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Neu über Gewalt nachdenken: „Dio è violent“

Von Dorothee Markert

Buchtitel „Dio è violent“

Kurz vor Weihnachten schickte mir Chiara Zamboni das im Mai 2012 erschienene, nur 70 Seiten umfassende Büchlein von Luisa Muraro, über das in Italien wohl schon das ganze Jahr über sehr heftig und kontrovers diskutiert wird. Und so steht mein diesjähriges Weihnachten im Gegensatz zum allgegenwärtigen Friedensgesäusel gedanklich unter dem Titel dieses Textes: „Dio è violent“, „Gott ist gewalttätig“. Da dieser Titel in mir völlig falsche Erwartungen geweckt hat, bekam ich erst eine Ahnung von dem, worum es Luisa Muraro geht, als ich schon die Hälfte gelesen hatte, und wartete bis zur letzten Seite vergeblich darauf, dass sie ihren Bezug zwischen Titel und Inhalt noch ausführlicher vermittelte, denn den deutet sie nur sehr vage an. Es geht in diesem Text nicht um Gott oder ein neues Gottesbild, es geht überhaupt nicht um Religion, sondern ausschließlich um Politik: um persönliche und politische Stärke, um die gegenwärtigen Veränderungen gesellschaftlicher Strukturen und um die Frage nach „gerechter“ Gewalt.

Luisa Muraro übernahm ihren Titel von einem Graffiti an einer Hauswand in Lecce, das Foto davon ist das Titelbild des Buches. Sie beschreibt zunächst das Graffiti und spekuliert über seine Entstehung und Veränderung: über das mit schwarzer Schrift geschriebene „Dio è violent!“, den Zusatz darunter in roter Schrift „e mi molesta“, was „und er belästigt mich“ oder „und das belästigt mich“ heißen kann, und über die weiß überpinselte geschlechtliche Endung –o des wohl ursprünglich hingeschriebenen Wortes  „violento“, das grammatikalisch zum maskulinen Wort „Dio“ erforderlich wäre. Eine der im Text vorhandenen Andeutungen zu einem Bezug zwischen dem für mich irreführenden Titel und dem Inhalt der Schrift ist Luisa Muraros Aussage, das Graffiti habe sie überhaupt nicht überrascht und es sei für sie so etwas wie eine göttliche Botschaft gewesen. Ich verstehe das so, dass Luisa Muraro schon länger mit den Gedanken über Gewalt schwanger ging, die sie dann in ihrem Büchlein ausführt, sich aber sehr wohl bewusst war, auf welche Gratwanderung sie sich damit in der Öffentlichkeit begeben würde. Denn wenn ihre These verkürzt und ohne den Kontext, in den sie hier gestellt ist, verwendet wird, könnte sie auch leicht missverstanden werden und Unheil anrichten.

Schon öfter hat Luisa Muraro den Mut aufgebracht, einen gedanklichen Sprengsatz in eingefahrene Denkbahnen zu werfen und damit kontroverse Diskussionen auszulösen. Das passierte ihr wahrscheinlich dann, wenn die Gefahr bestand, dass eine einmal gefundene symbolische Erzählung so selbstverständlich wurde, dass sie mit dem Leben verwechselt wurde und das Denken zum Einschlafen brachte. Als immer mehr Menschen von Gruppenprozessen das Heil erwarteten, schrieb sie darüber, dass Gruppen auch ein Nährboden für Neid und Ressentiments sein und uns eher schwächen als stärken könnten. Als die Haltung innerhalb und außerhalb der Frauenbewegung weit verbreitet war – auch infolge dessen, was uns die Psychoanalyse gelehrt hat – besonders die Mütter für Vieles verantwortlich zu machen, was im eigenen Leben und in der Gesellschaft schief läuft, schrieb sie, dass Frauen ohne Dankbarkeit gegenüber der Mutter keine Freiheit und kein Selbstbewusstsein gewinnen könnten. Und als sich in der Frauenbewegung und auch schon in Anfängen bis in den Mainstream hinein die Erkenntnis durchsetzte, dass wir in einem Patriarchat leben, schrieb sie in dem Text „Freudensprünge“ über das Ende des Patriarchats. Mich begeistern solche Anstöße, durch die mein Denken und Handeln in eine neue Richtung geschubst wird, da das bisher immer mit einer Fülle an Erkenntnissen und auch mit sinnvollen Veränderungen in meinem Handeln verbunden war, sobald ich den neuen Gedanken in meinem Leben ausprobierte. Und so ist es auch jetzt.

