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Das Psychosoziale in der Verwertungslogik des Marktes

Von Marita Blauth

Das 30-jährige Bestehen der TuBF Frauenberatung in Bonn (Therapie, Beratung und Coaching für Frauen) hat deren Mitarbeiterin Marita Blauth zum Anlass genommen, die eigene Arbeit zu reflektieren. Die Mitarbeiterinnen der TuBF unterstützen Frauen dabei, ihre Bedürfnisse und Interessen zu  formulieren und zu vertreten, und sie haben ihren eigenen Arbeitskontext bewusst eigenverantwortlich gestaltet. Wir veröffentlichen die Analysen von Marita Blauth in drei thematischen Teilen: In diesem letzten Teil geht es um die Einverleibung des Psychosozialen in die Verwertungslogik des Marktes.

Teil 1: Qualität im Management neoliberaler Zurichtung
Teil 2: Riskanter Ritt auf dem Zaun: Das Tun und das Lassen im Gewaltdiskurs

Beim Occupy-Camp in Frankfurt. Foto: Marita Blauth

Nicht nur Frauenberatungsstellen, auch andere Kräfte machen sich „das Psychosoziale“ zum eigenen Anliegen. Anlässlich einer Trend-Forschungskonferenz 2011 zum Thema „Der Kult des Sozialen. Der neue Konsument im Europa 2015“ schreibt etwa der Medientheoretiker Norbert Bolz:

„Shopping ist die Erziehung des Gefühls für die Welt des 21. Jahrhunderts. Man lernt, was ‚in’ ist und erkundet ein Wertefeld. Wir gehen einkaufen, um herauszufinden, was wir wollen. Wünsche und Vorlieben entstehen nicht aus der Seele oder aus dem Bauch, sondern aus der sozialen Situation. Deshalb müssen erfolgreiche Produkte einen sozialen Mehrwert bieten … Die moderne Wirtschaft braucht eine soziale Software. Diese Betrachtungsweise unterscheidet sich von der des 19. und 20. Jahrhunderts ganz radikal. Im 19. Jahrhundert hat man die Wirtschaft als Ökonomie des Geldes verstanden, die vom Prinzip der Knappheit regiert wird. Im 20. Jahrhunderts entdeckte man die Ökonomie der Aufmerksamkeit, in der die Zeit der kritische Faktor ist. Im 21. Jahrhunderts wird man die moderne Wirtschaft aus der Perspektive einer Ökonomie der Identität begreifen, in der es um Anerkennung geht. Gefühle zählen. Schon vor Jahren hat uns das Emotional Design gelehrt, dass Gefühle nicht den Individuen gehören, sondern den Beziehungen. … Das Soziale wird zum Medium des Konsums. … Deshalb sind wir unterwegs von der Experience Economy zur Beziehungsökonomie.“ Damit „entdeckt auch die Wirtschaft das Du. … Der soziale Mehrwert, um den es hier geht, ist also ein ‚linking value’. Der Link ist wichtiger als das, was er verknüpft.“ Deshalb wird vorgeschlagen, „Marketing in Societing umzubenennen“.

Ich stelle fest, dass sich die Marktforschung offenbar mit den gleichen sozialen Elementen befasst, wie wir Therapeutinnen. Mit dem Unterschied, dass die einzige Bindung, um die es dabei geht, die Bindung an die Marke ist.

David Bosshard, der Chef eines Schweizer Marktforschungsinstituts, sieht einen neuen Trend: Statt eines „männlichen Effizienzdenkens“  seien jetzt mehr „weibliche Qualitäten“ im Management gefragt. Auf dem deutschen Trendtag vor drei Jahren stellte er die Resilienz der Effizienz gegenüber. Resilienz bezeichnet in der  Psychologie die Widerstandsfähigkeit, an Belastungen und Krisen nicht zu zerbrechen, sondern über soziale und psychische Unterstützungsfaktoren zu verfügen, die Selbstvertrauen und Regeneration ermöglichen. Ressourcenorientierung oder Resilienzförderung sind für die Menschen Grundlagen, um großes Leid überhaupt bearbeiten zu können, ohne neu überfordert oder überwältigt zu werden. Diese Resilienz-Schutzfaktoren gelten sowohl für Klient_innen, als auch für Therapeut_innen. Für den Marktforscher Bosshard ist Resilienz die robuste weibliche Kraft, der er folgendes zuschreibt: „innere Kraft, den Kontext sehen, Homeworking, Networkung, Shitworking“. Der Markt der Zukunft brauche diese Kraft, weil nur mit ihr Effizienz erst ermöglicht werde.

