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„Die Katastrophe ist auch jetzt noch allgegenwärtig“

Von Barbara Inui

Seit 1987 ist die gebürtige Schweizerin Barbara Inui-Gehrig mit dem Japaner Tadashi Inui verheiratet. Das Paar lebt in Oyodo, einem Dorf in der Nähe von Nara, also etwa 600 Kilmeter südwestlich von Fukushima. In einem Brief an Freundinnen und Freunde in Europa erzählt Barbara Inui, wie sie das Unglück von Fukushima erlebt hat, und schildert ihren Alltag ein Jahr danach.

Liebe Freundinnen und Freunde,

Ihr fragt mich, wie das vor einem Jahr für uns gewesen ist, als der Tsunami 600 Kilometer nordöstlich unseres Dorfes die Küste überschwemmt hat, und als wir dann kurz danach von der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima erfuhren. Ich werde versuchen, Euch meine Erinnerungen zu erzählen und von meinem heutigen Alltag zu berichten:

Mein Mann und ich haben durch meine Schwiegermutter vom Erdbeben und dem Tsunami erfahren. Normalerweise kommen im japanischen Fernsehen schon Minuten nach einem Erdbeben die Informationen als Schriftzeilen am Bildschirm. Wir hatten den Apparat aber nicht eingeschaltet und spürten auch nichts vom eigentlichen Erdbeben, obwohl andere Leute in der Gegend es als Schwanken wie auf einem Schiff wahrgenommen haben.

Heute heisst es offiziell, man habe es praktisch auf der ganzen Hauptinsel Honshu gespürt. Bei kleineren Beben wird im Fernsehen auch sofort auf installierte Überwachungskameras geschaltet, damit die Menschen sich ein Bild der Lage machen können. Aber bei diesem schweren Beben vom 11.März 2011 wurde so viel Infrastruktur zerstört, dass wir erst nach und nach vom eigentlichen Ausmass der Katastrophe erfahren haben.

Ich kann mich nicht erinnern, am Tag des Unglücks selbst Bilder gesehen zu haben, obwohl natürlich in den Nachrichten von nichts anderem die Rede war. Erst in den darauffolgenden Tagen sah man den ungeheuren Schaden, den vor allem auch der Tsunami angerichtet hatte. Noch nie habe ich eine so vollständige und breitflächige Zerstörung gesehen. Nicht nur verlorengegangene Häuser, sondern wochenlang kein Strom, kein Wasser, keine Toiletten, kein Benzin, kein Heizöl, keine Habe ausser dem, was man am Körper trägt, funktionsuntüchtige Krankenhäuser, keine Lebensmittelgeschäfte, keine Straßen, um Hilfsgüter zu transportieren, keine funktionierende Verwaltung, weil die Hälfte der Beamten umgekommen ist und so weiter. Es hat einfach nichts mehr von all dem funktioniert, was wir sonst als so selbstverständlich ansehen.

Meine Schwiegermutter meinte, so sei es nach dem Krieg in Japan gewesen. Leute, die das Katastrophengebiet besucht haben, sagten, die Bilder im Fernsehen seien nichts im Vergleich zur wirklichen Situation. Dazu komme noch der penetrante Gestank von Verwesung, und die vielen Fliegen, die dadurch angezogen werden. Das haben wir natürlich ebenso wenig mitbekommen wie ihr.

Mein Gefühl war: Das kann doch nicht menschenmöglich sein. Das darf doch nicht wahr sein. Wir sind stundenlang vor dem Fernseher gesessen und haben Berichte angeschaut, Geschichten von Eltern gehört, die immer noch nach den Leichen ihrer beiden Kinder suchen, ein siebenjähriges Mädchen gesehen, das seine gesamte Familie verloren hat. Da war die Verzweiflung von Leuten, die sämtliche Evakuierungszentren in der Umgebung tagelang zu Fuss nach ihren Familienmitgliedern absuchten und nicht wussten, ob sie noch leben oder nicht. Solche Einzelschicksale berühren und schockieren noch mehr als allgemeine Zahlen und Statistiken.

