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Journalismus in Beziehung: Reportagen aus der Demokratischen Republik Kongo

Von Ina Praetorius

Wer sich über die Demokratische Republik Kongo, das ehemalige Zaire, die vormalige Kolonie „Belgisch Kongo“, wer sich also über Geschichte, Politik, Kultur und Alltag dieses bestimmten Landes in Afrika informieren will, hat es schwer. Einige wenige Themen dominieren die Berichterstattung in den „grossen“ Medien: Krieg, Massenvergewaltigung, Strassenkinder, Aberglaube, AIDS, Hunger, Rumba.

Wer sich einen Google-Alert zum Thema einrichtet, stellt zudem fest: Eine schreibt vom anderen ab. Wenige Journalisten und Journalistinnen scheinen sich an den Ort des Geschehens zu trauen, um selbst zu recherchieren. Schliesslich stehen auf den Webseiten der europäischen Aussenministerien seit Jahren Warnungen, zum Beispiel diese: „Vor Reisen in die Demokratische Republik Kongo wird gewarnt. Dies gilt insbesondere für die Provinzen … Nord- und Süd-Kivu, wo regelmässig Kämpfe zwischen Regierungstruppen und verschiedenen Rebellengruppen stattfinden. … Die Sicherheitslage im gesamten Land ist weiterhin fragil.“

Andrea Böhm, studierte Politologin und seit Jahren journalistisch tätig für „taz“, „Zeit“ und „Geo“, traut sich, seit 2002 immer wieder. Inzwischen ist ihr die Hauptstadt Kinshasa „ans Herz gewachsen“, und die Kriegsgebiete im Osten hat sie mehrfach bereist. Einige ihrer Reportagen hat sie jetzt als Buch herausgebracht.

Sie berichtet über den „logistischen Herkulesakt“ (203) der ersten freien Wahlen im Jahr 2006, erst aus Kinshasa, dann aus Süd-Kivu, wo Jean-Claude Kibala, vormals Ingenieur bei der Deutsche-Bahn-AG, die Wahlen verliert, dann aber, seit 2008, als Vize-Gouverneur amtet. Sie trifft Major Honorine Munyole, Polizistin in Bukavu, die sich dafür einsetzt, dass wenigstens einige der von Rebellen, Regierungssoldaten, Ehemännern oder wem auch immer vergewaltigten Frauen vor Gericht gehen. In Butembo (Süd-Kivu) begibt sie sich auf die Spur der Mayi-Mayi-Befehlshaberin Kavira, von der nicht klar ist, ob sie als Schülerin freiwillig zu den Rebellen übergelaufen ist, „weil Gott es so wollte“ (133), oder ob Kommandant Kopokopo sie zwangsrekrutiert hat.

In der Kleinstadt Walungu besucht sie den Stützpunkt des pakistanischen Bataillons der UN-Blauhelmmission mit seinen gepflegten Blumenbeeten und plaudert mit Major Saeed über die Schwierigkeit, mit einem Rebellenangriff zurechtzukommen, der mittels Handy zunächst auf Swahili gemeldet, dann erst in eine französische und eine englische Kurzform verwandelt und schliesslich von nur urdu sprechenden Peacekeepers abgewehrt werden soll, und zwar ohne die Hilfe von ortskundigen Kongolesen, die ihnen den Weg zum abgelegenen Ort des Geschehens hätten zeigen können. Sie begibt sich von Kinshasa aus auf dem Landweg – auf dem Rücksitz von Motorrädern, zu Fuss, über wackelige Brücken und im Geländewagen eines Wahlkämpfers – in die Kasai-Provinzen, wo sie die Geschichte des ersten schwarzamerikanischen Missionars William Sheppard rekonstruiert, dann in die Diamantenminen von Mbuji-Mayi, wo der zwölfjährige Tshisuaka unter unwürdigen Bedingungen winzige Rohdiamanten aus Erdhaufen siebt und sich dagegen wehrt, in die Schule zu gehen, weil er, wie alle seine Kollegen, täglich auf den ganz grossen Fund hofft.

