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Rubrik denken

Die Finanzkrise, geschichtliche Dankbarkeit und Freiheit

Von Andrea Günter

Helmut Schmidts Rede auf dem Parteitag der SPD im Dezember 2011 muss bestechend ge­wesen sein, entnahm ich sehr unterschiedlich aufgestellten Medienkommentaren. Ich wurde zunehmend neugierig und als ein Kollege mich darauf aufmerksam machte, frau könne sich die Rede auf youtube ansehen, nutzte ich den ersten freien Abend hierfür.

Marktgeschehen braucht Dankbarkeit.

Ist die Medienaufmerksamkeit für diese Rede angemessen? Helmut Schmidt erklärt die Welt, be­wirbt „Die Zeit“ nunmehr ihre Wochenzeitung für den diesjährigen Dezembermonat, eine ent­­spre­chen­de DVD gibt es inklusive als Beilage zu jeder Wochenausgabe. Die SPD wie­derum braucht politisches Charisma, sie ist darauf angewiesen, jedes Fünkelchen zu ins­zenieren, das aus ihren Reihen kommt, selbst wenn es lange her ist. Ich war erst einmal skeptisch. Finde ich Anknüpfungspunkte für eine geschlechtersensible Rekonstruktion dessen, was Politik ausmacht?

Was gelobt wird? Schmidts his­torisch weiter Blick, seine Altersweisheit, seine politische Hal­tung. Nun ja, ich bin kein Schmidt-Fan. Dennoch, mir imponieren die Haltungen der al­ten Frauen und Männer, die aufgrund ihrer biographischen Erfahrungen in Deutschland das Grund­gesetz hochhalten und an die Parteiprogramme ihrer Parteien anschließen, die in die­sem politischen Kontext geschrieben wurden. So hörte ich Egon Bahr 2008 da­rüber sprechen, wie sich Deutschland, der Kriegsverlierer, in der Nachkriegszeit aufstellte, um im Spiel der Groß­­mächte seine Interessen voranzutreiben. Ein wunderbares Lehrstück über die Behut­sam­keit, mit der ein geschwächter David einen übermächtigen Goliath dazu zu bewegen vermag, seine Interessen aufzugreifen.[1] Der Schwäche-Stärke-Ausgleich aber ist das A & O von Gerechtigkeit. In der geschilderten politischen Entwicklung entsteht er aufgrund von klugen Initiativen eines geschwächten Landes. Hier lassen sich Anregungen dafür finden, wie aus einer Position der Schwäche politische Umbrüche initiiert werden können.

Für Schmidt als Redner auf einem SPD-Parteitag steht das Godesberger-Programm im Vor­dergrund. Hier bekannte sich die SPD zur politischen Trias „Freiheit – Gerechtigkeit – So­li­da­ri­tät“. Tatsächlich, in seiner Rede bekannte sich Schmidt ausdrücklich zu dieser program­ma­ti­schen Trias. Und er wurde dafür gefeiert, dass er sie als politisches Urgestein der SPD erinnerte.

Ja, das Bekenntnis zu dieser Trias ist wirklich keine Selbstverständlichkeit mehr. Im letzten Herbst versuchte Sigmar Gabriel „Gerechtigkeit“ durch „Fairness“ zu ersetzen. Meine Ethik-Studierenden mache ich seitdem darauf aufmerksam, dass ein faires Fußballspiel noch lange kein gerechtes ist. Fair bedeutet lediglich, sich an die vorhandenen Regeln zu halten und nicht zu foulen. Ein gerechtes Spiel verlangt darüber hinaus, sich einem Stär­ke-Schwäche-Aus­gleich zu verpflichten. Meine Studierenden verstehen diesen Unter­schied sofort. Sie bringen post­wendend ein, dass ein solcher Ausgleich verlangt, die vor­han­de­nen Spielregeln zu ver­ändern. Da sie von Machtgefällen geprägt sein können, müssen sie überprüft werden. Gerade auch das Einstehen für Geschlechtergerechtigkeit verlangt eine solche Überprüfung.

Wie wohltuend, Helmut Schmidt in der SPD die Solidarität und Gerechtigkeit hochhalten zu hören. Und es ist nicht nur ein Wort, das er zwischendurch einflicht, damit seine Rede schön und moralisch klingt. Seine Kriterien für die politische Gestaltung der europäischen Finanzkrise bekunden sein Bekenntnis zu Solidarität und Gerechtigkeit eindeutig.

