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Rubrik heilen

Was fehlt, ist Vertrauen

Von Juliane Brumberg

Foto: Andrea-Damm @pixelio.deBei den Diskussionen um eine Kostensenkung im Gesundheitswesen bleibt ein wichtiger Aspekt außen vor: Der Verlust von Vertrauen zwischen Ärztinnen und Ärzten auf der einen und Patienten und Patientinnen auf der anderen Seite.

Die Schwägerin hat Schulterprobleme. Schulterprobleme sind langwierig, doch der Arzt darf nur sechsmal Physiotherapie verschreiben. Mehr zahlt die Kasse nicht. Also verordnet er Cortison. Das erlaubt die Krankenkasse – obwohl damit nicht die Krankheit, sondern nur das Symptom kuriert wird. Die Frage der Nebenwirkungen wird ausgeblendet.

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Foto: Wilson Urlaub @pixelio.de

Ein Mediziner, der in der Notaufnahme arbeitet, sagt: „Ein Großteil meiner Entscheidungen beruht eigentlich auf „juristischen Indikationen“. Wenn z.B. Eltern ihr Kind nach einem Fahrradunfall in die Notaufnahme bringen und ich nach der Untersuchung zu dem Schluss komme, dass es höchstens um eine leichte Gehirnerschütterung geht, die mit Ruhe gut zu behandeln ist, könnte ich die Eltern eigentlich mit dem Kind nach Hause schicken, und sagen: Beobachten Sie Ihr Kind, ermöglichen Sie ihm viel Ruhe, dann ist alles in Ordnung. Sollten Auffälligkeiten auftreten, kommen Sie noch einmal wieder. Nein, ich veranlasse meistens eine Röntgenaufnahme des Kopfes, um ganz sicher zu gehen, quasi, um mich juristisch abzusichern.“

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Ein befreundeter Arzt erzählt: Solange ich mich gesund fühle, gehe ich nicht zur Vorsorge. Da wird immer irgendein Grund gefunden, warum Patienten und Patientinnen nach einem Vierteljahr wiederkommen sollen.

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Bei der gynäkologischen Vorsorge-Untersuchung schlägt die Sprechstundenhilfe vor, nicht den einfachen Stuhl-Test zu machen, den die Kasse übernimmt, sondern einen genaueren, der ein besseres Ergebnis bringe, den ich aber selber finanzieren müsse.

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Eine Kollegin berichtet: Meine (homöopathische) Ärztin empfahl mir bei meinem letzten Besuch ein Vitamin-Calcium-Präparat als Vorbeugung gegen Osteoporose. Ich vertraute ihr und dachte, ein Vitaminpräparat könne ja nicht schaden. Beim Lesen des Beipackzettels dieses recht teuren Produkts war mir schon nicht wohl, und tatsächlich bekam ich davon Verdauungs- und Schlafprobleme. Nachdem ich es abgesetzt hatte, ging es mir allmählich besser. Dann las ich in der Tageszeitung, dass die Wirkung solcher Produkte gegen Osteoporose gar nicht belegt ist und es dadurch in einigen Fällen sogar zu massive Nierenschädigungen gekommen sei. Die meisten Nahrungsergänzungsmittel seien eine einzige Geschäftemacherei. Was wird meine Ärztin sagen, wenn ich sie wegen ihres leichtfertigen Umgangs mit diesem Präparat kritisiere?

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Ungefragt bekomme ich eine Aufforderung, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit zum Brustscreening am Mammobil in unserer Stadt einzufinden. Falls ich verhindert sei, könne ich unter einer kostenpflichtigen Hotline den Termin ändern. Ich werfe den Brief in den Papierkorb. Nach ein paar Wochen bekomme ich eine Mahnung mit einem neuen Termin.

Später erfahre ich, dass Frauen, bei denen durch die Mammobil-Untersuchung ein Befund festgestellt wurde, zur weiteren Abklärung in die anderthalb Stunden entfernte Universitätsstadt beordert werden. Dass es in der Klinik in unserer Stadt auch ein modernes Brustzentrum gibt, erfahren die Betroffenen nicht.

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Meine Freundin ist empört. Sie ist versicherungspflichtig, verdient aber so gut, dass sie weit über 500 Euro im Monat an die Krankenkasse zahlen muss. Sie ist selten krank und geht noch seltener zum Arzt. Aber wenn sie dann doch einmal geht, muss sie als besonders sinnvoll empfohlene Präparate selber bezahlen.

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Foto: Günter Havlena @pixelio.de

Eine andere Freundin muss am Knie operiert werden. Vorher wird sie zu einem Gespräch mit der Anästhesistin gebeten und muss unterschreiben, dass man sie darüber informiert hat, was für Risiken diese OP beinhaltet und was alles schief gehen könne. Ärzte und Ärztinnnen sichern sich juristisch ab, weil die Klagefreudigkeit zugenommen hat, wenn es mit „Herstellung der Gesundheit“ nicht programmgemäß klappt.

