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„Die Suche nach einer bescheideneren Philosophie“

Von Marit Rullmann

Für die Philosophin Eva Feder Kittay  steht die Philosophie auf dem Prüfstand  angesichts der Herausforderung im Umgang mit kognitiver Behinderung.

Eva Feder Kittay

Am 23. Oktober 2006 wurde die amerikanische Philosophin Eva Feder Kittay mit dem erstmals verliehenen IMEW-Preis des „Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft“ in Berlin ausgezeichnet. Die Mutter einer schwer behinderten Tochter wird für ihre gesamte Arbeit geehrt: Als international bekannte Ethikerin – sie lehrt seit 1979 als Professorin für Philosophie an der SUNY (State University New York), Stony Brook – und als Mutter und Philosophin, die die Perspektive von Menschen mit Behinderungen ins Zentrum ihres Denkens stellt.

In ihrer Dankesrede „Auf der Suche nach einer bescheideneren Philosophie: Mentalen Beeinträchtigungen begegnen – herausfinden was wichtig ist“, gibt sie einen Einblick in ihre philosophische Arbeit. Sie spricht über die Bedeutung als Philosophin, ein Kind zu lieben und groß zu ziehen, das kognitiv und körperlich nicht in der Lage ist zu sprechen oder jemals ein Wort der Philosophie zu verstehen. Für Kittay bedeutete dies eine dramatische Veränderung: Sie war gezwungen, die gesamte Philosophie, wie sie sie kannte und lehrte, auf den Prüfstand zu stellen. Philosophen beschäftigen sich damit, „Begriffe zu prägen oder schlicht, Konzepte zu formulieren, die uns in unserem ethischen Handeln und in unsren Interventionen, politischen Zielen, in unserer Rhetorik und in den Dingen, die wir wertschätzen, anleiten“. (Kittay 2006, S. 1)  Wenn Menschen mit Behinderungen nicht aus unseren moralischen oder sozialen Gemeinschaften ausgeschlossen werden sollen, dann benötigen wir eine Philosophie, die sie explizit einschließt – Stichwort: Inklusion. Eva Kittays neuer Maßstab für philosophisches Denken und Handeln ist nun, inwieweit eine Person wie ihre Tochter einbezogen wird. Durch die Liebe zu Sesha sah sich Kittay gezwungen ihr philosophisches Denken komplett zu verändern. Denn zu Beginn ihrer akademischen Karriere, also seit 1974, stand selbstverständlich der menschliche Verstand im Zentrum auch ihres Denkens. Immer wieder beschäftigte sie sich mit philosophischen Texten, „die dem Verstand den höchsten Platz im Pantheon der menschlichen Fähigkeiten einräumten“ (ebd., S. 2). Sie lehrte über Philosophen, die die „menschliche Sprache für das bestimmende Merkmal des Menschseins ansehen“ – während ihre Tochter kein einziges Wort herausbringt und „keine eindeutigen Anzeichen rationaler Fähigkeiten zeigte“. (ebd.)

In letzter Konsequenz bedeuten diese Definitionen den Ausschluss von Behinderten aus der Gesellschaft und aus der Sphäre der Gerechtigkeit. Denn die führenden Texte politischer Philosophie von Aristoteles über Kant bis Rawls schließen per definitionem alle nicht vernünftigen und deshalb nicht vertragsfähigen Menschen aus. Sie sind schlicht keine „Personen“. Für die aufstrebende Akademikerin und Mutter zweier Kinder ein kaum auszuhaltender Widerspruch. Erst durch ihre Beschäftigung mit feministischer Philosophie gelingt es Kittay schließlich, Privatleben und Forschung zu verbinden und damit die für die patriarchale Philosophie so typische Trennung von Familienleben und Wissenschaft zu hinterfragen und aufzulösen. Sie beginnt über ihre Tochter zu schreiben: „Love’s Labor: Essays in Women, Equality and Dependency“ und analysiert darin die Gleichberechtigung anhand des einflussreichsten Werkes des 20. Jahrhunderts, John Rawls „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Sie formuliert hier ihre fundamentale Kritik an einer Philosophie, die sich der Herausforderung durch insbesondere kognitive Behinderungen bislang nicht stellte. Die alten philosophischen Fragen nach Wert und Wichtigkeit, nach Sinn und dem guten Leben stellen sich für sie anders, die traditionellen Antworten sind nicht mehr tragfähig. Und deshalb hat sie begonnen, alles auf den Prüfstand zu stellen und ist „bescheidener“ geworden. Aber umso engagierter. Denn die Menschen, für deren Würde sie kämpft, können dies nicht selbst tun. Als Bioethikerin engagiert sie sich gegen viele ihrer Kollegen wie z.B. Peter Singer oder Michael Tooley, die immer noch den Begriff der Person an bestimmten kognitiven Fähigkeiten festmachen, z.B. sich selbst reflektieren können. Und dies hat fatale Folgen: Auf dieser Grundlage ist es dann möglich zu sagen, dass „manche Menschen wie beispielsweise Neugeborene und kognitiv schwer beeinträchtigte Individuen außerhalb des moralischen Schutzes des Personseins stehen.“ (Ebd., S. 4) In der Konsequenz heißt das z.B. für Singer und seine Mitautorin Helga Kuhse: „Wir meinen, dass manche Säuglinge mit schwersten Behinderungen getötet werden sollten.“ (z.n., Kittay, ebd.) Auffallend ist, dass diese Autoren über keinerlei Erfahrungen mit behinderten Menschen verfügen und trotzdem – oder gerade deshalb? – sich zu Äußerungen wie diesen hinreißen lassen: „Sehr schwer kognitiv beeinträchtigte Menschen haben nicht die Fähigkeit … zu tiefen persönlichen und sozialen Beziehungen zu Kreativität und Leistung, zur Erlangung der höchsten Form des Wissens, zu ästhetischem Genuss, und so weiter.“ (McMahan, z.n. Kittay, ebd.)

