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Rubrik Blitzlicht

Rüsselsheimerinnen? Gibt es nicht.

Von Antje Schrupp

„Kultur 123“ ist ein Eigenbetrieb der Stadt Rüsselsheim, in dem Volkshochschule, Theater, Musikschule und Stadtbücherei gemeinsam die kulturellen Angebote der Stadt bündeln. Und neuerdings auch bewerben. Leider ist die Kampagne ziemlich daneben:

Fotos: Christel Göttert

„Alle Rüsselsheimer sind Lehrer – und Schüler“ heißt es etwa auf den Plakaten, oder auch „Alle Rüsselsheimer sind Dirigenten – und Musiker“ oder „Alle Rüsselsheimer sind Regisseure – und Kritiker“. Schließen lässt sich daraus vor allem wohl eines: In Rüsselsheim leben offenbar nur Männer. 

Dass Kulturschaffende, vor allem solche, die sich für kreativ halten, gerne mal das männliche Geschlecht für das einzig normale und wahre halten, ist nun keine Rüsselsheimer Spezialität, sondern leider ein weit verbreitetes Phänomen. Aber selten wird es so großflächig plump in die Welt hinaus gerufen.

Fragt sich nur: Warum hat da niemand widersprochen? Gibt es in Rüsselsheim keine Frauen- oder wenigstens Gleichstellungsbeauftragten? Keine feministisch bewanderten Frauen (oder Männer) in den Presseabteilungen der Kulturinstitutionen? Noch nie was von Gender Mainstreaming gehört oder wenigstens von veränderten Sprachkonventionen?

Wie kann so etwas heute noch kommunale Entscheidungsfindungsprozesse durchlaufen, ohne dass jemand widerspricht?

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 24.02.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • noch nicht gemerkt, dass alles wieder rückläufig ist. die deutsche sprache ist männlich betonter denn je. den jungen frauen ist, was sprache angeht, das ziemlich schnuppe. annette sagt, ich bin arzt. wenn ich korrigiere „ärztin“, frisst sie mich fast auf. da kommt es nicht drauf an, sagt sie. und wie, denke ich, und die werden sich noch wundern…
    rosadora grüsst dich, liebe antje

  • gabi bock sagt:

    liebe Antje,
    hoffentlich hast du Deine Kritik an die entsprechenden Stellen weiter geschickt…
    Was macht Dein Herbstplan für das Treffen der Frauen in Österreich? Wir hatte am Freitag einen übervollen Frauengottesdienst in Bonner Frauenmuseum…
    Was hast du denn vor dieses Jahr?
    Herzliche Grüße von Gabi aus Bonn

  • Zu diesem im besten Sinn aufklärenden Text passt auch der heutige Tagebucheintrag von Luisa Francia auf salamandra.de,die immer wieder darauf hinweist,dass sich männliche Wahrnehmumgsmuster und Denkweisen wieder ungefiltert in den Hirnen der Allgemeinheit festsetzen,da ja sowieso es nur peinlich ist,auf die Weiblichkeit hinzuweisen oder so etwas wie eine feministische Wahrnehmung zu verteidigen.Leider auch bei jungen Frauen – aber sollten wir älteren Frauen denn nicht überzeugend genug unseren „anderen“ Standpunkt vertreten können?

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Zur 700 Jahrfeier der Stadt Euskirchen im Jahr 2002 gab es auf Plakaten auch nur „Euskirchener“. Das hatte uns Frauen des AK Frauen im Kr. Euskirchen so erbost, dass wir den Bürgermeister zu uns einluden. Nach unserer Beschwerde fragte er nach meiner Erinnerung: „Womit kann ich zeigen, dass es natürlich Euskirchnerinnen gibt?“ Dann trugen wir ihm unsere Labyrinthidee und unsere Suche nach einem geeigneten Platz vor. „Das geht in Ordnung,“ meinte er. „Setzen Sie sich bitte mit dem Grünflächenamt in Verbindung.“ Wir Frauen bauten das Labyrinth vor dem Amtsgericht, in der Nähe des Rathause, und hatten die Freude im August 2010 den Internationalen Labyrinthkongress auszurichten. So gestärkt schaffen wir bestimmt auch, nicht zu ermüden und uns weiterhin für eine frauengerechte Sprache einzutreten.

  • Ich freue mich sehr, dass ich Eure Website gefunden habe! Wie ihr beobachte viel rückwärts gewandte Sprachnutzung und große Unbewusstheit über deren Wirken und, in meinen Augen, stark zunehmende Vermännlichung weiblichen Lebens / weiblicher Lebensräume. Mich erschreckt das.

  • Dazu fällt mir bloss ein: „Alle RüsselsheimER sind HausFRAUEN“

  • Ute Plass sagt:

    @ursula knecht – „Alle RüsselheimER sind HausFRAUEN“.
    Sehr schön. Poste ich mal sogleich hin!

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