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10 Jahre „Frauenkirchenmanifest“ oder: Erinnerung an ein Stück Internetgeschichte

Von Ina Praetorius

Facebook und Twitter gab es noch nicht im Jahr 2001. „Beziehungsweise-weiterdenken“ auch nicht. Aber Email. Und „Mailinglisten“, also diese mehr oder weniger strikt moderierten Rundmail-Gemeinschaften, zu denen man oder frau sich anmelden konnte, um dann virtuell über alles Mögliche zu diskutieren.

Nicht alle waren begeistert von den neuen Formen, per Mausklick über beliebige Distanzen zu kommunizieren. Einige sahen schon damals unsere Real-Life-Kompetenzen rapide verkümmern. Oder fürchtete man sich vor allem vor der irritierenden Dezentralisierung von Wissen und Autorität, die entsteht, wenn nicht mehr nur Chefredakteure, Regierungssprecher, Präsidenten und Bischöfe, sondern potentiell jede und jeder vom eigenen Schreibtisch aus öffentlich das Weltgeschehen kommentieren? Zum Beispiel eine zusammengewürfelte Schar von Frauen, die sich irgendwie einer Religion zugehörig fühlen, aber eher selten die Meinung ihrer Obrigkeit teilen?

Wir mussten uns einüben in die neuen Möglichkeiten der öffentlichen Präsenz, und wir üben immer noch, inzwischen auf eigenen Webseiten, in Blogs, Kommentarspalten, Foren, auf Twitter, Facebook und was der ständig im Wandel begriffenen virtuellen Mitteilungsformen mehr sind. Es wäre interessant, in den Archiven der ersten Mailinglisten, zum Beispiel in dem der „Frauenkirchenliste“ nachzulesen, wie wir uns damals den neuen Möglichkeiten experimentell angenähert haben, wie zum Beispiel das „Frauenkirchenmanifest zur aktuellen Lage der Welt“ entstanden ist, das genau vor zehn Jahren, im November 2001, versehen mit über 500 teils prominenten Unterschriften, einer breiteren Öffentlichkeit übergeben wurde. Bestimmt wird eines Tages jemand, zum Beispiel eine Studentin oder ein Student der Kulturwissenschaften, diesen Prozess im Detail rekonstruieren. Denn das Frauenkirchenmanifest hat weite Kreise gezogen: In vier Sprachen – deutsch, englisch, französisch, russisch – wurde es ins Netz gestellt, und an die zwanzig Mal wurde es gedruckt: in Zeitschriften, auf Flugblättern, schliesslich in einem Buch (Hubertus Lutterbach/Jürgen Manemann Hg., Religion und Terror. Stimmen zum 11. September aus Christentum, Judentum und Islam, Münster 2002, 233-236).

Meine Erinnerungen an die Entstehung des Manifests sind vage: In den Tagen nach dem 11. September 2001, so fühlt es sich rückblickend an, herrschte eine Art Interpretationsvakuum. Die ganze Welt, so schien es, befand sich im Schockzustand, bevor dann die professionellen Welterklärer wieder mit Macht ihre Statements produzierten, in denen routinemässig von tiefer Betroffenheit, unendlichem Mitgefühl und Empörung die Rede war, und bald auch von der Entschlossenheit, die Täter samt ihrem „Umfeld“ erbarmungslos zu bestrafen. Nicht lange nach den Anschlägen auf das World Trade Center erfand George Bush Junior den „Krieg gegen den Terror“ und die „Achse des Bösen“.

Ich erinnere mich an ein Gefühl der Gespaltenheit: Einerseits wollte ich nach dem 11. September 2001 nichts als den Mund halten und in Ruhe nachdenken. Aber hüllen sich Frauen nicht seit Jahrhunderten in dieses „der Sache eigentlich angemessene“ Schweigen und überlassen den professionellen Vielrednern das Feld der Weltdeutung?

Die „Frauenkirchenliste“, in der ich fast seit ihrer Gründung im Jahr 1999 mitredete, bot eine neuartige Möglichkeit, solche Gefühle zunächst mit anderen zu teilen. Und sie stellte, wie wir uns bald im virtuellen Gespräch bewusst wurden, auch eine neue Möglichkeit zur Verfügung, uns ohne den Umweg über die konventionellen Medien, sprich: ohne die übliche langwierige und allzuoft erfolglose Bittstellerei in den Zeitungsredaktionen, öffentlich zu Wort zu melden. Im Zeitalter des Internet, so wurde uns damals klar, können wir uns nicht mehr hinter der eingeübten Klage verstecken, es wolle ja doch niemand hören oder gar veröffentlichen, was wir Frauen zu sagen haben. Plötzlich sassen wir selbst am Redaktionstisch und hatten die Maus in der Hand und mit ihr die Chance, per Klick unsere Sicht der Dinge in die Welt zu bringen.

Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, fing es aufgrund dieses Bewusstseins einer neuartigen Macht bei einigen Mitfrauen der Mailingliste wie von selbst an zu schreiben. Vier Wochen, ungefähr, brauchten wir, um zu formulieren, dass es neben der in „Täter“ und „Opfer“, „Feinde“ und „Freunde“ gespaltenen Welt noch eine andere gibt, immer und überall: die zivilisierte Welt der Leute, die täglich füreinander sorgen, die Nahrung anbauen, Essen kochen, Kinder beschützen, einander friedlich von ihren religiösen Zugehörigkeiten erzählen. Diese Welt wollten wir in Worte fassen und ins Bewusstsein rufen, von ihr ausgehend wollten wir Vorschläge machen, wie sich aus dem Deutungsvakuum heraus ein anderer globaler Umgang miteinander entwickeln liesse, diesseits von gegenseitiger Abschottung und Kriegsmechanik. So ist in einem intensiven virtuellen Diskussions- und Redaktionsprozess der prägnante Text in fünf Thesen entstanden, der im Kern heute noch so aktuell ist wie damals.

