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Hannah Arendt und der Eichmann-Prozess im Kino

Von Antje Schrupp

Foto: NFP

Der Film war lange angekündigt, aber ich konnte es mir einfach nicht vorstellen: dass Barbara Sukowa Hannah Arendt verkörpern soll. Denn Sukowa sieht einfach überhaupt nicht aus wie Hannah Arendt!

Allerdings spielt Sukowa praktisch immer die Hauptfigur in den Biopics von Trottas – zuletzt Hildegard von Bingen, davor Rosa Luxemburg oder die Gudrun Ensslin nachempfundene Hauptfigur in „Die bleierne Zeit“.

Und tatsächlich schafft sie es, im Lauf des Films vergessen zu lassen, dass sie einfach so überhaupt gar nicht wie Hannah Arendt aussieht. Auf den Inhalt kommt es an, und trotz der manchmal etwas hölzernen Dialoge ist es dem Film sehr gut gelungen, das Wesentliche an Hannah Arendt „rüberzubringen“: Ihre konsequente Art, zu denken, der auf dem Wunsch gründet, „zu verstehen“.

Der Film erzählt nicht Arendts gesamtes Leben, sondern fokussiert auf den Eichmann-Prozess, ergänzt um eine Reihe von Rückblenden. Das ist eine kluge Wahl, denn so erdrücken die „Geschehnisse“ nicht den philosophischen Inhalt, und es bleibt dennoch genug Raum, um Arendt nicht als einsame Denkerin, sondern als Denkerin in Bezogenheit zu zeigen.

Die Hauptpersonen dabei sind Arendts Ehemann und „große Liebe“ Heinrich Blücher, ihre enge US-amerikanische Freundin Mary Mc Carthy, der Philosoph Hans Jonas, den sie seit Studientagen kennt und der ebenfalls jetzt in New York lebt, die junge Germanistin Lotte Köhler, die eine Art Sekretärin und Bewunderin Arendts war, sowie Kurt Blumenfeld, den Arendt aus der zionistischen Bewegung in Berlin kannte und bei dem und dessen Familie sie in Israel während des Eichmann-Prozesses wohnt.

Trotta zeigt, wie Arendt in diesem „Bezugsgewebe“ lebt und arbeitet. Insbesondere Heinrich Blücher und Mary Mc Carthy (hervorragend gespielt von Alex Milberg und Janet McTeer) sind dabei wichtig, weil sie ihr ein kritisches Gegenüber bieten und sie auch dann bestärken, als Arendt wegen ihres Eichmann-Buches schweren Anfeindungen ausgesetzt ist.

Erstaunt (und gefreut) hat mich vor allem, dass von Trotta diese Beziehungen und das Alltagsleben Arendts ziemlich genau so inszeniert hat, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Ihre Beziehung zu Heidegger zum Beispiel bekommt der ihr gebührenden Platz – nämlich nicht im Zentrum des Arendtschen Kosmos, sondern als Erinnerung an eine Jugendschwärmerei und als Enttäuschung über die politische Blindheit eines Mannes, den sie mal für einen großen Denker hielt.

Ein unbedingt sehenswerter Film, der auch zeigt, dass Arendts Denken ungebrochen aktuell ist.

Hier noch ein Interview mit Margarete von Trotta zum Film.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 08.01.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • gabi Bock sagt:

    liebe Antje,
    herzlichen Dank für Deine Besprechung.. ich denke mir auch, dass HA – die ich noch in München bei einer Vorlesung erlebte – von niemanden dargestellt werden kann,(dunkle Stimme, geschliffener Stil, individuelle Formulierungen) bin jetzt gespannt auf den Film..
    Zu Weihnachten bekam ich sinnigerweise beide Taschenbücher zum Film, die lese ich gerade und Dir sende ich dabei die allerherzlichsten Grüße und Wünsche für das Jahr 2013… die 13 gefällt mir besser als die teilbare, dicke 12…
    Herzlichst Gabi (Bonn)

  • susanna14 sagt:

    Danke für deine Besprechung! Werde Ausschau halten, wann der Film in Hannover läuft. Die Hannoveraner finden, Hannah Arendt sei eine Hannoveranerin, dabei hat sie nur ganz kurze Zeit hier gelebt, und wahrscheinlich nicht viele Erinnerungen an Hannover.

    Die Anfeindungen wegen ihrem Eichmann-Buch: Es scheint wohl erwiesen, dass Hannah Arendt falsch lag, als sie schrieb, Eichmann sei nur aus Gedankenlosigkeit zum Rädchen geworden. Es gibt andere Dokumente, vor allem Tonbandaufzeichnungen, die belegen, dass er Juden wirklich hasste, und wünschte, nicht sechs, sondern alle zehn oder elf Millionen europäischen Juden seien umgebracht worden. Aber ich kann mir vorstellen, dass er als Person trotzdem „banal“, also gedankenlos war und nur in „Klischees“ sprach (und dachte.)

    @Gabi: Was für Taschenbücher? Gibt es schon ein „Buch zum Film“ wie zum Beispiel zum Hobbit? Oder meinst du Hannah Arendts originales Buch, „Eichmann in Jerusalem“?

  • Lara sagt:

    Danke für die Besprechung. Ich muss leider sagen, dass ich Ihnen in einem Punkt wirklich nicht zustimme – dass die Beziehung zu Heidegger in dem Film als Jugendschwärmerei an ihrem gebührendem Platz dargestellt würde. Sie haben recht, das wäre tatsächlich eine gute Darstellung, nur wird meiner Meinung nach Arendts Beziehung zu Heidegger eben nicht an den Rand, sondern viel zu sehr in die Mitte des Films gestellt. Auf mich wirkt es, als sollten die Rückblenden erklären, wie Arendt zu ihrer Auffassung über das Denken an sich und damit auch über das (Nicht)Denken Eichmanns kommt. Damit betont der Film jedoch Heideggers Einfluss auf Arendts Werk zu sehr, während etwa ihre (intellektuelle) Beziehung Karl Jaspers, ihrem Doktorvater und lebenslangem Freund, nicht thematisiert wird.

  • Lara sagt:

    Ansonsten stimme ich Ihnen übrigens zu, gerade was Arendts New Yorker Welt und Freundeskreis betrifft, sowie die fabelhafte Darstellung durch Sukowa!

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