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Rubrik denken, studieren

Ethikkonzepte und Geschlechterdifferenz

Von Andrea Günter

Eine neu hinzugefügte Rubrik studieren erweitert ab sofort das beziehungsweise Denken.  Andrea Günter eröffnet diese Sparte und lädt alle ein, Theorien kennen und vertiefen zu lernen. So beginnt das Studium mit dem „Denken der Geschlechterdifferenz“. Künftig wird sie in regelmäßigen Abständen neue Beiträge zur Verfügung stellen, die ein intensives Eintauchen möglich machen und zum Austausch anregen.

Das Denken der Geschlechterdifferenz

Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse, zu dieser Fragestellung veranstalte ich dieses Semester erstmalig ein Seminar zum Geschlechterdenken. Was mich auf eine solche Seminar-Konzeption zu Geschlechterfragen brachte? Die gute Erfahrung, Studierende mit unterschiedlichen Konzepten der Ethik vertraut zu machen und sie daraufhin aufzufordern zu überlegen, wie sich diese so unterschiedlichen Konzepte jeweils auf Geschlechterkonzepte auswirken.

Welche Überlegungen legen die verschiedenen Ethikkonzepte nahe? Was lassen sie jeweils formulieren, entwickeln, vorantreiben?

Eine Pflichtethik (deontologische Ethik) unterscheidet sich von einer Tugendethik, diese unterscheidet sich wiederum von einer Strebensethik (teleologischen Ethik) und von einer Güterethik. Und je nachdem formulieren sich Geschlechterkonzepte sehr unterschiedlich. Oder? Wenn nicht, dann tut sich die Frage auf, was es für die ethischen Konzepte und ihre Unterscheidung bedeutet, wenn sich Geschlechterkonzepte doch als sehr ähnlich erweisen. Geschlechterkonzepte erhellen Ethikkonzepte, Ethikkonzepte erhellen Geschlechterkonzepte, so lässt sich dieses Denken in einem Kreislauf umreißen. (Genaueres zu den Inhalten dieser beiden Denkbewegungen erfahren Sie in einem der nächsten Tagebucheinträge.)

Ich hatte dieses Verfahren schon mehrfach in meinem Seminar zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Schule“ für Lehramtsstudierende angewandt. In meinen Ethik-Seminaren für Lehramtsstudierende an der Universität Freiburg biete ich wenigstens zwei Sitzungen an, in denen ich eine Art Grundlagenwissen vermittle, was Begriffe und Konzepte von Ethik und Moral betrifft. Und um diese eher allgemeinen Ausführungen zu konkretisieren, lasse ich die Studierenden in einer anschließenden Reflexionssitzung diese auf das jeweilige Seminarthema anwenden. Das erweist sich als sehr erhellend, was die Konkretisierung der Ethikkonzepte, aber auch, was die Möglichkeiten der Perspektivierung der jeweiligen Fragenstellung des Seminarthemas betrifft. Und diese Erfahrung machen ich und die Studierenden auch in Bezug auf Geschlechterkonzepte.

Eine der wichtigsten Erfahrung hierbei war: Sobald wir anfangen, ethische Konzepte zu unterscheiden und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf Geschlechterfragen zu realisieren, ist die Diskussion um die/eine Natur der Geschlechter wie weggeblasen. Die Frage danach stellt sich einfach nicht mehr. Zumindest nicht mehr so wie zuvor. Hingegen wird deutlich, dass das Konzept „Natur“ differenziert werden muss. Auch darauf wird in einem späteren Bericht zum Seminar noch genauer eingegangen.

An dieser Stelle bietet sich eher eine wissenschaftstheoretische Überlegung an. Ethik boomt. Eine Ethikerin kann sich einerseits darüber freuen, sie ist gefragt. Aber es beschleicht mich vor allem ein Unbehagen, wenn ich mich mit den Erwartungen auseinandersetzen muss, die damit einhergehen.

Der Ethikboom steht für die Vorstellung, dass ein Wissenschaftler sagt, was richtig, gut oder böse, was zu tun ist. Endlich wissen, was wir tun sollen, endlich mit frauenbewegten Forderungen gerechtfertigt sein, so dass keine mehr widersprechen oder das genaue Gegenteil tun kann, diese Sichtweise steht dafür, dass nun auch die Geisteswissenschaften in einen Pragmatismus und Positivismus überführt werden (sollen). Es steht dafür, die Differenz zwischen Sein und Sollen zu überwinden, die einige Ethiker als die wesentliche ethische Fragestellung verstehen. Jedoch, konstituiert diese Differenz das, was als das Ethische bezeichnet werden kann?

