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Fürsorgearbeit zahlt sich aus!

Von Ulrike Brandhorst

Das Anliegen dieser Artikelserie ist es, die Gedanken aus Riane Eisler Buch„The Real Wealth of Nations“ zu einer Wirtschaft der Fürsorge zu verbreiten. Hier die zusammenfassende Übersetzung der Kapitel 3 und 4 von Ulrike Brandhorst.

Im ersten Kapitel wurde dargelegt, dass wir, wenn wir eine menschengerechte und gesunde Umwelt wollen, Einfluss auf die Wirtschaft nehmen müssen (und können, denn die Wirtschaft folgt keinen Natur- sondern Menschengesetzen). Es wurde gezeigt, dass Wirtschaft mehr ist als Marktwirtschaft und dass die unentgeltliche Fürsorgearbeit, die täglich in Familien geleistet wird, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist (neben weiteren im vorhergehenden Artikel erwähnten Faktoren).

Im zweiten Kapitel beschreibt Eisler, dass die grundlegenden Änderungen, die für eine Wirtschaft der Fürsorge nötig sind, nur dann möglich werden, wenn Fürsorgearbeit innerhalb und außerhalb der Haushalte (an)erkannt wird. Als wichtige Voraussetzung für einen solchen Wertewandel erklärt sie den Wechsel von einem dominatorischen zu einem partnerschaftlichen Denken, deren Merkmale sie in Kapitel 2 ausführt. In klaren Gliederungen beschreibt sie, wie jeder und jede Einzeln aktiv dazu beitragen kann, eine solche „Gesinnung der Fürsorge“ zu etablieren.

Investitionen in Kindergärten zahlen sich für Firmen aus. Foto: Gebhard Gruber / pixelio.de

Investitionen in Kindergärten zahlen sich für Firmen aus. Foto: Gebhard Gruber / pixelio.de

Fürsorgearbeit zahlt sich aus

Kapitel 3 beginnt mit zahlreichen Beispielen von Unternehmen, die von firmeninterner Fürsorgearbeit (Kinderbetreuungsplätze, Sportangebote usw.) profitieren. Eisler betont, dass es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt. Statistiken zeigen, dass Firmen materielle Vorteile daraus ziehen, wenn sie sich um Gesundheit und Wohlergehen ihrer Angestellten und deren Familien kümmern.

Das gleiche gilt für die Gesellschaft: Auch hier zeigt Eisler anhand von Einzelbeispielen, aber auch allgemeingültig anhand von Statistiken, wie sich Investitionen in Fürsorge für Familien in den Bereichen Gesundheit und Bildung für Staat und Kommunen in barer Münze auszahlt.

Anschließend macht Eisler klar, wie die Kosten einer Wirtschaft, die einer Gesinnung der Fürsorge widerspricht, versteckt werden. Als Beispiel wählt sie ein Tankerunglück: Hier gehen die Kosten, die für die Behebung des Schadens (soweit überhaupt möglich) anfallen, als Plus in das Bruttonationalprodukt ein, da es ja Unternehmen gibt, die mit dieser Arbeit Geld verdienen. Und es gibt auch weitere Folgekosten, die als Plus im Bruttonationalprodukt verzeichnet werden, zum Beispiel die Honorare von Anwälten, die in solchen Fällen von Unternehmen, aber auch von denjenigen, die von einem solchen Unglück betroffenen sind, eingeschaltet werden. Nicht sichtbar gemacht werden jedoch die Kosten, die auf Jahre hinweg tatsächlich durch ein solches Unglück anfallen. Hier sind neue Indikatoren notwendig – und eine neue Sichtweise, die z.B. die anfallenden Kosten für Gewässersäuberung usw. nicht als Plus im BNP verbucht. Als weiteres Beispiel nennt sie den Hurrikan Katrina, der in New Orleans so verheerende Schäden angerichtet hat. Statt zu zeigen, welche Verluste entstanden sind, weil nicht rechtzeitig in Schutzmaßnahmen investiert wurde, werden Gewinne beim Wiederaufbau verzeichnet. Diese Beispiele führt sie überzeugend fort und kommt dann zu dem Punkt:

Wie erlangen wir mehr Klarsicht?

Hier verweist sie auf weitere Studien, die deutlich zeigen, dass sich Fürsorgeinvestitionen auszahlen, während fehlende Investitionen in Folgekosten für die ganze Gesellschaft münden. Investiert man beispielsweise in die Fürsorge für Kinder, nutzt dies der ganzen Gesellschaft, wohingegen ein Mangel an Fürsorge, also Vernachlässigung, zu Arbeitslosigkeit oder gar Kriminalität führen kann. Konkret sei hier das Beispiel einer Vorschulförderung genannt: In den Jahren 1962-1967 wurden in den USA 123 Kinder aus prekären Verhältnissen nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen unterteilt, von denen die eine ein besonderes Vorschulprogramm bekam. Als die Versuchsteilnehmer das Alter von vierzig Jahren erreicht hatten, wurde rückblickend festgestellt, dass von denen, die an dem Vorschulprogramm teilgenommen hatten, weniger kriminell geworden waren, mehr einen High School-Abschluss und einen Job hatten und sie im Schnitt besser verdienten.

Dass intelligente und wohlmeinende Menschen diese Zusammenhänge nicht sehen, liegt nach Eisler daran, dass sie dem dominatorischen Denksystem verhaftet sind, in dem Investitionen in z.B. den Strafvollzug (verstanden als „öffentlich“ und „männlich“) einsichtiger erscheinen, als Investitionen in Fürsorge, die als „privat“ und „weiblich“ gilt. In den folgenden Kapiteln führt sie diese Problematik aus.

