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Rubrik erinnern

Nicht immer quadratisch – aber immer gut

Von Juliane Brumberg

Das Jahr 2012 soll nicht zu Ende gehen, ohne dass an dieser Stelle ein Jubiläum gewürdigt wird: der Christel Göttert Verlag Rüsselsheim besteht nun 20 Jahre. Ausgangspunkt war Anfang der neunziger Jahre das Begehren von Christel Göttert, eigene Frauenbücher zu produzieren. Es begann 1992 mit dem Buch „frauen-art“, das fünf Jahre Frauenkunst-Ausstellungen im Frauenzentrum Rüsselsheim dokumentiert. Ihm sollten bis heute über 75 weitere folgen.

Ich selber lernte Christel erst 2007 im Jahr des 15. Verlagsjubiläums kennen, als ich eine kleine Reportage über den Verlag schreiben wollte. Ein Begriff war mir der Verlag schon lange, und insbesondere die kleinen farbenfrohen quadratischen Bändchen aus der philosophischen Reihe stehen alle in meinem Bücherregal. Viele von ihnen habe ich unendliche Male verschenkt. Gehört hatte ich vom Christel Göttert Verlag schon 1994, als die Autorin Birgitta M. Schulte an ihrem Buch „Der weibliche Faden – Geschichte weitergereicht“ arbeitete und mir von der großen Empathie und dem aufrichtigen Interesse ihrer „ganz besonderen Verlegerin“ erzählte.

Der Eindruck, eine besondere Frau vor mir zu haben, bestätigte sich bei meinem ersten Besuch in ihrer „Bücherbackstube“. „Es gibt nicht die Frau“, sagte mir Christel Göttert bei dem Interview vor fünf Jahren. Dementsprechend wendet sie sich mit ihren Büchern auch an ganz unterschiedliche Leserinnen. Das Themenspektrum reicht vom Autofahren bis zur Weisheit des Gartens, von der frühen Psychoanalytikerin Sabina Spielrein bis zur radikal-feministischen Denkerin Mary Daly, von den Müttern bis zum Matriarchat, von den wilden Weibern aus dem Odenwald bis zum Züricher Frauenlabyrinth, von Neuseeland bis Afghanistan. Letztes Jahr erschien das erste deutsche Ritualliederbuch. Und es gibt Bücher zum Leben mit Krebs oder zu Aufbrüchen aus Gewalterfahrungen.

Ein wichtiger Schwerpunkt waren immer philosophische Themen und die übersetzten Texte der italienischen Differenzphilosophinnen. Hier machte sie Grundlagenarbeit, und es gibt auch heute noch ihrem Leben Sinn, mit ihren Büchern die Macht, oder besser gesagt, die Möglichkeit zu haben, „dazu beizutragen, dass sich etwas verändern kann in der Welt und Wege zu einem besseren Zusammenleben aufzuzeigen.“

Für Christel Göttert ist es wichtig, „von sich selbst auszugehen und die Öffnung für das Andere zu haben“. Nur so konnte auch sie selbst es wagen, mit 50 noch einmal ganz neu anzufangen und ohne Abitur und Studium einen Frauenverlag zu gründen. Als Grundlage dafür nahm sie ihre eigenen langjährigen Erfahrungen aus der Frauenbewegung und der Stadtteilarbeit, aus 8 Jahren Stadtverordnetentätigkeit und ihr Wissen aus 15 Jahren Teilzeitbeschäftigung in Industrie- und Sozialarbeit, vor allem aber das ganze Spektrum als Familienfrau beim Großziehen von zwei Kindern. Mittlerweile hat sie Enkelkinder und einen Ehemann im Ruhestand, der im Verlag den ganzen Versand der Einzelbestellungen erledigt. „Am dankbarsten bin ich ihm aber, dass er auch das finanzielle Risiko mitträgt.“ Geld verdienen kann sie mit dem Verlag nicht, Honorare bekommen lediglich ihre Mitarbeiterinnen. Und das ist neben den Setzerinnen und Graphikerinnen vor allem die Lektorin Bettina Bremer, die ihr seit 12 Jahren zur Seite steht und sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit und den Internetauftritt kümmert. Gemeinsam feilen sie an den Texten, diskutieren über die Inhalte und sorgen mit liebevoller Aufmerksamkeit dafür, dass aus den Manuskripten gepflegte Bücher werden.

Fotos: Juliane Brumberg

Zehn Jahre haben sie außerdem die „Virginia –  Zeitschrift für Frauenbuchkritik“ verlegerisch betreut und seit 2007 erscheint im Christel Göttert Verlag jedes Jahr unter Mitwirkung vieler engagierter Frauen die deutsch-englische Ausgabe des astrologischen, frauenspirituellen We’Moon-Kalenders. Ein Dach bietet der Christel Göttert Verlag auch diesem Internetforum „bzw-weiterdenken“, bei dem sich im Nachhinein herausgestellt hat, wie gut es war, dass die Finanzen seinerzeit nicht für eine gedruckte Frauenzeitschrift reichten. Die fünf Jahre des Bestehens – auch für „bzw-weiterdenken“ ist 2012 ein Jubiläumsjahr – haben gezeigt, dass Online-Präsenz mittlerweile mindestens so wichtig ist wie gedruckte Texte.

Warum tut Christel Göttert sich das alles an? „Das ist meine Lebensqualität! Für andere Menschen in meinem Alter ist es Lebensqualität, weite Reisen zu machen; für mich sind es die Kontakte zu den vielen Frauen, die sich aus meiner Arbeit ergeben, die vielen begeisterten Briefe von Leserinnen und die Gespräche mit Autorinnen, deren Texte dem verantwortlich in die Zukunft gerichteten Denken der Frauen und damit der Gesellschaft weiterhelfen, das ist für mich Lebensqualität.“

Herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren „lebensqualitätsvoller“ Verlagsarbeit.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 02.12.2012
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Knüfer sagt:

    Liebe Juliane, das ist eine sehr schöne Würdigung der Verlegerin und ihrer vielen schönen Kunstwerke, Buch für Buch. Ich gratuliere Christel Göttert hier auf diesem Wege und sage Danke für Reichtum, Fülle und vor allem Schönheit. Jedes Buch in diesem Verlag ist ein Schatz und wunderschön. Der Dank gilt auch der Grafikerin und der unerbittlich strengen und engagierten Lektorin. Die Komposition ermöglicht das Gelingen!

  • gabi Bock sagt:

    Herzliche Gratulation….allein für diese Seite „bzw. weiterdenken…“. Alles Gute für die weiteren 25 Jahre.
    Gabriele Bock

  • Monika von der Meden sagt:

    vielen Dank, Juliane, für den guten Atikel für Christel Göttert, sie hat es wirklich sehr verdient.
    Herzlichst, Monika

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