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Wenn die Mama ein Mann ist

Von Antje Schrupp

FINAL_30679-2_KÖNIG_Männlich_jung_allein_mit_Kind.inddFritzi ist drei und lebt seit ihrer Geburt bei Jochen. Jochen ist der Mann, mit der die Frau, die Fritzi geboren hat, Sex hatte, als sie schwanger wurde. Jochen kümmert sich die meiste Zeit um Fritzi, er hat seinen Job dafür aufgegeben. Er ist Fritzis wichtigste „Bezugsperson“. Natürlich kümmern sich auch andere Menschen um Fritzi, zum Beispiel die Frau, die Fritzi geboren hat. Sie nimmt Fritzi regelmäßig für einige Tage zu sich und springt auch sonst nach Möglichkeit ein, wenn Jochen keine Zeit hat. Aber er ist es, der in erster Linie für Fritzi zuständig ist.

In welchem Verhältnis steht nun Jochen zu Fritzi? Für die Dreijährige ist die Sache klar: Jochen ist ihre Mama. So nennt sie ihn. Intuitiv hat Fritzi verstanden, dass „Mama sein“ keine biologische, sondern eine soziale Rolle ist. Jeder Mensch kann „Mama“ eines Babies sein oder werden. Er oder sie muss dafür ganz einfach das tun, was Jochen für Fritzi tut: Die vollständige und bedingungslose Verantwortung für das Wohlergehen eines kleinen Kindes übernehmen.

Jochen König hat über sein Leben mit Fritzi in den ersten drei Jahren nach ihrer Geburt Protokoll geführt, und seine Erfahrungen als Vater, der „Mama“ ist, sind sehr lesenswert. Deutlich wird etwa, wie exotisch selbst in Berlin eine solche Rollenverteilung noch immer ist.

Traditionellerweise ist eben fast immer die Mutter, die Frau also, die das Kind geboren hat, auch in sozialer Hinsicht dessen „Mama“. Und das ist bis heute uneingeschränkt so. Verändert im Vergleich zu früher hat sich nur, dass inzwischen häufiger auch Väter zumindest einen Teil dieser Arbeit und Verantwortung mittragen. Und in ganz fortschrittlichen Fällen, die immer noch seltene Ausnahmen sind, teilen sich beide Eltern das wirklich Halbe-Halbe auf.

Aber dass ein Mann derjenige ist, der die Hauptverantwortung für das alltägliche Wohlergehen eines kleinen Kindes trägt, kommt praktisch nicht vor. Und so sind auch fast alle anderen Mamas, mit denen Jochen in seinem Alltag zu tun hat, Frauen, und zwar in der Regel eben diejenigen Frauen, die das betreffende Kind zur Welt gebracht haben.

Jochen König hat die vielen kleinen Irritationen aufgeschrieben, die er und Fritzi durch ihre ungewöhnliche Lebensform auslösen, die Vorurteile und falschen Annahmen, mit denen sie im Alltag regelmäßig zu tun haben. Dabei setzt er sich auch kritisch mit dem gegenwärtigen Väter-Hype auseinander und unterscheidet klar zwischen seiner Art, für Fritzi da zu sein, und den Väterrechtlern, die, oft auch noch ohne tatsächliche Übernahme der mit dem „Mamasein“ verbundenen Arbeiten und Pflichten, erstmal vor allem ihre Rechte gegenüber den Müttern durchzusetzen versuchen (was aus meiner Sicht patriarchale, weil „väterrechtliche“ Logik in Reinform ist).

(Kleiner Exkurs: Ziemlich entlarvend fand ich den Trend, von dem in dem Buch berichtet wird und der sich offenbar als Folge der Erziehungsgeld-„Vätermonate“ eingestellt hat, nämlich dass die Mütter sich die ersten zwölf Monate hauptsächlich um das Kind kümmern und die Väter dann ihre zwei bis drei Erziehungsmonate dazu nutzen, das Kind in der Krippe einzugewöhnen. „Mama hütet das Heim“ und „Papa führt das Kind hinaus in die große Welt“? Na toll! Abgesehen davon, dass ihre übermäßige Präsenz in der Kinderkrippe den Väteranteil an der Kleinkinderziehung in der öffentlichen Wahrnehmung viel größer erscheinen lassen, als er in Wahrheit ist)