Schmidt selbst erklärt seine Haltung als Ausdruck (s)einer Altersweisheit. Es handelt sich um (s)eine Generation, die beinahe zunehmend ausgestorben ist, um Menschen, die zu Kriegszeiten Kinder und Jugendliche waren und mit dem Kriegsende wussten, was niemals mehr sein darf, darum für die Zukunft anders gestaltet werden muss und sich deshalb dem Politischen verschrieben. Junge Menschen traten in Erscheinung, für die sich politische Verantwortung in demokratischen Praktiken geknüpft an ein Grundgesetz niederschlägt.

So war ich (Jahrgang 1963) in dem letzten Jahrzehnt immer wieder beeindruckt von Frauen und Männern, die zwei oder auch mehr Generationen älter sind als ich und die ich über die Hoffnungen sprechen hörte, die sie mit dem Grundgesetz verbanden und auch heute noch verbinden. Ich habe vernommen, dass viele dieses Gesetz als Alternative zum Dualismus von Ka­pi­ta­lis­mus und Sozialismus verstehen, wozu laut Grundgesetz auch das Bestreben zählt, für Frauen gleiche Rechte zu bewirken und den Gesellschaftsvertrag zu überdenken, zu dem auch die gewohnte Hausfrauen-Geschlechter-Arbeitsrollenverteilung gehört.[2]

Sogar in meinen Augen eher biedere CDU-nahe Bürger erklärten mir, welche Hoffnung sie darauf setzten, dass die Wirtschaft dem Volke dienen soll, und wie dies ihr politisches Selbstverständnis prägt. Allerdings, diese Generation stirbt derzeit aus. Wer wird zukünftig das Grundgesetz erfahrungsgesättigt hochhalten können und wollen, nachdem die ausgestorben sein werden, die aufgrund der Erfahrung der Ge­fähr­dung ihres Leibes, ihrer Identität und ihrer Vernunft wissen, welche historische Alternative darin zur Sprache kommt?

Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, so lauteten nunmehr die Kriterien, entlang derer Helmut Schmidt nämlich seine Ideen zur Euro-Rettung formulierte. Schmidt hob hervor, dass das westliche Nachkriegsdeutschland eine große Solidarität erfuhr. Dies war die Voraussetzung dafür, eine bedeutsame Wirtschaft aufzubauen. Solidarität von anderen als Voraussetzung also, wirt­schaft­liche Stabilität und Stärke zu entwickeln, da folgt eine Stimme klar und deutlich ganz anderen Kriterien als es der neoliberale Zeitgeist zu formulieren vermag. Statt idealisierten Gesetzlichkeiten einer Marktfreiheit rückt die tatsächlich gewirkte Geschichte in den Vordergrund.

Was die spezielle Rolle Deutschlands betrifft, so spricht Schmidt von Dankbarkeit. Wenn Deutschland aufgrund seiner Größe und wirtschaftlichen Stärke paternalistisch agiere, mache es anderen Ländern Angst, diese Befürchtung lässt Schmidt den Gedanken fassen, dass Deutschland aus Dankbarkeit anderen Ländern Solidarität schuldig ist.

Und genau dieser Gedanke ist es, der mich am meisten fasziniert hat. Dankbarkeit ma­terialisiert, dass wir an­­deren etwas schuldig sind. Im Bedürfnis nach Gerechtigkeit wiederum drückt sich der Wunsch aus, das Richtige richtig zurückzugeben, schälte schon Platon vor etwa 2500 Jah­ren heraus. Abhängigkeit, Schuld, Dankbarkeit, Gerechtigkeit, hier handelt es sich um ökono­mi­­sche Größen. Schmidt erweitert ihre generationengebundene und gesell­schafts­politische Di­men­­sion um die geschichtliche. Geschichtliche Dankbarkeit, Dankbarkeit auf­grund von his­to­rischen Weichenstellungen ergänzt die Dankbarkeit, wie sie im Ge­ne­ra­ti­o­nen­gefüge und im Gesellschaftsgefüge verwurzelt ist: zurückgeben wollen, weil wir immer schon bekommen haben, als Kind von den Erwachsenen, als Individuum von anderen Individuen, und dies auf unterschiedliche Weise, persönlich, organisiert, institutionalisiert bis hin zu den Steuern, mittels derer wir unsere gemeinsame Infrastruktur finanzieren, an­ge­fan­gen von den Schulen und Krankenhäusern bis hin zu Autobahnen, Überlandleitungen und allen möglichen Schutzfunktionen.

