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Rubrik unterwegs

Feministische Ökonomie global

Von Ina Praetorius

Bericht von der  zwanzigsten Jahresversammlung der IAFFE in Hangzhou/VR China, 24. bis 26. Juni 2011

Fotos: Ina Praetorius

Im deutschsprachigen Raum ist sie kaum bekannt: die „International Association for Feminist Economics“ (IAFFE, sprich: Aiäffi, zu deutsch: Internationale Gesellschaft für Feministische Ökonomie). Gegründet im Jahr 1990 in Washington DC hat die Vereinigung inzwischen ungefähr 600 Mitglieder in 64 Ländern. Besonders gut vertreten sind Nord- und Südamerika, Indien, Ostasien und der pazifische Raum, kaum präsent scheinen hingegen Europa, insbesondere Osteuropa, die GUS-Staaten und die Francophonie zu sein.

Von Anfang an war es das Ziel der IAFFE, Ökonominnen aus dem akademischen Umfeld und feministische Praktikerinnen, die sich für globale und lokale wirtschaftliche Prozesse interessieren, zusammenzuführen. Wie alle Akademikerinnen, die sich ausdrücklich „feministisch“ nennen, hatten auch die US-amerikanischen Gründerinnen der IAFFE das Interesse, wissenschaftliche Analyse und politische Praxis nicht, wie üblich, strikt zu trennen, sondern in ein engagiertes Gespräch zu bringen und so weltgestaltend im Sinne von Geschlechtergerechtigkeit und einem gutem Leben für alle zu wirken.

Als Theologin, die sich schwerpunktmäßig mit wirtschaftsethischen Fragen befasst, interessieren mich die Aktivitäten der IAFFE schon lange. Zwar wäre ich kaum auf die Idee gekommen, zur zwanzigsten Jahresversammlung, die vom 24. bis 26. Juni 2011 an der  Zhejiang  Gongshang Universität in Hangzhou (nahe Shanghai) stattgefunden hat, eigens nach China zu reisen. Aber da ich ohnehin in Fernost unterwegs war, habe ich die Gelegenheit genutzt, als postpatriarchal-religiöser Paradiesvogel drei Tage lang in die globale Community der feministischen Ökonomie einzutauchen: Was diskutieren die da eigentlich? Wie gehen sie miteinander und mit der Welt um? Wie funktioniert eine feministisch-wissenschaftliche Konferenz in der kommunistisch regierten Volksrepublik, in der Facebook gesperrt und Meinungsfreiheit auch sonst nicht gerade groß geschrieben ist?

Zum Glück sind wenigstens die Taxis in China noch preisgünstig. Die 40-minütige Fahrt vom Bahnhof in die boomende „Industrial Development Zone“ der 11-Millionen-Metropole Hangzhou hätte uns sonst ein Vermögen gekostet. Am Eingang des 15-stöckigen Hotels der gehobenen Klasse, in dem die meisten KonferenzteilnehmerInnen wohnen, prangt ein Banner in den chinesischen Nationalfarben gelb und rot: „Welcome Participants in the 20th Annual Conference of IAFFE“. Das Hotel hat einen offensichtlich gut frequentierten Nachtclub und ist umgeben von riesigen Baustellen. Vom angenehm klimatisierten Zimmer im 11. Stock aus können wir beobachten, wie Außenlifte rotbehelmte Arbeiter die noch unfertige Fassade eines Hochhauses rauf- und runtertransportieren. Schwüle 32 Grad Celsius scheinen hier niemanden von der emsigen Bauarbeit abzuhalten.

Atemberaubend großzügig und neu ist auch der Campus, auf dem die Konferenz stattfindet. Allüberall Hightech: Klimaanlagen, Computerarbeitsplätze, Free-WIFI, Übersetzungskabinen, gekonnt gemachte Parkarchitektur … In einigen der eleganten Sitzungsräume stehen auf jedem Tisch weiße Deckeltassen aus edlem Porzellan, gefüllt mit frischem Grüntee. Das Mittagessen wird hingegen ultraschnell in Flugzeugmanier abgegeben: hygienisch abgepackt in Einweg-Plastiktellern samt Chopsticks. So ist effizientes Tagen kein Problem. Der dichte Zeitplan wird denn auch weitgehend minutiös eingehalten: In 61 Sessions stellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Generationen einander und dem Publikum insgesamt etwa 150 „Papers“ vor, zu Themen wie „Gender, Migration and Land in China“ oder „Gendered Segregation in Labor Markets“ oder „Patterns of Caregiving“ oder „Migration and Marriage“ oder „Examining Women’s Engagement with Land Structures in Uganda“. Dazu gibt es Podiumsdiskussionen über den neuen Entwicklungsbericht der Weltbank, die aktuellsten Statistiken zur Care-Ökonomie, die globalen Folgen der Finanzkrise oder die Zukunft der IAFFE. Gerahmt werden die vielen Gruppensitzungen von zwei Plenumsveranstaltungen, in denen über gendersensible Sozialpolitik und die Rolle weiblicher Unternehmerinnen in den aufstrebenden Schwellenländern diskutiert wird.