Die Lektüre von „Fritzi und ich“ fand ich auch vor dem Hintergrund meiner Blog-Reihe über das Schwangerwerdenkönnen spannend. Wenn wir nämlich daran arbeiten wollen, dass das Schwangerwerdenkönnen der einen (der *Frauen*) beziehungsweise das Nichtschwangerwerdenkönnen der anderen (der *Männer*) nicht länger zu hierarchischen geschlechtsspezifischen Rollenzuschreibungen führt, dann müssen wir das Verhältnis zwischen der Person, die gebiert, und der Person, die gegebenenfalls die „Mama-Rolle“ für das Kind übernimmt, genauer bestimmen.

Die derzeitigen Debatten um Väterrechte führen dabei allerdings auf ein völlig falsches Gleis. Denn erstens werden dadurch Geschlechterstereotype eher zementiert als aufgelöst (nach dem Motto: Väter bringen raufend und fußballspielend mehr Männlichkeit in die Erziehung), und zweitens geht es bei diesem Thema eigentlich gar nicht um das Verhältnis von Müttern und Vätern. Es geht um das Verhältnis von „Gebärerinnen“ und „Mamas“ für den Fall, dass beides nicht in einer Person zusammenfällt. Dass diese Diskussion nicht so recht in die Gänge kommt, liegt natürlich auch daran, dass diese Fälle so selten sind.

Hier ein erster Versuch, das näher zu bestimmen: „Mama“ kann nur jemand sein, der oder die sich auch tatsächlich kümmert und die anfallenden Arbeiten übernimmt. Der oder die also haupt- und eigenverantwortlich für das Kind da ist, inklusive Zurückstellen der eigenen beruflichen Ambitionen (solange die gesellschaftlichen Verhältnisse noch so sind, wie sie derzeit nun mal sind).

Es geht dabei nicht nur um die anfallende Arbeit, sondern auch um die psychische Belastung, die es mit sich bringt, eine so große Verantwortung für die gesamte Existenz eines anderen Menschen zu tragen. Bei der Lektüre von „Fritzi und ich“ ist mir (ich bin ja keine Mutter) sehr klar geworden, dass es ein großer Unterschied ist, ob ich jemand anderen beim Kindererziehen unterstütze, selbst wenn ich das in erheblichem Ausmaß tue, oder ob ich die Person bin, an der letztlich alles hängt. Ich fand es sehr berührend, wie offen Jochen König über die damit verbundenen Unsicherheiten, Ängste und Zweifel schreibt.

Zweitens: Eine „Mama“ (m/w) kann ihrer Aufgabe nicht nachkommen, ohne dass die Gebärerin darin eingewilligt hat. Denn, und das ist eine schlichte Tatsache, die sich daraus ergibt, dass das Neugeborene aus dem Körper der Gebärerin heraus entsteht: Entweder willigt die Gebärerin ein, dass das von ihr zur Welt gebrachte Kind in die Obhut einer anderen Person übergeht, oder man muss es ihr mit Gewalt wegnehmen. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Auch das hat mir an dem Buch von Jochen König sehr gut gefallen: Dass er seine Rolle als „männliche Mama“ an keiner Stelle gegen die Frau, die Fritzi geboren hat, ausspielt.

Ohne dass die Gebärerin einwilligt, kann eine andere Person nicht „Mama“ ihres Kindes werden, und wenn wir diesen Fall gesellschaftlich „normaler“ werden lassen wollen, ist es notwendig, darüber nachzudenken, wie gute Beziehungen zwischen Gebärerinnen und anderen Menschen, die sich „kümmern“ wollen, entstehen können. Väterrechtliche Interessenskämpfe zu führen, ist kontraproduktiv und wird genau in die entgegengesetzte Richtung führen.

Ich glaube, hier liegt der Keim eines echten, realen Konfliktes zwischen Menschen, die schwanger werden können, und Menschen, die das nicht können. Er ist der Kern fast aller kultureller Aspekte der Geschlechterdifferenz und auch der Grund, warum im Zentrum des Patriarchats immer der Zugriff auf und die Kontrolle über die Neugeborenen und auf die (potenziell) schwangeren weiblichen Körper stand.

