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Caroline und Wilhelm von Humboldt: Zwei in Freiheit verbundene Leben

Von Doreen Heide

Caroline von Humboldt (1766-1829) wird – wie so oft – heute meist nur als Ehefrau Wilhelm von Humboldts und im Schatten der Humboldtbrüder stehend wahrgenommen. Dabei war sie zu ihrer Zeit in ihrer Bedeutung und Anerkennung diesen durchaus ebenbürtig. Eine neue Biografie von Dagmar von Gersdorff zeigt sie als geachteten Mittelpunkt des damaligen gesellschaftlichen Lebens und als emanzipierte und kluge Frau. Ihr großer Kunstverstand wurde von Goethe und Schiller besonders geschätzt und machte sie zu einer beliebten Gesprächspartnerin und Kunstkritikerin.

Am bemerkenswertesten fand ich dennoch die selbst für heutige Maßstäbe sehr moderne Eheführung Carolines und Wilhelms.

Bereits aus den frühen Briefen Carolines, geborene von Dacheröden, spricht eine ungeheure Liebes- und Lebenssehnsucht. So schrieb sie mit 22 Jahren an ihre lebenslange Freundin Charlotte von Lengefeld (die spätere Ehefrau Friedrich Schillers): „Mein Herz ist unbändig in seinen Wünschen und unersättlich in dem Genuß der Liebe und Freundschaft.“ Eine ihre Freiheit einengende Ehe kam für Caroline nicht in Frage. Freiheit in Liebesdingen wurde damals jedoch nur den Männern zugestanden. Caroline wusste darum, wenn sie erklärte: „Sie [die Freiheit] in einem so engen Verhältnis wie die Ehe respektiert zu sehen, war das einzige, was ich bei dem Mann suchte, dem ich meine Hand geben wollte.“

Einen solchen toleranten Partner fand sie in Wilhelm von Humboldt. Er entschied sich für das Ehebündnis mit Caroline, „weil er ihren Charakter kenne und ihr Wesen liebe“, schreibt Gersdorff. Er brauche die Nähe „großer und schöner Seelen“ und eine solche erkannte er in Caroline. In einem Brief an Georg Forster, in welchem er dem Freund seine Heiratsabsichten mitteilte, erläuterte Wilhelm seine Auffassung von Ehe: „Sollte einer von uns nicht mehr in dem anderen, sondern in einem Dritten das finden, worin er seine ganze Seele versenken möchte; nun so werden wir beide genug wünschen einander glücklich zu sehen, und genug Ehrfurcht für ein so schönes, großes, wohltätiges Gefühl, als das der Liebe ist, besitzen.“

Die Eheschließung geschah aus „Herzensneigung“, aber nicht nur das. Mehr noch war sie das Projekt zweier gleicher Seelen, die nach Verwirklichung streben. Das Verbündnis zwischen Caroline und Wilhelm wollte nicht einfach das Glück der anfänglichen Verliebtheit zementieren, sondern suchte den Anderen zur höchsten charakterlichen Weiterentwicklung zu bringen. So schrieb Wilhelm an Caroline: „Immer gewisser fühl ich es, daß du allein der Freiheit und der Liebe bedarfst, um alles zu werden, was Menschen zu werden vergönnt ist.“ Angst vor einer persönlichen Auseinanderentwicklung gab es dabei nicht. Freiheitsdrang und die Liebe zu einem anderen Menschen wurden nicht als unversöhnliche Gegensätze verstanden, denn „es gibt keine Freiheit ohne die Liebe“ (Caroline v. Humboldt).

Wilhelms von Humboldts Bildungsideal „Bilde dich selbst, und dann wirke auf andere durch das, was du bist“, welches ihn später das preußische Schulwesen reformieren ließ, zeigte sich bereits in diesem frühen Bekenntnis zur gleichberechtigten Ehe. Für Caroline galt: „Eheschließung und Ehealltag sollten nicht das Resultat, sondern der Beginn einer gelebten Liebe sein.“ (von Gersdorff) Schon fünf Jahre nach ihrer Heirat wurde das beidseitige Ehe- und Lebensmotto auf eine erste Probe gestellt: Caroline verliebte sich in den sechs Jahre jüngeren Wilhelm von Burgsdorff. Dies ging sogar soweit, dass der „Hausfreund“ von Burgsdorff bei den Humboldts in Jena einzog.

