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Rubrik heilen

Weihnachten – gefeiert wird eine Geburt

Von Antje Schrupp, Juliane Brumberg

Die adventliche Affidamento-Geschichte schlechthin: Die schwangere Maria sucht ihre schwangere Verwandte Elisabeth auf. Auf dieser Abbildung auf dem Marienaltar in der Maria-Magdalena-Kirche in Buchschwabach (Mittelfranken) sind sogar die noch Ungeborenen zu erkennen. Foto: Juliane Brumberg

Im Dezember kann auch bzw-weiterdenken nicht daran vorbeisehen, dass alles, aber auch alles, auf das bevorstehende Weihnachtsfest ausgerichtet ist. Neben Glühweingenuss auf den Weihnachtsmärkten, Geschenkeeinkauf und den unzähligen Weihnachtsfeiern lohnt es, die Geburt des Christkindes nicht nur in Weihnachtsliedern zu besingen, sondern sich auch damit zu beschäftigen, was es eigentlich bedeutet, dass Gott von einer Frau aus Fleisch und Blut geboren wurde.

Wir verweisen deshalb noch einmal auf einen Artikel, den Ina Praetorius schon zu einem früheren Weihnachtsfest hier veröffentlicht hat. Er hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Außerdem hat Ina Praetorius nachgelegt und zwei Bücher zu dem Thema veröffentlicht, die wir hier kurz vorstellen – nicht zuletzt als kleine Geschenke-Tipps:

Immer wieder Anfang

Was es theologisch für Konsequenzen hat, Gott und die Welt aus einer Perspektive der Gebürtigkeit heraus zu verstehen, liegt noch weitgehend im Dunkeln. Herkömmlicherweise haben sich Theologen wie Philosophen eher mit dem Tod und der Sterblichkeit befasst. Ina Praetorius umreißt in ihrem neuen Buch „Immer wieder Anfang“, wie ein „geburtliches Denken“ aussehen könnte. Zum Beispiel rückt es die gegenseitige Bezogenheit und Abhängigkeit der Menschen ins Zentrum und nicht ihre Autonomie. Und es rechnet damit, dass immer wieder neue Anfänge gesetzt werden können, also mit dem Unvorhersehbaren und Überraschenden. Dabei setzt Praetorius sich mit religiösen Autoritäten wie dem Schweizer Reformator Calvin auseinander und stützt sich auf die Ergebnisse der feministischen Theologie, die sie aber „postpatriarchal“ weiterdenken will. Denn es gehe nicht nur darum, Altes zu kritisieren, sondern um neue Maßstäbe und Paradigmen für eine Welt, deren alte Gewissheiten bereits am Zerfallen sind.

Ina Praetorius: Immer wieder Anfang, Grünewald. 150 Seiten. 16,90 Euro.

Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl I

In der Literatur hingegen, die Geschichten erzählt statt Theorien zu erfinden, ist häufiger vom Gebären und Geborenwerden die Rede. 150 Beispiele aus der Literatur durch die Jahrhunderte hat der Schweizer pensionierte Deutschlehrer Rainer Stöckli gesammelt. Zusammen mit Ina Praetorius hat er sie als Buch herausgebracht. In der Mitte findet sich ein Aufsatz von Praetorius, in dem sie sich des Dilemmas der „Geburtsvergessenheit“ annimmt. Quer durch die Philosophiegeschichte zeichnet sie nach, wie die Gebürtigkeit und damit auch die Materie, die Natur und die Frauen aus der Normalität ausgeschlossen wurden und zu welchen verqueren Schlussfolgerungen das geführt hat. Und sie bietet Alternativen an, wie man das Ganze neu ordnen könnte. Sehr lesenswert. (siehe auch die ausführliche Rezension)

Rainer Stöckli/Ina Praetorius: Wir kommen nackt ins Licht, wir haben keine Wahl. Das Gebären erzählen, das Geborenwerden. 150 Szenen aus der Schönen Literatur zwischen 1760 und 2011. Appenzeller Verlag, Herisau 2011, 38,80 Euro.

 Maria liest

Zu diesem Themenkreis und in diese Zeit passt das Buch „Maria liest“, das Andrea Günter schon vor einigen Jahren herausgegeben hat. Wenn Künstler oder Künstlerinnen Maria mit einem Buch abbildeten, steht das für geistige Beschäftigung, für die Öffnung zum Wort, zum Angesprochen-werden, für ein Nach- und Selberdenken und auch für ein sich daraus entwickelndes Handeln. Übrigens, auch die schwangere Maria oder die, die gerade ein Kind geboren hat, wird uns auf vielen Abbildungen, die sich in dem Buch wiederfinden, mit einem Buch in der Hand präsentiert, sie liest sogar auf einem Esel sitzend während der Flucht nach Ägypten.

Ein kleines, hilfsbedürftiges Kind lässt sich ganz offensichtlich mit Lesen – und dem, wofür es steht – verbinden. Das ist es, was uns die alten Bilder sagen wollen: Die Fähigkeit, gebären zu können, schließt nicht aus, dass Frauen auch lesen, selber denken und politisch handeln. Um diesen Themenkreis drehen sich die Aufsätze von zehn feministischen Theologinnen und frauenbewegten Denkerinnen in dem wunderbaren Buch „Maria liest“. Beim Lesen erweitert sich der Blick auf das Weihnachtsgeschehen auf eine ganz neue, spannende Weise.

Andrea Günter (Hg.), Maria liest – das heilige Fest der Geburt, Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2004, 200 S., 16,80 Euro.

 

Autorin: Antje Schrupp, Juliane Brumberg
Eingestellt am: 02.12.2011
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • ursula knecht sagt:

    danke für die Weihnachtsgedanken und Buchhinweise. Wer lesen mag, was auf dem Labyrinthplatz in Zürich in den vergangenen 10 Jahren an Heiligabend laut ausgesprochen wurde, kann dies hier tun: http://www.bzw-weiterdenken.de/2010/12/gedanken-an-heiligabend-im-labyrinth/
    – und wird merken, dass diese Gedanken von den Autorinnen der oben genannten Büchern und weiteren bzw-weiterdenken Autorinnen inspiriert sind. Ihnen möchte ich an dieser Stelle herzlich danken. Ursula Knecht

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