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Rubrik Blitzlicht

Hannah Arendt und ihre Mutter

Von Dorothee Markert

Sukowa_ArendtDer Erfolg des Hannah-Arendt-Films von Margarethe von Trotta, der jetzt sogar die silberne Lola für den besten Film und den Filmpreis für die beste weibliche Hauptrolle bekommen hat, freut mich vor allem auch deshalb, weil dadurch mehr Menschen auf Hannah Arendt aufmerksam werden und vielleicht doch Lust bekommen, etwas von ihr zu lesen. Margarethe von Trotta ist eine Regisseurin aus der Generation der 70-er-Jahre-Frauenbewegung, und auch ich habe Hannah Arendt durch die Frauenbewegung kennengelernt, durch die Diotima-Philosophinnen aus Verona. Sie war dann jahrelang so etwas wie eine Denkfreundin für mich, ich las fast alles, was von ihr und über sie veröffentlicht wurde, sogar ihr Foto stand eine Weile auf meinem Nachttisch. Und ich lerne auch heute noch von ihr.

Dass Hannah Arendt frauenbewegten Denkerinnen so viel bedeutet, steht in merkwürdigem Gegensatz dazu, dass sie selbst sich offensichtlich überhaupt nicht für Frauenbewegungen ihrer oder früherer Zeiten interessiert hat. In dem 1964 gesendeten Fernsehinterview mit Günter Gaus, der sie gleich zu Beginn als Ausnahmefrau einführt, indem er betont, dass sie die erste Frau in dieser Sendung sei und dass sie als Philosophin ja „einer nach landläufiger Vorstellung höchst männlichen Beschäftigung“ nachgehe, macht sie deutlich, dass die „Emanzipationsfrage“, wie das Thema Geschlechterdifferenz damals noch genannt wurde, für sie persönlich keine Rolle gespielt habe. Sie habe einfach gemacht, was sie gern machen wollte.[1] Ähnliche Aussagen konnten wir in den letzten Jahren auch wieder aus der Töchtergeneration der Frauenbewegung hören.

Hannah Arendt gehörte zur ersten Frauengeneration, der all das in den Schoß fiel, was die Frauen vor ihr erkämpft hatten. Frauen an der Universität waren jetzt akzeptiert, sie mussten sich nicht mehr ständig gegen Spott und Anfeindungen von Kommilitonen und Professoren wehren. Aus der 2012 erschienenen Arendt-Biographie von Alois Prinz[2] erfuhr ich nun auch, wie sehr sich Hannah Arendts Mutter ins Zeug legen musste, damit ihre Tochter überhaupt studieren konnte: Staatliche Schulen, die aufs Abitur vorbereiteten, gab es in Königsberg damals nur für Jungen. Hannah Arendt besuchte eine aus einem Privatzirkel hervorgegangene Schule, an der Mädchen Abitur machen konnten. Die Vorläufer solcher Institute wurden von der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung um Louise Otto Peters auf den Weg gebracht, zu Beginn waren das ehrenamtlich betriebene Abiturvorbereitungskurse für Mädchen.

Die hochbegabte Hannah Arendt tat sich schwer mit schulischen Zwängen, und irgendwann konnte auch ihre Mutter nicht mehr verhindern, dass sie von der Schule flog. Wieder waren viel Engagement der Mutter und der Einsatz guter Beziehungen nötig, damit Hannah ein Probestudium in Berlin beginnen und schließlich mit einer externen Prüfung doch noch ihren Schulabschluss machen konnte. Ohne Unterstützung einer Mutter, die übrigens viel Sympathie für die Frauenbewegung und die Sozialdemokratie hatte und besonders Rosa Luxemburg bewunderte, hätte sie wohl nicht Professorin werden können und hätte dann wohl auch nicht die Muße und die Möglichkeiten gehabt, in Ruhe an ihren Themen zu arbeiten.

Das tut dem, was sie uns damit geschenkt hat, keinen Abbruch. Es scheint jedoch eine historische Gesetzmäßigkeit zu sein, dass die Töchter von Frauenbewegungsgenerationen nicht wissen und wahrhaben wollen, dass ihre eigenen Möglichkeiten das Ergebnis dessen sind, was Frauen, die vor ihnen lebten, für sie erarbeitet und erkämpft haben. Aber muss das immer so weitergehen?


