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Postpatriarchal gedacht macht das Grundeinkommen Sinn

Von Ina Praetorius

Wirtschaftsleben. Foto: Ina Praetorius

In der Schweiz läuft derzeit die Debatte um das Grundeinkommen so richtig an. Das hat einen einfachen Grund: Am 21. April wird mit einem großen Fest im Zürcher Theaterhaus „Schiffbau“ die „eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ lanciert. Hunderttausend Unterschriften müssen in den kommenden achtzehn Monaten gesammelt werden, damit in ein paar Jahren dann hoffentlich das ganze stimmberechtigte Volk über den vorgeschlagenen neuen Verfassungsartikel wird abstimmen können. Und damit dieses groß angelegte Unternehmen gelingt, braucht es eben diese Debatte, die über die Kerngruppe der Initiantinnen und Initianten hinaus möglichst viele Bürgerinnen und Bürger einbezieht.

Eine scheinbar harmlose Workshop-Ausschreibung

Am Sozial- und Umweltforum Ostschweiz 2012 ( http://www.sufo.ch/ ) zum Beispiel ist ein Workshop zum Thema ausgeschrieben. Im Programmheft steht dieser kurze Text:

Das Grundeinkommen ist nicht Lösung aller Probleme. Es könnte lediglich Teil einer neuen Ausgangslage sein: Damit in der Wirtschaft alle mitmachen können, die wollen, und keiner mitmachen muss, der nicht will. Das macht nicht nur mehr Spass, sondern unsere Gesellschaft erst noch effizienter. Der Workshop setzt sich mit den interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptiker auseinander.

Auf den ersten Blick sieht das gut aus: Der Workshopanbieter oder die –anbieterin gesteht schon im ersten Satz zu, dass das Grundeinkommen kein Zaubermittel zur Lösung sämtlicher Probleme ist. Nein, es wird „Teil einer neuen Ausgangslage“ sein, also eine Art veränderte Verhandlungsposition, von der aus alle Mitglieder der Gesellschaft, Frauen, Männer, Kinder, Alte, MigrantInnen und so weiter, neu definieren werden, wie sie ihr Zusammenleben welt- und menschenfreundlich gestalten wollen.

Ja, so sehe ich das auch. Und dass die „interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptiker“ im Mittelpunkt stehen sollen, das ist gut eidgenössisch konsensdemokratisch gedacht.

Aber dann steht da plötzlich ein nur vermeintlich harmloser Halbsatz im Weg: …Damit in der Wirtschaft alle mitmachen können, die wollen, und keiner mitmachen muss, der nicht will.

Hoppla: bin ich denn frei, mich aus der Wirtschaft einfach auszuklinken? Wie soll das gehen?

Was ist Wirtschaft?

Wer irgendein beliebiges Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft aufschlägt, findet mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gleich auf einer der ersten Seiten eine Definition, die sich auf die Tatsache bezieht, dass Menschen bedürftig sind. Zum Beispiel heißt es da, Ökonomie sei die…

…gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität. (Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern/Stuttgart/Wien (Haupt) 1998

Oder:

Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden. (Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5.

Nehme ich solche allgemein akzeptierte Definitionen des Begriffs „Wirtschaft“ zum Maßstab, sind Menschen nicht frei, zu entscheiden, ob sie in der Wirtschaft „mitmachen wollen“ oder nicht. Denn es gibt keine nicht bedürftigen Menschen, weshalb die Entscheidung, in der „gesellschaftlichen Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ nicht mitzumachen, einem Selbstmord gleichkäme.

Zwar hat man immer wieder versucht, den „unabhängigen“ Menschen zu konstruieren: Robinson Crusoe, das „sich selbst setzende Subjekt“ der europäischen Aufklärung oder den Self made Man. Alle drei sind Fiktion.

Die Wirtschaft: nur der Markt?

