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Rubrik erinnern

Tschernobyl und Fukushima – nichts zu sehen, nichts zu riechen, nichts …

Von Hanna Strack

„Töchter Jerusalems, weint nicht über mich. Weint aber über euch und über eure Kinder! Seht, es kommen Tage, wo sie sagen werden: Glücklich sind die Unfruchtbaren und die Bäuche, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht gestillt haben.“ (Luk 23, 30-31) Die Worte Jesu gelten auch für die Verwüstungen durch die Kernschmelze eines Atomreaktors, wie sie jetzt in Japan-Fukushima geschehen ist. Schwangere sind doppelt gefährdet und geschädigt, sie und ihr Kind sind eine Einheit. Und mit ihnen sind die nächsten Generationen belastet. Bei Männern wird die Keimdrüse krank. „Fünf Jahre dürft ihr keine Kinder machen“, sagte man den Männern, die den Reaktor in Tschernobyl aufräumen mussten, den so genannten Liquidatoren, aber bis dahin waren viele schon tot.

Am 26. April 1986 war der Reaktor in Tschernobyl havariert. Bei den Feiern zum 1. Mai waren Jung und Alt auf den Straßen in Kiew und in anderen Städten, die Politiker und ihre Familien meist aber nicht. Die radioaktive Wolke mit ihren schädigenden und tödlichen Strahlen zog über die Gomel-Zone in Weißrussland, über Europa bis nach Skandinavien. Nichts zu sehen, nichts ist zu riechen, nichts zu schmecken, nichts zu spüren von dem Bündel der Strahlen, die auf unterschiedliche Weise die Körper zerstörten: So wirkt das Tritium zerstörend auf die Eierstöcke und Hoden. Die Spermien werden unbeweglich oder unfruchtbar, Radionuklide gelangen in das Fruchtwasser und in die Muttermilch, Strontium 90 und Barium 140 in die Blutbildung. Die Folgen sind Fehlgeburten, Missbildungen, Unfruchtbarkeit, Schäden im Erbgut, Leukämie. Die Journalistin Swetlana Alexijewitsch hat ein ergreifendes Tschernobyl-Gebet[1] geschrieben, in dem sie die Betroffenen selbst zu Worte kommen ließ: „Liebe ist Sünde,“ sagen die Frauen zu ihren Männern, denn sie wissen, welch Leid ihnen bevorsteht. „Die Ärzte legten mir nahe, abzutreiben. Mein Mann sei doch in Tschernobyl gewesen, ich habe niemandem geglaubt. Das Kind wurde tot geboren, ein Mädchen. In der Leber waren 28 Röntgen.“ Die Kinder im Krankenhaus spielen Sterben, legen sich still hin und rufen „Bin ich schon tot?“ Eine Mutter fragt: „Wo soll ich weinen? In der Toilette? Da stehen sie Schlange … Alles solche Mütter wie ich.“ Der menschliche Körper ist so geschwächt, dass auch gynäkologisch gesunde Frauen nicht schwanger werden können.

Das Wasser, Pflanzen und Tiere sind verseucht. Die Grundlagen des Lebens sind Gefahrenquellen geworden. Eine Verheißung an das Volk Israel gewinnt an ergreifender Aktualität, es geht um Wasser und Lebensmittel, um Fehlgeburten, Krankheiten und Lebensalter: „Gott wird dein Brot und dein Wasser segnen, und ich will alle Krankheit von dir wenden. Es soll keine Frau in deinem Lande eine Fehlgeburt haben oder unfruchtbar sein, und ich will dich lassen alt werden.“ (2. Mose 23,25)

Wie wird den Menschen geholfen? Gibt es genügend Ärzte und Kliniken? Eine der Mütter der Kinder von Tschernobyl, die in Deutschland zur Erholung waren, sagt zu ihrer Gastgeberin: „Ärzte? Wir haben keine niedergelassenen Ärzte. Es gibt nur ein Großklinikum, sehr weit von dem Ort entfernt, wo Du krank bist. Bei uns geht man zu den ‚guten Frauen’, schon immer, sie heilen Menschen und Tiere.“ Und Ursula von Jordan, die dies berichtet, fährt fort: „Schamaninnen? Die das aufkommende Christentum ‚Hexen’ nannte? Welchen Trost bereiteten sie den Verlassenen mit ihren genauen Kenntnissen von Heilkräutern und Befindlichkeiten von Mensch und Tier, seid gelobt, ‚gute Frauen’!“ Ursula von Jordan fährt fort: „Manchmal fragten die Mütter nach Gott, wie sich das alles verhielte mit seinem Sohn und allem. Sie kamen auch mit in den Gottesdienst und einmal in der herrlichen alten Klosterkirche baten sie nach der Messe den alten Priester, sie und die Kinder zu segnen. Aber am nächsten stand ihnen die Gottesmutter. Unaufgefordert entzündeten sie jeden Abend eine Kerze im Herrgottswinkel zu ihren Füßen.“ [2] Dank vieler Sachspenden, z. B. Ultraschallgeräte, sind einige Kliniken in Weißrussland heute besser ausgerüstet.