[1] Fernsehinterview mit Günter Gaus, gesendet im ZDF am 28.10.1964

[2] Alois Prinz, Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt, Insel, Berlin 2012, S. 23, 37, 40-43

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 03.05.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gabriele Bock sagt:

    liebe Dorothee Markert, Du hast sehr gut beobachtet, auch ich habe dieses fehlende Engagement von HA für die Frauenemanzipation bedauernd gespürt.. ich sehe an 3 Schwiegertöchtern (alle mit berufstätigen Müttern) „unsre“ Fragen erst auftauchen, wenn die jungen Frauen durch Kinder, Ehemann, Beruf, eigene Interessen etc sich überfordert fühlen…Ich ziehe dann stillschweigend unsere Lektüren aus den 70iger Jahren hervor und lege Zettelchen ein bei „Lohn für Hausarbeit“ ,“ Frauen in höheren Positionen “ , „Frauenrenten“ etc …
    Vielen Dank für Deinen Artikel und Grüße von Gabi Bock

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Frau Markert, auch ich bekomme das jetzt immer mehr mit, dass der Respekt für das, was andere für einen erreicht haben, oft fehlt oder es nicht bewusst wird, was die Frauenbewegung wirklich bewegt hat.
    Ich habe mich auch damals über einen Kommentar von Hannah Arendt geärgert, in dem sie sagt (obwohl selbst berufstätig und stark engagiert, wie sie war), dass sie glaubt, dass gewisse Rollen und Berufe für Frauen nicht vorgesehen sind oder sich nicht schicken. Das lässt sich leicht sagen, wenn man „das tun kann, was man gerne tun möchte“. Sie hat dann leider nur vergessen, dass es eben, insbesondere viele Frauen, gibt, die bis heute nicht tun können, ob aus psychischen oder äußerlichen Gründen oder gleich beides zusammen, was sie wollen.
    Und bis heute findet man immer wieder Fragen der Frauenbewegung, die man bis heute nicht beantworten kann. Was ist „Hausarbeit“ wert? Was ist „Arbeit“ überhaupt?
    Wie definiere ich einen „arbeitenden“ Menschen?
    Wieso bekommen Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit (aus einem rein biologischen Argument? Das wäre sehr fragwürdig für eine moderne Gesellschaft…). Was bedeutet das, eine Frau oder ein Mann zu sein? Haben wir nicht alle anteilhaft einen männlichen und einen weiblichen Teil in uns (wenn man das unterscheiden möchte)?
    All diese Fragen, nebst:wer arbeitet, wenn ein Kind da ist oder auch wenn keins da ist, wie werden Frauen im Beruf behandelt und werden sie anerkannt, wie auch wie denn nun verhütet werden soll, wer welche Verantwortung in Partnerschaften übernimmt (auch das wiederum eine medizinische, sowie gesellschaftliche, als auch politische Frage).
    Danke für Ihre Anregungen und Ihre Artikel! Sie sehen, es hat sehr viel bei mir ausgelöst.
    Dazu noch kurz, Ani DiFranco:
    „They put you in your place, and they tell you to behave
    But no one can be free until we’re all on even grade“

  • Bari sagt:

    Liebe Dorothee Markert
    Vielen Dank für den Beitrag. Ich frage mich , ob die mangelnde Wertschätzung von Töchtern ggb. Den Müttern der Frauenbewegung Ausdruck des patriarchalen Geistes ist, der die Arbeit von Frauen nicht beachtet und nicht wertschätzt, also sozusagen ein normales nichtbeachtendes Verhalten in einer patriarchalen Gesellschaft.

  • Monika von der Meden sagt:

    Gefällt mir sehr gut – werde ich an meine Tochter weitersernden.
    Danke, Monika

  • Julia Niebergalöl sagt:

    Vielen Dank für den anregenden Artikel und die interessanten Kommentare. Aus der Sicht der Tochter möchte ich hinzufügen das ein unterschiedliches Verständnis nicht immer ein Zeichen mangelnder Wertschätzung ist.

  • Giovanna Farinotti sagt:

    Auf deine Frage: „Aber muss das immer so weitergehen?“
    antworte ich: „Nein, das muss nicht!“

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