Dankbarkeit zu praktizieren, der Grund dafür liegt allerdings nicht darin, einer moralischen Pflicht etwa gegenüber den Eltern und insbesondere der Mutter zu genügen. Er liegt vielmehr in der Be­zie­hung zu sich selbst und der eigenen Selbstentwicklung: dankbar zu handeln  ist die Möglichkeit, in Anbetracht seiner Abhängigkeiten Freiheit zu gewinnen. Diese Idee der Dankbarkeit verdanke ich Hannah Arendt und den Frauen des Mailänder Frauenbuchladens, beides Denkansätze, die dies als politisches Phänomen verstehen. So hält Hannah Arendt fest, dass Dankbarkeit die Furcht vor dem Tod und vielleicht sogar dem Scheitern lindert, weil sie die Erinnerung an das stark macht, von woher wir das geworden sind, was wir sind und sein könn(t)en. Dankbarkeit befreit vor dem, was man nicht sein will.[3]

Die Mailänderinnen wiederum betonen, dass es ein Lernen der Frauen braucht, um Formen zu finden, ihre Schuld gegenüber anderen – Männern, ihrer Mutter – jenseits eines vorgegebenen Moralismus zu bezahlen: neue Formen des Tauschens und Bezahlens erfinden. Auch ihnen geht es um die Überwindung von Unfreiheit im Spiel von Geben und Nehmen, Haben und Bekommen, Abhängigkeit und Individuierung.[4]

PolitikerInnen-Altersweisheiten treffen auf frauenbewegte Rekonstruktionen des Politischen, so würde ich die Konstellation benennen, die Helmut Schmidts Rede stark für ein neues Denken des Politischen macht. Sie gewinnen Bedeutung durch ein Verständnis des Politischen, das sich dem Denken der Geschlechterdifferenz als Rekonstruktion des Politischen verpflichtet sieht.

Vielleicht erklärt mir der große politische Gedanke, es gibt eine geschichtlich geprägte Dankbarkeit, warum Helmut Schmidt so leicht die Aus­sage über die Lippen kam: Wir Europäer müssen uns füreinander verschulden. Wir müs­sen dies nicht einfach aufgrund eines wirtschaftlichen Zwangs oder eines moralischen Sollens. Wir tun es und werden es tun, weil es eine Gesetzlichkeit der Ökonomie ist, Zeichen der wechselseitigen Abhängigkeit von Menschen in einer Gesellschaft und in der Geschichte, nunmehr auch schon länger und auf besondere Weise von Europäischen Staaten. Wie dies in Freiheit geschehen kann, so dass Freiheit – und das heißt insbesondere, Freiheit in Anbetracht der vermeintlichen Zwänge des Finanzmarktes – entstehen kann, ist damit jedoch noch nicht geklärt.

Helmut Schmidt appelliert in seiner Rede namentlich an die deutschen EU-Parlamentarier al­ler Parteien, ihre Verpflichtung gegenüber der Demokratie wahrzunehmen und die Menschen vor solchen vermeintlich finanzmarktlichen[5] Zwängen zu bewahren. Darin verdichtet sich sein Aufruf, die politische Freiheit wahrzunehmen, die Freiheit dazu, der Geschichte auch der Wirtschaft politisch zu gestalten.

Indem wir uns klug aneinander binden, gewinnen wir an Freiheit, die Einsicht gilt für Geschlechterbeziehungen ebenso wie für geschichtliche Entwicklung bis hin zur Geschichte des Euro-Raumes. Sich in Dankbarkeit klug zu binden, mit der Absicht, Freiheit zu gewinnen, dies kann als Kultur des Ökonomischen entwickelt werden.

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[1]              Bahr, Egon: Durch Dialog zur Zusammenarbeit, Basel 5.12.2008, http://www.novartisstiftung.org/plat­form/con­tent/ele­ment/2652/rede_bahr_final.pdf.

[2]              Günter, Andrea: Über die Abschaffung des Ernährermodells, die Lohnentwicklung und den Ge­sell­schafts­vertrag.  http://www.bzw-weiterdenken.de/2009/06/zur-finanziellen-situation-der-geschlechter/

[3]              Young-Bruehl, Elisabeth, Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit, Frankfurt/Main1991, 655.

[4]              Libreria delle donne di Milano: Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis, Berlin 1988, 154-157.

[5]              Es gibt kein Adjektiv zu „Markt“, kann dies keine Eigenschaft sein, ist es immer nur Substanz?

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 15.12.2011
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