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Rubrik erinnern

Meine herzliebe Maria!

Von Hanna Strack


Hanna Stracks Vater, lesend. Foto: privat

„Was müssen wir als erstes retten, wenn es brennt? – Die Kiste mit Vaters Briefen!“ Das war jahrzehntelang Mutters Spruch. Sie führte uns aber nie ein in diesen Schatz. Ihr Mann war die Stütze ihrer Seele gewesen, und sie konnte nach seinem Tod nicht anders, als ihn mythisch zu erhöhen. Er wurde so auch uns zum Gottmenschen, eine Belastung, aus der mich Psychotherapien und feministische Befreiungstheologie befreien halfen.

Heute, ich bin 75 Jahre alt, habe ich genug Distanz. Ich habe die Kiste geöffnet und finde darin einen Schatz! Meine Eltern schrieben sich täglich, etwa viereinhalb Jahre lang! Ich lerne meinen Vater kennen und bekomme Einblick in ihre Beziehung zueinander.

Tränen kommen mir, ja, aber selten. Erstaunt bin ich über Vaters Schilderungen, zum Beispiel der Landschaft Südfrankreichs: „In leichten Kleidern gleichsam spazieren die Wolken am Himmel dahin“, oder der Beobachtung von Kameraden: „Es ist ein so schöner Sommerabend. Fast ist es ein friedliches Bild, wie da draußen ‚unsere’ Kühe weiden (vorhin habe ich sie wieder gemolken); einer der Kameraden versucht Fische zu fangen, andere sitzen unter einem Baum; dort schlafen sie auch. Die Mongolen darunter sind Mohammedaner; sie sitzen meist mit verschränkten Beinen, wie man das aus Abbildungen sieht.“

Und die Schrecken des Krieges an der Front treten klar vor Augen: „Eine Granate schlägt hinter dem Stallgebäude ein; die nächste vor dem Haus auf die Straße; ein Kam. springt herein; er hat einen kl. Splitter im Rücken. Fw. Reimann ist tödlich getroffen. Der Sani will eine Zeltbahn, in die er die Toten hüllt. Während wir noch im Keller sind, klaut ein Unbekannter ihm die Pistole!“

Und da sind immer wieder die Worte der Liebe: „ Ach, Maria, es war mir gestern als müsste ich laufen mit Riesenschritten, um Dich zu erreichen, dass ich Dich küsse aus Freude.“

Aus Mutters Briefen erfahre ich vieles über meine und meiner Brüder Kindheit, das mir bis jetzt unbekannt war. Im Herbst 1944: „Hanna will keine lustigen Lieder mehr singen, nur etwas Heiliges, wo Gott zuhört, wie sie sagt.“

Mein Vater war Pfarrer eines Kirchspiels im Schwarzwald. Er fragt viel nach den Bauersfamilien. Er war gerne in den Krieg gezogen im September 1939 „für Euch!“. Er will Deutschland von der Schmach des Versailler Vertrags befreien. Im Juni 1944 meint er noch: „Wir dürfen dennoch getrost bleiben und uns in Gottes Willen ergeben. Er kann uns immer noch retten und zum Sieg helfen, wenn er das will.“ Ende 1944 an der Front in der Eifel war nur noch der Wunsch nach Frieden, und im Januar 1945 traf ihn ein Bombensplitter tödlich.

Wusste mein Vater von den Internierungslagern, von den Verhaftungen durch die Gestapo? Natürlich wurden die Briefe zensiert. Aber die Namen der Orte, wo er sich aufhält, kann Mutter aus den Anfangsbuchstaben der Absätze zusammenstellen. Und da sind auch antisemitische Äußerungen im Mainstream der Theologen: „Sie haben Christus gekreuzigt“. Dies und anderes erschreckt mich.

Feldpostbriefe sind beides, die Briefe von der Front an die Heimat und umgekehrt. Das Feldpost-Archiv in Berlin hat großes Interesse daran, solche zeithistorischen Dokumente zu sammeln. Denn diese Briefe sind ein Kulturgut, das Grundlage von Forschungsarbeiten werden kann. Zugang zu den dort gesammelten Briefen haben Angehörige und Forscherinnen und Forscher. Vielleicht erwacht ja in einem Urenkelkind später einmal das Interesse an solchen Briefen, auch wenn die Enkel jetzt keine Zeit haben, sich damit zu befassen?

Die Briefe meiner Eltern von 1944 und Januar 1945 will ich abtippen beziehungswiese diktieren (sie sind in Sütterlinscharift) oder einscannen. Daraus kann ich ein kleines Büchlein zusammenstellen für Vaters Enkelkinder. Einige Auszüge habe ich auf meine Internetseite gestellt.

Autorin: Hanna Strack
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.01.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • gabi Bock sagt:

    liebe Hanna Strack,
    auf meinem Nachttisch liegen ausschließlich Bücher über den Deutschen Widerstand, ich habe meine Arbeit für mein 1.Statsexamen über Adolf Reichwein geschrieben und die Frage: „Warum haben es viele – oft einfache Leute – erkannt und – oft studierte – nicht, welch ein Teufel, ein Verbrecher dieser AH von Anfang an war“ beschäftigt mich täglich in vielen Zusammenhängen. Gut, sehr gut, dass wir alle Briefe , alle Erinnerungen sammeln, aber auch die Frage, warum beginnen wir jetzt erst die nationalsozialistische Vergangenheit der weiterhin in der BRD tätigen Nazi-Juristen zu klären? Sicherlich haben auch Sie gestern diese Nachricht von der Min.in Leuthäuser-Schnarrenberger gehört. Wie ist das alles möglich, was schlummert in „normalen“ Menschen, selbst in Pfarrern, also in einer 2000jährigen christlichen Gesellschaft??
    Viele Grüße Gabriele Bock

  • Viktoria Frysak sagt:

    Großartig!
    Danke fürs Teilhaben-Lassen

  • Dorothee Markert sagt:

    Ich habe auch noch einen Koffer voller Kriegsbriefe meiner Eltern auf dem Speicher stehen. Meine Stiefmutter hat sie gerettet, als wir Kinder sie wegwerfen wollten. Jetzt werde ich mir doch auch die Mühe machen, sie zu lesen, trotz Sütterlinschrift! Danke für diesen schönen Text!

  • Hanna Strack sagt:

    Liebe Gabi Block,
    Antworten auf manche Ihrer Fragen finden Sie bei:
    http://www.warchildhood.net/html/_wir_kriegskinder_.html

    Ich las es eben und heulte Rotz und Wasser, weil ich merkte, wieviel ich
    gelitten habe … und auch der Satz stimmt „Sie meinen, andere hätten viel
    Schlimmeres erlebt“.
    Mein Vater war deutschnational, d.h. er wollte Deutschland von der Schmach
    des Versailer Vertrages befreit wissen. Deshalb sah er in Hitler den 2.
    Moses. Noch im Juli 44 schreibt er aus Frankreich: „Wir fahren an der Stadt
    vorbei, woher alles Elend kommt“.

    Ergänzend zu Ermanns Vortrag: Wir Kriegskinder haben jetzt Zeit.

    Es gäbe noch viel zu sagen – es ist ja auch ein Frauenthema!
    Hanna Strack

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