Kapitel 4 trägt die Überschrift: „Wirtschaft mit zweierlei Maß“. Eisler erklärt darin, dass Menschen, die Welt durch Geschichten verstehen lernen. In Geschichten lernen wir, was natürlich oder unnatürlich, was möglich oder unmöglich, was schätzenswert und was es nicht ist. Diese Geschichten beeinflussen uns, bevor unsere Gehirne vollständig entwickelt sind, bevor wir kritisch zu denken gelernt haben. Unsere Geschichten – von der Bibel an – sind dominatorisch geprägt. Eisler beginnt mit einem Rückblick in unsere Geschichte, in der sich über Jahrtausende das dominatorische Denken so durchgesetzt hat, dass es unsere Wahrnehmung der Welt bestimmt und für Offensichtliches blind macht. Sie verweist darauf, dass Frauen einst als „Wirtschaftsgut“ galten und dass Vorreiter der Demokratie wie Locke oder Rousseau eine Hälfte der Menschheit, die weibliche, von ihren Forderungen ausschlossen. Selbst Marx und Engels, welche die Unterordnung der Frau als problematisch erkannt hatten, taten die Frauenfrage als zweitrangig ab. Dies hatte zur Folge, dass sie den Wert der Fürsorgearbeit vollständig übersahen. Wer weltweit für bessere Lebensbedingungen sorgen will, muss die Frauenfrage als erstrangig betrachten. Zum einen, weil nur dann die Hälfte der Menschheit (und zwar der Teil, der unseren Nachwuchs vornehmlich erzieht und ernährt) eine Möglichkeit hat, seine Situation und die seiner Familie zu verbessern, zum anderen weil nur dann klassische Frauenarbeit – die Arbeit der Fürsorge mit all den dazugehörigen Werten – die Anerkennung bekommt, die nötig ist, um eine Wirtschaft der Fürsorge zu etablieren.

Die Entfremdung Fürsorgearbeit

Als Marx und Engels den Sozialismus als Alternative zum Kapitalismus vorschlugen, sprachen sie von einer „Entfremdung der Arbeit“. In der Abwertung und Ausbeutung der Fabrik- und Landarbeiter sahen sie die Wurzeln wirtschaftlicher Ungleichheit. Eisler, die eine Wirtschaft jenseits von Sozialismus und Kapitalismus im Blick hat, spricht nun von einer „Entfremdung der Fürsorgearbeit“ und argumentiert, dass die Grundlage wirtschaftlicher Ungerechtigkeit die Abwertung und Ausbeutung von klassischer Frauenarbeit ist.

Die Abwertung von „Frauenarbeit“ ist nicht nur in unserem Unterbewusstsein, sondern auch in den vorherrschenden Wirtschaftsmodellen fest verankert. Wer denkt, zumindest ersteres sei heute im Westen nicht mehr relevant, der sei daran erinnert, dass in einer Untersuchung Versuchspersonen einem Kunstwerk höheren Wert zusprachen, wenn sie dachten, es sei von einem Mann entworfen.

Und es liegt nur an diesen Vorurteilen, dass „Frauenarbeit“ keine Beachtung in den meisten Wirtschaftsmodellen erhält. Selbst unbezahlte Arbeit (Pflege, Subsistenzwirtschaft etc.) lässt sich quantitativ messbar machen, Eisler verweist hier auf mehrere Arbeiten von Autoren und Vereinigungen, darunter auf Arbeiten der OECD.

Eisler ist bewusst, dass die Grundlagen der Fürsorgearbeit – Liebe, Verantwortungsgefühl usw. – nicht in Geldwert ausgedrückt werden können, gleichzeitig macht sie jedoch klar, dass keine Gesellschaft, keine Wirtschaft ohne diese Arbeit überleben kann und dass die fehlende Anerkennung des wirtschaftlichen Werts der Fürsorgearbeit zu einer pervertierten Wirtschaftspolitik geführt hat. In diesem Zusammenhang verweist sie die Kongressangehörigen Lynn Woolsey und Barbara Lee, die im März 2006 zeigten, dass 60 Milliarden Pentagonausgaben für den Militärhaushalt sinnvoller im Fürsorgebereich (Gesundheit, Bildung etc.) und zur Tilgung der Staatsverschuldung eingesetzt werden könnten.

Übersetzt von Ulrike Brandhorst.

Die Zusammenfassung des ersten Kapitels sowie interessante Kommentare dazu können hier nachgelesen werden, ebenso das zweite Kapitel und Kapitel 5, Kapitel 6 , Kapitel 7 , Kapitel 8 , Kapitel 9 und das Abschlusskapitel 10.

Zum weiterlesen: Riane Tennenhaus Eisler, The Real Wealth of Nations: Creating a Caring Economics, 2008.

Autorin: Ulrike Brandhorst
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 30.06.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „….dass die fehlende Anerkennung des wirtschaftlichen Werts der Fürsorgearbeit zu einer pervertierten Wirtschaftspolitik geführt hat“.
    Leider nur zu wahr.
    Bin gespannt auf Eislers Konkretisierungen jenseits
    von Kapitalismus und Sozialismus und freue mich auf die weiteren Übersetzungen von Ulrike Branhorst. Ihr ein großes Danke an dieser Stelle.

  • Ute Plass sagt:

    Pardon, kleiner Vertipper, liebe Ulrike Brandhorst.

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