Der Kerngedanke von „Dio è violent“ ist: Wenn wir von vornherein und grundsätzlich die Möglichkeit ausschließen, bei unserem Handeln auch einmal die Grenze zur Gewalt zu überschreiten, dann nehmen wir uns selbst Stärke, verzichten auf die volle Kraft, die wir eigentlich zur Verfügung hätten. Inspiriert wurde Muraro zu diesem Gedanken unter anderem durch ein Bild, das die brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispector in einem Brief an ihre Schwester verwendet. Lispector schreibt, sie sei genötigt gewesen, sich die Krallen abzuschneiden und habe nun die Fähigkeit verloren, sich selbst und anderen weh zu tun, dadurch habe sie sich nun auch ihre Stärke genommen. Mir fiel dazu ein, wie schwer es uns Frauen in einem Wen-Do-Selbstverteidigungskurs fiel, uns mit dem Gedanken anzufreunden, in einer Verteidigungssituation in Kauf zu nehmen, einen anderen Menschen wirklich zu verletzen, weil unsere Stöße und Tritte nur dann stark genug sein würden, um zur Verteidigung zu taugen.

Um Muraros Gedanken nicht falsch zu verstehen, ist es ganz wichtig, gleich dazuzusagen, was sie an anderen Stellen des Büchleins über Gewalt schreibt: Dass sie kein Mittel der Politik sei, überhaupt kein Mittel, um irgendetwas zu erreichen. Dass es der Tod der Vorstellungen von revolutionärer Gewalt gewesen sei, als Teile der 68-er-Bewegung in Italien und Deutschland den bewaffneten Kampf propagierten und in die Tat umsetzten. Dass beim terroristischen Handeln der Raum der Politik verlassen und der reiner Verzweiflung betreten wird, was auch bei der Antwort auf Terrorismus geschehen könne, wie wir es nach dem 11. September 2001 erlebt haben. Dass Menschen sich nicht anmaßen können, gerechte Gewalt auszuüben, da sie selbst nicht gerecht sind, gerechte Gewalt wäre nur bei Gott möglich, da nur Gott Gerechtigkeit ist. Muraro geht es um eine Gewalt, die niemandes Instrument ist, die das Recht nicht rechtfertigen kann, die niemand sich zu eigen machen kann, von der wir uns aber gebrauchen lassen können. Und zwar im Rahmen der richtig dosierten Stärke, die der jeweiligen Situation angemessen ist. Und in dem Bewusstsein, dass wir uns dabei als Menschen immer auch irren können.

Luisa Muraro wendet sich in ihrer Schrift aber auch gegen die Predigt der Gewaltlosigkeit, bezogen auf die heutige Welt. Sie bekundet großen Respekt vor Menschen wie Martin Luther King, denen es gelungen ist, eine gerechte Sache voranzubringen und dabei auf Gewaltlosigkeit zu setzen, doch sie meint, damals sei ein solcher Kampf auf moralischer Ebene noch möglich gewesen. Heute befänden wir uns in einem anderen Kapitel der Geschichte, und in diesem favorisiere die Predigt der Gewaltlosigkeit, wenn gerechtfertigte Gewalt von Vornherein ausgeschlossen werde, die Haltung, nicht mit der notwendigen Stärke zu handeln. Gewaltlosigkeit habe heute nicht mehr die Hebelwirkung, um gerechte Anliegen voranzubringen und die Arroganz der Mächtigen zu mindern.

