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Frauen und Männer im Koran: Gleichheit – für die Dauer einer Offenbarung

Von Elfriede Harth

In einer kleinen Serie stellt Elfriede Harth die Koraninterpretation der marokkanischen Medizinerin und Theologin Asma Lamrabet vor. Nachdem es im ersten Teil um die theoretischen Grundlagen ihres Vorgehens ging und sich der zweite Teil mit Schlüsselbegriffen im Verhältnis von Frauen und Männern beschäftigte, geht es in diesem letzten Teil um die Frage, warum sich die islamische Rechtspraxis so weit von den koranischen Quellen entfernt hat. 

Warum gibt es solch einen frappanten Abgrund zwischen der Ethik der Gleichberechtigung des Korans und den real existierenden islamischen Gesellschaften und ihrem Denken? Warum hat die Idee der Gleichberechtigung der Geschlechter im Islam „nur eine Offenbarung lang“ gedauert? Asma Lamrabet formuliert einige Hypothesen.

Die Gründe seien sowohl soziokultureller, politischer als auch juristischer Natur. Die arabische Halbinsel, die das geistige Zentrum des Islams bildet, war damals und ist bis heute von einer sehr patriarchalischen Stammeskultur geprägt. Der Islam wurde also in einem System inkulturiert, das von einer Kultur des Patriarchats, des Beutezugs und der Sklaverei geprägt war. Im Lauf der Zeit versteinerte dieses theoretische Gebäude und wurde nicht mehr an den Wandel der Zeit angepasst. Die früheste Rechtsprechung wurde dogmatisiert und sakralisiert, anstatt immer wieder zurück an die Quellen zu gehen und sie aus einer neuen Zeit und heraus für die neue Zeit zu lesen.

Trotzdem konnten einige Reste der befreienden Botschaft in unsere Zeit hinüber gerettet werden, zum Beispiel das Recht der Frauen auf finanzielle Unabhängigkeit, schreibt Lamrabet. So konnte eine Frau schon zur Zeit des Kalifats von ’Umar ibn al-Khattâb vor 14 Jahrhunderten für den Posten der muhtasib, des damaligen „Rechnungshofes“ ernannt werden.

Die politischen Umbrüche, die sich nach dem Tod des Propheten ergaben, hatten einen großen Einfluss auf die intellektuelle Produktion im Islam. Die Zusammentragung und Systematisierung des islamischen Rechts fiel zusammen mit einer Periode der Einrichtung des Despotismus und der erblichen Monarchie im 7. Jahrhundert. Damals entstand eine Kultur des blinden Gehorsams, in der sich die Rechtsprechung von gesellschaftspolitischen Fragen, von Freiheit und Gerechtigkeit abwandte und sich auf den persönlichen Status und auf Fragen des Kults beschränkte. Die islamischen Schriften wurden nur noch nach formalen Gesichtspunkten wie Grammatik, Rhetorik und so weiter untersucht; es kam vor allem auf Riten und streng kodifizierte Sitten an, nicht mehr auf die Ethik der Botschaft über Rechte, Freiheit, Gleichberechtigung, wie sie im Koran und der Sunna enthalten sind.

Legalismus bestimmte den Fiqh, das muslimische Recht, reduzierte den Islam auf das Normative, und bezeichnete diesen als Chari’a, göttliches Gesetz. Dabei entsprechen Fiqh und Chari’a eigentlich zwei ganz unterschiedlichen Registern. Chari’a steht für einen spirituellen Weg, Fiqh hingegen ist das menschliche Verstehen der Chari’a. Es soll eine Hilfe für die Gläubigen sein, damit sie mit offenem Herzen in ihrer Zeit leben. Es ist aber ein rigides System von Normen daraus geworden.

Welche möglichen Alternativen gibt es?

Eine tiefe Reform der islamischen Lehre hält Lamrabet für notwendig, die Geschichte, Philosophie, Exegese, Wissenschaft der Hadiths, Recht umfasst. Dabei müssten moderne wissenschaftliche Methoden angewandt werden, besonders in den Geisteswissenschaften, anstatt sich nur auf eine passive und unkritische Weitergabe des Bestands zu begrenzen. Die Philosophen des „Goldenen Zeitalters“ des Islams mit ihren Werten der Offenheit und der Toleranz müssten wieder studiert werden. Es sei nicht möglich, Probleme des 21. Jahrhunderts immer noch mit Antworten zu lösen, die für Fragen des 8. Jahrhunderts erarbeitet wurden.

Die Räte der Ulemas fordert Lamrabet auf, sich der Interdisziplinarität zu öffnen, denn die Islamwissenschaften könnten nicht alle Fragen moderner Gesellschaften beantworten. Ulemas sind Islamexperten und -expertinnen (sowohl Männer als auch Frauen), die in muslimischen Ländern mit mehr oder weniger Macht institutionalisiert sind. Die Räte der Ulemas, so Lamrabet, müssten Orte sein, wo offen über alles diskutiert werden kann, und zwar mit allen Teilen der Gesellschaft, damit eine Kultur des Dialogs entsteht und nicht alles immer nur auf die schizophrene Dichotomie von erlaubt / verboten (harâm / halâl) reduziert wird.

