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Rubrik unterwegs

Strawanzen

Von Eveline Ratzel

Umherschweifende Gedanken bei der Lektüre von „Macht und Politik sind nicht dasselbe“

Eveline Ratzel schrieb eine Nachlese zur Dokumenta und andere Gedanken, die bei der Lektüre von „Macht und Politik sind nicht dasselbe“ ausgelöst wurden. Foto: Privat

Während des Lesens von „Macht und Politik sind nicht dasselbe“, und hier vor allem beim Beitrag von Annarosa Buttarelli „Souveräninnen“, sind mir Gedanken umhergeschweift. Ich will damit sagen: Meine Gedanken sind keine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Text, auch keine präzise Stellungnahme. Sie schweifen umher, oder treffender gesagt, sie „strawanzen“.

Den Ausdruck habe ich während meiner Kindheit oft in mahnendem Ton zu hören bekommen. Wenn eine strawanzt, so läuft, tingelt oder schlendert sie einfach los, keine besondere Richtung einschlagend, auf kein Ziel zu. Lose, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, eher absichtslos, irgendwo länger verweilend, ohne sich zu fragen, weshalb; wie zeitlos.

Angela Merkel aus der Sicht männlicher Kabarettisten

Meine ersten Gedanken strawanzten in Richtung Angela Merkel, und zwar aus der Sicht männlicher Kabarettisten. Über zwei Dinge machen sie sich lustig: über ihr Outfit (Hosenanzug) sowie über ihre nach unten gezogenen Mundwinkel. Magere Ausbeute, meine ich, angesichts einiger irritierender Fakten, die da sind:

Sie betreibt seit Jahren unangefochten und effektiv Machtpolitik.

Keinem CDU-Mann, egal aus welchem Lager, ist es gelungen, sie auszubooten.

Sie bleibt unbeschadet, wenn „Köpfe rollen“ (Christian Wulff).

Sie schreitet „königinnenhaft“ einher, nachdem sie einen CDU-Yuppie nach der verlorenen Wahl in NRW abgesetzt und an dessen Stelle einen konturenlosen Vasallen eingesetzt hat.

Keine Frau, kein Mann aus den anderen Parteien, etwa aus der SPD, darf auch nur im Entferntesten ernsthaft daran denken, sich an der Souveränin (?) Stelle zu inthronisieren. (Was trotzdem heißen kann, dass, wenn der Wind sich dreht, der Wetterhahn Richtung SPD zeigen kann.)

Ein Treppenwitz: Als der vorher amtierende SPD-Kanzler Gerhard Schröder hörte, dass Angela Merkel bei den Wahlen mehr Stimmen eingefahren hat als er, fordert er trotzdem für sich den Kanzlerjob mit den Worten: Die kann das nicht!

Die Deutschen, Frauen wie Männer, stellen „Angie“ nachhaltig gute Noten aus.

Was geht mir durch den Sinn?

Das Elend der langen Jahre Helmut Kohls

Vor Merkel herrschte elend lange Jahre Helmut Kohl. Auch damals konnte das Kabarett keine Sinnesänderung anstoßen – weder die tolle tiefernste „Kanzlerrede“ von Dieter Hildebrandt noch die Titanic mit „Helmut, Hannelore und die Bubb’n“. Elend lang.

Viele junge Frauen und Männer, die erstmals wählen gingen, kannten zeitlebens nichts anderes als „die Birne“ im Amt. Auch wenn heute verschiedentlich versucht wird, Kohl als „Vereinigungskanzler“ in die Historie einzuschreiben (damals wurde angeblich noch bei Saumagen und in Wolljacken Politik gemacht), so bleiben doch mindestens zwei Makel:

Erstens: Eine konservative Partei, die das „C“ in ihrem Parteinamen betont, deren Anführer mit Schwarzgeldkonten zu tun hat, mit illegalen Transaktionen verschiedenster Art, dessen Administration für gefälschte Berichte über die Eignung von Gorleben als Atomendlager gesorgt hat und vieles mehr, der sein „Ehrenwort“ zum Schutze dubioser Leute gegen und über das Gesetz gestellt hat. Diejenigen, die Kohl unbedingt verteidigen wollten, plagten heftige Bauchschmerzen. Für die anderen war Kohl ein Gangster, Mafioso, Krimineller, Spitzbube, Fälscher, Lügner, jedenfalls ein Machtmensch, dem alle politische Moral abgeht: Zeit dass er geht.

