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Rubrik erinnern, lesen

Ich lebe, weil du dich erinnerst

Von Beatrice Michel Leuthold

Barbara Degen schrieb in dem Buch „Das Herz schlägt in Ravensbrück“ über Widerstands- und Überlebensstrategien von Frauen im Konzentrationslager. Eine Leseerfahrung von Beatrice Michel, Autorin und Filmemacherin.

Hannah Arendt verabscheute jedes Pathos, selbst jenes um die Opfer. Sie sagte, man dürfe nicht pathetisch über den Holocaust sich äussern, weil man dadurch Gefahr laufe, ihn zu verharmlosen.

Eine Freundin drückte mir das Herz von Ravensbrück in die Hände. Und ich schaute weg. In den 90er Jahren hatte ich mich drei Jahre lang fast ausschliesslich mit der Shoah beschäftigt, ich arbeitete an der Geschichte einer jüdisch-ungarischen Familie, machte den Dokumentarfilm „Kaddisch“. Danach war ich einige Zeit krank.

Jetzt liegt „Ravensbrück“ auf meinem Tisch. Ich beginne die Zeichnungen im Buch anzuschauen, die vielen Bilder, das Totenbild der 17jährigen

Jeannine Lejard, Kate Diehns-Bitts Zeichnungen und all die anderen. Es entsteht ein Sog. In der nachfolgenden Nacht beginne ich die Gedichte zu lesen, darauf im hintersten Teil des Buches die Kurzbiografien. Selma Grünewald (23.6.1899-15.5.1942), 1941 nach Ravensbrück verschleppt, im Mai 1942 in Bernburg vergast. Einen Bruchteil von Leben lese ich da, aber wie viel gibt dieser Teil schon preis. Also muss ich nach vorne blättern. Mein Blick fällt auf ein Zitat in blauen Lettern: „Am Abend, bevor sie abtransportiert worden sind, habe ich mich mit der Helene auf den jüdischen Block geschlichen. Das war ein Abschied, das kann man nicht schildern.“ Ich stocke, wie soll ich über etwas schreiben, von dem bereits die Originalaussage lautet, es sei nicht zu schildern? Ich lese weiter, wie die Frauen in Ravensbrück die aus den Deportationen zurückgeschickten Kleider sortieren mussten, somit das Ausmass der Massenmorde erfahren konnten, in einem Rocksaum einen Zettel mit dem Namen „Bernburg“ fanden. Sie wussten nun, dass „Bernburg“ kein „Erholungslager“ war, wie die SS verkündete, und sie verbreiten im Geheimen diese Nachricht.

Nächtelang lese ich weiter, suche Namen, suche in den Biografien nach Verbindungen, vergleich die Schicksale, lese vor- und rückwärts, was ich sonst nie tue. Stosse auf das Bild von Hannah Höch „Die Mutter“, 1940,  mit Bezug auf die Kinder im Lager. Stosse auf diese eine Gruppe, auf jene andere. Auf das Bild von Maja Berezowska, „Kaninchen“, 1943, mit Bezug auf die Opfer medizinischer Experimente. Hätte ich in dieser Situation noch zeichnen, ein Gedicht schreiben können? Plötzlich beginne ich mich einzubeziehen, was völlig unmöglich, ja egozentrisch ist, denn nichts lässt sich vergleichen mit diesem Horror. Dennoch frage ich mich, wäre ich feige, wäre ich mutig gewesen, fähig zu Solidarität oder zu Verrat? Man erfährt Bösartigkeit, aber auch todesmutige Hilfeleistung, Widerstand gegen das Höllenszenarium im Alltäglichen. Mitmenschlichkeit wird zum letzten Strohhalm. Weiterlesen und Respekt empfinden für die Frauen, die immer wieder versuchen, sich selber treu zu bleiben.

Die Vielfalt des Buches ist gross. Immer wieder darin blättern, Neues, Anderes erleben, je nach Gemütslage, versuchen sich in Situationen zu versetzen oder vor der Unerträglichkeit fliehen. Und Sätze wie „Ich lebe, weil du dich erinnerst“ graben sich ein. Und die Gesichter, festgehalten auf Fotos und in Zeichnungen, Portraits von Mitgefangenen, prägen sich ein. Keine Verharmlosungen, kein Pathos in diesem Buch, das habe ich geschätzt.

Barbara Degen: Das Herz schlägt in Ravensbrück. Die Gedenkkultur der Frauen. Budrich, 2010, 26,90 Euro.

Autorin: Beatrice Michel Leuthold
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 19.08.2011
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