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Das lachende Geschlecht: Philosophie, Poesie, Körper, Politik …

Von Bettina Schmitz

Cover_MedusaBettina Schmitz stellt mit“ Das Lachen der Medusa“ einen alten Text der französischen Philosphin Hélene Cixous vor, den die Herausgeberinnen in Beziehung setzen zu zeitgenössischen Beiträgen.

Mit Das Lachen der Medusa ist ein Text der französischen Philosophin Hélène Cixous aus dem Jahr 1975 nach beinahe 40 Jahren nun endlich auch in deutscher Sprache erschienen. Die drei Herausgeberinnen Esther Hutfless, Gertrude Postl und Elisabeth Schäfer haben dem Text zeitgenössische Beiträge zur Seite gestellt. Diese würdigen den Text in seiner historischen Bedeutung, stellen die Verbindung zur philosophisch-patriarchalen Tradition her, ohne sich von dieser vereinnahmen zu lassen und tragen auf diese Weise zur feministischen Traditionsbildung bei. Wie die Autorinnen von Cixous inspiriert weiterdenken und –dichten, offenbart zugleich die Aktualität des Medusa-Textes. Ein aktuelles Interview mit Hélène Cixous beschließt und bereichert den Band.

Der Titel ist Programm! Ich habe viel gelacht und mich gefreut bei der Lektüre des Buches: beispielsweise darüber, dass wichtige feministische Anliegen wieder einmal zur Sprache finden über die geistreiche Sprach- und Gedankenkunst der Autorinnen. Das Lachen der Medusa ist ein wunderbarer Text, der dank der Übersetzung von Claudia Simma nun auch im Deutschen eine schöne Gestalt gefunden hat. Hélène Cixous‘ Sprache mit vielen Wortspielen und Assoziationen ist sicherlich eine besondere Herausforderung für sie gewesen. Ihr Beitrag beschränkt sich jedoch nicht auf die Übertragung ins Deutsche sowie auf die „Anmerkungen der Übersetzerin“; ihr Aufsatz „Medusas diebische Vergnügen“ zeigt, wie tief sie eingetaucht ist in diese Materie.

Das von Hélène Cixous ausgerufene Projekt der écriture féminie ist heute so wichtig wie zur Entstehungszeit der Medusa. Die selbstverständliche Verbindung von Philosophie, Poesie, Körper und Politik mit feministischen Anliegen wird im Text selbst nicht bloß behauptet oder gefordert sondern eingelöst. „Cixous nahm eindeutig Abstand davon, [die] Frau als Opfer oder als kastriertes Wesen zu begreifen. Patriarchale Misogynie ist ihre Sache ebensowenig wie der Lacansche Topos von der Frau als Mangel“ (S. 24), schreibt Gertrude Postl, eine der Herausgeberinnen, in ihrem Aufsatz „Eine Politik des Schreibens und des Lachens: Versuch einer historischen Kontextualisierung von Hélène Cixous’ Medusa-Text.“ Manche erinnern sich vielleicht noch an die heftigen feministischen Auseinandersetzungen der 1970 und 80er Jahre oder haben darüber gelesen. Der Text muss damals äußerst provozierend gewirkt haben. „Für viele von Cixous’ KritikerInnen war genau diese Aufbruchsstimmung, dieses freche und lachende Sich-Hinwegsetzen über die politische Kleinarbeit sozialer Veränderungsprozesse, das unerschütterliche Bekenntnis zur sexuellen Differenz, das Insistieren auf der Bedeutung des Körpers und der Rolle des Unbewussten für politische Befreiung, die Politisierung des Schreibens, das für poststrukturalistisches Denken insgesamt typische, radikale Infragestellen herkömmlicher philosophischer Grundkategorien, das Lachen und die Ironie des Medusa-Texts der Stein des Anstoßes“ (S 25), so Gertrude Postl weiter. „Cixous’ „neue Frau“ ist heute noch so aktuell wie 1975, sie spricht durchaus zu gegenwärtigen LeserInnen. Nicht die „neue Frau“ hat sich seit damals verändert (sie ist immer noch Utopie) sondern die „alte“ – gefangen in einem seltsamen Zwischenreich, ist sie heute weder voll gleichgestellt noch ist es ihr gestattet, anders zu sein.“ (S. 30). Besser lässt sich die historische Bedeutung des Medusa-Texts nicht beschreiben.

Besonders angesprochen hat mich die Verknüpfung von philosophischem und poetischem Schreiben. Cixous bekräftigt diese im Interview: „Gibt es Philosophie ohne Literatur? Darauf werde ich ohne Umschweife antworten: Ja, es gibt Philosophie – jedenfalls, nennt sie sich Philosophie – die nicht den leisesten Sinn für Literatur hat. […] Aber was man sagen sollte, ist, daß eine Philosophie, die erfindet, vorgeht, weiterdenkt, immer poetisch ist. Die braucht immer Poesie“ (S. 190). Cixous will nicht nur die Grenzen zwischen den Disziplinen sowie diejenigen zwischen Schreiben und Lesen verwischen, sie scheint auch bereits eine Zeit zu bewohnen, in der die Grenzen zwischen den Polaritäten aufgehoben sind. Nicht zuletzt durch das Körper-Denken ist eine Erinnerung möglich, die über die patriarchale Tradition hinausreicht: „Die Frauen kommen von weither zurück: aus dem Immerschon: aus dem ‚Draußen‘, aus der Heide wo die Hexen sich am Leben halten. Von unten, aus dem Diesseits der ‚Kultur‘, aus ihren Kindheiten“ (S. 41), schreibt sie. Es geht nicht darum, das bestehende System ein wenig Frauen freundlicher zu gestalten sondern ganz und gar da zu sein, als diejenigen, die wir sind, und zu sehen, was dann passiert.

Wie ernst es den Herausgeberinnen mit Cixous’ Themen ist, zeigt sich bis in die Gestaltung des Buches, etwa an der sich ablösenden „Flugschrift“, die hoffentlich vielen zufliegen wird. Den Schrecken, den Medusa verbreitet, als ein männliches Erschrecken vor dem weiblichen Geschlecht, zu verstehen, so etwa die psychoanalytische Erklärung, kann höchstens ein Bruchteil ihrer Bedeutung ausmachen. Medusa, das wissen wir heute, ist mit ihren beiden Gorgonenschwestern eine Vertreterin der alten Göttinnendreiheit. So braucht uns wie auch Hélène Cixous das männliche Erschrecken und Erstarren nicht weiter zu bekümmern. Wir erinnern uns stattdessen an Sheela-na-Gig und ihre Schwester und an ein Lachen, das von der sumerischen Inanna bis zur japanischen Amaterasu über die ganze Erde erschallt. Und wir wundern uns keineswegs darüber, dass Medusa lacht.

Hélène Cixous: Das Lachen der Medusa, zusammen mit aktuellen Beiträgen, Wien: Passagen Verlag 2013, 200 Seiten – 26,90 EUR – deutsche Erstübersetzung des Essays von Hélène Cixous zusammen mit aktuellen Beiträgen von Ulrike Oudée Dünkelsbühler, Esther Hutfless, Eva Laquièze-Waniek, Sandra Manhartseder, Elissa Marder, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer, Claudia Simma und Silvia Stoller.

Autorin: Bettina Schmitz
Redakteurin: Ursula Pöppinghaus
Eingestellt am: 09.05.2013
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