Zweitens: Verschiedene Medien setzten angesichts des Selbstmordes seiner Frau Hannelore Helmut Kohl in ein moralisch fragwürdiges bis verabscheuungswürdiges Licht. Da waren die so genannten Frauenmagazine, die Biographie über Hannelore Kohl, da waren auch Interviews mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich ernst und bedrückt über Helmuts Verhalten geäußert haben. Zu dem Bild eines tyrannischen Machtmenschen hat auch das Buch seines Sohnes („Ich habe meinem Vater trotzdem verziehen“…) beigetragen, vor allem sein Auftreten in etlichen Talkshows, mit dem sanften Bernhardinerblick und im Opferhabitus, so ganz anders als sein mächtiger Daddy.

Dass Helmut Kohl heute von einer wesentlich jüngeren „Folgegattin“ umsorgt wird, während er auf den Friedensnobelpreis wartet, kommt bei den Frauen schon seit langem nicht mehr gut an.

Die Macht der Angela Merkel

Dagegen Angela Merkel!

Ihre Machtpolitik ist „pur“ im Sinne von reiner Macht. Ihre Bürochefin, ihre Ministerinnen von der Leyen, Schavan, Schröder: Alle profitieren sie von der Kanzlerin. Selbst Alice Schwarzer hat sich vor den Wahlen nicht gescheut, die Werbetrommel für Merkel zu schlagen.

Merkels männliche Getreue stehen stramm (diejenigen, die anders ambitioniert waren, wurden entfernt) und signalisieren der Bevölkerung: Angela ist die Beste (besser als wir Jungs!), wir zollen ihr Kadavergehorsam.

Merkels Machtpolitik ist außerdem „pur“ im Sinne der reinsten Weste seit Jahrzehnten – seit sie als „Daddys braves Mädchen“ begonnen hat. Keine dubiosen finanziellen Transaktionen oder persönliche Bereicherungen, kein fröhliches Geplansche in den Pools von Luxushotels mit einem Geliebten oder gar einer Geliebten, nein: Da ist eine Regierungschefin so ganz ohne Prunk, verheiratet mit einem Professor mit ebenfalls reiner Weste, die in ihrer Freizeit gerne mal für ihren Mann einen Kuchen backt.

Ihre Kinderlosigkeit hat ihr zu keinem Zeitpunkt geschadet, im Gegenteil. „Angie“ ist mütterliche Regentin, anständig, nicht korrupt, mit protestantisch ehrlicher Innerlichkeit, die sich in ihren Regierungsgeschäften funktional nach außen wendet. Gleichzeitig hat sie den puren, reinen Touch einer asexuellen Jeanne d’Arc.

Ist Merkel eine Souveränin?

Hat Merkels Siegeszug damit zu tun, dass es den Frauen heute recht gut geht, während die Männer sich in ihrer Agonie winden? Das sagen die italienischen Denkerinnen von Diotima. Insbesondere möchte ich im Zusammenhang mit dem Phänomen Angela Merkel auf den Beitrag „Souveräninnen“ von Annarosa Buttarelli verweisen, deren fulminante Spurensuche jede Menge Futter fürs Weiterdenken liefert. Ist Merkel nun im Sinne von Buttarelli eine Souveränin, also eine, die „über dem Gesetz steht“? Und: Kann so etwas wirklich positiv sein? Oder ist Merkels Siegeszug der einer Autokratin mit willfähriger Administration?

