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Weg mit der Waage, her mit dem Genuss.

Von Antje Schrupp

25 Jahre lang war Anke Groener mit ihrem Körper unzufrieden. Eine Diät jagte die nächste, keine war von Erfolg gekrönt. Sie nahm zwar ab, oft auch richtig viel, aber hinterher eben auch immer wieder zu – und gerne gleich ein paar Kilo mehr. Verzicht und Hunger wechselten sich ab mit Fastfood- und Nutella-Phasen, auf Perioden voller Selbsthass und ehrgeiziger Abnehmziele folgte unweigerlich wieder die Ist-doch-alles-eh-scheißegal-wo-ist-die-Familienpackung-Eis-Haltung.

Das Elend hatte jedoch ein Ende, als Groener eine Freundin „buchte“, die sich mit Lebensmitteln auskennt. Und mit ihr zusammen die Welt des Essens und Genießens entdeckte: Eine eng bepackte Woche voller ausführlicher Streifzüge über Märkte und durch Weinläden, mit ausführlicher Lebensmittelkunde vor Gemüseständen, Käsetheken und in Fischgeschäften, abendliches Kochen und Probieren nach Herzenslust.

Darüber hat Anke Groener gebloggt, über ihre Erfahrungen ebenso wie über neue Rezepte, die sie entdeckt, selbst kreiert oder aus den Tiefen des Internet gefischt hat. Jetzt hat sie aus dem Thema ein Buch gemacht. In „Nudeldicke Deern“ beschreibt sie, wie Essen für sie von einem Problem zu einer Freude geworden ist. Das macht sie so mitreißend, dass man sofort selbst auf einen Biomarkt stürzen und tausend leckere Dinge einkaufen möchte (und auch ein paar neue Küchengeräte), um auf der Stelle das leckerste Abendessen ever zuzubereiten.

Gleichzeitig nimmt Groener die einschlägigen Mythen zum Thema Essen und Dicksein auseinander, prüft Theorien über die angebliche Gefährlichkeit von „Fettleibigkeit“, rekonstruiert die Entstehung fragwürdiger Körpernormen wie dem „Body Mass Index“ und beschreibt aus eigener Erfahrung, welche Unverschämtheiten dicke Menschen im ganz normalen Alltag erleben. Sie schildert, wie es dazu kommen kann, dass der Griff zur Chipstüte und zur Tiefkühl-Pizza als letzter Trost erscheint und welche Zerstörungen der auf dem Fuß folgende Selbsthass für viele dicke Menschen bedeutet. Und sie beantwortet übrigens auch die Frage, wie man denn als berufstätige Frau für so viel Kocherei überhaupt Zeit findet.

Das amüsant geschriebene Buch ermutigt Frauen und Männer, dicke, dünne und alle dazwischen, dem eigenen Körper und seinen Bedürfnissen wieder zu trauen. Sich im Umgang mit sich selbst nicht an angeblich objektiven Gesundheits- oder Schönheits-Normen zu orientieren, sondern daran, was jeweils Genuss bereitet, was Körper und Seele gut tut. Wenn das heute Abend die Tafel Schokolade ist, dann soll man die auch essen. Und wenn alles erlaubt ist, dann kann es ja auch nicht schaden, vorher mal kurz zu überlegen, ob man das jetzt eigentlich auch wirklich essen will.

Wer Nahrungsmittel in ihrer Vielfalt und ihrem Wohlgeschmack kennt und schätzt, wer sich mit der Herkunft und Beschaffenheit von Essen und Trinken auseinander setzt, wer bewusst isst und genießt, wird sich vermutlich immer seltener mit Fastfoodlasagne zufrieden geben. Wer das wohlige Zufriedenheitsgefühl nach einem leckeren selbstgebackenen Brot mit erstklassigem Käse und gutem Wein kennt, den wird die Aussicht auf die unangenehme Pappsattheit nach einer Hamburger-und-Pommes-Orgie nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken. Oder vielleicht nur noch ganz ab und zu.

Wer den Genuss in den Mittelpunkt stellt, wird vielleicht sogar abnehmen. Oder zunehmen. Oder gleichbleiben. Oder auch keine Ahnung. Denn Menschen, die gut und gerne essen, brauchen nämlich keine Waage. Sie können sich selbst vertrauen und auf die Signale ihres Körpers hören.

Anke Gröner: Nudeldicke Deern. Free your mind and your fat ass will follow. Wunderlich, Hamburg 2011, 14,95 Euro.

Zum Blog von Anke Gröner gehts hier

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.09.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • gabi Bock sagt:

    liebe Antje, vielen Dank für Deine Gedanken, aber das hättest Du alles schon 1972….bis 1980 im Frauenbuchladen in München lesen und besprechen können…Das war eine der ersten Diskussionspunkte bei der Selbsterfahrung :ICH und die Norm…Ich und die Mode…. Warum – meinst Du – wiederholt sich alles… die Stöckelschuhe, die Diäten-Debatte, kurzer Rock, kleine sexy-Höschen…passend…unpassend..warum und für wen?
    Ich würde heute Abend lieber mit Dir die Berlin-Wahlen diskutieren und eine mail an F r a u Merkel senden: Bitte alle abtreten, weg mit den Schwätzern, besonders mit der Frauenministerin! Her mit den Quoten! Los Ihr Frauen, dick oder dünn, alt oder jung ,mit Stöckelschuhen oder Minihöschen…zeigt mal, was wir Frauen können…
    Herzliche Grüße Gabi

  • Piratenweib sagt:

    Na, das Buch hört sich wahrlich verlockend an. Wird den Weg in mein Bücherregal sicher finden …

  • Antje Schrupp sagt:

    @Gabi – 1972 war ich erst acht 🙂

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