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Rubrik heilen, vertrauen

Zu Lebzeiten über das Ende sprechen

Von Juliane Brumberg

Über den Tod wird wenig gesprochen, weibliche Traditionen im Umgang mit Sterben und Tod drohen verloren zu gehen. Im April 2010 erschien im Kösel Verlag das Buch „Schwester Tod“ von Erni Kutter. Die Autorin hat sich damit auf ein Thema eingelassen, das in weiten Kreisen der Gesellschaft tabuisiert ist, über das geschwiegen wird.

Das Thema Sterben und Tod scheint vom Markt entdeckt zu sein. Oder ist es ein Thema, über das sich Schweigen breitet?

Die Autorin Erni Kutter. Foto: Juliane Brumberg

Erni Kutter: Meinem Eindruck nach verdrängen viele Menschen alles, was mit dem Tod zu tun hat und wollen auch nicht darüber reden. Andererseits ist der Tod in unseren Medien allgegenwärtig. Täglich ereignen sich tödliche Unfälle, Krimis haben Hochkonjunktur, Kinofilme und Theaterstücke greifen das Thema auf. Auch die vielen gut besuchten Lesungen und Seminare zu meinem Buch zeigen, dass es – vor allem bei Frauen – durchaus ein Bedürfnis nach einer Auseinandersetzung mit dem Tod gibt. Was eher verschwindet, das sind die Toten selber. Sie bleiben in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend unsichtbar, ebenso wie all die Menschen, die im Umfeld des Todes tätig sind. Über ihre Arbeit wird meist geschwiegen.

Ist es die Angst vor dem Tod oder ist es die Verdrängung unserer Sterblichkeit, die das Thema Tod für viele Menschen zu einem Tabu-Thema macht?

Ich denke, es ist beides. Viele Menschen fürchten sich meinem Eindruck nach gar nicht so sehr vor dem Tod, sondern vor allem vor einem einsamen, qualvollen Sterben. Schwere Krankheit, Schmerzen, Hilflosigkeit, Verlust der Eigenständigkeit: das sind die Themen, über ungern geredet und am meisten geschwiegen wird. Aber im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen es eine Kultur des Lebens und des Sterbens gab und Menschen ständig an ihre Vergänglichkeit erinnert wurden, wird uns heute eher abgeraten, uns mit unserer Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Stattdessen streben viele nach ewiger Jugend und Unsterblichkeit.

Ist es nicht rücksichtsvoller, mit Todkranken über den Tod zu schweigen um ihnen nicht das Gefühl zu geben, wir hätten sie schon aufgegeben? Verändert sich die Haltung zum Leben, wenn wir mehr über das Sterben sprechen?

Meines Erachtens hat jeder Mensch ein Recht, die Wahrheit über seinen Zustand zu erfahren. Nur dann kann er oder sie sich vorbereiten und verabschieden. Es ist außerdem eine Frage der Würde und der Achtung. Sicher gibt es auch Menschen, die der Wahrheit lieber aus dem Weg gehen. Nach Aussage von Pflegenden spüren die meisten todkranken Menschen aber ohnehin, wie es um sie steht und sind dankbar, wenn sie dies nicht mehr verheimlichen müssen, sondern mit ihren Angehörigen offen über das Sterben reden können. Wer sich schon in guten Zeiten mit der eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt hat, wird dann vermutlich auch eher Worte finden. Und natürlich hat es Konsequenzen, wenn wir schon zu Lebzeiten über den Tod sprechen. Von Leserinnen meines Buches habe ich oft gehört: es nimmt die Angst vor dem Sterben und macht das Leben reicher und tiefer, wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen.

Fällt es Frauen leichter, über das Sterben und Tod zu sprechen, als Männern? Oder sprechen sie anders darüber?

