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Das schöne Festessen des Lebens

Von Antje Schrupp

In einer Serie fasst Antje Schrupp kapitelweise das Buch „Saving Paradise“ von Rita Nakashima Brock und Rebecca Ann Parker zusammen. Kapitel 6: Das schöne Festessen des Lebens.

Foto: Pakhay Oleksandr/Fotolia.com

In diesem Kapitel geht es um die Bedeutung des Abendmahls in den frühen Gemeinden. Es fand jeden Sonntag statt (dem Tag der Auferstehung), in großen Gemeinden auch öfter, und bestand aus zwei Teilen: Im ersten Teil gab es Gesänge, Lesungen, Gebete, Predigt, und auch die Katechumenoi (also die Kandidat_innen für die Taufe) waren dabei. Im zweiten Teil wurden diese fortgeschickt, ebenso wie alle, die Verfehlungen begangen hatten, und die Gemeinde feierte zusammen das Heilige Mahl.

Im Zentrum stand dabei der Dank für die Fülle der irdischen Früchte, die Gott bereitstellt. Zu diesem Mahl brachten alle etwas mit, es machte die geteilte Fülle und den gemeinsamen Reichtum in Gott erlebbar. Brot war immer dabei. Rotes Fleisch war verboten, vielleicht als Abgrenzung zu römischen Opferritualen. Manchmal war auch Wein verboten, weil dieser ebenfalls in heidnischen Ritualen verwendet wurde. In Abendmahls-Liturgien dieser Zeit wird das Mahl explizit als „unblutig“ bezeichnet.

Erinnert wurde dabei an verstorbene Heilige und Märtyrer und für die Herabkunft des Heiligen Geistes gebetet, damit alle Anwesenden und das gemeinsame Essen gesegnet werden. Die Gemeinde hatte den Tag zuvor gefastet, damit das Wohlgefühl der Sättigung besonders spürbar wurde, das nicht nur für körperliche, sondern auch für spirituelle Stärkung stand. Das Abendmahl sollte das Paradies real machen, es war ein sinnliches Erleben.

Ausführlich beschreiben Brocks/Parker viele Beispiele für die Bedeutung, die das sinnliche Erlebens im frühen Christentum hatte, auch schon in den Evangelien. Durch die enge Verbindung von spirituellem und körperlich-sinnlichem „Paradieserleben“ wird auch klar, dass die zentrale Rolle, die das Sorgen für Arme und Kranke in den Gemeinden hatte, nicht einfach nur „soziale Verantwortung“ bedeutete, sondern mehr: Dass Bedürftige versorgt werden, ist schließlich ein wesentliches Merkmal für „paradiesisches“ Leben.

Ebenso auffällig ist die Betonung der „Schönheit“ dieses Lebens. Es geht nicht nur darum, dass für alles Notwendige gesorgt ist, sondern darum, einen Raum zu schaffen, der über das Notwendige hinausgeht und Körper und Geist für „Höheres“ öffnet – aber um es dann eben in „diese Welt“ hineinzutragen. Der auferstandene Christus war ein Zeichen dafür, und das Abendmahl sozusagen ein „Stärkungsanker“, um sich Kraft für den Alltag zu holen, in dem das normalerweise ja schwierig umzusetzen ist.

Referenzen zum Kreuzestod spielten laut Brocks/Parker in den frühen Abendmahlsliturgien keine Rolle. Die überlieferten Einsetzungsworte sagen nur „Tut dies zu meiner Erinnerung, dies ist mein Leib, dies ist mein Blut“, aber sie enthalten nicht das „für euch gegeben“. Eine Abendmahls-Beschreibung von Justin dem Märtyrer aus dem 2. Jahrhundert lautet zum Beispiel: „Die Nahrung, über der die Eucharistie gesprochen wird, verwandelt sich in das Fleisch und Blut des Mensch gewordenen Jesus, damit es unser Fleisch und Blut nähren und transformieren kann.“ (159)

Wenn überhaupt die Kreuzigung beim Abendmahl erwähnt wurde, dann zusammen mit einer ganzen Reihe von Ereignissen, aber nicht als Fokus der Liturgie oder gar als Schlüssel zu ihrem Verständnis. „Das Mahl der Eucharistie stand für den lebendigen Leib Christi, die Vereinigung von Fleisch und Geist in Jesu Menschwerdung, und die fortwährende Kraft des Lebens, die sich in der Auferstehung manifestiert hat. Die Nahrung repräsentierte die Speisungswunder, die Heilungsgeschichten und die nachösterlichen Erscheinungsgeschichten“, schreiben Brock/Parker (160).

Die Autorinnen vermuten, dass die Vermeidung der Erinnerung an die Kreuzigung in den ersten Jahrhunderten auch mit dem Verhältnis zu den jüdischen Glaubensgeschwistern zu tun haben könnte, auf die man Rücksicht nehmen wollte, da die Passionsgeschichten in den Evangelien leicht antijüdisch verstanden werden können (und später ja auch wurden). Vielleicht hatten die frühen Gemeinden in einer „multireligiösen“ Umgebung größere Sensibilität dafür, dass gerade die Kreuzigung Missverständnisse und Unstimmigkeiten zu anderen Glaubensgemeinschaften erzeugt, also mehr Trennung als gemeinsame Beziehungen evoziert (wie heute ja auch wieder).

Dies wäre nämlich mit dem eigentlichen Ziel früher christlicher Gemeinden nicht vereinbar gewesen. Das Abendmahl stand für „eine fleischliche Welt, die vom Geist durchdrungen ist“, es gab den Gemeindemitgliedern „Einsicht und Stärke, um ungerechten Prinzipien und Mächten zu widerstehen, um in Freiheit und Verantwortlichkeit zu leben, und um in ihrem Kampf gegen das Böse gewaltlos zu bleiben“.

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Autorin: Antje Schrupp
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 09.08.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,Man/Frau sollte erst Freiheit erleben dürfen,bevor man in die Freiheit die/eine Verantwortung sieht.Wenn alles mögliche wieder festgenagelt und festgeschrieben wird und das alles schriftlich abgesteckt und eingezont…wo bleibt dann das Leben,die Selbstbestimmung,das Lebensabenteuer,um über ein Ja und/oder Nein entscheiden zu können?! Die gut verdienende können aus diesem Pool aussteigen und eigentlich diese/eine Verantwortung übernehmen.Bei viele wird einfach über sie verfügt was Sache ist.Sie haben keine freien Wahl,ihnen bleibt schlussendlich die Resignation.Es gibt aber ein „Dazwischen“,in dem man/Frau sich wehrt,und ein eigenes Profilbild herstellt, dass nicht genau passt in den
    jeweiligen Schubladen.

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