Der „Krieg gegen den Terror“ hat trotzdem stattgefunden. Keine Kirchenleitung hat sich bis heute ausdrücklich unsere Sicht der Dinge zueigen gemacht. Die Meldungen über Kriege und Katastrophen beherrschen weiterhin die „offizielle“ Medienberichterstattung.

Aber das Manifest ist dennoch nicht wirkungslos geblieben. Es hat in vielen Köpfen viel bewegt. Es hat uns in unserem Umgang mit den Möglichkeiten des Internet einen Schritt weitergebracht. Und wir können es jederzeit wieder lesen, können an unsere Erkenntnisse von damals anknüpfen, die begonnene Tradition fortsetzen, sie auf  neue Aktualität beziehen. Der Text ist immer noch in der Welt. Das Internet auch.

Und unser Wunsch, den gängigen Welterklärungen nicht das Feld zu überlassen und uns der Anstrengung des gemeinsamen Begriffs zu stellen? Ist der auch noch da?

 

Autorin: Ina Praetorius
Eingestellt am: 03.11.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich weiss nicht, ob es die Mailingliste FrauenKirche noch gibt…?…
    für mich war die Zeit bis 2003 jedenfalls unbeschreiblich wichtig und wegweisend.
    Heute haben mich Inas Gedanken daran erinnert und mich innehalten lassen;
    und ich habe in alten mails aus der Zeit zwischen der Ohnmacht des 11.September 2001
    und dem Mach(t)werk des FrauenKirchenManifests lange lange gelesen…
    Einen Beitrag von damals -von einer anderen Mitfrau- möchte ich als Dank hier reinstellen,
    damit ihr noch mehr ahnen könnt, was in dieser und durch diese Mailingliste möglich war:

    „Bei mir ist die schon seit längerem ein ganz wichtiges thema –
    in ganz unterschiedlicher ausprägung und aus vielerlei (politischen und privaten) gründen… und ich habe gemerkt,
    dass ich selbst immer mehr dazu komme, nicht darum zu beten,
    dass die ohnmacht vergeht, sondern dass ich mit ihr leben lerne,
    weil ich glaube, sie gehört zu unserem leben eben dazu – genauso wie die macht…
    und wir dürfen beides sein und können ja gar nicht anders –
    und beides ist meistens ganz schön schwierig –
    das mächtig sein und das ohnmächtig sein – und sind beides zugleich;
    dass ist mir vor allem wichtig,
    dass wir uns unsere macht nicht von der ohnmacht vertreiben lassen,
    aber auch dass unsere macht uns die ohnmacht nicht austreibt.“

    Ja, Ina, bei mir ist der Wunsch -letztlich eine unstillbare Sehnsucht- weiter vorhanden!

  • Helga Laurinat sagt:

    04.11.2011
    Hallo Ina,
    das erlebe ich jetzt spannend, dass Du an das Frauenkirchenmanifest erinnerst und auf eine 10-jährige zeitgeschichtliche Dekade verweist.
    Mich hat „damals“ der veröffentlichte Aufruf begeistert, gefesselt und fasziniert. Somit habe auch ich meine Zustimmung durch Unterzeichnung kundgetan und andere (im engsten Freundeskreis) motiviert mitzumachen.
    Gern würde ich den Text nochmals nachlesen, doch meine Recherchen im Internet über GOOGLE waren vergeblich.
    Kannst Du diesen Aufruf nochmals auf Deine Webseite ins „Netz“ stellen ? Meine Unterlagen blieben leider in meinem Büro liegen, denn auf sonderbare Weise verlor ich hier in Hannover meinen Arbeitsplatz und bekam zusätzlich Hausverbot erteilt, so dass ich keine Chance bekam, mein Arbeitsfeld persönlich zu räumen.
    Es wäre sicher spannend zu hören und zu lesen, wie andere Unterzeichner/innen diese vergangene Zeitdekade erlebt und wahrgenommen haben und wo sie heute stehen.
    Mein Frauenbewußtsein „brach“ in den 90´ger Jahren aus und wichtige Impulse erfuhr ich z.B. durch meine Teilnahme an Tagungen in Ev. Akademien – so auch 1994 im Januar im Schlößchen Schönburg Hofgeismar zu dem Thema „Weibliche Moral? – zur Auseinandersetzung um eine feministische Ethik“.
    Soweit ich erinnere, war zu dem Zeitpunkt Dr. Margot Käßmann Akademieleiterin und ich erlebte sie auf dem Podium u.a. neben Prof. Dr. Frigga Haug, Prof. Carol Gilligan und Dorothee Sölle.
    Die Möglichkeiten des Internets haben mich zwar interessiert erreicht, aber meine Erfahrungen im letzten Jahrzehnt haben mich recht bald gebremst und sehr vorsichtig werden lassen …
    Ich bin und bleibe(auch mit 64 Jahren)wachsam und erlebe unsere gesellschaftliche Entwicklung auf dem Wege nach EUROPA aus frauenspezifischer Sicht mit gemischten Gefühlen.
    Freundliche Grüße, Helga Laurinat

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Helga, der Texte des Frauenkirchenmanifests ist in dem Artikel verlinkt, oder du klickst hier: http://www.freewebs.com/femtheol/manifest.html

  • Antje Schrupp sagt:

    Und hier noch ein Link zum Manifest in vier Sprachen (deutsch, französisch, englisch, russisch) – http://www.hanna-strack.de/10-jahre-frauenkirchenmanifest-in-vier-sprachen/

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