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Unter der Hand erfahre ich von den Problemen von Chefärzten, die in ihren Kliniken nicht mehr über die medizinischen und pflegerischen Abläufe entscheiden dürfen. Die Zuständigkeit dafür hat ein wirtschaftlicher Geschäftsführer, der selber nicht Medizin studiert hat. Doch davon wissen die Patienten und Patientinnen nichts.

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Eine Bekannte arbeitet als Supervisorin in einer Universitätsstadt. Zunehmend kommen junge Ärzte und Ärztinnen zu ihr in die Supervision, die darüber klagen, dass ihr Fachbereich nur „überleben“ könne, wenn genügend Operationen stattfinden. Als junge KollegInnen bei der Erstuntersuchung seien sie dafür zuständig, genügend „OP-Material“ zu liefern. Das nennt sich dann „ökonomische Indikation“. Dabei ist es medizinisch manchmal viel sinnvoller, erst einmal abzuwarten und nicht gleich zu operieren.

 

Die Rahmenbedingungen stimmen nicht mehr 

In der Süddeutschen Zeitung vom 25. Mai 2011 finde ich als Aufmacher die Schlagzeile: „Ärzte warnen vor zu viel Medizin“. Und als Untertitel: „Röntgenbilder, Bluttests, Antibiotika und Herzuntersuchungen sind oft überflüssig oder gar schädlich.“ Das habe eine US-amerikanische Ärztevereinigung in den Archives of Internal Medicine veröffentlicht.

Was soll ich als Nicht-Medizinerin davon halten? Wem kann ich noch glauben?

Ich verstehe, dass es für Kliniken und ÄrztInnen nicht einfach ist, wirtschaftlich und kostendeckend zu arbeiten. Ihr Verhalten ist eine Reaktion auf die politischen Rahmenbedingungen. Das Gesundheitssystem hat sich so entwickelt, dass die Ökonomie den Vorrang hat. Der Druck im ökonomischen Bereich ist hoch und wird aktiv erhöht. Niedergelassene Ärzte und Ärztinnen sind heute mehr oder weniger gezwungen, sogenannte „IGel-Leistungen“ (individuelle Gesundheits-Leistungen) anzubieten, die von den Krankenkassen nicht übernommen werden und zweitens einen Zusatzverdienst ermöglichen, durch den die kontinuierliche Behandlung von Kassenpatienten nicht zu einem Draufzahlgeschäft wird. Und nicht alle IGel-Leistungen sind sinnlos.

In der Süddeutschen Zeitung vom selben Tag finde ich im Lokalteil eine ganze Seite „SZ-Forum Gesundheit“ zur Schmerztherapie. Im Untertitel steht: „Am wichtigsten ist immer noch das Gespräch zwischen Arzt und Patient.“

Das ist auch meine Erfahrung: Am wichtigsten ist das Gespräch. Nur zu gut erinnere ich mich an die beruhigenden Worte des Kinderarztes, als er meine kleinen Tochter mit hohem Fieber und Kopfschmerzen besuchte: „Gell, Sie hatten Angst, dass es Hirnhautentzündung ist. Aber da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.“ Und er erklärte mir ganz in Ruhe, warum alles darauf hindeutete, dass meine Tochter eine bestimmte Form der gerade grassierenden Sommergrippe habe und sie gar keine Medikamente brauche, sondern nach drei Tagen wieder gesund sein würde. So kam es dann auch.

Ich verstehe nicht, warum Ärzte und Ärztinnen für Gespräche mit den Patienten und Patientinnen keine angemessenen Honorare abrechnen dürfen.

Das Beispiel mit meiner Tochter ereignete sich vor zwanzig Jahren – als Ärzte noch Hausbesuche machten und ohne Absicherung durch technische Geräte eine zutreffende Diagnose stellen konnten. Aber damals waren auch die Patienten und Patientinnen noch nicht so technikgläubig, dass sie meinten, zu einer optimalen Behandlung gehöre mindestens eine computergesteuerte Diagnose. Wie viel tragen überängstliche oder klagefreudige Patienten und Patientinnen dazu bei, dass das Vertrauen zwischen ihnen und den ÄrztInnen verloren gegangen ist?

Viel zu wenig wird von beiden Seiten auch mitgedacht, dass Gesundheit weder immer herstellbar noch abrufbar ist. Bis zu einem gewissen Grade bleibt Gesundheit ein Geschenk, über das weder wir noch Ärzte und Ärztinnen verfügen können. Umso beklagenswerter ist die krankheitsbezogene Angstmacherei als schlagzeilenträchtiges Medienthema – und kaum jemand macht sich Gedanken, wer davon eigentlich profitiert.

