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Care – eine feministische Kritik der politischen Ökonomie?

Von Andrea Günter

„Care – eine feministische Kritik der politischen Ökonomie?“ – So titelt die Zeitschrift „Das Argument“ seine Ausgabe Nr. 292. Für Andrea Günter Anlass zu einer kritischen Bestandsaufnahme des Konzepts Care, zu Anfragen und Anregungen.

Das Konzept „Care“ scheint mittlerweile zum Nabel der feministischen Ethik und Ökonomiekritik avanciert. Zugleich sind Konzepte ökonomischer Kritik wie die „Reproduktionsarbeit“ aus dem analytischen Repertoire verschwunden. Die Diskussion um Hausarbeit erscheint als traditionelles Relikt. Redakteurinnen der Zeitschrift „Das Argument“, die eine lange sozialistische Tradition hat, haben diese Verschiebungen zum Thema gemacht. Sie haken nach: Warum kommt es zu solchen Verschiebungen? Und was bedeuten sie? Was kann nun durch das Konzept „Care“ zur Sprache gebracht werden? Was nicht? Was kommt neu und anders in den Blick? Was geht verloren?

Was geschieht mit den alten Analysen, Konzepten und vor allem mit den alten frauenpolitischen Zielen, fragt etwa Frigga Haug in ihrem Beitrag. Was heißt es und was geschieht mit gerade auch den politischen Erfahrungen, wenn englische Begriffe auf deutsche Kontexte und deutsche politische Geschichte gelegt werden?

Das Konzept Care leistet beispielweise, dass Tätigkeitsbereiche, in denen vorwiegend Frauen aktiv waren und sind, Wertschätzung erfahren können, da die alten Worte dafür wie „Fürsorge“ und „Liebesdienst“ heute abschätzig klingen. (329) Offen bleibt dabei, was mit der Frauenfrage geschieht, wenn Konzepte de-gendered werden. Werden Frauen neu unsichtbar, neu und neuartig subsumiert unter einem vermeintlich neutralen Allgemeinen, stellt Anna Hartman als Fragestellung in den Raum. (402-407)

Dann erlaubt das Konzept Care, Für-Sorgen als Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken im Unterschied zu beispielsweise Haushalt als Tätigkeitsbereich. Somit kommt die Gesamtheit der bezahlten und unbezahlten Sorgearbeit in den Blick, macht Gabriele Winkler stark. (336) Diese Entwicklung vermag außerdem aktuellen Erfahrungen entsprechen, beobachtbar an den Veränderungen dessen, eine Familie mit Mittagessen zu versorgen, was zunehmend weniger mittags und zuhause, sondern zunehmend mehr in Kinderhorten, Schulen, Mensen, beim Mittagstisch im Gasthaus, beim Bäcker-, Döner- oder Hamburgerimbiss zwischendurch geschieht.

Außerdem kommt in den Blick, dass nicht nur diejenigen Bereiche, die als Fürsorgetätigkeiten verstanden werden, solche praktizieren. Die Arbeit einer Hausfrau folgt rationalen bis rationalistischen Prinzipien, die einer Fürsorge- oder Sozialarbeiterin ebenso, auch wenn wir heute eher von „Professionalität“ sprechen. Außerdem steht eine Auseinandersetzung damit an, wie fürsorglich der Fürsorgebereich überhaupt ist und war, was etwa anschaulich wird, wenn wir an die Heimerziehung von Kindern zu Beginn des 20. Jahrhunderts denken. Das Aufziehen von Kindern ist eine Fürsorgetätigkeit, das heißt aber nicht, dass sie auch fürsorglich im Sinne von einfühlsam, verständnisvoll, personenorientiert verlaufen muss.

Für-Sorge muss und kann also in einem Koordinatensystem gedacht, analysiert und entwickelt werden, wobei eine Koordination aus Fürsorge bzw. Nicht-Fürsorge als Tätigkeit besteht, und die andere aus Fürsorge bzw. Nicht-Fürsorge als Lebens- und Arbeitsbereiche.

