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Interview mit der Schlangenbrut

Von Antje Schrupp

Die aktuelle Ausgabe der „Schlangenbrut“, einer Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen, beschäftigt sich mit dem Thema „Neue Medien“. In diesem Zusammenhang sprach die Schlangenbrut-Redakteurin Janet Hromadko mit Antje Schrupp über das Projekt „beziehungsweise weiterdenken“ – wir dokumentieren hier das Interview.

Janet Hromadko: Sie sind Autorin und Redakteurin bei dem Internetforum „beziehungsweise weiterdenken“ – was können sich unsere Leserinnen hierunter vorstellen?

Antje Schrupp: Das ist ein Internetforum für philosophische und politische Texte von Frauen, das im Januar 2007 online gegangen ist. Wir Redakteurinnen arbeiten schon länger inhaltlich zusammen, zum Beispiel durch Veröffentlichungen oder auf feministischen Mailinglisten oder Treffen. Die meisten von uns sind ursprünglich vom Denken der italienischen Feministinnen um den Mailänder Frauenbuchladen und die Universität von Verona inspiriert, eine feministische Richtung, die sich inzwischen ja auch im deutschsprachigen Raum etabliert hat, unter Stichworten wie „Affidamento“ oder „postpatriarchales Denken“. Auch viele der Autorinnen kennen wir schon länger aus gemeinsamen Projekten. Wir wollten im Internet eine Plattform schaffen, auf der unsere verschiedenen Aktivitäten zusammenlaufen und die auch die Möglichkeit bietet, auf interessante Projekte hinzuweisen oder politische Entwicklungen zu kommentieren und zu reflektieren. Wir übersetzen hin und wieder auch Texte aus dem italienischen oder französischen Feminismus, die uns interessant erscheinen. Unsere Leserinnen kamen anfangs auch überwiegend aus diesen Zusammenhängen, inzwischen hat sich die Bekanntheit der Seite aber darüber hinaus ausgeweitet. Das freut uns, weil wir explizit auch mit anderen feministischen Ansätzen in einen Austausch kommen wollten. Unser „Organisationsprinzip“, wenn man so will, ist das Knüpfen von Beziehungen, wie der Name ja auch schon sagt. Das heißt, es geht uns nicht um möglichst große Massenaufmerksamkeit, sondern um einen qualitätsvollen Austausch unter Frauen – und, wenn sie es wünschen, auch mit Männern – die sich füreinander interessieren und die Ideen und Gedanken der anderen aufgreifen und eben „beziehungsweise weiterdenken“.

Warum haben Sie sich für einen Internetauftritt entschlossen?

Ganz am Anfang hatten wir überlegt, ob wir eine Papierzeitung machen, aber bei den Vorüberlegungen zeigte sich schnell, dass das Internet für unser Anliegen die bessere Plattform ist. Einmal weil es kaum Kosten verursacht, außerdem, weil es ein schnelles und niedrigschwelliges Medium ist, und vor allem natürlich, weil es durch die Link-Struktur möglich macht, sich aufeinander zu beziehen und Diskussionsstränge kontinuierlich zu verfolgen, sich also auf frühere Texte zu beziehen und diese weiter zu entwickeln. Außerdem ist es via Internet möglich, auch über räumliche Entfernungen zusammen zu arbeiten, denn wir Redakteurinnen und erst recht die Autorinnen leben ja über ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich verstreut. Mit den sozialen Netzwerken Facebook (www.facebook.de/bzwweiterdenken) und Twitter (@bzwweiterdenken) haben sich noch mehr gute Möglichkeiten der Vernetzung und Diskussion eröffnet. Allerdings war uns von Anfang an klar, dass es nicht reicht, nur über das Internet miteinander verbunden zu sein. Daher treffen wir uns zwei bis dreimal im Jahr zu Redaktionssitzungen, außerdem veranstalten wir manchmal inhaltliche Tagungen, zu denen wir dann auch die Autorinnen und Leserinnen einladen. Vor zwei Jahren diskutierten wir zum Beispiel ein Wochenende lang mit dreißig Frauen darüber, wie wir in Institutionen und in der Öffentlichkeit sichtbar und einflussreich sein können, ohne uns an die vorhandenen Strukturen und Spielregeln anzupassen. Die Ergebnisse dieser inhaltlichen Treffen bieten dann Stoff und Themen, die in weitere Artikel und Beiträge einfließen.

Wie waren und sind die Reaktionen auf Ihr Internetforum?

