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Weibliche Initationsriten oder: Was braucht es, um Frau zu werden?

Von Antje Schrupp

Was macht die Frau zur Frau? Unter dieser Fragestellung diskutierten etwa vierzig Frauen im Januar in Luzern über weibliche Initiationsriten.

Josée Ngalula (rechts) mit Ina Praetorius, die die Veranstaltung im Romerohaus in Luzern mit vorbereitet hatte. Foto: Antje Schrupp

Schon bei der Einleitungsrunde, bei der jede Teilnehmerin einen symbolischen Gegenstand in die Mitte des Kreises legte, wurde klar, dass für sehr viele das „Frauwerden“ etwas mit dem Eintritt der Menstruation zu tun hat – Tampons oder Stoffbinden, BHs, Seidenstrümpfe und Highheels wurden platziert.

Der Übergang vom Mädchen zur Frau ist natürlich kulturell sehr unterschiedlich. Braucht es überhaupt eine „Initiation“? Welche Übergänge müssen gestaltet werden, was soll oder kann geschehen, wenn ein weiblicher Mensch „gebärfähig“ wird?

Hauptreferentin des Workshops war Josée Ngalula, systematische Theologin aus Kinshasa/Demokratische Republik Kongo. Sie hat Initiationsriten in verschiedenen afrikanischen Kulturen untersucht und verglichen.

Alle Initiationsriten, so Ngalula, enthalten die Aneignung von Wissen, die Neupositionierung des Körpers und das Absolvieren von Bewährungsproben. Die Wissensvermittlung umfasst dabei etwa Kenntnisse in Haushaltsführung, Wissen über die Ahnen (also letztlich über die eigene Geschichte), das Erlernen traditioneller Handlungen und Rituale, aber auch Hygiene und Intimpflege. Ein gemeinsames Element sei auch die Einführung in die „Verführungskunst“ sowie die Schönheitspflege, quasi eine „Selbstwerbung“, damit die junge Frau in der Lage ist, sich gegen ihre „Konkurrentinnen“ durchzusetzen. In afrikanischen Kulturen betrifft das vor allem die Konkurrenz um die Gunst eines Mannes, da das Ansehen einer Frau davon abhängt, dass sie viele Kinder hat. In westlichen Gesellschaften ist das, so scheint es, nahtlos übergegangen in die Fähigkeit zur „Selbstvermarktung“ in beruflicher Hinsicht. Anders als in Europa gibt es in allen afrikanischen Kulturen am Ende des Initiationsrituals ein großes Dorffest, wo die Initiierten offiziell im Status der Erwachsenen aufgenommen werden.

Ngalula schlug als Diskussionsgrundlage die These vor, dass solche Initiationen „fundamentale Realitäten weiblicher Intimität“ berühren und daher auf die eine oder andere Weise in allen Kulturen vorkommen müssen: Wer vermittelt jungen Frauen das notwendige Wissen über ihren Körper, über die Beziehungen zwischen Frauen und Männern, über die Beziehungen von Frauen untereinander?

Ihre zweite These war, dass Initiationen immer von einer bestimmten Definition von Weiblichkeit ausgehen und daher auch ein bestimmtes Frauenbild von Generation zu Generation weitergegeben wird. Und drittens stellte sie die Frage, inwiefern „Bewährungsproben“ für diesen Übergang notwendig sind. Brauchen wir im 21. Jahrhundert ebenfalls Riten?

Beim Workshop über weibliche Initiation in Luzern mit Josée Ngalula (3. von links), Fifamè Fidèle Houssou-Gandonou (Mitte) und Susanne Kurz (3. von rechts). Foto: Antje Schrupp

Im Anschluss gab es drei Kommentare zu Ngalulas Thesen. Fifamè Fidèle Houssou-Gandonou hielt ihre Darstellung afrikanischer Initiationsriten für zu unkritisch: Ihrer Ansicht nach geht es in diesen Ritualen vor allem darum, die männliche Dominanz über Frauen sicherzustellen. Die Männer seien „Hauptnutznießer“ des so vermittelten Weiblichkeitsbildes.

Susanne Kurz hielt bewusste „Initiationsriten“ auch für den Westen für sinnvoll, da es darum geht, junge Menschen in die Gesellschaft der Erwachsenen einzuführen. Das brauche eine aktive Begleitung durch Erwachsene, Gleichaltrige könnten sich nicht gegenseitig inititiieren. Allerdings sei das hierzulande nicht in einem auf wenige Tage oder Wochen komprimierten Ritual möglich, da die Phase des Erwachsenwerdens sich über mehrere Jahre hinzieht. Sie schlug daher vor, mehrere Rituale anzubieten: als „Aufklärungsrunde“ noch vor der ersten Menstruation, eine weiteres zum Thema „erste Liebe“, wo es um sexuelle Gefühle oder um Verhütung geht, und ein weiteres vielleicht zum Eintritt der Volljährigkeit.

