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„Keiner war immer schon da.“

Von Ulrike Bail

„Keiner war immer schon da.“ Dies sagt Abel Lazzaro Israël zu seiner Enkelin Aude, die in den 1960er Jahren in der Schweiz geboren wird und durch Zufall auf ihre Familiengeschichte stößt: eine Geschichte von vier Familien, die sich über ganz Europa erstreckt, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein.

Diese Familiengeschichte erzählt die Schweizer Autorin Michèle Minelli in ihrem Roman Die Ruhelosen auf 752 Seiten mit langem Atem, ohne aber langatmig zu werden. Minelli erzählt poetisch und unterhaltsam von acht Generationen und drei Familien, von Friseuren, Maskenbildern, Gastwirten, Musiker und Musikerinnen, Kaufleuten und der Vogelkundlerin Aude, die dieses genealogische Geflecht aufdröselt, um es zu einem neuen Text zu weben, zu einem „Vlies, das uns zusammenhält“.  Als ihr Sohn Aurelio Vater wird, übergibt sie ihm eine DVD und dreizehn dicke Aktenordner voller Briefe, Fotos, Notizen und Bilder. „Das ist, was wir sind.“ – antwortet sie auf eine Frage Aurelios.

Michèlle Minellis wunderbar erzählte Genealogie ist ein Textil, das aus vielen Fäden aus allen möglichen Teilen Europas gewoben ist, aus Materialien verschiedener Länder, Sprachen und Religionen. Die Genealogie fächert sich weitläufig und bereichernd auf, Migration gehört zur Geschichte und Identität dieser Menschen, die zugleich auch eine europäische ist.

Samira Europa Senigaglia – diesen Namen bekommt Audes Enkelin, die 2012 in Zürich geboren wird und in der sich beim Erscheinen des Romans die Zeit der Ruhelosen und die Zeit der Leserinnen und Leser überschneidet. Die Genealogie der vergangenen Geschichten und Orte wurde für mich beim Lesen zu einem zukünftigen Ort, zu einem Europa, das an jedem Ort, an jedem Heimatort um seine vielfältigen Wurzeln weiß: „Keiner war immer schon da“.

Michèle Minelli: Die Ruhelosen, Aufbau Verlag Berlin 2012, 24,99 Euro.

Autorin: Ulrike Bail
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.05.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • heli voss sagt:

    danke

    helivoss

  • Annette Stilleke-Holobar sagt:

    Das ist ein interessanter Literaturtipp, den ich gerne im Vergleich mit dem „Hasen mit den Bernsteinaugen“ lesen würde, der sich mit dem schicksal einer jüdisch-russischen Bankiersfamilie befaßt

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