Aber es gibt zum Glück noch eine andere Sichtweise auf die neue Bedeutung des Ethischen. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die neue Wichtigkeit des Ethischen einen Paradigmenwechsel in der Ontologie bedeutet, in der Lehre vom Sein. Ich gehe davon aus, dass der Ethikboom ein Hinweis auf die Notwendigkeit einer ethischen Ontologie ist. Das (menschliche) Sein als Ausdruck und Erscheinung des Ethischen zu verstehen, besagt, es nicht von der Natur, Gott, der Vernunft herzuleiten, sondern es von den Dilemmata her zu verstehen, mit denen Menschen zu tun haben, und den Möglichkeiten, die sie haben, um diese durchzuarbeiten und entlang von Gerechtigkeitsforderungen zu entscheiden.

Allerdings, damit ist auch das Ethische genauer profiliert. Auch darauf muss noch genauer eingegangen werden. An dieser Stelle möchte ich vorerst mit meiner Lieblingsdefinition des Ethischen schließen. Es stammt von der französischen Denkerin Julia Kristeva:

„Ich nenne diese Überlegung ethisch, weil sie, wie jede andere Theorie, aus einem Festhalten an der Beweisführung hervorgeht, am Sinn, an der These, an der Mitteilung einer Wahrheit, auch wenn sie neu zu begründen wäre. Aber in jedem Fall operiert diese Ethik, im Gegensatz zur Moral, mit dem ihr entsprechenden Lustempfinden: Die Verfahrensweise, von der ich spreche, berücksichtigt das Beweisbare ebenso wie das, was sich ihm entzieht, den Sinn wie den Nicht-Sinn, die These wie das, was sie nicht setzt, die Wahrheit wie das, was sich ihr entgegenstellt …“

Julia Kristeva machte diese Äußerung über das Ethische, als sie dazu befragt wurde, inwiefern sie sich für die Frauenfrage interessiert. Und sie antwortet, sie interessiere sich in diesem Sinne für die Frauenfrage als ethische Frage.

Die Frauenfrage als ethische Frage: als Frage aus einem Festhalten an der Beweisführung, am Sinn, an der These, an der Mitteilung einer Wahrheit, auch wenn sie neu zu begründen wäre. Diese Frage geht mit einem entsprechenden Lustempfinden einher. Das Beweisbare wird ebenso berücksichtigt wie das, was sich ihm entzieht, der Sinn wie der Nicht-Sinn, die These wie das, was sie nicht setzt, die Wahrheit wie das, was sich ihr entgegenstellt…

Die Frauenfrage als ethische Frage erweist sich als Frage der Haltung, die sich im Umgang mit Erkenntnis, Kausalität, Repräsentationssystemen und Rechtfertigung niederschlägt. Sie verlangt eine ethische Haltung, die in dem von Kristeva formulierten Sinne mit ihr umgeht.

Autorin: Andrea Günter
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 22.02.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Claudia Koltzenburg sagt:

    danke sehr für diesen Beitrag, bin gespannt darauf, wie sich die neue Rubrik entwickeln wird

    ich möchte gern von Andrea Günter wissen:

    was ist denn die „Frauenfrage“?

  • christel Göttert sagt:

    Diese Frage wird von Andrea Günter sicher gern beantwortet, sobald sie wieder an ihrem Schreibtisch ist. Bitte um ein paar Tage Geduld.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wie immer, wenn ich Andrea Günter lese, verstehe ich -so empfinde ich es erstmal-
    nicht allzu viel; und doch lese ich weiter und weiter, und ich sage danke!
    Es ist auch im begrenzten Verstehen für mich spannend dorthin mitgenommen zu werden; und dann -und das ist wichtig für mich- mache ich in Andreas Texten die Erfahrung,
    dass ich danach den Weg in mein geistiges Zuhause wieder alleine zurück finde,
    -unbeschadet, meist etwas verändert, jedenfalls bereichert.
    Das ist spannend!

  • Andrea Günter sagt:

    Liebe Claudia Koltzenburg,

    die Frauenfrage, wie Julia Kristeva es in ihrem Text Mitte der 70er Jahre ausdrückt, damit meint sie all die Fragen, die mit den Lebenslagen und Perspektiven von Frauen einhergehen und die sich in der Frauenbewegung politisiert haben, so würde ich ihre Aussage interpretieren. Interessant finde ich gerade ihre Perspektive darauf: Kristeva benennt gerade keine expliziten Inhalt, sondern ihr Anliegen, auf bestimmte Weisen mit Inhalten umzugehen.

    Herzliche Grüße
    Andrea Günter

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