In Kinshasa besucht sie  Judex, der im Stadion Tata Raphael – hier besiegte im Jahr 1974 Muhamed Ali Georges Foreman – Frauen im Boxkampf trainiert, und den Künstler Freddy, der aus Munitionsschrott und alten Löffeln, die er sich von Strassenkindern auf Müllhalden zusammensuchen lässt, Skulpturen baut. Und sie begleitet die Musikerinnen und Musiker des „orchestre symphonique kimbanguiste“, die inzwischen durch den Kultfilm „Kinshasa Symphony“ zu Ruhm in westlichen Metropolen gelangt sind, zu Proben und Konzerten.

Andrea Böhm schreibt in der Ich-Form, rasant, witzig oder auch zornig, und immer wieder voller Selbstironie gegenüber dem eigenen Berufsstand. Virtuos verwebt sie historische Rückblenden mit bizarren oder beschaulichen Alltäglichkeiten und sorgfältig-präziser Nachdenklichkeit, ohne je aufdringlich betroffen zu sein oder einem der sattsam bekannten Afrika-Klischees aufzusitzen. Vielleicht liegt das Geheimnis und die Besonderheit ihrer Annäherung an die grandios-chaotische kongolesische Wirklichkeit in ihrer Sympathie für wirkliche, komplizierte Personen, zu denen sie mehr als nur die gängigen inszenierten Ultrakurz-Interviewbeziehungen pflegt. Vielleicht wären solcherart freundschaftliche Beziehungen überhaupt ein Weg, um allmählich aus dem Dickicht von kolonialen und postkolonialen Verbrechen, Traumatisierungen, Klischees und Schuldzuweisungen herauszufinden?

Lebten wir noch im Zeitalter des Buches, so müsste ich jetzt schreiben, dass ich mir mehr Bücher von Andrea Böhm wünsche. Im Zeitalter des Internet kann ich mir diesen Schlusssatz glücklicherweise sparen. Denn sie unterhält längst einen äusserst lesenswerten Blog „Von Kabul bis Kinshasa“, der mich laufend über ihre Reisen und die dazugehörigen nachdenklich-widerständigen Analysen informiert.

Andrea Böhm. Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo, München (Pantheon) 2011, 270 Seiten, 15 Euro.

Fotos: Ina Praetorius

Autorin: Ina Praetorius
Eingestellt am: 21.08.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Els Kazadi sagt:

    Liebe Ina,

    Welch gute Idee, über das tolle Buch von Andrea Böhm zu diskutieren! Ich habe das Werk auch nit grosser Begeisterung gelesen, und fand es, sogar als alt-angesiedelte Europäerin, höchst aufschlussreich. Es half mir, so viele Kenntnisse aus der kongol. Vergangenheit aufzufrischen und Tatsachen, die wir nur übers Fernsehen mitbekommen, hautnah zu erleben.
    Ich möchte auch gerne, dass Andrea Böhm weiter mit dem Kongo verbunden bleibt und uns immer wieder aus ihrer Sicht
    die Situation beschreibt.

    Mit bestem Dank und herzl. Grüssen, Els

  • Liebe Els, danke für Deine Reaktion! Ich würde gerne einmal ausführlich mit Dir/Euch, die Ihr seit Jahrzehnten zwischen den „zwei Welten“ (?) pendelt, darüber sprechen, wie sich die verkürzte Wahrnehmung des Kongo – Exotisches Märchenland versus Herz der Finsternis – für Euch anfühlt und auswirkt. Oder positiv gewendet: was bedeutet es, wenn eine wie Andrea Böhm endlich mal öffentlich anerkennt, dass der Kongo „ganz normal“ ist: ein Ort, an dem, wie überall, ganz verschiedene Leute miteinander leben: Nachdenkliche und korrupte und abergläubische und verunsicherte und Professorinnen und Künstler und Reiche und Kinder und verrückte und und… Was würde es bedeuten, wenn diese schlichte Tatsache allgemein anerkannt wäre? Was im übrigen auch bedeuten würde, dass „der Westen“(?) für KongolesInnen nicht mehr das Eldorado einerseits, den Ursprung des Bösen andererseits darstellen müsste? Ja: discutons ensemble!

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