Auf das Problem, dass mit allen Initiationsvorgängen die Vorstellung verbunden ist, es gebe so etwas wie eine „normale“ Frau, wies schließlich Tania Oldenhage hin. Sie fragte, was denn mit Mädchen ist, die ihre erste Menstruation sehr früh oder sehr spät haben? Oder mit Menschen, die sich in der binären Geschlechterordnung nicht wohl fühlen? Sie wünscht sich daher Riten, in denen sich auch Menschen wiederfinden, die nicht der Norm entsprechen, die vielleicht zwar weibliche Geschlechtsmerkmale haben, aber gar nicht „Frau werden“ wollen. Riten also, die „offen sind für Störungen.“

In Arbeitsgruppen am Nachmittag konnten wir das Thema vertiefen. In unserer Gruppe, die das Gespräch mit Fifamè Fidèle Houssou-Gandonou weiter führte, kamen wir schließlich zu der Überzeugung, dass feste Rituale nicht sinnvoll sind, dass es aber dennoch wichtig ist, jungen Frauen das Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um als Erwachsene sich mit ihrer jeweils eigenen Individualität in der Gesellschaft zu bewegen. Es braucht all das, was Ngalula in ihrem Vortrag herausgearbeitet hat: das Wissen um gesellschaftliche Regeln und um die eigene Geschichte, die Fertigkeit, den eigenen Körper pflegen und „herrichten“ zu können, vielleicht auch die „Abhärtung“, um sich auch in Konflikten und in „harten Zeiten“ behaupten zu können.

Doch man kann nicht im Voraus wissen, wann welcher Aspekt davon bei welcher jungen Frau wichtig wird. Es muss gewährleistet sein, dass sie immer dann, wenn sich eine Frage stellt oder eine Fertigkeit gebraucht wird, die entsprechende „Einführung“ erhält.

Der Vorteil fester Rituale liegt gewissermaßen darin, dass keiner der wichtigen Punkte vergessen wird, denn sie geben einen festen, vorgeschriebenen Rahmen vor, der sozusagen „abgearbeitet“ wird. Aber die angesprochenen negativen Aspekte sind eben nicht von der Hand zu weisen: dass hier die Gefahr groß ist, Geschlechterrollen zu fixieren und eine bestimmte Norm von Weiblichkeit vorauszusetzen.

Spielerisch erfanden wir als Alternative dann die Idee einer „Checkliste“, an der sich Erwachsene, die eine junge Frau beim „Frauwerden“ begleiten, orientieren können. Jeder Punkt auf der Liste muss irgendwann bearbeitet werden, aber wie genau, wann und in welchem Kontext – das kann, ja muss sogar individuell verschieden sein.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 01.02.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Höchst erfreulich,dass dieses sich seit langem aufdrängende,leider immer noch brachliegende Thema,das meiner Meinung nach in den Bildungsplan der Schulen aufgenommenwerden sollte,so offen und vielseitig diskutiert wird – ich freue mich sehr darüber!Zsuzsanna Budapest,eine amerikanische, feministisch-spirituell orientierte Autorin,macht in ihren Büchern dazu sinnvolle und umsetzbare Vorschläge und Anregungen,übrigens auch für andere Lebensübergänge eines Frauenlebens.Sie können mit Leichtigkeit,Freude und Tiefsinn gefeiert werden!

  • irka sagt:

    Mmmh, ich stolpere bei dir, Susanna, über den “Bildungsplan der Schulen” – dieses Delegieren von “Erziehung” und “Bildung” in familien- und mütterferne Kreise wurde in der DDR ja bis zum Exzess gelebt, was jetzt zur Folge hat, dass bei jedweder Störung der Ruf nach Schule, Kindergarten, Profis laut wird… Schule sollte eher entlastet werden von zuvielen Themen, die mE da nicht hingehören, denn es nimmt uns Frauen und Mütter (und auf der anderen Seite, um mal dualistisch aufgestellt zu sein, die Männer/Väter) aus ihrer Verantwortung. Und gerade weil die Müttergeneration selber noch lernend ist an vielen Stellen und dazu einen alltäglichen Spagat zwischen frauenbezogen/matrizentriertem Leben und der Gesellschaft mit ihrer patriarchalen Prägung zu meistern hat.