Die vier Jahre andauernde Liebesbeziehung zwischen Caroline und Wilhelm von Burgsdorff bietet kaum einen Hinweis auf Eifersüchteleien zwischen beiden Männern. Nur einmal ist in einem Bericht von Burgsdorffs der Hinweis zu finden, sich in Humboldts Gegenwart „steif und gehemmt“ gefühlt zu haben. Und der Ehemann? Dieser schwieg dazu, musste er sich doch an dem Postulat größtmöglicher Freiheit messen lassen, welches er selbst aufgestellt hatte. So versicherte er Caroline auch später noch, während ihrer großen Zuneigung zum Grafen Schlabrendorff: „Wenn du also nicht recht frei wärst mit mir, und wenn du entbehrtest, was du gern hättest, so störtest du mein ganzes inneres und äußeres Leben.“

Liebe war beiden mehr als ein wonniges Gefühl, sondern Voraussetzung zum Erkenntnisgewinn und Blick auf das Wesentliche. So schrieb Caroline über ihre Liebe zu von Burgdorffs, diese gebe ihr das Gefühl, „alles zu verstehen. Ich bin in mir frei und ruhig, der Genuß des Lebens ist mir errungene Kraft, Sinn für alles Menschliche und für alles Göttliche im Menschen. Der Punkt des innern Zusammenhalts bleibt ewig die Liebe.“

Der ehelichen Bindung taten diese Liebschaften keinen Abbruch. So schrieb Wilhelm an Caroline, die nach der Geburt ihres dritten Kindes matt und abgekämpft war, so dass er sie in der Obhut von Burgsdorff ließ, während er unterwegs war, um wichtige Familienangelegenheiten nach dem Tod seiner Mutter zu klären: „Unser Dasein ist so innig ineinander verschlungen … teures, einziges Wesen, möchtest du endlich nicht mehr duldend und leidend, möchtest du ganz und vollkommen glücklich sein.“ Es war ihm offensichtlich zweitrangig, ob er oder von Burgsdorff derjenige sei, der Caroline dieses Glück schenkte.

Es war von Burgsdorff, der die Beziehung zu Caroline schließlich beendete. Nach einem beglückenden vierwöchigen Aufenthalt auf dem Land, allein mit Caroline, stand ihm plötzlich der Sinn nach Abreise. Dagmar von Gersdorff deutet diese als Flucht. Offensichtlich wollte er mehr, gleichzeitig war ihm klar, dass das bei einer verheirateten Mutter mit drei Kindern aussichtsloses Hoffen war. Die Freiheit der Liebe war an ihre Grenzen gekommen, da sie für Burgsdorff jenseits des gegenseitigen „Elektrisierens“ keine weitergehende Perspektive bot. Er wollte nicht ewig Zweiter sein. Als Burgsdorff nach sechs Monaten zurück kam, war die Liebe Carolines erloschen, der „goldene Zauber“ vorbei.

Auch der Graf von Schlabrendorff schien der Humboldtschen Liebes- und Weltoffenheit nicht nur positive Seiten abzugewinnen. Glückliche Stunden mit Caroline wurden von umso schmerzlicheren Abschieden gefolgt: „Schlabrendorf stand still in sich gebohrt, bis wir ihn aus dem Gesicht verloren – sein liebes Gesicht bleibt mir gegenwärtig, ach in dem Augenblick wußte er, er verlor die, zu der er alles sagen durfte, aber er stand wie einer der längst, der immer gewohnt gewesen ist, zu entbehren, zu verlieren.“

Die Wirkung und Ausstrahlung Caroline von Humboldts muss eine ganz besondere gewesen sein. Mehrere Hauslehrer der Kinder mussten entlassen werden, da sie sich unsterblich in die Mutter verliebt hatten. Wo auch immer sie lebte, entwickelte sie sich zu einem wichtigen Treffpunkt des künstlerischen und intellektuellen Wirkens, dessen Förderung ihr ein ganz besonderes Anliegen war.

Bei all dem waren die Härten des Alltags zu bestehen. Acht Kinder hat Caroline geboren, die zu umsorgen und deren Erziehung zu organisieren war. Die Liebschaften und Bekanntschaften Carolines standen nie außerhalb dieses häuslichen Treibens, sondern wurden wie selbstverständlich darin integriert.