Was wäre los in unserem Land, wenn die Frauen, vor allem die politisch Engagierten, die Feministinnen, die radikalen Denkerinnen und Akteurinnen, ach was, wenn ganz viele Frauen mit Buttarelli (und den anderen Denkerinnen/Praktikerinnen in diesem Buch) über den Unterschied zwischen Macht und Politik nachdenken würden (und in Ehrung von Hannah Arendt)? Auch über die Frage: Wie schätzen wir den Niedergang des Patriarchats und die damit verbundene männliche Agonie ein? Und wie sinnvoll ist dabei das Konzept der „Brüder“, wie es im „Roten Sottosopra“ entwickelt wurde?

Eine feministische Dokumenta

Im Weiteren möchte ich über meine Erlebnisse rund um die Documenta in Kassel berichten, die sich in ebenfalls strawanzender Weise um diese Fragen bewegen.

Neugierig und voller Erwartungen bin ich diesmal zur Documenta gefahren. Erwartet hatte ich Anregungen, ausgewählt von der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiew, die sich Feministin nennt und meint, dass der Feminismus aus kleinen (Schutz-)Räumen raus muss und aktiv in der Welt agieren soll. Die alle verantwortungsvollen Posten rund um die documenta mit Frauen besetzt hat und nicht zuließ, dass die katholische Kirche während der documenta im öffentlichen Raum Künstler agieren ließ, ohne zuvor die Verständigung mit der künstlerischen Leiterin gesucht zu haben.

Besonders neugierig gemacht hat mich, dass sie eine Kunst fördern möchte, die das menschliche Primat über alle anderen Lebewesen in Frage stellt (dieses „Macht euch die Erde untertan“).

Die für mich interessantesten Sachen waren in der Karlsaue, also „Outdoor“, ausgestellt, anderes in den Museen und einiges, auch interessant, in Kaufhäusern. Es ist schon witzig, eine Verkäuferin an der Kasse bei C&A zu fragen: „Wo ist hier die Kunst?“ und gesagt zu bekommen: „Gehen Sie rechts ganz durch bis zu einem großen Loch in der Wand, das können Sie nicht übersehen, und da gehen Sie rein.“

Feminismus und das Zusammenleben aller Lebewesen

Ich werde nun nicht anfangen, über einzelne Kunstwerke zu reden, allerdings sage ich anhand einiger weniger Beispiele, was mich fasziniert und mein Verständnis für den Zusammenhang von Feminismus und Zusammenleben aller Lebewesen erweitert hat.

Ein warmer Nachmittag, ich ruhe mich auf einem Liegestuhl der documenta an einem sonnenglitzernden Teich aus. Hinter mir hat ein Künstler ein riesiges hölzernes Galgengerüst aufgebaut. Einige Leute sind wie ich drum herum gelaufen, vorsichtig, Distanz zu dem hölzernen Monstrum einhaltend. Einige wenige sind hinaufgeklettert, auch vorsichtig, unsicher, bedenklich, schien mir.

Der Galgen ist eine nekrophile Fehlfarbe unter den Eis lutschenden kunstinteressierten Leuten rund um den Glitzerteich herum, unter einer freundlich warmen Sonne. Weder zum Leben noch zum Sterben gehörend. Zusammenhangslos steht das Mordinstrument da. Mit einer (weiblichen?) Geste der Vernunft rette ich mich vor der Anwesenheit von Abwesenheit: Ich bewundere das schöne neue helle Holz und denke mir, was damit Sinnvolles zu bauen wäre, beispielsweise an meinem Haus.

Ich sitze auf einer Bank seitlich der Orangerie, die angestrengten Augen schweifen in die Ferne, wohltuend über grüne Wiesen und viele Menschen. Ich sehe hauptsächlich Frauen, was im Kulturbetrieb allgemein so ist und darunter sehr viele junge, was eher selten ist. Eine Frau setzt sich neben mich und vertieft sich sogleich in den grünbändigen Documenta-Guide. Ihre Konzentriertheit passt gut neben meinen Wunsch nach Entspannung. Mit der Zeit bekomme ich mit, dass vor allem zwei Orte die Leute anziehen.