Viel schreibt Muraro über dieses neue Kapitel der Geschichte, den Kontext, in dem nun neu über Gewalt nachgedacht werden muss. Denn zu Ende sei das Kapitel der Geschichte, das mit der industriellen Revolution und der parlamentarischen Demokratie begonnen habe. Da das göttliche Wort und die Autorität der Kirche damals nicht mehr taugte bzw. nicht mehr genügte, um diese neue Ordnung zu legitimieren, Menschen aber als symbolische Wesen Bilder und Geschichten brauchen, sei die Geschichte vom Gesellschaftsvertrag erfunden worden: Menschen – damit waren allerdings nur Männer gemeint – hätten auf einen Teil ihrer eigenen Macht, Stärke und Gewalt, ihrer Souveränität, verzichtet, um Autoritäten und Institutionen damit auszustatten. Die Einzelnen hätten einen Teil ihrer Stärke um des guten Zusammenlebens willen an das Recht und den Staat abgetreten. Diese Erzählung vom Gesellschaftsvertrag habe lange sehr positiv gewirkt, das räumt sogar Muraro ein, die ja als Frau nur über einen heimlich dahinter stehenden Geschlechtervertrag in diese Erzählung einbezogen war – Frauen stehen daher gleichzeitig innerhalb und außerhalb dieser Vereinbarungen. Beide Verträge seien ja von Frauen nie „unterschrieben“ worden.

Heute sei dieses politische System der parlamentarischen Demokratie insgesamt unglaubwürdig geworden – das ist ja in Italien noch viel offensichtlicher als in Deutschland. Demokratie bedeute heute auch, Lügen zu unterstützen, Massaker und Folter. Mehrere Kriege werden von westlichen Ländern geführt, die mit schwachen Argumenten begonnen wurden und teilweise im Gegensatz zu internationalem Recht stehen. Die Rede von einem „gerechten Krieg“ sei zurückgekehrt.

Wie gehe ich damit um, dass auch in meinem Namen und von mir mitfinanziert Bomben auf die Häuser Unwissender und Unschuldiger geworfen, dass Gefangene gefoltert werden und über immer teuflischere Waffen geforscht wird, dass Waffen an Länder verkauft werden, in denen es kaum Schulen und Krankenhäuser gibt und dass Flüchtlinge mit Gewalt davon abgehalten werden, nach Europa zu gelangen, wobei sogar massenhaftes Ertrinken im Mittelmeer in Kauf genommen wird? Auf neun von zehn Entscheidungen, die das Leben der Einzelnen direkt betreffen, hätten wir heute auch unter der liberalsten Regierungsform keinen Einfluss mehr. Hier weist Muraro auf den Bau einer amerikanischen Militärbasis in ihrer Heimatstadt Vicenza hin, gegen den sich fast die ganze Bevölkerung gewehrt hat und der trotzdem durchgezogen wurde.[1] Mit der an den Staat und die „Autoritäten“ abgegebenen Stärke und dem daraus entstandenen Gewaltmonopol gingen diese heute unverantwortlich um. Als Antwort darauf könnten wir protestieren, schweigen oder krank werden. Oder – und das ist Luisa Muraros Vorschlag – wir könnten ihnen das Vertrauen entziehen, ihnen und ihren Institutionen jegliche Autorität absprechen und uns damit symbolische Unabhängigkeit erarbeiten.

Dass Muraro meint, die Neuformulierung der Frage der Gewalt müsse nun von den Frauen ausgehen, hängt zum einen mit unserer besonderen Stellung im Rahmen des Gesellschaftsvertrags zusammen, gleichzeitig einbezogen und ausgeschlossen zu sein, und  mit dem Geschlechtervertrag, den wir in der feministischen Revolution gekündigt haben. Zum anderen damit, dass Männer ihre Gewalt nie vollständig an den Staat abgegeben haben, sondern die Gewalt im sogenannten privaten Bereich, also die Gewalt Frauen und Kindern gegenüber, behalten haben. Diese Gewalt zu besitzen, ist eng mit Männlichkeitsvorstellungen verbunden – man denke nur an die Bedeutung des privaten Waffenbesitzes für Männer in den USA und der Schweiz – , und steht zweifellos mit ihrer größeren Bereitschaft im Zusammenhang, sich für Militärisches zu begeistern. Das Trauma des ersten Weltkriegs, in dem die Männer Europas sich auf eine für uns heute unbegreifliche Weise gegenseitig abschlachteten, mit den Diktaturen und Kriegen, die daraus folgten, sei der Zusammenbruch von Glaubwürdigkeit und positiver Wirksamkeit der Erzählung vom Gesellschaftsvertrag gewesen.