Unser Workshop-Ausschreiber ist mit seiner seltsamen Vorstellung, man könne in der Wirtschaft „mitmachen oder nicht“, nun aber keineswegs allein. Ganz im Gegenteil: Er spricht bloß nach, was der Mainstream der ökonomischen Wissenschaft ihm vorsagt. Wahrscheinlich ist dieser Halbsatz aus diesem Grund auch diskussionslos ins Programm aufgenommen worden.

Auch die Autoren der Wirtschaftslehrbücher springen nämlich, nachdem sie ihren Gegenstandbereich zunächst sehr allgemein als arbeitsteilige Bedürfnisbefriedigung definiert haben, unversehens – und fast immer ohne Begründung – in eine bestimmte institutionelle Sphäre: den Markt (und nebenbei noch den Staat). Dass sie mit diesem Sprung eine Menge realer Bedürfnisbefriedigung, je nach Berechnung mehr als die Hälfte, überspringen, sollte man eigentlich inzwischen wissen: Der Ökonom überspringt nämlich all die Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, in denen Bedürfnisse ohne den Umweg über das Tauschmittel Geld befriedigt werden, insbesondere die Privathaushalte, und viele gesellschaftliche Bereiche, in denen Geld zwar eine gewisse Rolle spielt, aber nicht die dominante: zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, bäuerliche Subsistenzwirtschaft, ehrenamtliche Tätigkeiten und einen grossen Teil dessen, was feministische Ökonominnen inzwischen „Care-Arbeit“ nennen (zum Beispiel Maren Jochimsen in „Careful Economics. Integrating Caring Activities and Economic Science”, Boston/Dordrecht/London 2003).

Ohne eine plausible Erklärung zu liefern, setzt die noch gängige Ökonomie Bedürfnisse also mit dem gleich, was sie „Nachfrage“ nennt, mit denjenigen speziellen Bedürfnissen also, die auf dem Markt als Elemente von monetär vermittelten Tauschgeschäften in Erscheinung treten.

Zweiteilung und Ausblendung

Warum ist das so? – Weil man schon seit vielen Jahrhunderten die unmittelbare, also nicht über das vermeintlich allgemeine Tauschmittel Geld gehandelte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nicht als „richtige“ Wirtschaft anerkennt: In der griechischen Antike hat man sie als „niedere“ Arbeit den Sklavinnen, Sklaven und Ehefrauen zugeschoben, die unter der Aufsicht „freier“ (?) Bürger deren scheinbare „Unabhängigkeit“ herzustellen hatten.

„Die Wissenschaft des Herrn ist … diejenige, die die Sklaven zu verwenden weiss. Denn der Herr zeigt sich … im Verwenden von Sklaven … und die Herren selbst treiben Politik oder Philosophie“ schreibt Aristoteles in seiner „Politik“ schon im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Bis in die Neuzeit ist uns diese Zweiteilung der Welt in freie und unfreie Angehörige der Gattung Mensch im wesentlichen erhalten geblieben, trotz aller Bekenntnisse zu unverlierbarer Menschenwürde und allgemeinen Menschenrechten.

Aber heute befinden sich in der höheren Sphäre vermeintlicher „Unabhängigkeit“ nicht mehr nur, wie im antiken Athen, „Politik und Philosophie“ sondern zusätzlich: das Geld und mit ihm der scheinbar unfehlbare Mechanismus, der angeblich dazu führt, dass menschliche Bedürfnisse gewissermaßen „automatisch“ befriedigt werden: der sogenannt freie Markt. Offiziell gibt es keine Sklaverei mehr, was aber nicht bedeutet, dass keine Menschen mehr als zweitklassig und von Natur aus dienstbar behandelt würden. Die schlecht oder gar nicht begründete Ausgrenzung der Bereiche der unbezahlten Versorgungsleistungen aus der ökonomischen Wissenschaft – und aus unserer Workshop-Ausschreibung – ist nur ein Indiz für die Zähigkeit des zweigeteilten Weltbildes.

