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Wer hat Angst vor Geschlechterdifferenzen in den Neurowissenschaften?

Von Mirella Manfredi

Die Neurowissenschaftlerin Mirella Manfredi fragt sich, warum Erkenntnisse der Hirnforschung im Bezug auf Geschlechterunterschiede so häufig zu Kontroversen führen. Ist es wirklich die Angst davor, dass damit stereotype Weiblichkeitsmuster zementiert werden? Oder steckt vielleicht etwas anderes dahinter?

Foto: freshidea – Fotolia.com

Das Gebiet der Wissenschaft ist bekanntlich immer männlich dominiert gewesen. Heute jedoch gibt es zunehmend brillante weibliche Geister, die wissenschaftliche Erkenntnisse hervorbringen, auch wenn die politische und akademische Macht immer noch einen männlichen Stempel trägt. Doch wenn es um die Erforschung des Gehirns geht, der Grundlagen unseres Erkennens, finden sich diese Wissenschaftlerinnen schnell in einer sehr kontroversen Position wieder.

Aus den kognitiven Neurowissenschaften, jener Disziplin, die die Zusammenhänge zwischen den kognitiven Funktionen und der Aktivität des Nervensystems erforscht, ergeben sich derzeit, wenn auch zögerlich, neue Entdeckungen in Bezug auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Studien auf diesem Gebiet zeigen, dass es durchaus konsistente Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, und zwar nicht nur auf der Ebene des Verhaltens, sondern auch, was die biologischen Organisationsformen betrifft, die dem zugrunde liegen. Die Resultate einiger Arbeiten belegen eine ausgeprägte Heterogenität in den verschiedenen Strategien der emotionalen Verarbeitung bei den beiden Geschlechtern. Es scheint so zu sein, dass während des Prozesses des Erkennens der Gefühle Anderer einige der Gehirnregionen, die bei den Frauen vorwiegend aktiviert werden, die des limbischen Systems sind, das eine tiefliegende und phylogenetisch sehr alte Struktur ist. Die Männer hingegen rekrutieren demnach vorwiegend Regionen des präfrontalen Kortex. Diese unterschiedlichen Aktivierungen könnten teilweise die effizientere und zutreffendere Wahrnehmung der Emotionen Anderer seitens der Frauen erklären, und eine eher analytische und langsamere Art der Verarbeitung bei den Männern.

Allerdings bringt die Kommunikation solcher Entdeckungen die Wissenschaftsgemeinschaft in nicht geringe Verlegenheit. Die Wissenschaftler, die diese Art von Forschung betreiben, sehen sich mit Schwierigkeiten in Bezug auf die Vermittlung ihrer Ergebnisse konfrontiert. Ihre Befürchtung ist, so sagen sie, dass sie damit Vorurteile und Stereotypen gegenüber Frauen befördern könnten. Aber ist es wirklich das? Vielleicht steckt da noch mehr dahinter.

„Unbequeme“ Aspekte der Biologie

Es könnte sein, dass die männlichen Wissenschaftler, die fast immer an der Spitze der Machtpositionen stehen, befürchten, dass die beobachteten Unterschiedene zwischen Frauen und Männern auf der Ebene des Gehirns in gewisser Weise der Jahrhunderte alten Hegemonie des männlichen Status in der wissenschaftlichen Gemeinschaft die Legitimation entziehen könnten. Anders gesagt: Vielleicht ist die tiefer liegende (und ursprüngliche) Furcht dieser Männer die, dass die Wissenschaft „unbequeme“ Aspekte in Bezug auf ihre biologische Funktionsweise enthüllen könnte. Es ist vielleicht kein Zufall, dass die Mehrheit der Studien über die Geschlechterunterschiede von einer kleinen Zahl fähiger Wissenschaftlerinnen durchgeführt wird, die aber gleichwohl keine sichtbaren Positionen der politischen Macht einnehmen.

An diesem Punkt muss man sich fragen, ob der Widerstand vieler Wissenschaftler_innen dagegen, solche Entdeckungen zu diskutieren und anzuerkennen, darauf zurückzuführen sein könnte, dass sie kaum Erfahrung im Umgang mit dem Konzept der Geschlechterdifferenz als solchem haben. Ist es vielleicht so, dass ein Großteil der Neurowissenschaftler_innen überhaupt keine Vorstellung davon hat, dass die Geschlechterdifferenz eine freie Bedeutung annehmen kann? Es ist zu vermuten, dass, von seltenen Ausnahmen abgesehen, diese Wissenschaftlerinnen kein Konzept der weiblichen Differenz haben, das mit der Idee der Freiheit verknüpft ist, sondern dass sie die Geschlechterdifferenz vor allem mit kultureller Rückwärtsgewandtheit verbinden, mit Diskriminierung, Unterordnung unter das Männliche, Minderwertigkeit.