Am wichtigsten ist immer das Gespräch

Am wichtigsten ist immer das Gespräch. Das bestätigen Untersuchungen zum Placebo-Effekt, über die seit einiger Zeit in den Medien berichtet wird. Danach hängt der Erfolg von Placebos und von Medikamenten mit ausgewiesenen Wirkstoffen immer auch damit zusammen, inwieweit es gelingt, die Selbstheilungskräfte des Patienten oder der Patientin anzuregen – und dies geschieht in dem die Therapie begleitenden vertrauensvollen Gespräch.

An dieser Beziehungsgestaltung im Arzt-Patientenverhältnis haben alle Beteiligten Anteil. Vielleicht geht es ja gerade darum, das naive, überhöhte Vertrauen zu verlieren, um ein erwachsenes, von Autorisierung geprägtes wieder zu finden…

Gleichzeitig sind jedoch die Einflüsse von außen nicht zu unterschätzen. Dass es heute Begriffe wie medizinische, juristische und ökonomische Indikation gibt, zeigt, dass der medizinische Bereich ein wunderbares Beispiel ist, an dem Macht und Autorität, Beziehung, Verantwortung und Politik studiert werden können – bis hin zum Einfluss von Organisationskulturen und –dynamiken.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 29.05.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • susanna sagt:

    Der Artikel ermutigt eher, misstrauisch zu bleiben und nachzufragen und nicht alles für notwendig und sinnvoll zu halten, was der Arzt einer empfiehlt.

    Ich habe immer wieder gute Ärzte und Ärztinnen gefunden, die genau wussten, dass ein „gelber Schein“ das einzige war, das ich brauchte. Manchmal aber auch andere, unsichere, die zu unnötigen Diagnoseverfahren ermutigten. Das letze war eine Frauenärztin die sagte: „Ein Myom, überhaupt nicht problematisch oder gefährlich“ – und dann hinzufügte: „Kommen sie in drei Monaten wieder.“ Widersprüchliche Informationen sind das allerschlechteste, um Vertrauen zu wecken. (Ich habe dann erst einmal Wikipedia konsultiert. Wenn Wikipedia informativer ist als die eigene Ärztin, läuft etwas falsch.)

    Ein weiteres Problem, das ich sehe: Ärzte werden nicht dazu ausgebildet, Patienten als kompetente mündige Partner zu sehen, die nicht einfach medizinischen Empfehlungen zur Vorgehensweise folgen, sondern eigene Abwägungen treffen. Sie versuchen, eine Kommunikationssituation herzustellen, bei der sie die Mutter oder Lehrerin sind, die alles besser weiß, anstatt kompetent zu informieren.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Ein neues“Feeling“ fehlt öfters mal zwischen Aerzten und Aerztinnen und den Menschen,denen etwas fehlt oder was sie krank macht.Natürlich nicht generell ist es ein Problem, das Mühe macht.Neue Krankheiten entstehen,über welche man noch nicht ausreichend Bescheid weiss,oder wo man im Dunkeln tappt.Und schon sind wir ausgeliefert in unsichere Dimensionen des Lebens.Wir bauen ein Gerüst auf in unserem Leben und hoffen,dass unsere Kinder über kurz oder lang auch lebenstauglich werden.Es ist noch nicht so lange her,da wurden wir als Menschen/Patienten angehalten,über alles mögliche im Gesundheitswesen Bescheid zu wissen.Dies und jenes kommt dann unvermeidlich zu kurz in der zwischenmenschlichen Kommunikation,soll das Ganze zum Funktionieren kommen.Hier liegt jetzt und in der Zukunft also genügend Arbeit vor den Füssen für das Heil der Menschen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    …und mir fehlt offenbar ein „feeling“ zu dem, Gre, was du da oben schriebst,
    denn ich versteh nixxx .

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebe Fidi,
    Ich will keinen Vortrag halten und so hervor tun.Es tut mir leid dass Du es nicht verstanden hast.Ich bin auch „nur“ ein Rädchen im Getriebe.Mit dem kann ich gut leben.Es gibt noch so viel Schönes und Interessantes auf allerlei Gebiet.
    Mach`s gut Fidi!

  • Inge Wienert sagt:

    Die Situation ist schon schlimm genug, wenn es um die eigene Gesundheit geht, fast unerträglich wird sie dann, wenn man für die Behandlung von anderen, z.B. pflegebedürftigen Angehörigen die Verantwortung trägt und deren Leiden mitansehen muss.
    Mir ist es passiert, dass der Neurologe des Pflegeheims, in dem sich meine parkinsonkranke 88-jährige Mutter befindet, die Medikamente, die sie noch zu Hause erhielt um 1/3 herab gesetzt hat. Mit dem Ergebnis, dass sie sich nur noch schwer bewegen kann. Den Pflegern war es recht. Eine langsame, schwer bewegliche alte Frau benötigt weniger Aufmerksamkeit. Den Neurologen zu wechseln stellte sich als unmöglich heraus, weil die Neurologen des Ortes die Pflegeheime untereinander aufgeteilt hatten.

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