Orte, die magnetisch anziehen

Ein Ort ist rund wie ein Sitzhocker (allerdings sehr groß), auf dessen Fläche irgendein Grünzeug (Gräser und Wildblumen) wächst, durchsummt von tierischen Flugsubjekten, wie ich beim Näherkommen mehr höre als sehe. Dazwischen sind künstliche neonfarbene (chinesische ?) Schriftzeichen angebracht, die an Leuchtreklame erinnern. Der Text auf der Tafel weist auf die Wichtigkeit hin, Dinge geschehen zu lassen. Vielleicht ein asiatischer Beitrag zum ununterbrochenen westlichen Veränderungswillen „auf Teufel komm raus“, der längst nicht zum Nutzen der Lebewesen und heute zum Schaden von Allen zwischen Himmel und Erde gereicht. Die runde Umfassung zieht vor allem die jungen Leute an, die auf ihr liegen wie Ameisen um ein leckeres Kuchenstück herum.

Der zweite Ort, der magnetisch anzieht, ist ein wassergefülltes Rechteck, das künstlich in eine Wellenbewegung versetzt ist. Natürlich zieht die intensive Wasserbewegung die Aufmerksamkeit an. Ich fand die Installation nicht so toll, weil die Wellenbewegung nirgendwo auslaufen kann und ich sie deshalb als eingeengt, gestoppt, „unvollendet“ empfand.

Was die kurz beschriebenen Kunstwerke mich ahnen ließen:

Der Galgen: Eine Hinrichtungsstätte mitsamt der damit verbundenen Weltsicht hat unter den diese Erde bewohnenden und belebenden Wesen keinen Platz

Das Runde: Mensch/Mann hör endlich auf, die Fauna und Flora dieser Erde zu verhunzen: zu funktionalisieren, zu reglementieren, zu bonsaiisieren, zu plastikisieren, zu vergiften, zu ersticken

Das Rechteck: Das Wasser, aus dem wir bestehen und dessen Bewegung uns von Beginn an durchs Leben schaukelt, seine Bewegung muss frei sein und wild mäandern. Es will nicht begradigt sein, in der Bewegung gestoppt werden, es will auslaufen, irgendwo münden oder versickern.

Die Kunstwerke lassen mich verstehen: Das ist feministische Kunst, das ist Lust auf ein gutes Leben ohne hierarchische Einvernahme. Das hat gefühlt etwas sehr Richtiges, und ich verspürte ein Zusammenkommen der Aura von Kunstwerk und Betrachterinnen.

Gegenteiliges aus der griechischen patriarchalen Mythologie

Das gegenteilige Bild aus der griechischen patriarchalen Mythologie ist mir seit langem präsent: Der Gott Apoll, wie sein feiner Bruder Dionysos, der Amazonenmörder ein Sohn von Zeus (der ebenfalls einschlägig in der Verbrecherkartei als Vergewaltiger bekannt ist), steigt auf den Berg Helikon. Der Berg ist Sitz der Musen, deren Mutter Mnemosyne, Erinnerung, heißt. Apoll zwingt die Musen, hinter ihm her zu schreiten, seine Bewegung anzunehmen, in seiner Rhythmik zu verbleiben, nach seiner Manier (was die Künste betrifft). Er zwingt sie, ihre Heimstatt, ihren frei gewählten Ort, den Berg Helikon, zu verlassen.