Das Grundeinkommen als ein möglicher Anfang postpatriarchaler Ökonomie

Heute allerdings geht das Patriarchat stillschweigend oder manchmal auch mit viel Getöse zu Ende. Im vierbändigen „Neuen Handbuch theologischer Grundbegriffe“ steht zum Beispiel im Artikel „Grundlagen der Wirtschaftsethik“ dieser Satz:

Wirtschaft“ist zu verstehen als eine Gesamtbezeichnung für alle Massnahmen zur Bedarfsdeckung, also Güterbeschaffung, -verteilung und -verwendung: vom plazentaren Tauschverhältnis zwischen Fötus und Mutterleib bis zum Supermarkt, von der Muttermilch bis zum weltweiten Devisenhandel.

Diese Definition, die immerhin schon sieben Jahre alt ist, aber bis heute nur wenig zitiert wird, macht Ernst mit der Aufhebung der Grenzen zwischen „eigentlichen“ und vernachlässigbaren, höheren und niederen, bezahlten und unbezahlten Wirtschaftsbereichen.

Dabei gibt sie die allgemein akzeptierte Definition der Öko-Nomie (von griechisch oikos/Haus, Haushalt und nomos/Gesetz, Lehre) keineswegs auf, im Gegenteil: Sie erweckt sie zu neuem zukunftsfähigem Leben. Und sie müsste der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen zugrunde liegen, wenn es in ihr tatsächlich um mehr gehen soll als um einen Befreiungsschlag für Leute, die endlich das Recht haben wollen „zu tun, was sie wollen“. Nämlich darum, von Grund auf neu zu überlegen, wer in dieser Weltgesellschaft aus sieben Milliarden geborenen, bedürftigen, verletzlichen und freien Menschenwesen was wie unter welchen Rahmenbedingungen tun und lassen soll. Erst wenn wir ausdrücklich aufhören, die Wirtschaft willkürlich und gedankenlos auf den Bereich zu begrenzen, in dem vorzugsweise weisse erwachsene bezahlte Männer zunehmend unnütze Produkte herstellen und gegen Geld tauschen, wird die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen werden, was sie sein könnte: spannend und zukunftsschwanger.

Die Workshopausschreibung fürs Sozial- und Umweltforum 2013 könnte dann übrigens so heißen:

Das Grundeinkommen ist nicht die Lösung aller Probleme. Es könnte lediglich Teil einer neuen Ausgangslage sein: Damit in der Wirtschaft alle das tun können, was gleichzeitig ihren unverwechselbaren Fähigkeiten und Wünschen und den gegebenen Notwendigkeiten entspricht. Das macht nicht nur mehr Spass, sondern unsere Gesellschaft erst noch effizienter. Der Workshop setzt sich mit den interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptikerinnen und Skeptikern auseinander.

Zum Weiterlesen:

Antje Schrupp: Kampf gegen Windmühlen. Carearbeit und Grundeinkommen

Ina Praetorius: Geburtlich leben (pdf)

Ina Praetorius: Ökonomie der Geburtlichkeit

Ina Praetorius: Das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt

 

 

 

 

 

 

Autorin: Ina Praetorius
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 05.04.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Giovanna Farinotti sagt:

    Dieses „bedingungslose Grundeinkommen“ postpatriarchal überhaupt zu denken macht mir persönlich noch Mühe, jedoch habe ich die Eidg. Volksinitiative unterschrieben, weil ihr Zustandekommen politisch wichtig ist.
    Im Austausch mit nahestehenden Menschen habe ich erfahren, dass die Bereitschaft, diese Initiative überhaupt ernst zu nehmen, ein kleiner Erfolg bedeuten kann. Indem die Idee nicht vorweg abgetan wird, ohne genauer hingeschaut zu haben, worum es den Initiantinnen und Initianten überhaupt geht.
    Das Abwehrverhalten erinnert mich an die kategorische Ablehnung, die 1958 Iris von Roten mit ihrem Buch „Frauen im Laufgitter“ erfahren habe. Dieses Werk sei in den Medien zerrissen worden, meistens ohne von den Kritisierenden überhaupt gelesen worden zu sein.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Danke Ina Praetorius für Deine Energie zu dem Thema BGE und die Arbeit für die 100 000 Unterschriften in der Schweiz. Ich muss mich erst in dieses Thema ein-„arbeiten“. Mein Grundproblem in diesem Zusammenhang ist: Im Auswitz-Birkenau steht über die Eingangs-Forte geschrieben: „ARBEIT MACHT FREI!“ Aus dieser schmerzvollen Gegebenheit hat sich mir die Frage gestellt: Was ist Arbeit? Damit die Arbeit für mich wirklich Sinn macht, kann sie auf jeden Fall nicht per se mit Geld verrechnet werden. In Realität wird aber alles was Geld bringt, als Arbeit bezeichnet. Wir reden von Erwerbs-Arbeit (bringt Geld wie z. B. die Verschanzung des Geldes vom Konto zu Konto) und von Haus-Arbeit (nicht gewürdigte und nicht bezahlte Arbeit). Paradox ist es schon, weil für die gleichen Tätigkeiten, die zuhause ausgerichtet werden, eine Frau oder ein Mann in fremden Räumen Geld bekommt. Bei sich zuhause sitzt er/sie nur herum? „Und was ist mit Dir Karina? Arbeitest Du nicht, weil Du keinen Arbeits-Geber hast und in Deiner Tätigkeit mit Geld nicht gewürdigt wirst?“

    Diese o.g. Überlegungen brachten mich dazu, mir Gedanken über BGE zu machen. Die Leute um mich herum sagen: „Wer wird dann die Drecks-Arbeit machen, wenn Alle Geld bekommen, ohne arbeiten zu gehen?“ „Ich muss nirgendwo arbeiten gehen und habe keine lange Weile zuhause. Die Arbeit kommt zu mir. Mein Problem ist, an das Geld dran zu kommen, damit ich mir Brot kaufen kann.“ So – an Geld gebunden – bin ich nicht frei in meiner Entscheidung, ob ich in der Wirtschaft mitmache oder nicht.

    Darüber hinaus höre ich die Leute um mich herum sagen: „Du hast einen guten Mann! Er geht arbeiten und Du kannst zuhause bleiben.“

    Laut dieser Definition müsste ich für das „Zuhause-Sitzen“ Geld bekommen, oder?

    „“Wirtschaft”ist zu verstehen als eine Gesamtbezeichnung für alle Massnahmen zur Bedarfsdeckung, also Güterbeschaffung, -verteilung und -verwendung: vom plazentaren Tauschverhältnis zwischen Fötus und Mutterleib bis zum Supermarkt, von der Muttermilch bis zum weltweiten Devisenhandel.“

  • Karina Starosczyk sagt:

    Liebe Ina Praetorius

    Ich habe Dir bei Denkumenta 2013 gesagt; dass ich bei dem Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ bleibe – und so ist es. Zu der Begrifflichkeits-Klärung: Ein soziales und neoliberales BGE war mir noch kein Begriff. Nachdem ich Deine Auseinandersetzung dazu in Deinem Blog (http://inabea.wordpress.com/2013/08/page/2/) gelesen habe, stellen sich mir Fragen. Neoliberales BGE sorgt für „massive Umverteilung von unten nach oben und gefährdet die bestehenden Sozialwerke“. Ich ging eigentlich an das Thema mit dem Bild des Buches von Inaqiawa „Die Rückkehr des weiblichen Prinzips“ und stellte mir im Sinne des Buches vor, dass Menschen so viel arbeiten, wie viel Hilfe sie von der Allgemeinheit bekommen wollen. Na ja, ich gebe zu, ich gerate an die Grenze zu meinen Wünschen und Träumen… „Dieses Ungleichgewicht [hier meint sie das patriarchale Durcheinander] war geprägt vom absoluten Denken nach vorne, in dem Macht, Unterdrückung, Ausbeutung, Feindschaft, Kampf und vor allem eine große Gier eine übergeordnete Rolle spielten.“

    Ja, ich ging an das Thema „verträumt“ an und sagte mir: Jeder Mensch müsste die Möglichkeit haben, eigene Potenziale im Kontext der Allgemeinheit entwickeln zu können. Es wäre gut für die Allgemeinheit, wenn Menschen miteinander denken und fühlen würden. Wir leben allerdings in einer Gesellschaft, in der Geld als Maßstab angenommen wurde und als Bremser fungiert.