Diese kontroversen Aspekte im Hinblick auf die weibliche Differenz verstärken unweigerlich eine Haltung der Furcht und der Abwehr gegenüber neurowissenschaftlichen Entdeckungen über Geschlechterunterschiede.

Kontraproduktiver Bumerang-Effekt

Die Notwendigkeit, beiden Geschlechtern die gleiche Würde und die gleichen Rechte zuzugestehen, bedarf offensichtlich immer noch der Aufmerksamkeit und der Erwägung, aber dabei besteht das Risiko, einen kontraproduktiven Bumerang-Effekt zu erzeugen: Die absolute Gleichheit zu behaupten kann auch auf dem Gebiet der Wissenschaft behindern, dass das zum Vorschein kommt, was die wahre weibliche Freiheit ist – in diesem Zusammenhang die freie und unvoreingenommene Erforschung biologischer Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Der Punkt ist, dass die Wissenschaftlerinnen, wenn sie eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben, ein männliches Modell nachgeahmt haben (und das heute immer noch tun). Sie befürchten, wenn sie sich mit der eigenen Weiblichkeit identifizieren, setzen sie auf ein fragiles und wenig siegreiches Modell. Indem sie sich also von Fantasmen leiten lassen, verfolgt die Mehrheit von ihnen nur solche Forschungen über das menschliche Gehirn, bei denen sie es sorgfältig vermeiden können, auf irgendeine Differenz zwischen Männern und Frauen in Bezug auf kognitive Erkenntnisprozesse zu stoßen.

In dieser Hinsicht enthüllen die Worte der Neurowissenschaftlerin Raffaella Rumiati in einem Interview auf der Internetseite BrainFactor eine defensive Haltung, die einen Teil dieser diffusen Furcht enthüllt: „Die Volumenunterschiede zwischen dem männlichen und dem weiblichen Gehirn wurden in der Vergangenheit gegen die Frauen benutzt, um einen Unterschied in der Intelligenz zu behaupten.“ Weiter unterstreicht Rumiati, dass „dieselben Konzepte, die die Wissenschaftsgemeinschaft produziert hat, oft benutzt werden, um den Status Quo aufrecht zu erhalten, der die Frauen in einer untergeordneten Position sieht.“

Neurowissenschaften lösen Faszination aus

Eine vergleichsweise freiere Stimme ist die der Neurowissenschaftlerin Lise Eliot. In einem Artikel in der Zeitschrift Neuron vom 22. Dezember 2011 „Der Ärger mit Geschlechterunterschieden“ fordert sie, dass die heutige Forschung die Geschlechterunterschiede beim Studium der Anatomie des Gehirns und des Verhaltens nicht vernachlässigen dürfe, wobei sie speziell auf das unterschiedliche Vorkommen zahlreicher psychischer Störungen bei Frauen und Männern eingeht. Dennoch bleibt die Wissenschaftlerin vorsichtig, soweit es die Verbreitung dieser Entdeckungen betrifft: Angesichts der großen Faszination, die von diesen Studien ausgeht, und angesichts des Einflusses, die sie auf Argumente zu Themen von geistiger Gesundheit bis zur Erziehung nehmen können, müssten die Neurowissenschaften sehr vorsichtig sein, was die Verbreitung ihrer Entdeckungen betrifft.

Die Autorin Chiara Lalli hingegen schlägt Wellen in der Debatte mit einer Beobachtung, die im Corriere della Sera vom 22. Dezember 2011 erschienen ist. Lalli weist auf die Gefahr hin, dass eine übergroße Vorsicht bei der Verbreitung dieser wissenschaftlichen Entdeckungen das Wissen beeinträchtigen kann: „Ist das Gehirn von Frauen anders als das der Männer? Darauf gibt es bis heute keine erschöpfende und endgültige Antwort. Wir müssen uns also eine Frage beantworten: Ist es angemessener, aus Angst vor einer möglichen Instrumentalisierung erst gar keine Antwort zu suchen? Stillstand und Stillschweigen seitens der Wissenschaft scheinen mir keine Lösung zu sein, auch wenn die Argumente schwierig und voller Emotionen sind. Mehr noch, vor allem, wenn sie so kontrovers sind. Wissen kann zum Bösen benutzt werden, das ist sicher. Aber Unwissen kann nicht wirklich eine sinnvolle Alternative betrachtet werden.“