Heute allerdings wollen und können wir sehen, wie Apoll, auf seinem Pfeiflein trällernd, in grotesker Schreitattitüde dahingeht, ohne sich umzudrehen. Inzwischen sind die Musen, vereint mit ihrer Mutter, der Erinnerung, stehen geblieben, sie schauen dem hölzern Stelzenden nach. Die einen lachen über solches Gehabe, die anderen trauern über ihr bisheriges Schicksal, die Dritten lackieren sich in aller Ruhe die Fingernägel und gestalten ihre Garderobe bunter, die Vierten hecken revolutionäre Aktionen aus und fragen schandmäulig: Wie lange noch soll Utopia „kein Ort nirgends“ sein?

Die „Schlafende Muse“ von Bettina Eichin

Ich erinnere mich an die Basler Künstlerin Bettina Eichin. Ihre lebensgroße „Schlafende Muse“ stellte sie uns, einer Gruppe Schweizer und westdeutscher Frauen, die in den 80ern ein Wochenseminar mit Mary Daly feierten, in den Garten vor dem Schlösschen vor, wo sich unsere Tagungsräume befanden. Was geschieht, während sie schläft?

Eine andere Gestalt von Eichin, die Helvetia (das Wahrzeichen Basels), wacht auf einer Brücke über dem Rhein, durch alle Zeiten und in alle Richtungen sehend. Allerdings ohne festen Wohnsitz; der Koffer der Nomadin steht gepackt an ihrer Seite. Das „leichte Gepäck“ einer Frau des Wassers, die nicht an der Brücke festklebt (Danke für diese Bilder an Chiara Zamboni).

Die Musen trotten schon lange nicht mehr hinter Apoll her. Haben sie es überhaupt je getan oder ist das nur wieder eine „Dull Story“ der Mythenmacher?

Peter Sloterdjk lässt sich beklatschen

Zum Schluss noch eine kleine Nachlese.

Im Karlsruher ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie), das sich weltweiter Berühmtheit erfreut, fand vor kurzem die Abschlussveranstaltung und Feier des Studienganges „Der diplomierte Bürger“ statt. Ja, die Karlsruher Götter der Philosophie und der Künste können das immer noch nicht, das mit den „Innen“. Sie ist dann angeblich mitgemeint, die Bürgerin.

Der Modephilosoph Peter Sloterdijk, der kürzlich narzisstisch sinnierte, er habe etwas von einem Bohemien und einem Athleten (aus der Leistungszone), tauchte zur Abschlussveranstaltung zu einer kurzen Rede auf (seine letzten Vorlesungsstunden ließ er ausfallen). Hier wollte er – kam, sah, siegte – dabei sein, sich beklatschen lassen, und dann war er schnell wieder weg.

Schon lange unterstreicht Sloterdijk seinen bürgerlichen Distanz-Habitus (umfassend analysiert von Pierre Bourdieu) durch hin und wieder undeutlich zu verstehendes Gemurmel, so auch diesmal. Er lobte den Studiengang, sich und Bazon Brock über den grünen Klee.

Nur einmal wurde er richtig ärgerlich, ja, richtig stinkesauer – und das hätte beinahe geifernd geklungen, hätte er nicht vornehmtuerisch gemurmelt. Was ihn für mich grotesk aussehen ließ, war sein Kommentar zur documenta. Sinngemäß warf er der künstlerischen Leiterin vor, die Teilnahme von wirklicher Kunst verhindert zu haben. Ohne einen solch schwerwiegenden Vorwurf zu begründen. Und nebenbei: Der ebenfalls anwesende Kunsttheoretiker der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, Wolfgang Ullrich, fand die 13. documenta gar die „dämlichste“ (Ullrich kann durchaus sprachlich zwischen Männlein und Weiblein differenzieren, wie wir hören).