    „So wirkt das neoliberale Grundeinkommen als Senker des sozialpflichtigen Lohnes und potentiell als massive Subvention für Unternehmen und Reiche. Das soziale bGE hingegen würden jene bekommen, die es wirklich brauchen und zwar ganz oder teilweise.“– Ist gar nicht so einfach, hier mit dem Denken anzufangen, wo Viele in der Allgemeinheit einfach sich das gute Leben als Leben mit viel Geld vorstellen.

    Ich war sehr froh, bei Denkumenta 2013 Menschen zu treffen, die nicht „geld- gepolt“ waren sondern das wohlige Miteinander gepflegt haben. Danke an alle Teilnehmende.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Noch brennt mir etwas unter den Nägel, Ina Praetorius: http://www.youtube.com/watch?v=SRufjhCv_Vk

  • Karina Starosczyk sagt:

    Grüß Dich Ina

    In Deutschland gib es bald „Wahlen“ – Wahl im Patriarchat (?) Auf meinem Wahlzettel in der Urne wird stehen: „Es gibt auf dem Zettel keine Partei, die ich wählen könnte.“ Aber ja. An diesem Wochenende gab es im Presseklub eine Gesprächrunde zu diesem Thema. Nicht in der Sendung am Tisch, aber im Gästebuch im Internet wurde das Thema bedingungsloses Grundeinkommen angesprochen. Es macht mir immer Mut, wenn ich erlebe, dass Menschen sich den Mund nicht verbieten lassen.

    Ich finde es auch wichtig, sich die Zeit zu nehmen und Räume zu schaffen, um über Sachverhalte zu reden, die uns wichtig sind. Die Freiheit des Menschen besteht – habe ich Dich so verstanden – in der Art und Weise der Gestaltung. Mir schweben Gespräche von Denkumenta 2013 im Kopf, in denen gesagt wurde: „BGE kann nicht als die Lösung betrachtet werden.“ Einverstanden. Trotzdem, BGE wäre aus meiner Sich ein wichtiger Schritt, den unerträglichen Zustand des ausgehenden Patriarchats zu entschärfen. Ich habe grade ein Teil Deiner Auseinandersetzung mit diesem Thema vor mir liegen „Das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt“ (http://inabea.wordpress.com/category/bge-gesprache/page/17/) Ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass es keinen Sinn macht, einfach das Projekt BGE über die Bühne zu bringen. Nachdenken und Erspüren sind die tragfähigen Grundlagen einer Auseinandersetzung. So brauchen wir Zeit – wir müssen sie uns nehmen – um diesem Projekt auf die Beine zu verhelfen.

    Du hast mittlerweile wichtige Erfahrungen mit diesem Thema gemacht und stellst Dich der Auseinandersetzung. „Ja. Es gibt in der wachsenden Bewegung für das leistungsunabhängige Grundeinkommen viele Leute, vor allem jüngere Männer, die das Modell Grundeinkommen als eine Art „Befreiungsschlag“ empfinden und propagieren. Sie verknüpfen es vor allem mit einem unrevidiert patriarchalen Freiheitsbegriff und vermitteln so den Eindruck, dass alle Leute, wenn das Grundeinkommen erstmal da ist, tun und lassen können, was sie wollen.“ Ich hätte grundsätzlich nichts dagegen, wenn ich machen könnte, was ich will. Die Freiheit des Menschen geht allerdings immer Hand in Hand mit der Abhängigkeit/Bezogenheit, daher wird das Wollen von Müssen begleitet. Wo in der Geschichte die Autarkie-Töne hochschlagen, werden die Rufe nach Grenzen immer lauter.

