beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik erinnern

Keine Frauenbefreiung ohne neue Sexualkultur

Von Dorothee Markert

Carla Lonzi, die schon 1982 im Alter von 51 Jahren an Krebs gestorben ist, war eine der Gründerinnen der ersten italienischen Frauengruppe „Rivolta femminile“, die die Selbst-Bewusstwerdung der Frauen und die Geschlechterdifferenz in den Mittelpunkt ihres Aufbruchs stellte. Im eigenen Verlag der Gruppe veröffentlichte sie 1970 und 1971 zwei wichtige Grundlagentexte der italienischen Frauenbewegung: „Wir spucken auf Hegel“ und „Die klitoridische Frau und die vaginale Frau“.

Obwohl die Texte schon 1975 im Merve Verlag Berlin unter dem Titel „Die Lust, Frau zu sein“ in deutscher Übersetzung erschienen sind und auch in der Frauenbewegung diskutiert wurden, habe ich sie damals entweder nicht richtig gelesen oder nicht verstanden. In dieser Zeit erlebten wir gerade die erste Spaltung in der Frauenbewegung, die zwischen heterosexuellen und lesbischen Frauen, wobei die Lesben sich selbst als die besseren Feministinnen, als „Avantgarde“ fantasierten.  Den Text von der klitoridischen und der vaginalen Frau lehnte ich schon vom Titel her ab, denn ich hielt ihn für ein neues ideologisches Angebot an Frauen, um sich über andere Frauen stellen zu können.

Erst jetzt habe ich den Text im Zusammenhang mit einer Literaturrecherche für die Übersetzung eines Diotima-Buchs gründlich gelesen und Carla Lonzis Thesen eine Zeitlang mit mir herumgetragen, um zu prüfen, ob sie immer noch gelten. Am Beispiel der Sexualität verstand ich nun auch besser, was die Diotima-Philosophinnen meinen, wenn sie davon sprechen, die Geschlechterdifferenz sei eine asymmetrische Differenz, die nicht in den Denkfiguren von Gegensätzlichkeit, gegenseitiger Ergänzung oder einem Mehr oder Weniger zu erfassen sei.

Carla Lonzi fordert eine Sexualkultur, die der Tatsache Rechnung trägt, dass das weibliche Geschlechtsorgan die Klitoris und nicht die Vagina ist. Während für den Mann der Vorgang der Befruchtung und seine höchste Lust im Koitus zusammenfallen, gelingt es der Frau nur unter großen Schwierigkeiten, im Koitus zum Orgasmus zu kommen. Dass die Vagina organisch dafür gar nicht ausgestattet ist, war schon zu Carla Lonzis Zeit umfassend wissenschaftlich belegt worden, beispielsweise im Kinseyreport oder in den Untersuchungen von Masters und Johnson.

„Millionen von Frauen, die seit so langer Zeit ein tiefes, umfassendes Unbehagen gegenüber der Sexualität zum Ausdruck bringen, sind eine Konstante in der Geschichte der weiblichen Menschheit, die die Notwendigkeit einer Veränderung der Welt aufzeigt und bestätigt.“ (S. 42) Komplementär sind Frauen und Männer von ihrer organischen Ausstattung her also nur in Bezug auf die Fortpflanzung, nicht in Bezug auf die sexuelle Lust. „Die vaginale Lust ist für die Frau nicht die umfassendste und vollkommenste Lust, sondern die offizielle Lust der patriarchalischen Sexualkultur.“ (S. 51)

Wie patriarchal unsere Kultur nach wie vor ist, lässt sich daran ablesen, dass der Koitus auch heute noch mit Sexualität – „richtigem Sex“ – gleichgesetzt wird, während alle anderen Befriedigungsmöglichkeiten als Vorspiel zum Eigentlichen oder gar als minderwertige „Masturbation“ gelten, obwohl – wie Lonzi richtig bemerkt – „der Unterschied zwischen Masturbation und Nicht-Masturbation darin (besteht), die Gegenwart des anderen wahrzunehmen, und in der gegenseitigen Erregung und nicht darin, das Koitusmodell auszuführen“ (S. 49).

