wenn die Autorin sich zuerst einmal aufrichtig und schonungslos mit ihrer persönlichen Reaktion auf den Text auseinandersetzt und sich auch noch daran erinnert, wie sie diese Worte als Kind oder zu anderen Zeiten ihres Lebens verstanden hat. Erst dann nimmt sie noch Theologisches und Religionswissenschaftliches dazu, denkt also über den Kontext nach, in dem der Text bzw. Teile daraus entstanden sein könnten. Dadurch gelingt es ihr, vor allem dann, wenn sie Worte und Bilder vollständig ablehnt, Verständnis für Menschen früherer Zeiten aufzubringen, denen Bilder wie der „Herr und König, dessen Sohn zu seiner Rechten sitzt“, oder der „Allmächtige Vater“ wahrscheinlich geholfen haben, bestimmte Schwierigkeiten besser zu bewältigen. Mit ihrer Art der Textauslegung setzt Praetorius Maßstäbe für glaubwürdige Predigten ohne Heuchelei, ohne das „Tönle“, das schon ihre Mutter immer gnadenlos aufgespürt und kritisiert hat (123).

Hat sie also ein Buch für TheologInnen und das gebildete Kirchenvolk geschrieben? So wie das Buch daher kommt – der Titel, die Kapitelüberschriften, die Umschlagtexte, die vielen Bibelzitate – , könnte man schon auf diese Idee kommen, und das wäre sehr bedauerlich. Denn durch Praetorius’ schonungslose Auseinandersetzung mit einem alten und in weiten Teilen völlig veralteten Glaubenstext könnten nicht nur Kirchgänger, sondern auch Kirchenferne und Kirchenfeinde Vorurteile darüber loswerden, was Menschen angeblich glauben (müssen), wenn sie sich der christlichen Religion zugehörig fühlen. Und sie könnten darüber hinaus erfahren, dass es möglich ist, liebevoll und sorgsam und doch äußerst kritisch mit den „Geschenken“ umzugehen, die unsere „Älteren“ uns mit unseren kulturellen Überlieferungen hinterlassen haben.

Es ist unglaublich, wie viel Praetorius an diesem einen Text über grundlegende Denkgewohnheiten und Denkfehler unserer Kultur herausarbeitet. Ihre meiner Ansicht nach wichtigste Botschaft zieht sich durch das ganze Buch, wie auch schon durch die beiden vorherigen: Die Trennung zwischen höheren und niedrigen Sphären muss aufhören. Der Kinderglaube ist nicht weniger bedeutsam als theologische Überlegungen. Über Gott und Jesus sprechen ist auf derselben Ebene angesiedelt, auf der Menschen geboren werden und sterben, essen und „scheißen“. Die Hinrichtung Jesu steht auf derselben Ebene wie die Ermordung eines Menschenrechtsaktivisten im Kongo. Praetorius schreibt: „Die Geburt des Göttlichen bringt das gängige Oben-Unten-Theater durcheinander. Die gestrenge Grenze, die man gezogen hat zwischen Geist und Körper, Kultur und Natur, Herr und Knecht, Markt und Haushalt, Geld und Liebe, Okzident und Orient, Verstand und Gefühl, Wissenschaft und Kunst, Dogma und frommer Tante, Jenseits und Diesseits, Mann und Frau, sie ist nicht mehr“ (84/85, auch 79/80, 109 ff.).

Gut gefallen hat mir auch Praetorius’ Idee von einer „neuen Dreifaltigkeit“ aus jüdischer, christlicher und muslimischer Religion, die sie sofort in ihrem Buch umsetzt: Immer wieder stellt sie Texte aus dem „neuen Testament“ – selbstverständlich in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache – neben Thora-Stellen und Suren aus dem Koran. Beim Thema „Opfertod Jesu“, also der Frage, ob es sein kann, dass Gott zu seiner Beschwichtigung wegen unserer Sünden zum Mörder seines eigenen Sohnes werden musste, schreibt sie sogar: „Ich glaube das nicht. Ich meine, die Muslime, die sagen, Gott sei nicht auf Menschenopfer angewiesen, haben Recht“ (96).

Es hat mich auch gefreut zu erfahren, dass eine Erkenntnis, zu der mich die Matriarchatsforscherin Gerda Weiler mit ihrem Buch „Das Matriarchat im alten Israel“ vor etwa zwanzig Jahren angeregt hatte, nun endlich auch in der Religionswissenschaft angekommen und damit wohl sogar in Kirchenkreisen, die die Matriarchatsforschung lange Zeit heftig bekämpft haben, zitierwürdig geworden ist. Unter der Überschrift „Freundschaft mit Kanaan“ zitiert Praetorius zwei Abschnitte von Othmar Keel, in denen er aufzeigt, dass es im Christentum neben dem Bruch mit dem Judentum noch einen zweiten Bruch zu heilen gibt, den mit den altorientalischen kanaanäischen Religionen, durch den „die Sensibilität für die Natur“, „das Wissen um kosmische Zusammenhänge“ und „der Respekt vor natürlichen Ordnungen und Jahreszeiten“ verloren gingen oder zumindest in ihrer Bedeutung zurückgedrängt wurden (114/115) – mit furchtbaren Folgen für unsere Erde.

Was man bei so schwierigen Themen und einem so trockenen Text, wie es das apostolische Glaubensbekenntnis darstellt, nie vermuten würde: Es macht wirklich Spaß, dieses Buch zu lesen. Das liegt vor allem an der sprachlichen Kreativität der Autorin und an ihren frechen und witzigen Vergleichen. Unter der Überschrift „Sitzordnungen“ fallen ihr zu Jesus, der neben seinem „allmächtigen Vater“ sitzt, ausgerechnet George Bush und sein Vater ein. Das Kapitel endet dann so: „Das mühsam ruckartige theologische Fahrstuhlfahren, hinunter auf die Erde, dann via Grab tief ins Höllenfeuer, wieder hinauf zu uns und schließlich per Wolke in die allerhöchsten Gefilde, es ist vorbei. Die Architekten des machtvollen Dogmas wissen nicht mehr, was oben und was unten ist, flüchten sich vorerst, um noch ein bisschen von ihrem einstigen Einfluss zu retten, in postmythologisch paradoxale Sprachwelten, die wen genau interessieren?“ (112/123)

Ina Praetorius: Ich glaube an Gott und so weiter … Eine Auslegung des Glaubensbekenntnisses. 192 Seiten. Gütersloher Verlagshaus 2011. Preis: € 19,95

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt.
    Schatten und Licht liegen nah beieinander. Ein schwieriges Leben kann wie eine Hölle angesehen werden, ein schönes Leben ist wie ein Himmel.“Himmel und Hölle“ ist auch ein Spiel,wir haben es als Kinder gespielt.Wir sind dann über die Hölle gesprungen und lachten dabei.

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