Eine Urkunde, die das Papier nicht wert ist

Stattdessen hatte Sloterdijk vorher eine Menge Urkunden mit seiner Unterschrift beglaubigt (er unterschreibt tatsächlich mit Prof. Dr. …) Alle in den Urkunden namentlich genannten „Beauftragte des Volkes“ bestärken die „Hoffnung, dass Aufklärung dennoch gelingt“ (zitiert aus der Urkunde). Eine der Urkunden ist auf meinen Namen ausgestellt. Schon während der 1980er Jahre hatte ich ein mulmiges Gefühl, wenn ansonsten blitzgescheite universitäre „Elefantinnen“ uns wissbegierigen Studentinnen die Segnungen der bürgerlichen Revolutionen sowie ihrer aufklärerischen Impulse (Menschenrechte) erklärt haben (trotz des natürlich eingestandenen Mangels an weiblicher Beteiligung seien das auch unsere, der Frauen, Grundlagen). Fordern sollten wir, fordern, fordern.

Heute, wenn ich meine Urkunde betrachte, weiß ich, sie ist das Papier, auf dem sie gedruckt wurde, nicht wert (der arme Wald!) Allenfalls zum lachen. Oder zerkleinert als Konfetti, den Apolls und Sloterdijks hinterher gestreut. Bye, bye…

Vielleicht findet die eine oder andere Leserin meinen Beitrag zu weitläufig oder zu wenig prägnant. Sie möge mir das nachsehen und mit ihrem eigenen Beitrag mithelfen, die Debatte hierzulande über das Buch von Diotima zu entzünden. Viele unterschiedliche Funken mögen ungehindert in Farben und Intelligenzen aufstieben.

Autorin: Eveline Ratzel
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.10.2012

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika von der Meden sagt:

    Ein wunderbarer Beitrag zum Weiterdenken aber vor allem auch zum Weiterlachen.
    Eine köstliche Lektüre, die meinen Tag vor meinem morgigen Geburtstag (75 – Quersumme 13 !!) unglaublich versüsst hat.
    Vielen Dank.
    Leider kann ich nicht so schön schreiben.
    Herzlichst, Monika

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    In Holland wird oft folgendes gesagt: „Doe gewoon,dan doe je al gek genoeg“ = Tue gewöhnlich/normal,dann tut mann schon albern genug.Dies wird in eine Situation gesagt wenn mann/Frau sich nicht recht eine Haltung geben kann,wenn einem so vieles lose vorkommt was man antrifft,sieht,hört,riecht.Es ist nicht unseriös gemeint,sondern es könnte eine Kreativphase sein,wo mann trotzdem gerne sich zu Wort melden möchte,oder muss.Ich denke hier an P.Sloterdijk,der sicher diesen Ausdruck versteht.Arrogant kommt er mir jedenfalls nicht vor.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Das war spannend zu lesen; danke!

    Ich hab also gleich mal bei „Autorinnen“ rumstrawanzt,
    nur bisschen so zu sehen, wer denn diese Eveline Ratzel ist.
    Und dann las ich dort u.a. dieses:
    „… Beruflich war ich fast immer mit Frauen befasst.
    Zur Zeit vertreibe ich mir diese mit tanzen, singen, …“
    Das gefiel mir, so versprachlicht, außerordentlich,
    dass ich es hier schmunzelnd schreiben möchte:
    ich ließe mich damit keinesfalls vertreiben, im Gegenteil! 🙂

  • Danke für Ihre starken und mutigen Worte,die schon längst hätten gesagt werden dürfen,und dies besonders im öffentlichen Raum zur Ge-Wahrwerdung der sich ändernden Zeiten!Ich freue mich sehr,dass mit der documenta mit der hoffnungsvollen Zahl 13 das Weibliche endlich mit Sinn und Witz sichtbar und bedeutungsvoll gemacht wird – the times are a-changing!Herzliche Grüsse aus der frauenregierten Schweiz im Aufbruch

  • Hannah Wicke sagt:

    …,auch ich habe mich sowohl über das strawanzen in bezug auf uns angela als auch die 13.documenta gefreut.

    und „strawanzen“ werde ich sofort in mein vokabular aufnehmen!
    danke
    hannah ( kein professorentitel,, kein doktor!)

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