Alltag ein Jahr danach

Für uns ist die Katastrophe auch jetzt noch allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, ohne dass in irgendeiner Form davon die Rede ist, sei es in einem Bericht darüber, wie die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau fortschreiten, oder zum Beispiel in einer Reportage, wie Fischer sich die wenigen übriggebliebenen Boote teilen und versuchen, so ihr Überleben zu sichern. Dann der viele Schnee und die grosse Kälte jetzt in der Gegend, die das Leben in den Notunterkünften zur Qual machen. Gerade über den Jahreswechsel wurden am Fernseher viele Amateuraufnahmen gezeigt von Betroffenen und wie sie den Tsunami erlebt haben. Die Gewalt der Natur ist überwältigend. Wir täten gut daran, das nicht wieder zu vergessen.

Das Atomkraftwerk Fukushima 1 bringt leider noch eine weitere schreckliche Dimension zur Naturkatastrophe. Einerseits kann man wegen der Verstrahlung in der Umgebung keine Aufräumarbeiten leisten, andererseits können die Bauern und Fischer ihre Produkte nicht verkaufen, weil diese eben auch verseucht sind. Sie kommen dadurch nicht zu dringend benötigten Einnahmen.

Und dann war da noch das Schauspiel der Politiker zu betrachten, die versuchten, so wenig beängstigende Informationen wie möglich publik zu machen. Obwohl ich damit einverstanden bin, dass Panik zu vermeiden ist, habe ich doch manchmal das Gefühl, dass die Gefahr und das Ausmass der Verstrahlung hier in Japan unterschätzt werden. Es ist noch lange nicht alles unter Kontrolle, und erst kürzlich erfuhren wir, dass auch das AKW Fukushima 2 kurz davor stand, die zur Kühlung notwendige Stromzufuhr zu verlieren.

Für die notwendigen Aufräumarbeiten innerhalb des AKWs werden offenbar Arbeitslose im ganzen Land angeworben, die zunächst nicht darüber informiert werden, um welche Art von Arbeit es genau geht. In der Zeitung habe ich gelesen, dass diese Arbeiter zwar mit Geigerzählern ausgestattet sind, die sie aber während ihrer Schicht ausschalten, weil die akkumulierte Bestrahlung sonst schnell den Grenzwert überschreiten würde und sie dann ihre Arbeit verlieren würden. Kürzlich hat sich aufgrund einer Untersuchung herausgestellt, wie insbesondere in Bezug auf das AKW in der Regierung fehlendes Fachwissen, zurückgehaltene Information von seiten des AKW-Betreibers und schlechte Zusammenarbeit geherrscht haben.

Aufräumarbeiten und beginnender Wiederaufbau

Im Moment steht die Dekontamination im Vordergrund. Da wird zum Beispiel die oberste Erdschicht von Kindergartenspielplätzen und Schulhöfen abgetragen, was die Verstrahlung erheblich senkt. Aber da man nicht weiss, wohin mit dieser Erde, wird sie einfach in einer Ecke der Kindergärten und Schulen angehäuft und mit einer Plastikplane bedeckt.

Auch die Unmengen von Trümmern sind ein Problem. Eigentlich sollten sie zwecks Aufarbeitung oder Endlagerung auch in andere Provinzen gebracht werden, aber die Bewohner dort befürchten, dass sich verstrahlte Abfälle darunter befinden und lehnen sie darum ab.

In den betroffenen Gemeinden werden jetzt Projekte für den Wiederaufbau ausgearbeitet. Die Ausführung bietet man Privatfirmen an, die sie jedoch wegen der Verstrahlung nicht übernehmen wollen. So verzögert sich der Wiederaufbau.