Vielleicht liegt in einer solchen neuen und komplexeren Blickrichtung, die gerade auch quer zu definierten Bereichen Unterschiede und Verbindungen macht, die Möglichkeit zur Aufhebung der Hierarchisierung durch eingespielte Bewertungszusammenhänge, zum Beispiel wenn etablierte Bereiche nun anhand ihrer Professionalitätsstandards verglichen und vielleicht sogar einmal danach entlohnt werden. Zugleich wird die Qualifizierung der Fürsorgebereiche als fürsorglich virulent. Auch für diese gilt die Rationalismuskritik: Wie viel Professionalität und Formalisierung wollen wir? Und: Reicht der Wunsch nach neuen gelingenden, sozialen Beziehungen aus, um sie ins Leben zu rufen? Gerade die Professionalisierung der Pflegearbeit zeigt den gemeinsamen Nenner mit dem Rational(isierungs)-ismus an und verweist auf dessen Grenzen, wird zum Bumerang und trojanischen Pferd von Professionalisierungsbestrebungen überhaupt. Aber ich denke auch an die vielen gescheiterten Projekte, die neue Formen des Zusammenlebens aufzubauen versuchten, und die trotz guten Willens scheitern, weniger am Geld oder an der Architektur, vielmehr an Illusionen über die realen Möglichkeiten in (den meisten) Beziehungen. Umso mehr sind die Projekte zu bewundern, denen es gelingt, Notwendigkeiten, Materielles und Beziehungsqualitäten zusammenzubinden.

Andererseits kann, die letzten 30 Jahre in den Blick genommen, festgehalten werden, dass gleichzeitig mit der Professionalisierung der Fürsorgearbeiten und -bereiche auch der Profitbereich entlang von Fürsorgetätigkeiten entwickelt wurde und sich diese Entwicklungen – zum Beispiel die von Teamfähigkeit – beeinflussen (könnten). Was den Profitbereiche betrifft, so gibt es schon länger den fürsorglich-väterlichen Unternehmer, an den in den letzten Jahren gerne erinnert wurde. Aber vor allem auch die Entwicklung der Organisationskulturen hat viel mit der Entwicklung von Fürsorge zu tun. Daran gibt es ein unternehmerisches Interesse – von Non-Profit und Fürsorgebereichen ebenso wie von Profitbereichen. Aber nicht nur ein unternehmerisches Interesse. Auch im Profitbereich sind Menschen gemischt, also nicht eindeutig motiviert, folgen zum Glück verschiedenen Motivationen zugleich (so drückt Sigmund Freud das in „Das Unbehagen in der Kultur“ aus). Menschen wollen zugleich unternehmerisch und fürsorglich denken. Wenn wir dies als komplexe Motivation unterstellen, ist das Glas sowohl im Profit- als auch im non-Profit-Bereich immer halb voll und halb leer, was die Möglichkeiten der Entwicklung von Fürsorge als ethisches Maß betrifft. Halb voll ist es, wenn wir entscheiden können, wie diese komplexe Motivation zu entwickeln, zu qualifizieren ist. Eine Fürsorglichkeit dieser komplexen Motivation und dem Gemeinwesen gleichermaßen gegenüber. Geht das?

Während durch solche Durchquerungen von Tätigkeitsbereichen neue Bewertungen in den Blick geraten, werden andererseits also zugleich die Grenzen dieser Werte spür- und profilierbar. Die Professionalisierung von Fürsorgebereichen wie der Pflege geht mit einer Rationalisierung des Bereichs einher, was Fürsorge regelrecht zum Ziel hat, wobei deutlich wird, dass dies der Fürsorge als Tätigkeit regelrecht widerspricht …

Als Fan von Carol Gilligans Kritik der Care-Ethik wundert mich das nicht. Zwar hat Gilligan „Care“ als Alternative zur Prinzipiengerechtigkeit stark gemacht. Sie hat zugleich aber auch vorgeführt, dass „Care“ nicht automatisch „gut“ ist, also automatisch moralisch qualifiziert. „Care“ kann nämlich Unterordnungsverhältnisse erzeugen und Asymmetrien verstärken. Zugleich beinhaltete schon das Modell, das Gilligan mit der „Care-Ethik“ kritisiert, dass auch die Prinzipienmoral nicht automatisch gut ist, auch von dieser wurde und wird Qualifizierung – moralische Reifung – verlangt. Beide müssen gleichermaßen qualifiziert und ergänzt werden.

Was allerdings könnte das in Bezug auf die Komplexität des Phänomens „Care“ heißen? Sabine Plonz stellt „Care“ als das ethische Maß gerade auch der Wirtschaftspraxis vor, da es menschlichen Mehrwert produziert. Plonz kennzeichnet das Konzept sogar als eine menschliche Realutopie, die international kommuniziert werden kann. (365-380) Dennoch bleibt für mich Gilligans Anfrage an „Care“ nicht übergehbar. „Wenn Frauen zu sehr lieben“ hatte Robin Norwood einmal die kritische Seite von „Care“ auf den Punkt gebracht, da geht es nicht nur um die Paarliebe, sondern um weiblichen Altruismus als neurotische Struktur. Vielleicht muss man heute – von Frauenseite aus – idealisiertes Care (als verhüllte Reproduktion eines romantischen Liebespathos), professionalisiertes Care und moralisch ausgereiftes Care einander gegenüberstellen, und zwar gemessen an der „Carisierung“ der Carearbeitsbereiche, die Professionalisierungsbestrebungen und damit ihren „Schatten“, also ihre ökonomische Seite.