Luisa Muraro erahnt einen Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit, die Frage der Gewalt neu zu durchdenken, auf der einen und der Zunahme der Verantwortungslosigkeit auf der anderen Seite. Es wäre für die UN-Friedenstruppen möglich gewesen, schreibt sie, das Massaker von Srebrenica zu verhindern. Doch sie nahmen sich selbst die Stärke, die sie dafür gebraucht hätten, indem sie sich genau an ihren durch Recht und Gesetz geregelten Auftrag hielten. Blind für den Hass, den sie vor Augen hatten, halfen sie sogar noch mit bei der Vorbereitung des Massakers, ohne das zu merken.

Ebenso falsch wie die Haltung, ohne nachzudenken direkt mit Gewalt zu reagieren, könne auch die Haltung sein, zu lange zu überlegen, bevor man handelt. Dazu fällt mir ein Beispiel ein, das ich vor mehr als 30 Jahren erlebt habe. Als ich damals meine spanische Freundin in dem Ferienort besuchte, wo sie mit ihrer Familie Urlaub machte, gingen wir zusammen in eine überfüllte Bar, in der eine Freundin von ihr hinter der Theke stand. Wir standen am der Theke entgegengesetzten Ende des Raumes. Ein betrunkener oder einfach nur schlecht gelaunter Mann tauchte vor der Theke auf und begann nach einem kurzen Wortwechsel damit, schreiend alle Gläser von der Theke zu fegen und die Frau hinter der Theke zu bedrohen. Im Raum herrschte plötzlich Totenstille, alle waren wie erstarrt. Da ging meine Freundin mitten durch die Menge nach vorn, stellte sich direkt vor den tobenden Gast und brüllte ihn an, er solle sofort aufhören und die Bar verlassen. Dieser ging schließlich tatsächlich. Ich schämte mich, weil ich, fieberhaft überlegend, was man in der Situation tun könnte, noch nicht einmal mit meiner Freundin nach vorn gegangen war und ihr den Rücken gestärkt hatte, ihr also im Falle eines Angriffs nicht einmal hätte helfen können. Und es war noch schlimmer: Als meine Freundin nach vorn ging, hätte ich sie am liebsten davon abgehalten. Mit diesem Beispiel wollte ich illustrieren, was Luisa Muraro meinem Verständnis nach meint, wenn sie von einer Stärke spricht, die – entsprechend der jeweiligen Situation – bis an die Grenze der Gewalt oder darüber hinaus geht. Und wie oft ich mich selbst – und manchmal auch andere – davon abhalte, diese Stärke zu erfahren und sinnvoll einzusetzen.

Ein weiteres Beispiel für die Unfähigkeit, das Naheliegende und Mögliche zu tun, um eine Situation zu gestalten, und das Eingreifen anderen – in diesem Falle den „Ordnungskräften“ – zu überlassen, erlebte ich erst vor wenigen Wochen. In einem Vortrag im größten Hörsaal der Universität saß auch einer der Wohnungslosen, die zu der Zeit unter dem Vordach des Gebäudes kampierten. Er störte den Vortrag, dem sowieso schon schwer zu folgen war, weil der Referent nicht der beste Redner war, immer wieder durch lautstarkes Gähnen und schließlich auch durch weitere störende Geräusche. Ich hatte sofort den Impuls, zu ihm hinüber zu gehen und ihn um Ruhe zu bitten, fürchtete jedoch, dadurch eine noch größere Störung zu verursachen. Und ich war ja auch nicht dafür „zuständig“, oder? Schließlich wurde er stillschweigend von Ordnungskräften aus dem Saal gebracht, die wahrscheinlich vom Veranstalter per Handy herbeigerufen worden waren, worauf er bestimmt Hausverbot bekam. Ich denke, es geschieht oft, dass uns die Meinung, nicht zuständig zu sein, und die Hoffnung, irgendwelche Vertreter von Institutionen könnten ein Problem besser lösen, vom Eingreifen abhält. Wenn es aber zur Gewohnheit geworden ist, unsere Impulse in dieser Richtung zu unterdrücken, wie sollen wir dann, wenn es wirklich auf uns ankommt, verantwortlich handeln können, wenn auch noch die berechtigte Angst dazu kommt, selbst angegriffen und verletzt zu werden?

