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Das Tor zum Paradies

Von Antje Schrupp

In einer Serie fasst Antje Schrupp kapitelweise das Buch „Saving Paradise“ von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker zusammen. Kapitel 5: Das Tor zum Paradies.

Manuskript von Egeria, einer Spanierin, die im 4. Jahrhundert ein Jahr in Jerusalem gelebt hat und überliefert hat, wie das Taufritual in der dortigen christlichen Gemeinde ablief.

Als Tor zum Paradies galt im frühen Christentum die Taufe. Dafür wurden mehr und mehr Taufbecken anstelle von Naturgewässern genutzt – das älteste erhaltene ist ungefähr aus dem Jahr 230 und befindet sich in Dura-Europas, Syrien. Es gehörte zu einem Privathaus, die umgebenden Wände zeigen den Gelähmten, der sein Bett trägt, Petrus und Jesus auf dem Wasser gehend, Adam und Eva und weißgekleidete Frauen, die Lampen zu einem Grab tragen – symbolisieren also die Verbindung von Paradies und Auferstehung. Noch einige andere antike Taufstätten werden in diesem Kapitel beschrieben.

Es gibt eine detaillierte Schilderung der Taufrituale in der Jerusalemer Gemeinde, die von einen spanische Christin namens Egeria überliefert ist, die in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts ein Jahr in Jerusalem verbracht hat (hier der Text in Englisch, hier in Latein)

Demnach begann die Taufe mit einer formalen Bewerbung, wobei Taufwillige mit zwei Zeug_innen zum Bischof gehen mussten, die ihren guten Charakter und ernsthaften Absichten bestätigem. Dann wurden sie Katechoumenoi (Lernende).

Wer sich taufen lassen wollte, musste Standfestigkeit gegenüber Rom, Nächstenliebe etc. nachweisen, teilweise wurde verlangt, den Berufe zu wechseln, damit der Lebensstil mit dem der christlichen Gemeinden vereinbar ist. Bis zur konstantinischen Wende wurde römischen Offizieren und Soldaten meist generell die Taufe verweigert, oft auch Handwerkern und Künstlerinnen, die Statuen von Gottheiten oder römischen Kaisern herstellten, oder auch Menschen, die an „heidnischen“ Veranstaltungen beteiligt waren, wie Schauspielerinnen oder Gladiatoren, auch Prostituierte, Bordellbesitzer, Astrologen und heidnische Priesterinnen konnten nicht getauft werden (dass diese Verbote überliefert sind, zeigt, dass sich einige offenbar taufen lassen wollten).

Die „Katechumenoi“ lebten dann in einem Zwischenraum zwischen ihrem „alten Leben“ und dem neuen, das sie langsam kennen lernten (manchmal dauerte das Jahre). Man erwartete von ihnen, Kranke zu besuchen, den Armen zu spenden und sie durften kein Blut vergießen – auch nicht, wenn sie als Soldaten dazu den Befehl bekamen. Sie lebten quasi unter ständiger Beobachtung der Gemeinde. Sie konnten nur am ersten Teil des Gottesdienstes teilnehmen (in einem separaten, von der eigentlichen Gemeinde getrennten Bereich), hörten die Predigt und die Lesungen. Sie durften aber nicht am „Friedenskuss“ (ein früher verbreitetes Ritual im Gottesdienst) und nicht am Abendmahl teilnehmen, das oft ein richtiges gemeinsames Essen war.

Wenn sie genug gelernt hatten, konnten die Katechumenoi darum bitten, „Photizomenoi“ (Erleuchtete) zu werden, und wenn sie zugelassen wurden, begannen sie einen intensiven achtwöchigen Kurs mit täglichen Unterweisungen und spirituellen wie körperlichen Übungen (Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit). All das wurde verstanden als Vorbereitung auf das Paradies, für die Vereinigung mit der „himmlischen Gemeinschaft“. Die Taufe war dann immer in der Osternacht. (Inwieweit die Taufrituale in anderen Gemeinden als der Jerusalemer ähnlich waren, wird leider nicht klar).

Diese lange Vorbereitung diente vor allem dazu, sich von „dämonischem Einfluss“ freizumachen. Es ging nicht so sehr darum, einen bestimmten Glauben anzunehmen, also theologische Inhalte zu lernen, sondern mehr um das Einüben einer neuen Lebenspraxis: „Christ_innen wechselten von einem Leben, in dem sie dämonischen Kräften unterworfen sind, hin zu einem Leben, wo sie von diesen Einflüssen frei sind. Jesus Christus hatte Gottes Macht über die dämonischen Kräfte bewiesen, die das menschliche Leben beeinträchtigen. Seine Schüler_innen trugen diese geheimnisvollen Kräfte weiter.“ (127)

Verfehlungen gegen den christlichen Lebensstil wurden nicht so sehr als eine Frage von Schuld oder bösem Willen angesehen (und entsprechend mit Bestrafung geahndet), sondern man sah darin mangelnde Abwehrkräfte gegenüber falschen Einflüssen. „Exorzismus“ war ein Weg, sich gegenseitig zu helfen, von diesen schädlichen Einflüssen frei zu werden, wobei die Gemeindemitglieder gegenseitig füreinander Verantwortung übernahmen.

Es ging also darum, durch Training, Übung, Aufmerksamkeit und gegenseitige Bestärkung sicher zu stellen, dass sich alle Gemeindemitglieder auch wirklich mit „ethischen Anmut“ leben: Also Wohlstand teilen, für Arme und Kranke sorgen, sich nicht von den Mächtigen korrumpieren lassen und so weiter. Denn nur wenn man sich dessen bei allen Gemeindemitgliedern sicher sein kann, ist die Kirche tatsächlich auch ein „paradiesischer Ort“. Es gab keinen theoretischen „Glauben“ ohne eine entsprechende Lebenspraxis im Alltag.

Daher auch das Ritual des „neu geboren werdens“ in der Taufe. Ausführlich beschreiben Brocks/Parker dann antike Taufrituale in der Osternacht.

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Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 24.06.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Mir gruselt es, wenn ich mir hiermit bewusst mache, welch eine Geschichte letztlich auch meiner Taufe zugrunde liegt. Dass ich längst aus der Kirche ausgetreten bin, ändert nichts an diesem Empfinden.

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