Damit wird auch die Motivation für Care-Arbeit schlüssig (Iris Nowak, 381-391), die realökonomische Nachteile in Kauf nimmt. Der „Mehrwert mehr Menschlichkeit“ (Plonz) praktiziert nämlich in doppelter asymmetrischer Kontur care- und ökonomische Beziehungen gleichermaßen und als einen einzigen Komplex: die Asymmetrie zwischen Pflegenden und zu Pflegenden in Kombination mit der zwischen Pflegenden und anderweitig Lohn Erwerbenden. Was aber heißt das für das Verhältnis von zu Pflegenden und anderweitig Lohn Erwerbenden? Welche Spannungen müssen hier berücksichtig werden, um wiederum die Situation der Pflegenden zu rekonstruieren? Zumal diese ja gegenüber den zu Pflegenden in einem Machtvorteil zu sein scheinen, was die Professionalisierung aber durchaus auch konterkariert?

So wird von den Herausgeberinnen des Schwerpunkthefts zu Recht angeführt, dass Care als Fokus, Tätigkeiten zu konturieren, strukturelle Fragen der Gesellschaft in den Hintergrund drängt (330). Dennoch scheint mir die Bedeutung von Care hierbei nicht eine einfache. Das Konzept kann als Vexierbild dafür genutzt werden, eingespielten strukturellen Konstellationen eine neue Tiefenschärfe zu geben, die es vielleicht sogar ermöglicht, strukturellen Veränderungen und dem Verhältnis solcher Veränderungen zu nicht Veränderten oder sogar nicht Veränderbaren auf die Schliche zu kommen. Vielleicht hilft es, es hierzu in ein Koordinationssystem aufzulösen, um genau unterscheiden, vertiefen, präzisieren, Anfragen stellen und Richtungen für Veränderungsbestrebungen in den Blick nehmen zu können. Auf jeden Fall wird das Care-Paradigma dann besonders produktiv, wenn „Care“ nicht normativ, sondern zugleich wenigstens rekonstruktiv betrachtet wird. Die Herausgeberinnen und Autorinnen des Care-Schwerpunkt-Heftes haben wesentliche Anfragen, Aspekte und Analysen hierzu ins Spiel gebracht und entwickelt.

Autorin: Andrea Günter
Eingestellt am: 16.08.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Zu bedenken wäre auch bei dieser-hoffentlich wiederbelebten-Debatte,dass der Blick auch auf den Einsatz ausländischer Frauen resp Frauen mit sog Migrationshintergrund fällt und deren Arbeit gesehen wird ,die nicht nur traditionell in ihren Familien Fürsorge /Pflege /Betreuungsarbeit leisten ,sondern die zunehmend als strukturell notwendige und tragende Elemente eines gesellschaftlichen Versorgungssystems „Familienarbeit“ als Dienstleistung erbringen und somit Defizite abdecken.Eine Chance läge darin ,für diese vielen Frauen alltagsbegleitende Qualifizierung anzubieten und ihnen so Professionalität (auch formal )zu ermöglichen und ihre gesellschaftliche Integration und persönliche Unabhängigkeit zu befördern.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich finde es keineswegs schlimm für mich, dass ich diese Gedankengänge bzw. die benützen Worte dafür nicht verstehe; es ist aber schade. Denn so viel weiss ich schon von bzw:
    da steht bestimmt was ganz Wichtiges.

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,
    Ja, aber wenn die Migrantinnen und Ausländerinnen ein Defizit abdecken,dann möchte man sie auch dort behalten als fleissige Arbeiterinnen.Unterschwellig lässt man/Frau sie dann gewähren,die schwierigen und unterprivilegierte Arbeit zu verrichten,dieses Feld zu beackern.Am Abend ist Frau dann müde und vermag kaum Energie freizusetzen,einen Kurs oder Weiterbildung in Betracht zu ziehen.Oder irgendeinen anderen Impuls aufzunehmen.Nicht erst heutzutage war das so!

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Werden Frauen neu unsichtbar, neu und neuartig subsumiert unter einem vermeintlich neutralen Allgemeinen, stellt Anna Hartman als Fragestellung in den Raum. (402-407)“

    Frauen zu subsumieren, entspricht doch dem patriarchalischen Handeln und Denken ganz und gar. Hauptsache Frauen liefern ihre Kraft in die Existenz des Patriarchats.