Wenn Teile der Marktforschung den unsichtbaren Anteil der Frauenarbeit nicht weiter ignorieren, sondern ins Blickfeld rücken wollen, sollten wir klug unterscheiden, ob es um Emanzipationspotential oder Verwertungslogik geht. Denn: Was interessiert einen Marktforscher an Resilienz? Dass „das Wachstumspotential sehr viel größer ist, wenn man Hoffnung hat, als wenn  man Angst hat“. Und er meint damit kein inneres Wachstum.

Es scheint fast, als könnten wir Hand in Hand mit der Wirtschaft in eine resilienzorientierte und hoffnungsvolle Zukunft schreiten. Doch wenn die Unternehmensberatung McKinsey in einer Studie feststellt, dass geschlechtergemischte Führungsgremien bessere Umsätze erzielen als homogene, sagt das noch nichts darüber aus, welche Arbeits- und Lebensbedingungen das für die Menschen bedeutet.

Neuzeitliche Marktökonomie bedient sich der Philosophie, Soziologie und Psychologie und das macht sie richtig gefährlich. Sie reproduziert eine große Schere im Kopf zwischen einem „Alles ist möglich“, soweit es individuelle Flexibilität und Selbstoptimierung, den Zugriff auf Körper, Konsum und individuelle Gesundheitskonzepte betrifft – und einem „Es gibt keine Alternative“, soweit es gesellschaftspolitische Strukturen oder wirtschaftliche Verantwortlichkeiten betrifft.

Wir sollten die Sehnsucht nach Freiheit aber nicht verwechseln mit der Beliebigkeit und einer Illusion von Wahlfreiheit, die sich damit begnügt, kaufen zu können, was man will, auszusehen, wie es einer passt, das Geschlecht zu wählen, das mir selbst entspricht. „Empowerment“ in Therapie und sozialer Arbeit bedeutet hingegen die Kunst, gerade angesichts solcher proklamierten Freiheiten zu erkennen, welch hoher Grad an Normierung damit verbunden ist – und dann einen tatsächlich selbstbestimmten Weg zu finden, jenseits von permanenter Selbstoptimierung.

Auf einer Tagung des Arbeitskreis Frauengesundheit sagte die Soziologin Elisabeth Helming: „Das Paradox bleibt, dass Menschen sich wirklich besser fühlen, ihr Wohlergehen steigern, wenn sie selbstsorgsam und selbstverantwortlich handeln. Aber es muss um mehr als nur Funktionieren gehen. Es beinhaltet, eigene Ziele wählen können: Wirkliches Wohlergehen braucht das Erleben von Selbstwirksamkeit, und Professionelle müssen fein und differenziert ‚balancieren’, um nicht in neoliberale Haltungen zu geraten.“

Bleiben wir also unberechenbar und beständig, verbunden und aufsässig, klug und sinnlich, und reden wir weiter auch persönlich miteinander und pflegen wir fassbare Freundschaften, wie real oder virtuell sie auch immer zustande kommen.

Autorin: Marita Blauth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 16.01.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sabrina sagt:

    Das ist ein schöner Artikel und hat mich heute noch einmal daran erinnert, was wirklich wichtig ist, vielen Dank dafür!
    Oft denkt man wirklich, dass heute doch alle Freiheit besteht und verkennt, dass darin wieder eine Normierung liegt, denn was umfasst diese „Freiheit“ und was nicht?
    Reden wir mit anderen so wie wir reden wollen, können wir sagen was wir denken und fühlen?
    Damit fängt ja Freiheit an.

  • Ute Plass sagt:

    Ganz herzlichen Dank an Marita Blauth für diese so hochnotwendigen Reflexionen über die Verwertungslogik des Kapitals, welches weder Solidarität, noch Menschenrechte kennt und über Leichen geht. Tagtäglich werden menschliche Hoffnungen, Wünsche, Ängste und Sicherheitsbedürfnisse von den hohen Priestern der Ökonomie benutzt um Menschen für „den Markt“ oder „die Wirtschaft“ zuzurichten.
    Auch die Sprache wird im Sinne des vorherrschenden Wirtschaftssystems profitsteigernd eingesetzt.Das klingt dann so, dass es nicht Menschen sind, die Sorgen, Ängste, Befürchtungen haben, sondern „der Markt und die Wirtschaft“ die nervös,deprimiert, ängstlich, hoffnungsvoll, optimistisch….. in die Zukunft schauen“.
    Diese Ideologie grenzt an Hirnwäsche und sendet die tägliche Botschaft: Wenn es dem Markt / der Wirtschaft gut geht, dann geht es uns allen gut!

    Dass in den letzten Jahrzehnten an dieser Ideologisierung auch eine ganze Heerschar von PsychologInnen mitgewirkt hat, ist mehr als eine Ironie. So hoffe ich, dass die Reflexionen von Marita Blauth auch die eigene Zunft erreicht und diese beginnt sich von destruktiven Systemen zu emanzipieren.

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