Eva Kittays Tochter ist schwer kognitiv behindert und hat „tiefgehende persönliche Beziehungen“, die auch über die engsten Familienmitglieder weit hinausgehen. Sie liebt klassische Musik, insbesondere Beethoven in einem Maße, welches das Interesse der meisten Menschen übertrifft. (ebd.)

Es ist also kaum überraschend, dass Eva Kittay zu einer der maßgeblichen Vertreterinnen der Care-Ethik geworden ist und Begriffe wie Würde, Anerkennung, Abhängigkeit und Gleichberechtigung thematisiert. Vermutlich ist Eva Kittays Sammelband „Women an Moral Theory“ aus dem Jahre 1987 sogar die erste Publikation, die den Begriff „Care-Ethik“ prägte.

Die Jury ist zu Ihrer Wahl nur zu beglückwünschen – schade nur, dass nicht spätestens zu diesem Zeitpunkt ein Verlag begonnen hat, endlich ihre Werke in deutscher Sprache herauszubringen.

Auch ich habe 2006 von dieser Preisverleihung leider nichts mitbekommen. Mein Interesse an Eva Kittay hat Martha Nussbaum geweckt. Sie beruft sich in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung in ihrem Buch über „Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit“ (deutsch Berlin 2010) immer wieder auf die Ausführungen Kittays. Auch Sie hat sich die Aufgabe gestellt, die Gerechtigkeitstheorie  von John Rawls zu erweitern. (In der nächsten Zeit werde ich hierzu eine kurze Zusammenfassung – gerade zum aktuellen Stichwort „Inklusion“ für bzw erstellen.)

Zurzeit arbeitet die Philosophin an einem neuen Buch: „A Quest For A Humber Philosophy. Thinking About Disabled Minds And Things That Matter.“ Außerdem beabsichtigt sie, ihre vielen Essays zur Care-Ethik in einem Buch zu veröffentlichen. Bleibt zu hoffen, dass diese Bücher endlich auch in Deutschland  veröffentlicht werden.

Literaturauswahl

Eva Feder Kittay. Behinderung und das Konzept der Care-Ethik. In: Graumann, Sigrid. (Hg.) Ethik und Behinderung. Ein Perspektivenwechsel. Frankfurt/M 2004. S. 67-80.

Dies. Love’s Labor: Essays on Women, Equality and Dependency. Routledge 1999.

Dies. Metaphor: It’s Linguistic Structure And It’s Cognitive Force. Oxford University Press 1987.

Dies. Die Suche nach einer bescheideneren Philosophie: Mentalen Beeinträchtigungen begegnen – herausfinden, was wichtig ist. Dankesrede anlässlich der Verleihung des ersten IMEW-Preises am 23.10. 2006 in der Urania, Berlin (Abruf 12.07.2012)

Dies. Würde: Negation und Anerkennung an einem konkreten Kontext der Befreiung. In: Concilium, Heft 2, 2003. S. 213-225.

Dies./ Meyers, Diana. (Ed.) Women and Moral Theory. 1987.

Über Sesha und Eva Kittay. In: Martha Nussbaum. Die Grenzen der Gerechtigkeit. Behinderung, Nationalität und Spezieszugehörigkeit.  Berlin 2010)

Autorin: Marit Rullmann
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 25.07.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bettina Schmitz sagt:

    Danke, Marit, für den schönen Artikel. „Eine bescheidenere Philosophie“ finde ich ein wunderbares Anliegen. Von der Preisverleihung habe ich so erfahren sowie vom biographischen Hintergrund Eva Feder Kittays. Manchmal dachte ich schon, es wäre besser, den Begriff ‚Philosophie‘ ganz aufzugeben. Aber noch habe ich das nicht getan, wie ja auch die Workshops ‚Philosophie und Tanz‘ zeigen. Auch dieser Text macht Lust aufs Um- und Neudefinieren. Genau das ist schließelich Philosophie!

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