Abends ist bei festlichen Buffets und sanfter chinesischer Frauenmusik Networking angesagt, denn wie bei allen wissenschaftlichen Kongressen geht es auch hier wohl nur in zweiter oder dritter Linie um Inhalte, vielmehr um Sehen und Gesehenwerden und akademische Jobvermittlung. Als freischaffende Denkerin, die keinerlei Interesse an einem PhD-Stipendium an einer amerikanischen Exzellenz-Universität hat, komme ich mir da etwas deplaziert vor. Die üblichen kongresstouristischen Gepflogenheiten haben feministische Kreise längst erreicht, von politischer Aufbruchsstimmung oder gar rebellischem Schwung ist wenig zu spüren, was auf dem Podium zur Zukunft der IAFFE allerdings auch kritisch vermerkt wird. Die Gründerinnen sind sich durchaus bewusst, dass über die Jahre viel vom anfänglichen Wunsch, akademische Selbstbezogenheit aufzusprengen, verloren gegangen ist.

Was hat mich in Hangzhou und an der IAFFE beeindruckt? Welche Lehren nehme ich mit? Was scheint mir zukunftsträchtig, und wo wünsche ich mir mehr und anderes?

Ich schreibe ungeordnet ein paar Eindrücke auf:

Wieder einmal ist mir bewusst geworden, dass (angehende) Akademikerinnen und Akademiker aus dem etablierten Lehr- und Forschungsbetrieb ein eigenartiges Völkchen sind. Hierarchien, Demuts- und Überlegenheitsgesten, das Blendwerk intellektueller Brillanz und die allgegenwärtige Suche nach der noch besseren Position im noch renommierteren Betrieb entwickeln ein Eigenleben, das oft die inhaltliche Auseinandersetzung bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, auch in Kreisen, die sich „feministisch“ nennen und vor Jahren mit viel weltbewegendem Enthusiasmus angefangen haben.

Offene, kreative Debatten zur Frage, was überhaupt wissenschaftliche Ökonomie sei, wozu sie dient und auf welchen denkerischen und definitorischen Grundlagen sie ruht, finden kaum statt. Dabei wären gerade sie nötig, mindestens so nötig wie detaillierte Statistiken, Fallstudien und „Data-Bases“, wenn sich in dieser fragilen und bedrohten Welt etwas ändern soll. Ich hätte mir einen „Open Space“ gewünscht, in dem auch verrückte Fragen – etwa die nach einem leistungsunabhängigen Grundeinkommen, einer grundlegenden Geldreform oder einer ökonomischen Theorie, die nicht mehr wie selbstverständlich Markt und Staat in die Mitte stellt – hätten formuliert und diskutiert werden können.

Während es zwischen der prominent besetzten, quirligen indischen und der eher ältlich wirkenden US-amerikanischen Delegation immer wieder zu pointierten Wortgefechten kam, scheinen die ebenfalls gut vertretenen ChinesInnen ihre eigenen, weniger auf intellektuelle Brillanz als auf konkrete realpolitische Massnahmen ausgerichteten Debatten zu führen. Das fasziniert ehrfürchtige Staunen angesichts der allgegenwärtigen, aber undurchsichtigen und schweigsamen Wirtschaftsmacht, die den realen Kontext der Konferenz bildete, war für mich deutlich spürbar, blieb aber weitgehend unausgesprochen. Wie gehen wir Frauen im „reichen Westen“ eigentlich damit um, dass vom boomenden Fernen Osten aus Europa sich wie eine Puppenstube und die USA wie ein chronisch kranker Opa ausnehmen? Und was bedeutet dieses noch relativ neue Verhältnis zwischen den Weltregionen für die Weltpolitik der Frauen?

