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Rubrik denken

Durcheinander – durch einander!

Von Karin Hanig

Bei der diesjährigen Meißner Philosophiewerkstatt beschäftigten sich 22 Frauen mit Texten zum geburtlichen Denken.

Wer das Leben eher praktisch am Schopfe fasst als es vornehmlich philosophisch zu betrachten, für die- und denjenigen mag sie erstaunlich sein – die männlich-dominierte Philosophensicht auf das Dasein als ein „Sein zum Tode“. Dem stellen spätestens seit Hannah Arendt Denkerinnen starke Argumente und kluge Gedanken entgegen. Besser gesagt: sie wollen und werden eine Weltsicht vom Kopf auf die Füße stellen.

Das ist Graswurzelarbeit. Zu der trafen sich 22 Teilnehmerinnen vornehmlich aus Sachsen und Bayern am ersten Märzwochenende zur Philosophiewerkstatt für Frauen in der Evangelischen Akademie Meißen. „Immer wieder Anfang. Die Bedeutung des Geborenseins“ hatte Ina Praetorius die von ihr geleitete dreitägige Werkstatt betitelt. Es war die sechste Ausgabe einer von Kerstin Schimmel an der Meißner Akademie ins Leben gerufenen und vorbildlich betreuten Reihe „Denken im Dialog“. Die Veranstaltung kann mittlerweile auf ein Stammpublikum zählen. Allesamt sind wir Frauen, die diese Form geistigen Austauschs nicht missen möchten.

Die Tatsache, dass fast jede von uns ein- oder mehrmals geboren hat, ermöglichte jeder von uns einen ganz eigenen Zugang zum Thema. Und mit Neugier, was dazu wohl eine „freischaffende Autorin, Referentin und Hausfrau“ – so der Waschzettel einer Publikation von Ina Praetorius – zu sagen hätte. Die Schweizer Theologin nahm „Denken im Dialog“ beim Wort. Sie gab Anstöße, erreichte Anteilnahme, skizzierte Anfänge. Sie forderte von uns Mit- und Weiterdenken im großen Kreis und bei Gruppenarbeit ein. Was dabei an Kreativität freigesetzt wurde, hat die Runde wohl selbst überrascht.

Das von Ina Praetorius als Schlüsselbegriff eingebrachte Wort vom „postpatriarchalen Durcheinander“ war den meisten neu. Auch, dass sie damit das Aufweichen, Verschwimmen, (wohl doch noch nicht) Verschwinden einer Jahrtausende alten, künstlich gezogenen und mit aller Macht aufrechterhaltenen Trennlinie meint. Einer zwar gedachten, aber zugleich sehr realen Trennlinie zwischen Gott, Geist und Theorie oben, Materie und Praxis, Natur und Geburt darunter. Eine Linie auch, die den Geschlechtern ein gesellschaftlich determiniertes Oben und Unten zuweist. Dagegen rebellieren Frauen, die Natur und die Menschen in der sogenannten dritten, der ausgebeuteten Welt – und verlangen nach einer neuen lebensfreundlicheren Ordnung.

Wie könnte die aussehen, fragte Ina Praetorius, fragten wir uns. Ihr kleiner Kniff bei der Graswurzelarbeit: jede sollte ihre Lieblingswörter in diesem Zusammenhang aufschreiben. Und so nannte und schöpfte die Runde so wunderbare Wörter wie Geh-Wissen, All-Tag, Oiko-Sophia, Älterlichkeit, weltliches Bezugsgewebe. Das „Durcheinander“ vom Anfang wurde zum „Durch-Einander“. Wir hatten das Gefühl, selbst ein kleines Beispiel für geburtliches Denken geschaffen zu haben. Auf solche Weise konnte Ina Praetorius uns mit Texten von Hannah Arendt, Christina Schües, Hans Saner, Andrea Günter und anderen Philosophinnen und Philosophen nahebringen, was „Sein von der Geburt her“, als „lebendiges Prinzip des Schaffens in der Welt“ bedeutet. Mit der Idee, die Welt als Haushalt zu denken, ging es ganz praktisch und mit dem auch Widerstand hervorrufenden Begriff der „Scheißologie“ ganz deftig zur Sache. Aber das ist schon ein anderes Kapitel.

Am Ende unserer Werkstatt jedenfalls kamen wir uns wohl alle bereichert vor. Und das Beste daran: Mit dem „Denken im Dialog“ haben wir uns selbst beschenkt.

Autorin: Karin Hanig
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 16.03.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Da oben steht:
    „…dass fast jede von uns ein- oder mehrmals geboren hat,
    ermöglichte jeder von uns einen ganz eigenen Zugang zum Thema…“,
    was freilich leicht zu verstehen ist.
    Aber da schwingt etwas mit -mein ich, als ob selbst geboren haben ein Mehr ist
    im LebensVergleich zu denen, die nicht Kinder geboren haben.
    Dem möchte ich entschieden widersprechen!
    Und ich fände es schade, wenn das Thema auf diese Weise so verengt würde.

  • Danke für den Bericht. Schön, zu lesen, was Ihr ohne uns in Meißen gemacht habt. … mit einem weinenden Auge zwar, ist ja klar. Ist doch gut, ‚bzw‘ zu haben! – zu Fidis Kommentar: Ja, ich stutzte auch bei der Formulierung und finde es wichtig, zu betonen, dass weibliche Mutter-Macht nicht ans tatsächliche Mutter-Sein bzw. Geboren-Haben (was ja nochmal was anderes ist) gebunden ist, wenn die persönliche Geschichte freilich den Zugang schon prägt. So war es auch vermutlich gemeint.

  • Ja, selbst geboren zu haben ist ein Mehr – unter vielen Mehrs.

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