    Das andere: was unserer Kultur an dieser Stelle ganz deutlich fehlt, sind einerseits die Räume (da auch außerhalb der Familie, aber eben geschützt in Frauenkreisen), in denen das Hineinwachsen in eine (neue) Identität stattfinden kann, wie auch das kulturelle Selbstverständnis, diese Entwicklung gut zu heißen. Ob eine “Bewegung” wie Red Tents (die ja nun auch in Deutschland ankommt) ein Weg sein kann, dann immer auch Hand in Hand mit schon bestehenden Netzwerken wie Frauenbildungshäusern und Frauen/Mädchengesundheitszentren, wird sich zeigen. Ich bin ja sekptisch, wenn plötzlich noch ein weiterer Weg, ein weiteres Design auf den Markt geworfen wird, habe aber die Hoffnung, dass die Vielfalt eine breitere Schicht an Frauen und jungen Frauen anspricht und nicht die Kräfte ausdünnt, weil viele Angebote in Konkurrenz mit einander stehen…

    Ich glaub, ich muss da mal was bloggen…

    (ich hab hier noch nie gepostet, hoffe dass das so o.k. ist?)

  • Ute Plass sagt:

    Was genau ist der Sinn von Initationsriten für’s Frau- oder Mannsein? Im Moment erscheint es mir sinnvoller, junge Menschen mit Ritualen so zu begleiten und zu unterstützen, dass sie sich in der Gemeinschaft/Gesellschaft willkommen wissen und auch bereit sind Verantwortung für das Wohlergehen aller zu übernehmen.
    Das setzt allerdings auch eine “erwachsene Gemeinschaft/Gesellschaft” voraus, die ihren heranwachsenden jungen Menschen ‘Erstrebenswerte Vielfalt’ vorlebt.
    Bevor wir uns also um Rituale wie um’s Frau-Mann-Sein Gedanken machen, wünsche ich mir die Auseinandersetzung mit der Frage: “Was braucht es um immer mehr Mensch zu werden?”

  • Interessante Debatte! Ritualien haben eigentlich nicht bewusste Inhalte und keinen Sinn mehr, wenn sie erklärt werden. Ich halte eine Selbstanalyse für sinnvoller. Wenn wir gemeinsam überlegen, was die Ritualien uns bedeutet und wie sie uns vom heutigen Frausein entfernt haben, dann können wir auch jungen Mädchen auf ihre Fragen antworten. Besser nicht alles institutionalisieren!
    Liebe Gruesse in die Schweiz.
    Lisa Elisabeth Jankowski/Verona
    P.S. Katharina Rutschky wollte immer ein Buch über moderne Benimm-Regeln schreiben. Das sollten wir jetzt machen.

  • Walburga Rest sagt:

    Als älteres Semester erinnere ich mich noch sehr genau, wie verlassen und erniedrigt ich mich fühlte, als ich nur sehr wage aufgeklärt meine erste Regelblutung erlebet.Die Scham hielt mich zurück, um irgend jemand mein vielen Frage zu stellen. Die im Judentum verankerten Verbote für Frauen während der Blutungszeit, die später im Christentum für die Liturgie übernommen wurden, haben sich bis heute ausgewirkt.So war ich fast beglückt, als mir die Tochter einer Tamilin stolz erzählt, wie sie gerade das Fest aus Anlass ihrer ersten Blutung im Kreise aller Frauen ihrer Großfamilie erlebt hat, indem ihr Körper besonders gesalbt, mit vielen duftenden Blüten überschüttet und dann in einen besonders schönen Sari gehüllt wurde.
    So ein Ritual hätte mir den Einstieg in die Frauenwelt sehr erleichtert und vor allem mein Selbstbewusstsein gestärkt.

  • Els Kazadi sagt:

    Els Kazadi sagt:
    Ich habe während 6 Jahren in einem Lycée (Sek.schule für Mädchen) auf der Stufe Cycle d’Orientation (1. und 2. Sek.)
    das Fach “Education familiale” unterrichtet. Dazu gehörten:
    – Hygiene (Anatomie, sexuelle Aufklärung)
    – Säuglingspflege
    – Ernährung und Küche
    – Hauspflege
    – Kleiderpflege
    – Nähen und sticken
    – Verhaltensregeln (Savoir vivre en société)

    Da dieses Fach dem Leben der angehenden Frau sehr nahe steht, fand er auch bei den Mädchen viel Interesse. Das Kapitel Sexualität ist in den meisten Familien tabu (im Dorf wurde die Aufklärung von den Grosseltern übernommen)und
    so war auch dieser Unterricht höchst willkommen.
    In diesem Land, wo die Aids-Gefahr sehr gross ist und immer mehr Mädchen sich mit dem Sex durchschlagen, tut die Schule gut, den Schülern ihre Verantwortung zu zeigen und offen darüber zu sprechen.Ich finde darum, dass es für die Mädchen lebenswichtig ist, diese Informationen in der Schule zu bekommen, da sonst ein grosses “Leer” auf diesem Gebiet entsteht.

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