Über die direkte Reizung der Klitoris zum Orgasmus zu kommen, bezeichneten Freud und Reich, damals große Autoritäten, gegen die Lonzi unter anderem anschreibt, als Zeichen von Unreife, Vermännlichung und Frigidität. So wurde den Frauen ihr eigenes Sexualorgan und ihr eigenständiges Lustempfinden durch Verbote, Schuldgefühle und Abwertung mies gemacht, während eine umfassende Propaganda – heute unterstützt durch die Medien und noch frühere Koituserfahrungen der Mädchen – sie zur „richtigen“, „reifen“ Sexualität bringen wollte. Und das ist nicht zufällig die Form der Sexualität, die den Männern entspricht.

Andere patriarchale Kulturen entfernten die Klitoris mit Gewalt, was auch Carla Lonzi schon bekannt war. In ihrem Text ist der Initiationsgesang der alten Frauen abgedruckt, die den Mädchen bei den Ubangi in Afrika die Klitoris herausschneiden. Er beginnt mit den Worten: „Früher waren wir Kameradinnen, aber jetzt gebe ich euch Befehle, denn ich bin ein Mann – seht – und ich habe das Messer in der Hand und werde euch operieren.“ (S. 35)

Nun ist ja nicht zu leugnen, dass es einem Teil der Frauen gelingt, auch im Koitus zum Orgasmus zu kommen. Carla Lonzi bezeichnet diese Frauen als „vaginale Frauen“.  Sie geht davon aus, dass ein Orgasmus über die Vagina nur möglich ist, wenn die Frau sich vollständig dem Genuss des Mannes anpasst und sich an der Vorstellung ihrer eigenen Passivität und Hingabe, „an den Empfindungen und der Ekstase des Einklangs“ erotisiert. Auch Vergewaltigungsfantasien können ihr dabei helfen.

Lonzi meint, zur vaginalen Lust führe kein anderer Weg als der des Erleidens. Und sie weist auf den hohen Preis hin, den „vaginale“ Frauen für diese Form der Lust bezahlen: Der vaginale Genuss wird durch die Übereinstimmung erreicht, und die Übereinstimmung entsteht durch die Anpassung der Frau. Während der Mann in eine Kette physiologischer Reaktionen hineingezogen wird, muss die Frau sich daran gewöhnen, diese „stimulierend zu finden bis zu ihrem Orgasmus“.

Hierbei handelt es sich aber nicht nur um eine sexuelle Anpassung, sondern um eine Haltung der Frau, die dem Mann im Leben und in der Welt den Vorrang gibt. (S. 60) Beim Koitus erreicht der Mann den Orgasmus automatisch, die Frau nur vermittelt. „Wenn die psychische Vermittlung nicht funktioniert, kann die Frau ihn nicht haben“ (S. 61). Schon Masters und Johnson vermuteten, dass die Frau in dem vom Orgasmus gekrönten Koitus sexuell mehr auf das psychosoziale System reagiert als auf die Wirkung des biophysischen Systems. Deshalb muss sie alles dafür tun, dass die Beziehung harmonisch bleibt und dass ihr der Glaube nicht verloren geht, als Person gemeint zu sein und nicht nur als Objekt.

Carla Lonzi ist überzeugt, dass das Patriarchat als historische Epoche ohne die Abschaffung des männlichen Sexualmodells und ohne die Bewusstwerdung der vaginalen Frau noch in Sicherheit vor seinem Ende sei. Und das bedeute, dass die Ehe als Beziehungsmodell bestehen bleibe, da sie nur als Institution und nicht in ihren Sexualrollen und ihrer Paarstruktur infragegestellt werde. „Im Genießen einer Lust als Antwort auf die Lust des Mannes verliert die Frau sich selbst als autonomes Wesen, verherrlicht die Komplementarität zum Mann und findet in ihm ihren Existenzgrund.“ (S. 36)