Meiner Erfahrung nach setzen Frauen sich weit häufiger mit Sterben und Tod auseinander als Männer. Sie reden auch miteinander sehr offen darüber. Das hat sich bei den vielen Veranstaltungen zu meinem Buch immer wieder bestätigt. Es gibt aber neuere Studien, die zeigen, dass zum Beispiel schwer krebskranke Frauen aus Rücksicht auf ihre Kinder, ihre Partner, ihre Eltern oftmals verschweigen, wie es ihnen geht. Sie sprechen eher mit Freundinnen oder mit Pflegenden über das Sterben, ihre Ängste und Bedürfnisse als mit den nächsten Angehörigen (Sigrid Beyer, Frauen und Sterben, Gender und Palliativ Care, Freiburg i.B., 2008). Es gibt also im Blick auf den Tod auch ein frauenspezifisches Schweigen.

Woher kommt es, dass über die weiblichen Traditionen so wenig bekannt ist?

In früheren Zeiten war der Umgang mit dem Tod eine weibliche Domäne. Die Begleitung und Versorgung Sterbender, Waschen und Einkleiden, Totenwache und Klagegesänge waren Frauensache. Neben den weiblichen Angehörigen kümmerten sich Beginen, Seelfrauen und Totenammen um die Versorgung Sterbender bzw. Verstorbener, um die Toten-, Trauer- und Gedenkriten. Unter dem Einfluss männlicher Kleriker und Reformatoren mussten sie ab dem 15./16. Jahrhundert ihre Tätigkeiten aufgeben und wurden von männlichen Bestattern abgelöst. Damit gingen nicht nur viele Traditionen und altes Frauenwissen im Umgang mit Sterben und Tod verloren, sondern auch das zyklische Verständnis von Geborenwerden, Sterben und Wiederkehr, das allen weiblichen Riten und Bräuchen zugrunde lag. Als Geburt und Tod als völlig getrennte Wirklichkeiten verstanden wurden, gerieten auch viele Kompetenzen und Werte in Vergessenheit, die Frauen in diesen Bereichen entwickelt haben.

Wie ist es mit den Totenammen? Wie können sie zu uns sprechen?

Sie erinnern uns daran, dass es zwischen Neugeborenen und Sterbenden viele Gemeinsamkeiten gibt, dass sie umsorgt, beschützt, genährt werden müssen und unsere Zuwendung und Liebe brauchen. Sie brauchen es auch, dass mit ihnen geredet wird, auch wenn sie noch nicht oder nicht mehr antworten können. Totenfrauen wurden Totenammen genannt. Sie waren oft auch als Hebammen tätig, kannten sich also mit dem Anfang des Lebens genauso aus wie mit dem Ende. Bestatterinnen und Totenfrauen, die heute in der Tradition der Totenammen arbeiten, verstehen sich wie diese als Übergangsbegleiterinnen, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele der Verstorbenen in ihre Fürsorge einbeziehen.

Cover Schwester TodIn dem Buch werden auch Wege aufgezeigt, die große Stille oder Leere, die uns nach dem Verlust eines Angehörigen umfängt, mit Erinnerungsritualen zu füllen.

Rituale sind eine wunderbare Möglichkeit, uns mit den Verstorbenen zu verbinden, ein inneres Gespräch mit ihnen zu führen und sie auf ihrem Weg zumindest ein Stück zu begleiten. Sie können uns aber auch helfen, die innere Leere auszuhalten, ohne sie mit Worten zu füllen und so auch der Sprachlosigkeit, dem Schweigen Raum zu geben. Das Fehlen von Worten, auch von Ant-worten, gehört ja ebenso zum Trauerprozess wie das Redenkönnen und –dürfen.

Wie ist das mit dem eigenen Tod? Was ändert sich, wenn wir zu Lebzeiten nicht darüber schweigen, sondern uns aktiv darauf vorbereiten? In dem Buch gibt es konkrete Vorschläge dazu.