Die Reaktionen waren und sind eigentlich ausschließlich positiv. Inzwischen haben wir um die 700 Newsletter-Abonnentinnen, die sich per Mail über neue Beiträge informieren lassen, und um die 8000 Seitenzugriffe im Monat. Negative Erfahrungen, zum Beispiel mit Shitstorms oder sexistischen Troll-Kommentaren, haben wir bisher keine gemacht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass wir für unser Forum gezielt Werbung über „Beziehungen“ machen, also bei Veranstaltungen, die wir selbst besuchen, in Publikationen wie eben der Schlangenbrut, bei feministischen Treffen oder in Mailinglisten, die zu unserem Anliegen passen. Wir legen keinen Wert darauf, in den üblichen Netz-Rankings und Blog-Charts vertreten zu sein. Deshalb ist unser Publikum auch überwiegend eines, das ähnliche Anliegen hat, wie wir, das uns also im Prinzip wohlgesonnen ist, was inhaltliche Kritik ja keineswegs ausschließt. Kontroverse Diskussionen sind uns nämlich sehr, sehr wichtig, denn wir wollen ja gerade die Unterschiede unter Frauen und feministischen Positionen fruchtbar machen. Aber eben auf der Grundlage einer konstruktiven und aneinander interessierten Diskussionskultur. Auch unsere Leserinnen legen darauf sehr großen Wert, weshalb wir eine relativ strikte Moderationslinie haben. Das heißt, polemische, sich im Ton vergreifende oder sich nicht auf das Thema beziehende Kommentare schalten wir nicht frei. Aber, wie gesagt, sehr viele davon haben wir auch gar nicht.

Wie empfinden Sie feministische Internetauftritte?

Auf jeden Fall als einen Segen. Gerade für nicht-mainstreamige Themen und Ideen gibt es kein besseres Medium. Leider wird das Internet von vielen, tendenziell älteren Frauen noch viel zu wenig genutzt. Jedenfalls nicht im Sinne des Selbst-Schreibens – zum Lesen und Recherchieren nutzen sie es natürlich schon. Aber wir erleben es oft, dass wir Frauen treffen, die unser Forum regelmäßig lesen und im persönlichen Kontakt dann auch sehr interessante Ansichten zu diesem oder jenem Thema äußern, aber das nicht in Kommentaren oder gar eigenen Artikeln „ins Internet schreiben“ möchten. Oder wir kennen Frauen, die tolle Initiativen oder Projekte haben, darüber aber keine Artikel schreiben möchten. Ein großes Hindernis, das da immer wieder genannt wird, ist auch die Zeit. Viele politisch aktive Frauen sind schon in so vielen Aktionen eingebunden, dass sie keine Zeit finden, um darüber auch noch zu schreiben. Wir versuchen, sie in solchen Fällen so gut wir können zum Schreiben zu ermutigen, denn wir finden, dass die Gedanken von Frauen mehr in die Öffentlichkeit getragen werden sollten. In gewisser Weise bieten wir mit unserem Forum ja auch die Möglichkeit, mit dem Publizieren der eigenen Gedanken niedrigschwellig anzufangen, nämlich vor einem interessierten und aufgeschlossenen Publikum und ohne gleich einen eigenen Blog starten zu müssen.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.03.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • gabi Bock sagt:

    liebe Antje,
    schön, dass du mit „unserer “ Schlangenbrut diskutiert hast, sie ist hier in godesberg gleich um die Ecke, gehört ganz fest zu unsren Resten der feministischen Theologie.
    Trotzdem sollten wir uns auch ab und zu sehen, wir vermissen Gelnhausen, ein offenes Treffen mit Themen, denn manchmal werden die „Alten“ wieder gefragt, wenn – zwar andere – aber eben auch Probleme aufkommen über Benachteiligungen oder Nicht-beachtet-werden…ein großes Thema, gerade hier in Bonn: die Nichtfestangestellten Wissenschaftlerinnen, Lehrerinnen (DAF) etc., was ja hauptsächlich die langsam 50jährigen Frauen betrifft.
    Lass es Dir gut gehen, ich lese alles eifrig und denke oft an Dich. Herzlichst Gabi Bock

  • Liebe Antja,
    ich bin eine jener Frauen, die ein tolles Projekt – den Beginenhof in Essen – realisiert hat, aber (noch?) nichts darüber schreibt.
    Theoretisch weiß ich natürlich, daß „das Private Politisch ist“ und es von Bedeutung für andere sein könnte, aus dem Alltag eines real existierenden Frauenwohnprojektes zu berichten. Mein Leben in dieser noch ungewohnt „verdichteten Wohnform“ ist, trotz affidamento im Konzept, oft anstrengend durch eine Vielzahl an Projektionen und hohen Erwartungen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und darüber zu schreiben ist mir ungewohnt und auch peinlich. Ich wäre halt gern schon „weiter“.
    Wir sind mit 29 Frauen und 5 Kindern aufgebrochen in ein Neuland ohne Straßenkarte. Uns begleiten Frauen, die im Haus Büro oder Praxis haben, ein Café-Restaurant (was grade extrem schwierig ist) und 14 Frauen im Betreuten Wohnen eines professionellen Trägers, die wir noch nicht so gut integrieren konnten. Eigentlich kein Wunder, daß es manchmal knirscht und kracht. Was ließe sich darüber schreiben???
    Liebe Grüße von Waltraud

  • Antje Schrupp sagt:

    @Waltraud – Hm, das ganze Projekt hört sich für mich sehr interessant an 🙂 – besonders spannend wäre natürlich zu erfahren, welche Probleme es gibt und woran sich Konflikte entzünden, vor allem, wenn damit Ideen verbunden wären, wie man es besser machen kann. Das würde sicher für Projekte, die etwas ähnliches vorhaben, von Interesse sein.

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