Dazu ein Beispiel von Luisa Muraro: Eine Studentin erzählte in einem Seminar von einer Situation im Bus, die sie sehr aufgewühlt hatte. Sie und eine andere junge Frau waren zunächst die einzigen Fahrgäste. Zwei Männer stiegen ein und begannen die junge Frau massiv zu beleidigen und zu belästigen. Diese begann zu weinen und versuchte, Blickkontakt mit der Studentin aufzunehmen, die aber nicht reagierte. Schließlich merkte der Busfahrer, was vorging, und rief über Funk die Polizei, die die beiden Männer dann festnahm. Als die Studentin danach zu der immer noch weinenden Frau hinging, um sie zu trösten, wies diese sie mit einem hasserfüllten Blick zurück. Darüber war die Studentin viel mehr erschüttert als über den ganzen Vorfall.

Zum Schluss möchte ich nochmals auf den Titel des Buches zurückkommen und auf meinen Eindruck, dieser sei irreführend. Luisa Muraro sagt von sich in ihrem Buch Der Gott der Frauen, sie glaube nicht an Gott. In „Dio è violent“ schreibt sie, die Priester würden Gott für ihre Zwecke verwenden, sie wolle es für ihre Zwecke tun. Das Wort bzw. das Bild „Gott“ steht bei ihr für die Nicht-Verfügbarkeit der Gewalt, aber für die Möglichkeit, dass die göttliche Gewalt mich gebrauchen kann, um eine gerechte Sache voranzubringen. Wichtig ist, dass Gewalt ihren Ort nicht in irgendetwas von Menschen Geschaffenem hat wie dem Recht oder bestimmten Institutionen.

Als eine, der die religiöse Tradition etwas bedeutet, habe ich Mühe mit einem Gott ohne Vermittlungen, ohne die Bilder und Erzählungen der Religionen. Ich füge daher einfach hinzu, was mir aus dem religiösen Bereich zu Luisa Muraros Gedanken einfällt. Da ist einmal die Aussage am Ende des Vaterunsers „denn dein ist […] die Kraft“, die ich leicht erweitern kann zu „dein ist die Kraft bis hin zur Grenze der Gewalt und manchmal auch darüber hinaus“. Weiter fällt mir ein, wie erstaunt ich war, dass es auch im Buddhismus eine positive Vorstellung von einem „heiligen Zorn“ gibt, wo sonst ja trainiert wird, sich von Gefühlen frei zu machen, da sie „Anhaftung“ bedeuten. Und natürlich denke ich an die bekannteste Gewaltszene der Jesuserzählung, als er die Tische der Händler umwirft und die Händler aus dem Tempel treibt, die mit ihren Angeboten, sich Opfergaben zu erwerben, den direkten Weg zu Gott versperren und ein Gottesbild verfestigen, das mit der Gotteserfahrung Jesu nichts zu tun hat. Oder an die Szenen, in denen Jesus böse Geister bedroht, die Menschen in ihrer Gewalt haben, und sie zwingt, diese zu verlassen. Ich persönlich kann mit der Vorstellung eines heiligen Zorns mehr anfangen als mit der Vorstellung, Gott sei gewalttätig. Doch ohne die Provokation des Graffitis von Lecce und Luisa Muraros Text darüber wäre ich nicht angeregt worden, mir diesen „heiligen Zorn“ auch zuzugestehen und ihn in meinem Leben wirksam werden zu lassen. Und das ist eine gute Erfahrung.