Eine freie, nicht-patriarchale Gesellschaft muss das Quasi-Monopol der Gebärerinnen am Anfang eines neu geborenen Lebens akzeptieren und gute Verfahrensweisen finden, wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Sie darf die Gebärerinnen nicht bekämpfen (wie im Patriarchat) und ihre Bedeutung für die Generationenfolge auch nicht leugnen und verdrängen (wie es heute oft geschieht). Nur, wenn wir das Reale akzeptieren, können wir nämlich soziale Regeln und Umgangsformen entwickeln, die mit der Freiheit aller Beteiligten zu vereinbaren sind.

Dass in einer freiheitlichen Gesellschaft niemand einer Gebärerin gegen ihren Willen die Verantwortung für das von ihr geborene Kind wegnehmen kann, dass also jede andere „Mama“ diese sozialen Position nur mit Einwilligung der Gebärerin übernehmen kann, bedeutet dabei natürlich nicht, dass die Gebärerin auf Dauer in das Verhältnis zwischen sozialer „Mama“ und Kind hineinreden kann. Denn hat sie die Verantwortung erst einmal auf eine andere Person übertragen, also darin eingewilligt, dass jemand anderes die „Mama“ des von ihr geborenen Kindes wird, muss sie mit den Folgen dieser Entscheidung zurechtkommen. Und das ist dann der Punkt, an dem Rechte und soziale Normen wichtig werden und regulierend wirken können.

Disclaimer: Ich kenne die Mutter von Jochen König, das Buch wurde mir von einem gemeinsamen Bekannten empfohlen, deshalb hat es mir vielleicht besonders gut gefallen 🙂

Jochen König: Fritzi und ich. Herder Verlag 2013, 14,99 Euro.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.05.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Micha sagt:

    Guter artikel, ist stimme voll zu! Was das buch mit mir als 50% vater gemacht hat hab ich hier geschrieben: http://femilyaffair.de/die-einsamkeit-des-vaterseins-ist-vorbei/

  • atlupus sagt:

    Hört sich nach einem interessanten Buch an, werde ich wohl lesen.

    Ich hab aber in der Tat mit dem Begriff „Mama“ ein Problem. OK, dass Fritzi den Vater so nennt, liegt wohl an ihrer Erfahrung, dass die Menschen die sich hauptverantwortlich um das Kind kümmern eben die Mama sind. Soweit so verständlich. Aber „Mama“ künftig nicht geschlechstbezogen zu benutzen, sondern danach, wer die hauptsächliche Verantwortung trägt, halte ich für schwierig:

    1. „Mama“ als Ableitung von „Mutter“ ist geschlechtsspezifisch eindeutig. (würde ich jetzt mal behaupten)
    2. Wenn in diesem Fall der Vater die „Mama“ ist, wer ist dann der „Papa“? Die Mutter? Oder fällt „Papa“ hier komplett weg?
    3. Was ist in dem Fall, wenn sich – kommt ja vor – beide Elternteile einigermaßen gleichberechtigt um die Kindererziehung kümmern, also gemeinsam die Verantwortung tragen. Gibts dann zwei Mamas? Oder halbe Mamas und halbe Papas?

    Der Unterschied zwischen Mama und Papa ist in der Tat vorhanden, ich sehe das auch so dass Vater sein eher damit gleichgesetzt wird, auch mal was mit dem Kind zu machen (raufen etc.), dass aber automatisch davon ausgegangen wird, dass die Hauptverantwortung bei der Mama liegt. (Das ist glaube ich immer noch Realität in diesem Land). Damit sind beide Begriffe solziale und keine biologischen Konstrukte, die man aufbrechen sollte. Ob das gelingt, indem „Mama“ als geschlechsneutraler Begriff für die Hauptbesugsperson umgemünzt wird, scheint mir fraglich.