Die meisten Menschen, die schon zu Lebzeiten die sogenannten „letzten Dinge“ regeln und sich entschließen, darüber auch mit denen zu sprechen, die ihnen am nächsten stehen, empfinden dies als große Entlastung und Befreiung. Auch Angehörige fühlen sich trotz anfänglicher Widerstände oft erleichtert, wenn äußere Dinge, wie Erbe, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung, Art der Bestattung etc. geklärt sind. Oft kommen dadurch Gespräche in Gang, die über die äußeren Angelegenheiten hinausgehen und auf das abzielen, was den Beteiligten wirklich wesentlich ist, im Leben und im Sterben. Solche Gespräche können Beziehungen vertiefen und uns helfen, unser Leben bewusster zu gestalten und unserem Tod gelassener entgegenzugehen.

Zum weiterlesen: Erni Kutter: Schwester Tod, Weibliche Trauerkultur, Abschiedsrituale, Gedenkbräuche, Erinnerungsfeste. Kösel Verlag München 2010, 208 Seiten, € 17,95.

Das Interview erschien auch in der Schlangenbrut 113/114 2011.

Autorin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 29.06.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Normal wäre gewesen, man hätte heute den Pflegenden diese Kultur des Lebens und Sterbens überlassen.Leider hat man ihnen sukzesive viel Schönes an Arbeit und Kompetenz weg- genommen.Pfarrer,RitualbegleiterInnen,Psychologen sind eingedrungen in diese Bereiche und haben sie für sich beansprucht.Den Pflegenden überliess man das“Füdli-Putzen“ und andere schwere,eintönige Arbeiten,die psychischen und körperlichen Stress verursachen,tagein,tagaus.Das ist doch der Gipfel!

  • Kerstin Schade sagt:

    Liebe Gré Stocker-Boon,

    Genauer gesagt, wird den Leuten eingeredet, Nur Pflegende oder Fachleute seien kompetent, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dabei müssen wir doch alle einmal sterben – jeder kann so gut wie jeder andere darüber nachdenken, und sollte es von Zeit zu Zeit.

    Ich bin selbst Seniorenbetreuerin (ungelernt), und weiss nie, ob ich mich nun beruflich oder privat damit beschäftige.

    Aber es ist ganz ähnlich, wie auch den jungen Leuten eingeredet wird, sie sollen keine Kinder bekommen oder heiraten. Es wird überhaupt davon abgeraten, sich mit dem Lebenszyklus als solchem zu beschäftigen. Gewollt ist anscheinend der Mensch der ganz für sich lebt und nie etwas hat.

    Für mich ist das Besondere am Tod, dass er uns daran erinnert, dass wir unser Leben als immer wiederkehrende Kreise zu ordnen haben wenn wir wollen, dass danach noch etwas kommt…

    Herzlichen Gruß

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebe Kerstin Schade,Mit dem Thema können sich alle auseinandersetzen,dass ist nicht ein Problem,sondern wünschenswert.Hingegen wenn es darauf ankommt,den ganzen Tag die Pflege und Betreuung leisten zu dürfen,-zu müssen, ist es alles andere als lustig! Manche kommen gut durch und andere weichen aus,spezialisieren sich,oder gehen in die Life-Style Jobs.Es scheint,ob wird vieles durcheinander geschüttelt.Wer ist da „Hängemann-Hängefrau“?!

  • silvia sagt:

    Liebe Gré, in gewisser Weise gebe ich Dir recht. Sag mir aber bitte, was ist Pflege in Deinen Augen? Das was derzeit in Krankenhäusern, Heimen, privaten Pflegediensten abläuft ist keine Pflege mehr wie ich sie verstehe, die sich dem Menschen zuwendet. Vielleicht noch nicht einmal weil die Pflegenden das nicht wollen, sondern weil sie es nicht mehr können in dieser kalten, nüchternen, rationellen Maschine „Pflege“. Da ist Zeit, Geld und Effizienz wichtiger als der Mensch, wichtiger als Pflegende und Gepflegte.

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