Die Jungfrau der Tschernobylopfer

Diese Ikone heißt „Die Jungfrau der Tschernobylopfer“. Alyaxey Marachkin hat sie gemalt. Sie wurde am 26. April 1990 auf dem Platz der Freiheit in Minsk geweiht.

Tschernobyl liegt in der Ukraine, an der Grenze zur Gomel-Zone in Weißrussland und heißt übersetzt Wermut. Das Gebiet dort ist von großem Reichtum an Gewässern, Pflanzen und Tieren und landschaftlicher Schönheit.

Es mutet uns prophetisch an, wenn der Seher Johannes von Patmos in seinen Visionen eine apokalyptische Katastrophe beschreibt: „Und der dritte Engel blies seine Posaune, und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil des Wassers wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.“ (Offenbarung 8,10+11, im 1. Jahrhundert n. Chr. geschrieben)

Eine Briefmarke aus der Ukraine nimmt dieses Bild aus der Offenbarung auf.

Frauen der evangelischen Gemeinde in Kiew beten (1993): „Gott, wir haben täglich Angst vor einem neuen Unglück, seit das Atomkraftwerk wieder mit zwei Blöcken arbeitet. Bitte, sei bei uns in der Angst und schütze uns!“  So kann ihre Spiritualität für sie eine Quelle der Kraft werden.

Aus Fukushima hören wir täglich neue, oft widersprüchliche Meldungen. Ein Arbeiter, der mit 450 Kollegen in einem der Blöcke die völlige Kernschmelze verhindern soll, schreibt: „Das Erdbeben war eine Naturkatastrophe. Aber an der radioaktiven Verseuchung ist Tepco (die Betreiberfirma) schuld.“

Warnungen gab es in Deutschland schon 1968, als die ersten Demonstrationen die Verantwortungslosigkeit der Industrie- und Wirtschaftspolitiker benannten. Von vornherein fehlte die Frage, die als Prüfstein für alles politische Tun gelten sollte: „Ist das gut für die nächsten sieben Generationen?“ Jede Generation entsteht und wächst heran im Bauch von Frauen. Deshalb müsste die Gesundheit der Schwangeren das entscheidende Kriterium sein. Aber auch die Medien erwähnen dies nur in einem Nebensatz: „Ob und wie gefährlich das für die dort lebenden Menschen wird, hängt nicht nur von der jeweiligen Dosis ab, sondern auch vom Einzelfall: Schwangere etwa – mit besonders strahlungsempfindlichem Embryo – sind gefährdeter als Alte.“ [3]


[1] (in 2. Auflage 2006 heißt es: Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft)

[2] (Deutsch-russischer FrauenKirchenKalender 2001, Hanna-Strack-Verlag, Pinnow)

[3] (Das unlöschbare Feuer, in: DIE ZEIT 31.3.2011, S.39f)

Autorin: Hanna Strack
Eingestellt am: 10.06.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Golem sagt:

    Ich verstehe immer noch nicht, was das alles mit der Bibel zu tun hat. Natürlich kann ein jeder Mensch Alles und Nichts in die biblischen Texte hineininterpretieren, nur ist der Zusammenhang meisten nicht mehr in Deckung zu bringen mit dem gesunden Menschenverstand. Wir benötigen kein von verschiedenen, größtenteils anonymen, Prosa-Autoren geschriebenes „heiliges“ Buch, das mehr als 2000 Jahre alt ist um zu erkennen, was heute alles falsch läuft. Wir brauchen mehr selbstständiges denken und HANDELN, Beten hilft vieleicht dem Einzelnen, verändert aber nicht die Balance der Macht, sondern zementiert eben diese. Wer betet, setzt seine Hoffnung in „Jemand“ anderes, handelt aber nicht.

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