Luisa Muraro, Dio è violent, edizione nottetempo, Roma 2012



[1] Dies wird ausführlich beschrieben in: Diotima, Macht und Politik sind nicht dasselbe, Helmer, Sulzbach 2011

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 30.12.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Monika von der Meden sagt:

    Sehr interessante Analyse des Buches von L.Muraro – ist es ins Deutsche übersetzt???
    vielen dank und ein gutes Neues Jahr.
    Monika

  • Aenne sagt:

    Ich möchte mich meiner Vorgängerin anschließen. Diese Analyse ist sehr interessant. Daraus ergibt sich aucn bei mir die Frage: Ist das Buch ins Deutsche übersetzt?
    Freundliche Grüße
    Aenne

  • Danke Dorothee, dass du uns diese wichtigen Gedanken von Muraro, angereichert mit deinen eigenen, zur Verfügung stellst. Ich denke, sie werden uns – zumindest mich – noch lange beschäftigen und umtreiben.
    Ich habe mir überlegt, ob im Italienischen Violenza und violent(o)die selben Bilder evozieren (und das ganze Imaginäre drum herum) wie im Deutschen. Violare bedeutet auch verletzen (auch Regeln/Gesetze verletzen/übertreten, womit wir beim zivilen Ungehorsam wären, der, wie politische PhilosphInnen behaupten, sogar zur Demokratie integral dazugehört). Ich möchte das Gewalt Thema, wie es uns von Muraro präsentiert wird, nicht verharmlosen. Ich stelle mir vor, dass es manchmal – aus einem heiligen Zorn heraus – nötig ist, anzugreifen und sogar zu verletzen. Das staatliche Gewaltmonopol hinterfragen und Institutionen, die sich Recht und Gewalt anmassen, oft sogar durch Mehrheitsbeschlüsse legitiemiert, denunzieren. Auch nicht davor zurückschrecken, in bestimmten Situationen zur Angreiferin zu werden – darüber müssen wir gemeinsam nachdenken, dringend! Das bedeutet aber auch, uns mit Autorität, mit der eigenen, die wir uns selber und die uns andere geben, auseinanderzusetzen.
    Ich erinnere mich an eine Begebenheit vor ein paar Wochen, als ein freiwilliger Mitarbeiter in einer sozialen Institution über Leute aus dem Balkan herzog, die ihn schlecht bahandelt hätten und sagte: „Dieses Serbenpack muss man ausräuchern“. Ich bin wutentbrannt auf ihn los (bloss verbal), habe ihm vor den Leuten, die drum herum sassen, gesagt, dass ich ihm glaube, dass er schlecht behandelt worden sei, aber er dürfe diesen Ausdruck nie wieder brauchen, ich würde dies nicht dulden. Sein Vorgesetzter, der daneben stand, zuckte mit den Schultern und meinte kleinlaut: „Jaja, sollte man nicht sagen“. Eine Freundin, die diese Szene miterlebte, bdankte sich anschliessend in einer Mail für die klaren energischen Worte.
    Ich selber kann nur darum bitten, geistesgegnwärtig im richtigen Moment das Richtige/Notwendige zu tun, zu sagen oder zu lassen. Darüber richten werden andere, das steht nicht in meiner Verfügungsgewalt.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für die Kommentare!
    Nein, das Buch ist noch nicht ins Deutsche übersetzt. Ich würde das gern machen, wenn es eine Finanzierung dafür gäbe. Aber da das auf jeden Fall dauert, habe ich hier etwas ausführlicher berichtet als bei einer normalen Rezension.