Drei ihrer Kinder musste Caroline zwischen 1803 und 1807 sterben sehen. Humboldt blieb auch in dieser unerträglichen Situation seinen Lebensmaximen treu und tröstete sich und Caroline mit den Worten: „Ich weiß wohl, dass unser Leben von jetzt an nicht mehr so glücklich sein kann. Aber Liebe, es kommt nicht eigentlich darauf an, glücklich zu leben, sondern sein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf seine Weise zu erschöpfen.“

In der Hoffnung, ihre Trauer zu überwinden, ließ Caroline Wilhelm mit den zwei jüngsten Kindern in Rom zurück und reiste, bereits erneut schwanger, mit den zwei älteren Kindern zu dem Geliebten Schrabrendorf nach Paris – und war dennoch ganz mit dem Herzen bei ihrem Mann und den Kindern. So berichtete sie Wilhelm nach ihrer Ankunft in Paris: „Ich habe Paris mit einer Freude wieder gesehen, die ich dir kaum beschreiben kann und die vollkommen wäre, wenn du und die geliebten Kinder mir nicht fehlten.“ Wilhelm seinerseits wünschte ihr in aller Aufrichtigkeit: „der Umgang mit Schrabrendorff und die ganze mannigfaltige Welt um Dich werden Dich aufs neue beleben, und ich bitte und beschwöre Dich noch einmal, genieße es recht nach Lust und ohne Dich einzuschränken.“ Er wusste, dass Caroline diese Freiheit benötigte, „um ihr auf seltne Weise großes und liebendes Gemüt in aller Fülle und Empfindung zu entfalten“.

Gleichzeitig wusste Wilhelm, dass die Freiheit, die er Caroline immer wieder zugestand, sie diese auch anderen erlaubte, denn „sie ehrte mit gleicher Zartheit auch die Freiheit an Anderen“. Wilhelm selbst war nicht frei von Liebschaften, die Caroline frei von Eifersucht akzeptierte. So schrieb sie ihm auf seine gestandene Zuneigung gegenüber Johanna Motherby: „Was du mir von Madame Motherby sagst, hat mich sehr gefreut. Ach, jawohl, das einzig Tiefbewegende im Herzen sind doch Menschen, und es ist recht unmenschlich, wenn man sie nicht zu brauchen meint oder fühlt.“

Profitiert haben von dem konsequenten Bekenntnis zur Freiheit und Liebe vor allem die Humboldts selbst. Keine Affäre konnte ihre Ehe und ihr tiefes Bekenntnis zueinander ernsthaft gefährden. So schrieb Wilhelm an Caroline im Alter von etwa 50 Jahren: „Mir ist es immer gewesen, als gäbe es zwei ganz verschiedne Arten der Leidenschaft, eine heftige, mehr äußere …, und eine heiligere, innere –  sie hat der Jugend nichts zu beneiden und hüllt sich still in die scheinbare Ruhe der späteren Jahre.“ Caroline pflichtete ihm bei, er habe ihr „aus der Seele geschrieben“.

Dabei zeigte sich, dass Freiheit alleine nicht ausreichend ist, sondern größtmögliche Freiheit auch größtmögliche Bindung benötigt, um sich Sinn und Glück stiftend zu entfalten. Caroline konnte sich so trotz damaliger Konventionen, die eine Frau auf ihre Rolle als Ehefrau beschränkten,  trotz Kindersorgen und –sterben, trotz immer wiederkehrender eigener schwerer Erkrankung große Freiräume und Schaffenskraft bewahren.

Das Seelenprojekt war erfolgreich. „Es ist ein Mensch fertig“, soll Caroline kurz vor ihrem Tod gesagt haben. Ich kann das Buch über Caroline von Humboldt nur von ganzem Herzen empfehlen.

Dagmar von Gersdorff: Caroline von Humboldt. Eine Biographie, Insel Verlag 2011, 22,90 Euro.

Autorin: Doreen Heide
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 11.02.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • heli voss sagt:

    danke für die erinnerung an diese tolle AHNIN. Reiche ernte!

  • heli voss sagt:

    danke für die erinnerung an diese tolle AHNIN, reiche ernte, nach so vielen jahren: nähren wir uns!

    hazel rosenstrauch: wahlverwandt und benbürtig, caroline und wilhelm v. humboldt, eichborn verlag 2009

    das buch ist anschließend ebenfalls sehr zu empfehlen, wg. der ebenfalls guten recherche, und besonders dem historischen kontext.

    diese beiden! gibts heute auch, so tolle paare!
    wirklich!

    hvoss

  • Tamm-Kanj, Silke sagt:

    Vielen Dank für diese Buchempfehlung. Ich werde das Buch gerne bei meiner Veranstaltung zum Internatuionalen Frauentag „Genuß für Geist und Gaumen“- Literatur – Frühstück- für Frauen in Würselen vorstellen.

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