Ich verstehe die Zurückhaltung von Eliot und teile zum Teil ihre Bedenken, und ich finde ebenfalls die Position von Lalli richtig, dass das Risiko besteht, die Forschung aus Übervorsicht in eine Sackgasse zu manövrieren. Aber ich bin gleichzeitig überzeugt, dass wissenschaftliche Forschung, wenn sie mit Ernsthaftigkeit betrieben wird, auch Gegenmittel finden kann gegen Vorurteile und die letzten Überreste von kulturellen Stereotypen, die die Erben eines Wertesystems sind, das vollkommen überholt ist.

Zurück zum „Punkt Null“ im Verhältnis der Geschlechter

Wissenschaftliche Daten sprechen keine Werturteile aus, sondern sie bezeichnen objektive Unterschiede, so subtil oder mikroskopisch sie auch sein mögen. Auf theoretischer Ebene könnten die Forschungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften über das Gehirn von Männern und Frauen uns helfen, zu jenem „Punkt Null“ im Verhältnis der Geschlechter zurückzugehen, wo die Konzepte der Differenz nicht die Vorherrschaft des einen über das andere implizieren, sondern im Gegenteil das Wesen unserer Einheit selbst.

Dennoch reicht das Vertrauen in die Wissenschaft nicht aus. Notwendig ist ein Akt des tiefen und realen Vertrauens in die Freiheit, und besonders in die Freiheit der Frauen. Nur dieses „innere Licht“ kann uns wirklich autonom machen in der Wahl und im Gebrauch der Instrumente des Wissens und in der nicht von Furcht geprägten Vermittlung seiner Schlussfolgerungen. Das Bewusstsein der weiblichen Freiheit kann den Durchgang öffnen zu einer anderen Regulierung der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die, auch auf dem Feld wissenschaftlicher Erkenntnisse, andere und unerwartete Horizonte für die männliche/weibliche Identität öffnet.

Übersetzt von Antje Schrupp.

Zuerst erschienen in: Via Dogana Nr. 102, September 2012.

Autorin: Mirella Manfredi
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 27.09.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Der Shop von Bild der Wissenschaft preist Bücher und DVDs zu „Geist und Gehirn“ von Prof. Manfred Spitzer und „Das Gehirn“ von der amerikanischen Wissenschaftsjounalistin Rita Carter an. Meine aktuellen Nachfragen haben ergeben, dass fast ausschließlich das männliche Gehirn als Betrachtungsgrundlage diente, in einer der 68 Folgen befasst sich Spitzer auch mal mit dem weiblichen Gehirn. Ich folgere daraus, dass das Wissen um das weibliche Gehirn entweder nur schwach ist, da nicht erforscht, und/oder als nicht relavant angesehen wird, und/oder verschwiegen werden soll. Klingt doch sehr nach der üblichen Masche im patriarchalen Wissenschaftsbetrieb, bezahlt von einer männerdominierten Politik. Frage: Wie erreichen wir, dass endlich frei geforscht werden darf?

  • Der Text von Mirella Manfredi will offensiv das Denken der Geschlechterdifferenz in die Interpretationen neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse hinein tragen. Ich finde ihn immer noch zu defensiv auf die „Gefahr“ misogyner Wissenschaftsdeutungen fokussiert. Es ist doch den meisten Menschen, auch wenn sie es nicht laut sagen, inzwischen klar, dass die vorwiegende „Aktivierung des präfrontalen Kortex“ für die Lösung bestimmter Probleme insbesondere technisch-instrumenteller Art zwar gewisse Vorteile hat, in komplexeren Situationen aber immer wieder kläglich versagt. Die Entdeckung, dass es da noch andere, weniger schlichte Strukturen in der neuronalen Ausstattung der Menschheit gibt, stimmt heute schon viele Leute vor allem zuversichtlich. Das drückt sich zum Beispiel in dem sehr populären Slogan „Die Zukunft ist weiblich“ aus. Dieser Slogan kann zwar essentialistisch ausgelegt werden. Aber er ist doch ein Ansatzpunkt für einen offensiven Umgang mit den neurowissenschaftlichen Differenz-Forschungen, der nicht auf „Kampf gegen Manfred Spitzer“ setzt, sondern darauf, Neugier auf das noch unerforschte, zukunftsschwangere, frei interpretierbare Weibliche zu wecken.

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