Entgegen meinen Befürchtungen aufgrund des Titels hält Carla Lonzi die klitoridische Frau nicht für die befreite Frau und auch nicht für eine Frau, die nicht dem Mythos des Mannes unterlegen ist, denn solche Frauen gebe es nicht in der Zivilisation, in der wir leben. Die klitoridische Frau habe Widerstand geleistet, aber nicht im Sinne einer Heldentat für die Befreiung. Sie habe einfach nicht anders handeln können, um authentisch zu bleiben. So habe sie weiterhin subjektive Gelüste und ihre eigenen Gedanken geäußert und habe versucht, ihren Stolz, ihren Mut und ihre Würde zu bewahren. Aufgrund ihrer Weigerung – oder auch Unfähigkeit (D.M.) – , den Mann wie der andere Teil der weiblichen Menschheit zum Zentrum der eigenen Gefühle zu machen, sei sie als krank, traumatisiert, neurotisch und frigide verunglimpft worden. Dies habe sie nicht selten in Einsamkeit und Verzweiflung – „ins Nichts“ – gestürzt (S. 60 u. 73). Ich denke, dass noch nicht einmal lesbische Frauen davor gefeit sind, der patriarchalen Sexualpropaganda aufzusitzen und ihre Sexualität am Koitusmodell auszurichten, indem sie versuchen, sich dem „Ideal“ von Verschmelzung und Gleichzeitigkeit der Orgasmen anzunähern.

Zweifellos hat sich seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts einiges im Sexualleben von Männern und Frauen verändert. Carla Lonzis Aussage „Der Mann sucht nicht die Frau, sondern sein Penis sucht die Vagina“ stimmt sicher nicht mehr durchgehend, oder wenn es so ist, wird es noch besser verborgen als früher. Männer wissen mehr über die Sexualität von Frauen und haben als Liebhaber sicher einiges dazugelernt. Den meisten ist es auch nicht mehr gleichgültig, ob die Frau die Sexualität mit ihnen genießt. Nicht allen geht es nur um die Bestätigung ihrer Männlichkeit, wenn sie hören wollen, ob sie im Bett gut waren, ob die Frau einen Orgasmus hatte.

Da aber nach wie vor kein Bewusstsein über die Asymmetrie der Geschlechter besteht und der Koitus weiterhin als Inbegriff der Sexualität gilt, hat auch der Druck zugenommen, einen vaginalen Orgasmus zustande zu bringen – für Frauen und für Männer. Für emanzipierte Frauen verstärkt sich die Diskrepanz zwischen einem Zusammenleben mit einem Mann, bei dem sie in jeder Hinsicht Unabhängigkeit demonstrieren müssen, während sie sich, um zum Orgasmus zu kommen, in der Sexualität weiterhin an das Koitusmodell anpassen und damit an seine Bedürfnisse – oder einen Orgasmus simulieren müssen. Der Anspruch sexueller Freiheit verschärft den Konflikt: Die Frau ist ja weiterhin gezwungen, nach dem traditionellen Sexualmodell zu reagieren, schämt sich nun aber der Emotionalität, die mit dem Funktionieren des Modells selbst verbunden ist. (S. 64)

Eine neue Sexualkultur ist also überfällig. Eine Sexualität auf der Grundlage von Spiel, Begeisterung und Begegnung, wie Carla Lonzi es ausdrückt. Eine Sexualität, bei der der Mann die Frau nicht durch die in der Männerkultur kursierenden Tricks herumkriegen muss, damit er seinen Penis in ihre Vagina stecken kann. Er muss dann nicht mehr vor sich selbst verbergen, wie abhängig er davon und damit auch von der Frau ist. Er muss sich für die Frauen nicht durch Macht oder Geld attraktiv machen, damit sie ihn mit seinen Wünschen annehmen. In dieser Sexualität ist Raum für gegenseitige Lustgeschenke und für Dankbarkeit.

Nochmals Carla Lonzi: „Der Penis ist das Geschlechtsorgan des Mannes, und er ist für ihn: er muss sich neu entdecken in dieser neuen Dimension des Bewusstseins: der Machtwahn, der ihn dazu drängte, sich in der weiblichen Ekstase zu spiegeln und daraus eine Pflicht für ihn machte, ist ein Selbstbetrug, der aus seiner eigenen Herrschaft entstanden ist.“ (S. 58) Und: „(Die klitoridische Frau) will nicht eins werden. … Sie verlangt nach Zärtlichkeit, nicht nach Heroismus; sie möchte Zärtlichkeit geben, nicht Erlösung und Anbetung. Die Frau ist ein sexuelles menschliches Wesen. Außerhalb der Fesseln, die durch nichts anderes ersetzt werden, beginnt das Leben zwischen den Geschlechtern.“ (S.62)

