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Am Anfang… Das Paradies auf Erden

Von Antje Schrupp

In einer Serie fasst Antje Schrupp kapitelweise das Buch „Saving Paradise“ von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker zusammen. Kapitel 1: Am Anfang… Das Paradies auf Erden.

In diesem Kapitel untersuchen Brock/Parker Paradiesvorstellungen in den frühen antiken Kulturen und zeigen, dass die Paradieserzählung in der hebräischen Tora (Genesis) beeinflusst ist von noch älteren Motiven. Besondere Bedeutung hat dabei die sumerische Paradiesgeschichte.

Das Paradies galt in der sumerischen Mythologie als ein Ort auf der Erde, der jedoch nicht lokalisierbar ist, dementsprechend auch nicht erobert oder zerstört werden kann. Paradiesvorstellungen dienten nicht nur dazu, das (mögliche) Leben auf der Erde zu beschreiben, sondern auch, um dafür ethische Maßstäbe zu liefern. Es war „ein realer Ort, der aber zu keinem Herrscher, keiner Stadt, keiner Zivilisation gehörte“ (7). Das Universum wird in drei Sphären unterteilt: Der Himmel (Gott/Götter/Göttinnen), die Erde (Menschen) und die Unterwelt. Das Paradies gehört nicht zur Sphäre des Himmels, sondern zu der der Erde.

Im Garten Eden, dem Paradies der hebräischen Bibel, sind Gott und die Menschen gemeinsam dafür verantwortlich, dass das Leben blüht und gedeiht. Gottes Verbot, vom Baum der Erkenntnis und des Lebens zu essen, zeigt an, dass der schöpferische Prozess Grenzen findet, die beachtet werden müssen. Die Menschen erfüllten die Bedingungen, die für ein Leben im Paradies notwendig sind, jedoch nicht, und müssen daher außerhalb des Paradieses leben – mit all den negativen Folgen von Not, Krankheit, Anstrengung, Mord, Geschlechterhierarchie usw.

Israelische Prophet_innen erinnern häufig an das Paradies als Mahnung, wie Leben anders möglich ist, z.B. Jesaja 58,6:

Laß los, welche du mit Unrecht gebunden hast; laß ledig, welche du beschwerst; gib frei, welche du drängst; reiß weg allerlei Last; brich dem Hungrigen dein Brot, und die, die im Elend sind, führe ins Haus; wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn… Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Besserung wird schnell wachsen, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit Gottes wird dich zu sich nehmen. .. wenn du niemand bei dir beschweren wirst, noch mit dem Fingern zeigen, noch übel reden und wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt und die elende Seele sättigst: Dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag; und Gott wird dich immerdar führen und deine Seele sättigen in der Dürre und deine Gebeine stärken; und du wirst sein wie ein gewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, welcher es nimmer an Wasser fehlt.

Das „paradiesische“ Leben ist also eine Folge, eine (irdische) Konsquenz von ethischem Verhalten. Das Paradies steht als Bild für irdisches Leben in seiner bestmöglichen Form, es ist weniger ein permanenter Ort als vielmehr ein bestimmter Aspekt des Lebens.

Weiter zu Kapitel 2: Am Anfang … Gottes große Liebe

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.05.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Hanna Strack sagt:

    Liebe Antje,
    ich danke Dir sehr für diese Rezensionen. Mein nächstes Projekt ist eine „Theologie des Blühens“ (Human Flourishing), für das ich diese Literatur verwenden werde. Paradies – Garten Eden – Garten“ – eine wahre Fundgrube!
    Es gibt ja noch wenig darüber. Material habe ich schon sehr viel, einige Grundgedanken habe ich im ESWTR-Jahrbuch veröffentlicht und auf meine website gestellt unter „Theologie“.
    Der Gedanke geht auf Grace M Jantzen zurück: Becoming Divine. Und das Ganze hängt natürlich auch mit NATALiTÄT zusammen! Nun bin ich gespannt auf den nächsten Beitrag von Dir!
    Liebe Grüße
    Hanna

  • Else Shamel sagt:

    Hallo, Frau Schrupp,

    ganz herzlichen Dank für die Vorstellung und Besprechung von SAVING PARADISE: Ich denke, dass das ein sehr, sehr wichtiges Buch ist.
    Mir hat schon immer missfallen, dass der Gekreuzigte ein so überragendes VOR-Bild sein soll. Es signalisiert doch eigetlich: wenn du so bist wie er, wirst du ebenso scheitern….und wie soll man eine lebenswerte Welt anstreben können mit dieser opfr- und Todes-Ideologie?

    SAVING PARAISE sollte so schnell wie möglich so weit wie möglich bekannt werden und diskutiert und angenommen.
    In diesem Sinne wollte ich den Artikel vom 26.05. gestern noch einmal ausdrucken zum Verschicken…
    aber der war nicht mehr abrufbar.

    Ist das Ihre Absicht – oder ist das Sabotage ?

    Mit vielen dankbaren Grüßen,

    Else Shamel

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich warte gespannt, ob die hier sicherlich mitlesenden, zahlreichen Theologinnen zur Aussage von Else Shamel, dass das Leben (und damit auch der Tod) Jesu ein Scheitern war/ist, irgend etwas schreiben werden/wollen/können.

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