Es genüge nicht, ja es sei geradezu kontraproduktiv, wenn Frauen zu Imaminnen ausgebildet werden, um Frauen zu unterweisen (wie es in Marokko der Fall ist), sich dann aber nur darauf beschränken, völlig unreflektiert den Bestand weiterzugeben, kritisiert Lamrabet. Stattdessen sei es notwendig, dass eine kritische kontextuelle Theologie betrieben wird. Ohne ein grundlegendes Einschreiben der Gleichberechtigung der Geschlechter in die Reform des Religiösen werde es keine Reform geben, ist Lamrabet überzeugt. Dafür müssten alle sexistischen und diskriminierenden Lektüren der klassischen Lehre unter die Lupe genommen werden.

Der Geist der Gleichberechtigung des Korans und der prophetischen Tradition habe sich leider nie verwirklicht. Er werde ab und zu verkündigt, wird aber nie konkretisiert. Seit etwa hundert Jahren gibt es innerhalb des Islam Reformbestrebungen, aber sie stellen eine Minderheit dar und beschränken sich oft nur auf einen apologetischen Diskurs, statt einen wirklichen Beitrag zu den Problemen der heutigen Zeit zu leisten. Lamrabet kritisiert, dass der „unermessliche Schatz“, den der Koran darstelle, ungenutzt bleibt: „Die Rückkehr des Religiösen wird erlebt als Rückkehr zu einem rigoristischen Formalismus statt zu einer Spiritualität des Engagements und des Bewusstseins Gottes.“ (S. 196) Dabei brauche die heutige Zeit Sinn und Moral, „damit wir unsere Ängste und unsere Schwächen beruhigen und gelassen vorwärts gehen können, uns gegenseitig unterstützend… Das ist die Gleichheit, von der der Koran spricht, die Gleichheit von Männern und Frauen, die Hand in Hand leben, sich gegenseitig helfen, sich füreinander engagieren, sich verbünden, im Vertrauen und als Vorbild.“ (S. 196).

Autorin: Elfriede Harth
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 14.01.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • voss sagt:

    danke für den Text,
    ermutigend
    hvoss

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Ich besitze zwei Übersetzungen des Korans ins Deutsche, konnte aber bisher die betreffenden Suren zur behaupteten Gleichheit nicht entdecken, außer dass Männer und Frauen gleichermaßen im Jenseites der Bestrafung unterliegen. Stattdessen habe ich einige Suren gefunden, die explizit gläubigen Muslimen klarmachen wie sie mit ihren Töchtern, Schwestern oder Ehefrauen zu verfahren haben, wenn diese sich nicht nach den Regeln des Korans verhalten oder was sie tun haben, dass deren sexuellen Reize vor den Augen fremder Männer verborgen bleiben. Mädchen und Frauen werden eindeutig zum Eigentum von Vätern (bei seinem Tod von Brüdern) und Ehemännern gerechnet, noch ausführlicher als das 10. Gebot des AT Frauen zum Eigentum erklärt. Deshalb bitte ich, mir die betreffenen Suren zu nennen, die sich auf die Gleicheit von Männern und Frauen beziehen. Ich lerne gerne dazu.

  • Elfriede Harth sagt:

    Liebe Gudrun,
    Hast Du die ersten zwei Teile dieses Aufsatzes gelesen? Den ersten findest Du unter folgendem URL: http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/09/frauen-und-manner-im-koran-welche-gleichheit/, den zweitern unter folgendem: http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/11/frauen-und-manner-im-koran-die-schlusselbegriffe/. Da habe ich die Suren (in Klammern) angegeben, auf die sich Asma Lamrabet bezieht, wenn sie darstellt, wie die Gleichberechtigung im Koran formuliert ist. Asma Lamrabet unterstreicht, dass es ganz wichtig ist, dass man den grundlegenden Geist der Ethik versteht und im Auge behaelt, die die koranische Offenbarung kennzeichnet, und nicht am Buchstaben einzelner Formulierungen kleben bleibt. Erst in diesem Gesamtzusammenhang erschliesst sich das Befreiende der Botschaft, eine Botschaft, die auf eine fuer die damalige Zeit und im konkreten Kontext, in dem Mohamed die Offenbarung erlebte, geradezu revolutionaer war.
    Aber lass uns weiter zusammen suchen. Ich bin keine Expertin, sondern ebenfalls eine Lernende und Suchende. Ich taste mich selbst erst langsam an eine Realitaet heran, die mich aus verschiedenen Gruenden sehr herausfordert!
    Elfriede

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