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.08.2011
Tags: , , ,
:

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, vielen Dank für diese erhellende Analyse. Für mich ist das alles schlüssig und die von Dir bzw. Carla Lonzi beschriebene Asymmetrie enthält „revolutionäres“ Potential. Trotzdem finde ich es wichtig, der Bedeutung der Sexualität in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern und überhaupt in allen zwischenmenschlichen Beziehungen zwar ihren Platz zu geben, aber sie nicht überzubewerten, was ja mit Freud seinen Anfang genommen hat. So stimme ich Deiner Überschrift „Keine Frauenbefreiung ohne neue Sexualkultur“ zwar zu, möchte aber daran erinnern, dass es nur damit auch nicht getan ist.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Oh, macht dieser Text (mich) frei -noch freier für „Spiel, Begeisterung und Begegnung“!
    Danke, großartige Dorothee*

  • bettina schmitz sagt:

    freue mich über diese erinnerung an carla lonzi und den hinweis auf einen text, den ich noch nicht kannte. vielen dank! – denke auch an luce irigarays these von der asymmetrie der geschlechter und die philosophischen forschungen von siliva stoller, philosophin aus wien, z.b. ihr buch existenz – differenz – konstruktion. phänomenologie der geschlechtlichkeit bei beauvoir, irigaray und butler, in dem im abschnitt zu irigaray ein kapitel dem asymmetrischen geschlecht gewidmet ist. wobei sich die asymmetrie nicht auf sexualität im engeren sinne beschränkt …

  • cornelia roth sagt:

    Mir ist gar nicht wohl bei diesem Text. Ich habe Respekt vor Carla Lonzi und die (Wieder-)Entdeckung der Asymmetrie der Geschlechter ist ein wesentlicher Punkt. Aber sehen sich denn heute wirklich noch so viele Frauen als komplementär, hat sich denn seit 1975 kaum etwas verändert? Ich behaupte, doch. Mein Eindruck ist, dass bei vielen Frauen das Selbstverständnis gar nicht klar und durchgängig ist – im Beruf geht es oft um Gleichheit(sberechtigung), in Mode und öffentlichem Auftreten betonen gerade jüngere Frauen ihr Frausein in einer Weise, die mir so vorkommt, als wollten sie sagen: „Hey, ich bin eine Frau, kein geschlechtsloses Wesen und zugleich lasse ich mir nicht die Butter vom Brot nehmen“. Und im Bett – ich weiß es natürlich nicht, könnte glatt mal meine Freundinnen fragen. Aber ich halte es gar nicht für ausgemacht, dass sich Frauen heute unter reinem Komplementärzwang sehen. Eher ist es eine Mischung, die dem zunehmenden Bewußtsein des Eigenseins geschuldet ist, aber auch der Wahrnehmung, dass sich bei vielen Männern wenig in Richtung Selbstreflektion zu tun scheint, ich sage mal scheint und viele Frauen wollen, dass es nicht zu einem gegenseitigen Abdriften kommt.
    Ich mag auch diese Einteilung in die klitoridalen und vaginalen Frauen nicht. Solche Frauen gibts doch gar nicht. Jede Frau macht ihre Erfahrungen und experimentiert mit diesem oder jenem oder auch nicht und dies im Verlauf von vielen Jahren. Da werden doch keine einmaligen Entscheidungen getroffen, sondern sind Veränderungen möglich, bei denen Gespräche, die Beziehung(en), die Medien, die Veränderung der symbolischen Ordnung natürlich eine Rolle spielen.
    Ich finde auch die Behauptung der Autonomie der Frauen nicht richtig, das Eigensein, die Asymmetrie ist etwas ganz anderes als Autonomie. Und genausowenig sollte Frauen auferlegt werden, dass sie in der Sexualität nur Zärtlichkeit suchen. Es gibt doch auch Leidenschaftlichkeit, ist doch auch was Schönes, warum müssen Frauen jetzt wieder in eine Schublade, wenn sie nicht patriarchal sein wollen?
    Wie gesagt, 2011 ist nicht 1975 und es wäre interessant, zu erforschen, wie Frauen – insbesondere auch verschiedenen Alters – ihre sexuellen Beziehungen jetzt so empfinden und leben. Auf jeden Fall aber vielen Dank für den Artikel, denn es ist interssant, darüber wieder nachzufühlen und zu -denken.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Cornelia, es überrascht mich, was du aus meinem Artikel herausliest: Dass Frauen in der Sexualität nur Zärtlichkeit suchen sollten, oder dass sie wieder in eine Schublade gesteckt werden sollten, um nicht als patriarchal zu gelten. Über meine Schwierigkeiten mit Lonzis Titel habe ich doch selbst geschrieben, und ich bin sicher, dass dieser wichtige Text deshalb zu wenig gelesen wurde, weil der Titel einen auf eine falsche Spur lenkt.
    Mir war es wichtig, diesen Text über unsere Sexualkultur zu schreiben, weil ich von Frauen, auch von sehr jungen, Dinge gehört habe, dich mich entsetzt haben, weil ich nicht glauben konnte, dass sie auch 2011 Sexualität noch so erleben, wie Alice Schwarzer es in ihrem 1975 erschienenen Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ zusammengetragen hat (womit sie viele Frauen entlastete, die geglaubt hatten, ihr armseliges Sexualleben liege an ihnen): Dass sie froh sind, wenn er sie mit Sex in Ruhe lässt, dass sie Sex halt über sich ergehen lassen, dass sie es nur ertragen, wenn er vorher groß mit ihnen schoppen gegangen ist, dass eine Beziehung auseinanderging, als die Frau ihr Unbefriedigtsein zum Thema machte, (weil er dadurch so gekränkt war), dass Frauen von ihren Männern als frigide beschimpft wurden, weil sie nicht so oft Sex wollten wie er, oder weil sie nicht bereit waren, sich auf Sex nach Pornovorlagen einzulassen. Natürlich sind das alles Einzelfälle, doch selbst wenn es – hoffentlich – weniger Frauen sind als 1975, wollte ich etwas dafür tun, dass sie die negativen Zuschreibungen (frigide usw.) nicht gegen sich selbst richten und darüber verzweifeln und ihre eigenen sexuellen Möglichkeiten darüber verpassen.
    Auch gilt immer noch oft, was mir mit Anfang 20 aufgefallen ist, dass für Männer Beziehungsprobleme erst anfangen, wenn die Frau sie verlässt oder zu verlassen droht, während Frauen fast von Beginn der Beziehung an über Beziehungsprobleme reden. Dazu passt halt Lonzis Erklärung, dass Frauen beziehungsmäßig viel mehr tun müssen als Männer, um in der Lage zu sein, Koitussexualität zu genießen oder gar einen Orgasmus dabei zu haben.
    Ich bin sicher, dass die Arbeit an einer neuen Sexualkultur langfristig auch Männer entlasten würde. Denn zumindest die sensiblen unter ihnen leiden ja auch darunter, wenn sie mit dem, was sie glücklich macht, die Frauen, die sie lieben, nicht ebenso beglücken können. Und auch die weniger sensiblen stehen heute unter starkem Druck, der Frau einen Orgasmus zu „machen“ und damit zu beweisen, dass sie es im Bett bringen. Es ist wahrscheinlich auch nicht leicht und wirkt sich auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus, dass Männer von etwas so abhängig sind, was die Frauen, zumindest manche, gar nicht so dringend zu brauchen scheinen, weshalb man sie dazu „rumkriegen“ muss…

  • cornelia roth sagt:

    Liebe Dorothee,
    okay, vielleicht bin ich nicht gut genug im Bilde, wie es vielen Frauen in der Sexualität mit Männern heute ergeht. Für mich hat sich persönlich und schien sich auch weit verbreitet in den 70iger/80iger Jahren viel zu verändern, auch befeuert durch einschlägige Bücher – wie z.B. „For Yourself“ von Lonnie Garfield Barbach, in dem es detaillierte Hinweise gibt, wie Frauen ihre eigene Sexualität und Lust erforschen und leben können. Und die Meulenbelt und etliche andere. Bücher sind eine wichtige Hilfe, weil sie den Mut geben, zu sprechen und auch auszuprobieren. Aber vielleicht ist das inzwischen aus verschiedenen Gründen für viele Frauen keine Realität(mehr).
    Und dennoch ist mir nicht wohler bei diesem Artikel.
    Ich verstehe nicht, warum Frauen und Männer jetzt unabhängig voneinander sein sollen, wenn wir doch ein gutes Leben als Freiheit in Bezogenheit unter Anerkennung der Abhängigkeit voneinander sehen? Dass Frauen und Männer nicht als sich ergänzend und vergleichend oder Sonderfall des Anderen zu sehen sind ist doch eine ganz andere Angelegenheit.
    Und dann: gibt es denn nicht Frauen, die vielleicht auf die eine und aber auch auf die andere Weise Lust empfinden? Oder im Laufe ihres Lebens sich auch verändernd? So nötig es anscheinend ist, auf diese Probleme wieder hinzuweisen, so scheint mir Carla Lonzis Sicht inzwischen zu enggeführt – oder die Aufgabe ist eine gleichzeitige: dass beide Geschlechter ihre Eigenheit wahrnehmen (und da scheinen mir Männer im Rückstand – noch?) und dass zugleich ein Verhandeln entsteht (in dem Fall wörtlich), das einen Ausweg findet, zum Beispiel zwischen häufigerer und weniger häufiger Lust, zwischen sich beweisen müssen und nachgeben und so weiter.
    Einen herzlichen Gruß an Dich von Cornelia

  • Cornelia, wo schreibt Dorothee (oder Lonzi), dass Frauen und Männer unabhängig von einander sein sollen? Oder wie kommst du darauf, dass Carla Lonzi (oder Dorothee) nicht der Meinung wären, dass Frauen auf alle nur erdenklichen Arten Lust empfinden können? Worum es geht, das ist doch die Art und Weise, wie Frauen und Männer sexuelle Lust mit der Bindung an eine bestimmte Person und an die Beziehung knüpfen (so verstehe ich es jedenfalls). Und das ist unterschiedlich.

    Ein ganz erschreckendes und deutliches Beispiel ist das neue Buch von Charlotte Roche „Schoßgebete“. Die ganze sexuelle Selbstbefreiung der Frau wird darin geschildert mit dem (ausdrücklich) einzigen Zweck, nicht von dem Mann verlassen zu werden. Zwar grenzt sich Roche explizit vom der „vaginaler Orgasmus gibt es nicht“-Feminismus ab und schildert genau und ausführlich, wie Frauen bei all dem, was man verkürzt als ehemaliger „Männersex“ bezeichnen könnte, Lust und Spaß haben können. Aber ihr Fazit ist gerade NICHT (und ich überlege noch, warum nicht, und finde Lonzi dabei hilfreich): Frauen, geht in den Puff und macht Analsex, weil das total viel Spaß macht, wenn man sich erstmal dazu aufgerafft und altfeministische Vorurteile überwunden hat. Sie sagt: Frauen, macht das, wenn ihr langanhaltende gute Beziehungen zu Männern haben wollt, denn ohne (Männer)Sex gibts die nicht!

    Außerdem bedeutet die Anerkennung der Abhängigkeit als Condition humana doch genau NICHT die Anerkennung der Abhängigkeit von einer bestimmten Person. Die Fähigkeit und Möglichkeit, ohne (einen bestimmten) Mann zu leben, ist meiner Meinung nach immer noch grundlegend für weibliche Freiheit. Nur dass unser Ziel nicht Autonomie ist, sondern bessere Beziehungen. Die kriegen wir nur, wenn wir schlechte Beziehungen im Zweifelsfall auch beenden können.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    …uffffffff…
    Wisst ihr, was ICH jetzt mache?
    …ich lese den Artikel von Dorothee gleich mindestens noch 1x
    (und ausgedruckt habe ich ihn auch schon, weil ich den weiter verteilen möchte!!!!)

  • cornelia roth sagt:

    Liebe Dorothee, liebe Antje,

    will ich nochmal ein bißchen drüber nachdenken.

    Herzlich

    Cornelia

Weiterdenken