    „Unsere westliche Gesellschaft – und nicht nur sie – ist Erbin einer patriarchalen Sklavinnen- und Sklavenhaltergesellschaft. Im alten Griechenland, das man oft als die „Wiege des Abendlandes“ bezeichnet, war es Ehrensache für die freien männlichen Bürger, die „niederen“ Versorgungsarbeiten von Sklavinnen, Sklaven, Ehefrauen, Kindern und AusländerInnen erledigen zu lassen.“ Mir fällt dazu ein, dass diese Männer-Herrschaft infolge der weiteren 2 000 Jahre der westlichen Geschichte durch die „Legitimations-Macht des dreifach männlichen Gottes“ fortgesetzt wurde. Zeus gebar seine Tochter Athene aus dem Kopf und der Gott Vater erschuf später die Welt. Obwohl mir bei diesem Thema mittlerweile Lach-Falten am Gesicht erscheinen, ist dieses Thema ernst zu nehmen. Die unterschwellige Angst – verbunden mit dem alles sehenden Vater und seinem Kumpel dem Teufel sitzt immer noch vielen Menschen tief unter der Haut. Die Kirchen sind mittlerweile längst nicht so voll wie noch vor ein paar Jahren, aber 2 000 Jahre dauernde patriarchalische Sozialisation hinterlässt tiefe Wunden im Leben der Menschen.

    Die christliche Mutter Gottes in Jargon der Bibel liefert ein Bild einer Frau, die als Dienerin und Mag des Herrn (des Mannes) ihre Tage fristet. Und wie viele Frauen hocken immer noch in diesem „Club“?! Du redest Ina von der notwendigen Arbeit. Die notwendige, unbezahlte Arbeit – hier denke ich u. a. an Haushalt und Familie – wird in erster Linie von Frauen geleistet. Das bedingungslose Grundeinkommen würde diese Arbeit bestimmt nicht angemessen entgelten. „Vielmehr stellt es für alle eine neuartige Verhandlungsbasis dar, von der aus, idealtypisch gesprochen, alle gemeinsam neu entscheiden, wie die verschiedenen Tätigkeiten zwischen den verschiedenen Menschen – Frauen, Männern, Jungen, Alten, Kindern, Einheimischen, MigrantInnen und so weiter – verteilt werden sollen.“ So würde mein Wunsch, dass Frauen und Männer einander auf Augenhöhe begegnen, in der Realität ein Stück näher rutschen!

    „Das Grundeinkommen ist aber kein Hausfrauenlohn, sondern erkennt an, dass alle Menschen in einer arbeitsteiligen Geldwirtschaft ein gewisses Quantum an Geld brauchen, um leben und frei entscheiden zu können, wie sie sich ins Zusammenleben einbringen wollen. Ebenso wenig wie für klassisch Erwerbstätige bedeutet das Grundeinkommen für Haushaltsarbeiterinnen und –arbeiter eine Honorierung ihrer Arbeit.“ Wenn Frauen und Männern, die zuhause unentgeltlich tätig sind, mindestens das Elementarste zugesichert wäre, könnten sie kreativ und frei-schöpfend tätig werden. Bis jetzt – wie wir es in unserer patriarchalischen Gesellschaft erlebt wird – muss die zuhause tätige Person mit ihrer unbezahlten Arbeit die Taschen der kapitalistischen Patriarchen mit ihren Gattinen stopfen!