  • Antje Schrupp sagt:

    @atlupus – Ha, das ist eben das postpatriarchale Durcheinander :))

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Von der Zeit der Verschmelzung einer Eizelle mit einem Spermium über die Dauer des Tragens mit der ständigen Kommunikation mit dem Fötus durch die werdende Mutter mit dem Akt des Gebärens bis zum Ende der Nährung des Kindes mit Muttermilch ist die biologische und soziale Rolle der Mutter (Mama) identisch. Wunderbar ist es für Mutter und Kind, wenn ihr in diesen Phasen weitere Menschen – darf auch der biologische Vater sein – zur Seite stehen, nach der Geburt bereit sind, sich auch um das Kind liebevoll kümmern, es nachts zu windeln und in den Schlaf zu singen, so dass die Mutter mit der Verantwortung für das Kind nicht alleine da steht und auch mal durchschlafen kann. Das Kind erfährt so, dass es gemeinschaftlich getragen und umsorgt wird. Das funktionierte in der Menschheitsentwicklung so oder ähnlich bis zur Etablierung des Patriarchats, in dem viele Frauen mit den Aufgaben für ihre Kinder alleine gelassen wurden, auch die Zahl der Geburten nicht mehr allein regeln durften. Wenn das Patriarchat nun mütterlicher werden will oder wir dessen Strukturen überwinden wollen, herzlich willkommen. Aber bitte ohne den großen Schlag gegen Mütter, dass sie nur noch die biologischen Leihmütter und Gebärmaschinen sein sollen. Das wäre der endgültige Sieg des Patriarchats!

  • Janne sagt:

    Eine schöne Rezension, die mich zum Nachdenken gebraucht hat.
    Einerseits freue ich mich darüber, dass es ein Buch zu dem Thema „Nicht-Gebärende Person als Hauptsorgende_r“ gibt, andererseits habe ich mich auch bei dem etwas zynischen Gedanken erwischt, dass es anscheinend ein Buch eines Mannes braucht, um festzustellen, dass es nicht so leicht ist alleinerziehend zu sein. Viele von den Schwierigkeiten, die Jochen erfährt, hängen vermutlich damit zusammen, dass er in eine sozial weibliche Rolle geschlüpft ist – entsprechend auch die Beobachtung seines Kindes, dass er die traditionelle Mama-Rolle übernommen hat. Ich finde die Übertragung des Begriffs auf alle Menschen, die sich hauptsächlich um ein Kind kümmern, aber auch problematisch. „Sorgende_r“ wäre doch eine Alternative, die keine „Verweiblichung“ unterstellt und so keine Fortschreibung von geschlechterdichotomen Denkweisen bewirkt..
    Ich habe mich außerdem gefragt, ob es wirklich so selbstverständlich ist, dass Gebärerinnen quasi „organisch“ in die Sorgearbeit hineinrutschen, und dass das ein „Monopol“, also ein Privileg sein soll, das aufgegeben werden muss. Um als Gebärerin die Verantwortung für das Kind abgeben zu können, muss ja vor allem erstmal jemand da sein, der diese Verantwortung übernehmen möchte, falls zuvor überhaupt jemand die Verantwortung für das Kind-gezeugt-haben übernommen hat. Es ist nämlich nicht nur schwieriger, die Hauptverantwortung für ein Kind zu beanspruchen, das man nicht geboren hat, sondern auch wunderbar leicht, sich aus der Verantwortung zu ziehen. Das erscheint mir zur Zeit doch noch als das größere Problem, auch wenn Väterrechtler anderes behaupten. Das zeigt sich auch daran, dass es als schon okay gilt, wenn die männliche* nicht-gebärende Person Alimente zahlt aber sich nicht hauptsächlich kümmert, wenn die gebärende Person aber nicht die Hauptsorge für ihre Kinder übernimmt, werden ihr negative Eigenschaften von emotionaler Kälte bis zu psychischen Störungen unterstellt. Wenn es schon männliche* Sorge-Mamas geben soll, warum dann keine männlichen* Raben-Mamas?

  • Doreen Heide sagt:

    Ich fände es schade, wenn der Begriff „Vater“ nicht für die soziale Mutterschaft, sprich die Hauptsorge am Kind verwendet wird. Aber hier hatte die kleine „Fritzi“ die Definitionsmacht, die ihr niemand absprechen kann, sicherlich aber schon von ihren Erfahrungen in der Kita und Gesellschaft allgemein beeinflusst ist.
    Mein Partner und ich kümmern uns wirklich gleichberechtigt um unsere Kinder, eigentlich er sogar mehr als ich. Anfangs hat unsere jüngste Tochter mich auch oft mit „Papa“ angesprochen und meinen Freund mit „Mama“. Jetzt hat sich das eingepegelt. Und sie wächst damit auf, dass Papa natürlich eine sorgende und Sicherheit gebende Hauptbezugsperson ist.

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