    „Dann erlaubt das Konzept Care, Für-Sorgen als Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken im Unterschied zu beispielsweise Haushalt als Tätigkeitsbereich. Somit kommt die Gesamtheit der bezahlten und unbezahlten Sorgearbeit in den Blick, macht Gabriele Winkler stark. (336)“

    Jede klügste oder dämlichste Person der heutigen Zeit, kann sich vorstellen, dass Für-Sorge die Grundlage des Lebens ist. Wir haben jedoch alle so viele Aufgaben und Pflichten, die Tag für Tag erledigt werden müssen, dass wir oft keine Zeit haben, um darüber nachzudenken oder was zu verändern.

    Nicht selten zwingt uns die Krankheit oder andere „Niederlage“ dazu, umzudenken. Spätestens dann, wenn wir keinen Pfennig zum Überleben haben, stellt sich die Frage: Muss und kann ich es liefern, was der Arbeits-Geber von mir verlangt? Pommes-Bude liefert so lange die Alternative zur Ernährung, bis die Krankheit als Ergebnis schlechter Ernährung anrückt. Keine Angst, so schnell werden wir davon nichts erfahren! Die Mediziner mit ihren großen Pharma-Brüdern halten uns so lange von der Ernährungs-Weisheit ab, wie lange es den Oberbossen Gewinn eintreibt!

    „Auch für diese gilt die Rationalismuskritik: Wie viel Professionalität und Formalisierung wollen wir? Und: Reicht der Wunsch nach neuen gelingenden, sozialen Beziehungen aus, um sie ins Leben zu rufen? Gerade die Professionalisierung der Pflegearbeit zeigt den gemeinsamen Nenner mit dem Rational(isierungs)-ismus an und verweist auf dessen Grenzen, wird zum Bumerang und trojanischen Pferd von Professionalisierungsbestrebungen überhaupt. Aber ich denke auch an die vielen gescheiterten Projekte, die neue Formen des Zusammenlebens aufzubauen versuchten, und die trotz guten Willens scheitern, weniger am Geld oder an der Architektur, vielmehr an Illusionen über die realen Möglichkeiten in (den meisten) Beziehungen. Umso mehr sind die Projekte zu bewundern, denen es gelingt, Notwendigkeiten, Materielles und Beziehungsqualitäten zusammenzubinden.“

    Professionalisierung werden wir – so mein Eindruck – in der heutigen Zeit nicht los. Was heißt es aber genau? Eine Gegen-Frage: Reicht es einem alten behinderten Menschen aus, wenn eine Krankenschwester täglich ihm in Eile beim Anziehen hilft, den Arsch abwischt und die Haare kämpft und dann verschwindet? – Mehr liefert die Kasse wohl nicht.

    „Was den Profitbereiche betrifft, so gibt es schon länger den fürsorglich-väterlichen Unternehmer, an den in den letzten Jahren gerne erinnert wurde. Aber vor allem auch die Entwicklung der Organisationskulturen hat viel mit der Entwicklung von Fürsorge zu tun.“

    Ich mache mir keine Illusionen. Es heißt im Patriarchat: Frist oder stirbt. So nehme ich das Leben um mich herum wahr. Wenn wir Frauen den Knie-Knick als Einverständnis zur Ergebung nicht vergessen, werden wir immer wieder in die Falle tappen.

    „Was den Profitbereiche betrifft, so gibt es schon länger den fürsorglich-väterlichen Unternehmer, an den in den letzten Jahren gerne erinnert wurde.“

    Ich wollte schon als Kind leben wie mein Vater und nicht wie meine Mutter! Ich habe ihre Sorgen als Kind mitgetragen. – Ratte mal, was daraus geworden ist?

    „Wenn wir dies als komplexe Motivation unterstellen, ist das Glas sowohl im Profit- als auch im non-Profit-Bereich immer halb voll und halb leer, was die Möglichkeiten der Entwicklung von Fürsorge als ethisches Maß betrifft. Halb voll ist es, wenn wir entscheiden können, wie diese komplexe Motivation zu entwickeln, zu qualifizieren ist. Eine Fürsorglichkeit dieser komplexen Motivation und dem Gemeinwesen gleichermaßen gegenüber. Geht das?“

    Ich habe womöglich Pech im Leben, aber ich kann gesellschaftlich nichts entscheiden. Ich kann mich nun praktisch als Person ent-ziehen und das tue ich regelmäßig, wenn´s mir zu bunt wird. Ich will hier nicht dem Pessimismus Vorfahrt geben. Nun, ich bin der Meinung, dass wir Frauen als Menschen-Gruppe sich über die eigenen „Qualitäten“ bewusst werden müssen, damit sich etwas „weg vom Patriarchat“ faktisch verändern kann.

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