    „Wir Feministinnen sind ja, mit guten Gründen, sehr versiert darin, uns über die Ungerechtigkeiten zu beklagen, die die Männergesellschaft den Frauen zugefügt hat und nach wie vor zufügt. Tatsächlich ist es ein Skandal, dass Frauen durchschnittlich immer noch schlechter bezahlt werden als Männer, dass mehr als die Hälfte der gesellschaftlich notwendigen Arbeit von mehr Frauen als Männern gratis geleistet wird, und dass deshalb Frauen und Kinder weltweit überdurchschnittlich von Armut betroffen sind. Das sind alles Folgen der patriarchalen Weltsicht, mit der man Frauen zu stummen Dienstleisterinnen gemacht und Fürsorgearbeit nicht als Arbeit, sondern als „Natur der Frau“ oder „Mutterliebe“ wahrgenommen hat.“ An dieser Stelle möchte ich in Erinnerung rufen: Die heilige Anna (von hebr.: חַנָּה, Hanna; griech.: Αννα) war laut mehreren apokryphen Evangelien des 2. bis 6. Jahrhunderts die Mutter Marias und damit die Großmutter Jesu Christi. Und weiter: Anat oder Anath („Vorsorge“, „Vorsehung“, „Himmelswille“) ist eine altägyptische und eine altsyrische Göttin des Krieges, Schutzgöttin gegen wilde Tiere. Neben ihrer Rolle als Kriegsgöttin fungiert Anat auch als Liebesgöttin. Wahrscheinlich ist diese Göttin ursprünglich nicht ägyptisch, sondern wurde durch vorderasiatische Immigranten nach Ägypten gebracht. Hatte also der symbolische Gott Vater, Zeus und alle anderen Gottes-Vorstellungen nicht weibliche Vorfahren?

    „Es ist sehr wichtig, solche Zusammenhänge nicht um des lieben Friedens willen zu verschweigen oder zu früh als nicht mehr wirksam auszugeben. Trotzdem meine ich, dass wir heute und hierzulande an einem Punkt angelangt sind, an dem es nicht mehr glaubwürdig ist, wenn wir uns weiterhin als hilflose Opfer des Patriarchats verstehen, die darauf angewiesen sind, dass die Unterdrücker ihnen massgeschneiderte Lösungen innerhalb des herkömmlichen Systems der Geldverteilung präsentieren.“ Wir Feministinnen sind mit den Gottes-Vorstellungen des Vaters mit der Keule durch. Ist aber unsere Gefühls-Aura auch frei davon?

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ich habe den Text „Dotima und das Grundeinkommen“ von Ina Praetorius in ihrem Blog gelesen. Sie berichtet darin von der Skepsis der Medien zu dem Thema bedingungsloses Grundeinkommen. Sie fragt: Was ist Arbeit? Was ist Geld? Welche Arbeit brauchen wir als Gemeinschaft, auf welche können wir verzichten? Warum kann man heute mit Waffenproduktion und Finanzspekulation viel Geld verdienen, nicht aber mit den Tätigkeiten, ohne die du als Säugling nicht überlebt hättest?

    „Das BGE gewinnt für mich nur Sinn, wenn ich ausdrücklich erkläre, dass Wirtschaft und Arbeit etwas anderes und viel mehr sind als das, was man heutzutage darunter versteht. Wer heute „Wirtschaft“ sagt, meint „Geldwirtschaft“, und wer „Arbeit“ sagt, meint Erwerbsarbeit. Ohne die nicht geldvermittelten wirtschaftlichen Leistungen in Privathhaushalten, Nachbarschaften, so genannten „Ehrenämtern“ usw. würde die Geldwirtschaft aber umstandslos zusammenbrechen, denn alle Menschen sind fürsorgeabhängig. Und etwa fünfzig Prozent der gesellschaftlich notwendigen Arbeit werden gratis geleistet. Erst von solchen Einsichten und den entsprechenden Neudefinitionen her wird sichtbar, wie absurd gegenwärtig mit menschlichen Bedürfnissen und Tätigkeiten umgegangen wird. .. Nur im Rahmen postpatriarchaler “ Neudefinitionen, also als integraler Bestandteil eines Paradigmawechsels gewinnt das Grundeinkommen seine Bedeutung.“

    Ja, und wir dürfen heute diskutierend ein Teil des Paradigma-Wechsels werden.

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