Auch Gegenden ohne Verstrahlung haben ihre Probleme. Ganze Dörfer und Stadtquartiere sind verschwunden, und die Bevölkerung steht vor der Frage, wo sie wieder neu aufgebaut werden sollen. Ich habe den Eindruck, dass Japanerinnen und Japaner oft erwarten, dass ihnen gesagt wird, was sie tun sollen. Viele ärgern sich lautstark über die Unfähigkeit der Regierung, aber ich habe auch von Dörfern gehört, wo die Leute über Wochen immer wieder zusammenkamen und miteinander redeten, bis eine Lösung für ihre Ortschaft gefunden war.

Viele wollen weg vom Meer und sich landeinwärts neu ansiedeln. Ganze Städte werden neu konzipiert, Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser und auch Evakuierungszentren sollen in höher gelegenen und vom Meer entfernten Gegenden neu gebaut werden, während die Fischereiindustrie zwangsweise am Meer bleibt. Dazwischen sollen breite, geradlinige Straßen gebaut werden, die eine schnelle Evakuierung ermöglichen. Viele Flüchtende blieben ja am 11.März 2011 im Verkehrschaos stecken und wurden in ihren Autos vom Tsunami erfasst. Es ist bestimmt eine gute Chance, ganz neu anzufangen, aber es wird wohl noch Jahre und Jahrzehnte dauern, bis alles umgesetzt ist, von den Finanzierungsschwierigkeiten ganz zu schweigen.

Nicht nur Privathäuser, sondern auch sehr viele Firmen und Fabriken wurden zerstört, sodass Tausende nicht nur obdachlos, sondern auch arbeitslos sind, und ohne Aussicht auf eine neue Stellung in naher Zukunft. Weil in ganz Japan die Elektrizitätszufuhr immer noch knapp ist, werden auch wir hier im Süden zum Sparen aufgerufen. Ich finde es gut, dass wir dadurch alle diese Katastrophe nicht so schnell vergessen.

Es gäbe noch viel mehr zu schreiben, denn die Katastrophe ist hier immer noch eines der wichtigsten Themen, auch wenn wir, die nicht direkt Betroffenen, den Luxus haben, uns auf unser tägliches Leben konzentrieren zu können. Mir persönlich hat diese Katastrophe gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist und sich alles von einem Tag zum andern ändern kann. Und ich frage mich, was ich denn in diesem Leben wirklich will und was mir wirklich wichtig ist. Ich hoffe doch sehr, dass wir durch dieses Ereignis zu einem reicheren und volleren Leben finden.

Ich grüsse euch alle ganz herzlich und wünsche euch alles Gute,

Barbara Inui

Autorin: Barbara Inui
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 06.03.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • heli voss sagt:

    s.o. Der Luxus, sich auf das tägliche Leben zu konzentrieren!“

    Danke für die Relationen im „täglichen Leben“ und den Luxus des DENKENS !

  • Wolfgang Klug sagt:

    Liebe Frau Inui,

    im Fernsehen sah alles schon so entsetzlich aus, Ihr Bericht zeigt mir, dass es noch viel entsetzlicher war. Mein Mitgefühl gilt den Japanern, die unter dieser Katastrophe und ihren Folgen leiden, ich hoffe, dass fähige Köpfe viele gute Lösungen finden für eine bessere Zukunft.

    Für uns Nicht-Betroffene sollte das aber eine Mahnung sein, darüber nachzudenken, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie sehr abhängig von Strukturmassnahmen und – im Falle eines Versagens derselben – vom Zusammenwirken aller Mutigen, eine neue Zukunft aufzubauen. Eine gute Nachbarschaft war in alten Zeiten wichtig – sie ist es heute noch, und es lohnt sich, sie zu pflegen.

    Ich wünsche dem japanischen Volk eine große Welle des Miteinander – und Bürokratie, die dieses Miteinander nur fördert.

    Herzliche Grüße

    Wolfgang Klug

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