  • lodders claudia sagt:

    interessante denkweise,da fällt mir meine beschäftigung mit matriarchalen gesellschaften ein, die ja als friedlich und friedliebend gelten und doch in historischen zeiten als sie angegriffen wurden widerstandsbewegungen gebildet haben ,die nicht nur gewaltlos waren,siehe die amazonenreiche.herzlichst claudia

  • Ela sagt:

    Vielen Dank für das Nahe-bringen eines Buches, das mir, weil ich nicht italienisch kann, sonst verschlossen geblieben wäre!
    Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass die Thesen Muraros heftige Diskussionen ausgelöst haben. So ganz wohl ist mir nämlich auch nicht bei der Aufforderung „Gewalt“ einzusetzen in Situationen, wo es eine_einem nach eigener Einschätzung nötig erscheint. Zwar glaube ich auch, dass wir viel öfter einschreiten, handeln, widersprechen sollten. Aber für mich gehört das zu den Themen, die nicht auf einer grundsätzlichen Basis diskutiert werden können, sondern sich nur individuell im jeweiligen Handeln manifestieren sollten. Interessant finde ich den Hinweis, dass gewaltfreier Widerstand heute nicht mehr wirklich funktioniert, weil (wenn ich es nicht zu frei interpretiere) die gemeinsame moralische Basis nicht mehr vorhanden ist.
    Als Buddhistin hat mich dann deine Interpretation des buddhistischen Umgangs mit Gefühlen ein wenig überrascht. Bisher bin ich nämlich davon ausgegangen, dass es genau umgekehrt ist: Wir versuchen, nicht an Gefühlen anzuhaften, uns nicht mit ihnen zu identifizieren, damit wir von ihnen „frei“ werden. Was nicht bedeutet, dass wir anstreben, keine Gefühle mehr zu haben. Das ist sowieso unmöglich und würde, wenn es möglich wäre, unmenschliche Monster hervorbringen. Vielmehr bedeutet es, Gefühle als das zu betrachten, was sie sind: vorübergehende Erscheinung, die kommen und gehen (Wolken am Himmel sind ein oft benutztes Bild dafür), oft auch sehr kraftvoll sind (siehe „Heiliger Zorn“), die aber unser grundlegendes Wesen nicht berühren.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für die Erklärung, wie das im Buddhismus mit den Gefühlen und der Anhaftung ist. Das hatte ich wohl falsch verstanden. Als Aufforderung, Gewalt einzusetzen, lese ich Muraros Text nicht. Es geht darum, nicht von Vornherein darauf zu verzichten, schlimmstenfalls auch einmal Gewalt einsetzen zu müssen, weil wir dadurch Stärke verlieren und nicht mit der nötigen Kraft handeln können. Ich stimme dir zu, dass dies nicht auf einer grundsätzlichen Basis diskutiert werden kann. Ich probiere gerade für mich aus, meine diesbezügliche Haltung zu verändern und merke, dass ich mich dadurch weniger vor dem Mich-Einmischen drücke und klarer und damit auch erfolgreicher dabei bin.

  • Bari sagt:

    Liebe Dorothee Markert vielen Dank für dieses interessante Buch, dass du uns nahegebracht hast. Spontan dachte ich, dass wir viel in einer bürokraten Mentalität gefangen sind: immer zuerst prüfen ob wir zuständig sind. Auch Jesus ist in diese Falle getappt: Markusev. 7,24-30 als er die Tochter der syrophönizischen Frau nicht helfen wollte, weil er für sie nicht zuständig sei. Aber sie hat ihn eines besseren belehrt !
    Eine zweite Geschichte aus dem lukasevangelium 10,25-37 ein Mann fällt unter die Räuber wird verletzt liegengelassen, ein Fremder kommt und hilft ihm. Jesus erzählt diese Geschichte um zu erklären, was Nächstenliebe bedeutet , indem er fragt, wer ist für den Verletzten der Nächste gewesen? Die Antwort: der Fremde , der ihm hilft.“so geh hin und tue desgleichen!“
    Also wenn ich merke, dass eine Hilfe braucht, bin ich zuständig zu helfen.

  • Ich habe das Büchlein in meinem Blog jetzt auch rezensiert – und gleichzeitig der Hinweis darauf, dass es inzwischen in deutscher Übersetzung vorliegt:
    http://antjeschrupp.com/2014/07/19/kampfen-ohne-zu-hassen-auflosen-ohne-zu-zerstoren/

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