Es waren vor allem die beweglichen und hellwachen Inderinnen, die auch radikale Fragen zu stellen wagten: Müssen wir angesichts der ökologischen Zukunftsaussichten Ökonomie und weibliche Freiheit gleichermaßen neu erfinden? Wie geht das?  Was bedeuten Sozialpolitik und soziale Sicherheit, wenn mehr als 90 Prozent einer Bevölkerung im „informellen“ Sektor tätig ist, wenn also die gängigen, in Europa entwickelten Sozialstaatsmodelle nicht greifen, weil sie auf sogenannt „normale“, also staatlich geregelte Arbeits- und Familienverhältnisse bauen? Wie verhalten sich Frauenrechte, Sozialpolitik und ökologische Notwendigkeiten zueinander? Was bedeutet es für feministisch-ökonomische Theorie und Praxis, dass in absehbarer Zeit bestimmte Weltregionen – die Malediven, Bangladesh – vermutlich nicht mehr bewohnbar, da Opfer des Klimawandels geworden sein werden?

Werde ich wieder zu einer IAFFE-Konferenz fahren? Nein, wenn die Orientierung an akademischen Karrieren und die theorievergessene Konzentration auf „Data-Bases“ zunimmt. Ja, wenn die Konferenz in Indien stattfindet und der Mut der indischen Ökonominnen, quere und radikale Fragen zu stellen, ohne dabei die notwendige wissenschaftliche Gründlichkeit aufzugeben, sich durchsetzt.

Die nächste Konferenz wird aber im Sommer 2012 in Barcelona stattfinden, und die neugewählte Präsidentin stammt aus Chile. Wird das „alte“ Europa zusammen mit dem aufstrebenden Südamerika fähig sein, die IAFFE in eine neue, notwendigerweise mutige Aufbruchsstimmung zu versetzen?

 

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 04.07.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebe Ina, Man/Frau sagt,ich sei eine besondere,aparte Frau mit vielen Erfahrungen.Dennoch bin ich kürzlich als Mitglied aus der Oekumenischen Frauenbewegung ausgetreten nach langer Ueberlegung.Was habe ich dort noch zu schaffen? Einfach Mit-„hötterle“ ist nicht meine Sache.Da ich eine engagierte,ideenreiche Frau bin,ist es klar,dass ich dort keinen Fuss mehr fassen kann.Du bist jetzt weit gereist und schreibst Deine Erfahrungen und Erlebnisse auf,damit wir es betrachten können.Du wirst geschätzt und hast an Wert gewonnen und wirkst auch weiter auf dieser Schiene des Wohlwollens und Networks.Und ich nehme mir die Freiheit,losgelöst von allem was kaum etwas bringt,meiner ureignen Kreativität eine Form zu geben die für mich stimmt. Es grüsst!

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Ina Praetorius, für diesen Bericht, den ich deshalb für wichtig erachte, weil er auf ein Defizit verweist, welches sich auch unter FeminstInnen vorherrscht, die sich mit Fragen der Ökonomie im akademischen Rahmen beschäftigen.
    Einmal mehr wird klar: Die Frage nach dem ‚ guten Leben für alle ‚ ist eben nicht (allein) den sog. SpezialistInnen der Ökonomie zu überlassen, sondern geht uns alle an, weil es eine Frage auf Leben und Tod ist. Unser vorherrschendes Wirtschaftssystem, welches vor allem auf Konkurrenz, unbegrenztes Wachstum und Profit um jeden Preis ausgerichtet ist, bedroht Mensch und Erde gleichermassen.
    Umso notwendiger, dass mannfrau gemeinsam nach einem guten und gleichwürdigen Leben für alle streben und sich entsprechend engagieren.

  • Ute Plass sagt:

    Danke, Ina Praetorius, für diesen Bericht, den ich deshalb für wichtig erachte, weil er auf ein Defizit verweist, welches auch unter FeminstInnen vorherrscht, die sich mit Fragen der Ökonomie im akademischen Rahmen beschäftigen.
    Einmal mehr wird klar: Die Frage nach dem ‚ guten Leben für alle ‚ ist eben nicht (allein) den sog. SpezialistInnen der Ökonomie zu überlassen, sondern geht uns alle an, weil es eine Frage auf Leben und Tod ist. Unser vorherrschendes Wirtschaftssystem, welches vor allem auf Konkurrenz, unbegrenztes Wachstum und Profit um jeden Preis ausgerichtet ist, bedroht Mensch und Erde gleichermassen.
    Umso notwendiger, dass mannfrau gemeinsam nach einem guten und gleichwürdigen Leben für alle streben und sich entsprechend engagieren.

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