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Von Anke Drygala

Wie Prostitution zur Normalität erklärt wird

Prostitution ist (Achtung Zitat!) „…mehr als eine Randerscheinung und erfüllt eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Sie ermöglicht die schnelle und unkomplizierte sexuelle Befriedigung ohne weitere Verpflichtungen und das Ausleben sexueller Fantasien, wie sie in beziehungsbezogenen Sexualpraktiken oft nicht ausgelebt werden können. Dieser Dienst am Menschen verdient gesellschaftliche Anerkennung und Aufmerksamkeit, auch und gerade weil er sich immer wieder einem Wandel und aktuellen Herausforderungen stellen muss.“ (1)

Nein, dies ist kein Werbetext einer Sex-Agentur, es ist ein Beitrag einer Kulturwissenschaftlerin in einem alternativen Stadtkulturmagazin zum Thema Sex/Macht/Arbeit. Ich frage mich, wie kommen solche Gedanken in die Köpfe und warum bemerkt die Autorin dabei nicht ihre eigene Selbstverleugnung?

Nein, es handelt sich nicht um einen „Dienst am Menschen“, es handelt sich – wenn es bei diesem zwiespältigen Wort bleiben soll – um einen Dienst am Mann. Die Nachfrage nach käuflichem Sex ist geschlechtsspezifisch eindeutig festgelegt: Einem weiblichen Angebot steht eine männliche Nachfrage gegenüber. Das wäre doch eine Frage wert, warum das so ist? Ebenso, was daran gesellschaftlich anerkennenswert sein soll? Täglich suchen cirka 1,2 Millionen Männer in der BRD eine Prostituierte auf. (2) Ja, das ist ein soziales Phänomen ebenso wie jenes, dass mehr als die Hälfte dieser Frauen Ausländerinnen sind und viele von ihnen diese Arbeit mit ungesichertem Lebensstatus ausführen. Aber was bedeuten diese Zahlen?

Offensichtlich erfüllt Prostitution eine „wichtige gesellschaftliche Funktion“. Ja, aber welche? Die Befriedigung männlicher Triebwünsche in unkomplizierter Weise „ohne weitere Verpflichtungen“? Mit diesem uralten Argument wird das Bedürfnis nach Prostitution aus der biologischen Triebstruktur des Mannes abgeleitet. Übergangen wird dabei, dass Prostitution ein Nebeneffekt der Ehe ist und auf einer Spaltung der Frauen in „Anständige“ und „Nichtanständige“ basiert. (3) Sie ist ein Produkt patriarchaler Herrschaft und Kontrolle der weiblichen Sexualität durch den Mann.

Übersehen wird hier auch, dass Sexualität auf einer wechselseitigen Beziehung beruht. Diese Beziehung kann sehr unterschiedlich gestaltet und gelebt werden, aber das Begehren besteht zwischen zwei Subjekten. Prostitution aber bedeutet ein einseitiges Begehren, in der die sexuelle Befriedigung erkauft wird. Auch hier wären Fragen angebracht: Warum braucht eine moderne Gesellschaft, in der sich die Geschlechterverhältnisse verändert haben und die Sexualmoral freizügiger geworden ist, so dass heute verheiratet sein nicht mehr Voraussetzung ist, um Sexualität zu haben, in der es vielfältige, anerkannte Formen der Geschlechterbeziehungen gibt, überhaupt noch käuflichen Sex?

Einer neuen Studie von Udo Gerheim zufolge, ist es nicht vordergründig das sexuelle Motiv, das Männer veranlasst, Prostituierte aufzusuchen, sondern das Bedürfnis nach dem Erleben männlicher „Omnipotenz“ (4). Das Machterleben entsteht in der gekauften, einseitigen, sexuellen Befriedigung des Mannes, der aus der Ausblendung der Frau als Partnerin sein geschlechtliches Selbstbewusstsein bezieht. Dabei werden elementare Grundrechte, wie die Würde des anderen Menschen, in diesem Fall der Frau, auf legaler Basis außer Kraft gesetzt – darin besteht das manifeste skandalon der Prostitution.

Ja, es stimmt: Auch Prostitution unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und steht immer wieder vor aktuellen Herausforderungen. Aber anstatt allein den Wandel positiv zu bewerten, wäre doch auch der gegenwärtige Trend eine  kritische Betrachtung wert. Seit Einführung des Prostitutionsgesetzes 2002 ist Prostitution in der BRD legal. Das Verhältnis zwischen Prostituierter und Freier ist als Vertrag definiert, d.h. ein Geschäft wie jedes andere. Damit ist das Medium Geld zur legitimen Basis von Prostitution geworden und wird von den Freiern auch so gesehen: „Wofür bezahlt wird, das ist in Ordnung“ (5). Ist das tatsächlich in Ordnung? Die so erzeugte „Normalisierung“ der Prostitutionsnachfrage ermöglicht es, soziale und emotionale Realitäten abzuspalten. Das gilt für die Prostituierten, die sich nun Sexarbeiterinnen nennen und ihre Arbeit als Dienstleistung betrachten, wie auch für die Männer, die Erniedrigung, Abhängigkeiten und Gewalt ausblenden.

Auf diesem Hintergrund zeigt sich die gesellschaftliche Funktion von Prostitution heute. Sie  ist zu einem neoliberalen Projekt geworden: Soziale, emotionale und sexuelle Bedürfnisse werden dem alles gleichförmig regulierenden und legitimierenden Marktprozess überlassen. Das bedeutet zugleich die Abwertung aller ethischen, kritischen und auch politischen Kriterien. Wenn das von Kulturwissenschaftlerinnen nicht mehr wahrgenommen wird, kommt es zu dem gegenwärtig zu beobachtenden Paradox, das Frauen Prostitution „verteidigen“, verkennend, dass sie damit zur Akzeptanz eines unhinterfragten Herrschaftsraumes männlicher Macht beitragen.

 

Quellen:

(1)  Stefanie Möller 2013. Prostitution. Ein reizendes Thema. In: Sex.Macht.Arbeit. ZMAGAZIN für Stadtkultur. Bremen. S.4

(2)  die Zahlen beziehen sich auf Schätzungen, die auf die Berliner Prostituiertenberatungsstelle HYDRA e.V. zurückgeht. Zitiert in der Begründung zum Prostitutionsgesetz vom 8. 5. 2001. Deutscher Bundestag 14. Wahlperiode. Drucksache 14/5958

(3)  Gerda Lerner 1991. Die Verschleierung der Frau. In: Die Entstehung des Patriarchats Frankfurt/ New York. S.174

(4)  Udo Gerheim 2012. Die Produktion des Freiers. Eine soziologische Studie. Bielefeld. S. 298

(5)  a.a.O.  S.306

 

Autorin: Anke Drygala
Redakteurin: Christel Göttert
Eingestellt am: 15.07.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    2006 wurde das „Flatrate-Bordell“ erfunden. Freier koennen dort gegen einen Pauschalbetrag – entschuldige bitte, dass ich das so formuliere – „fuck all you can“ – haben. Vor wenigen Tagen bestaetigte ein BGH-Urteil, ein Urteil des Landesgerichts Stuttgart, das die Zuhaelter dieses Modells zu schweren Strafen verurteilte. Sie hatten – als „Arbeitgeber“ auch millionenhohe Sozialversicherungsbeitrage nicht bezahlt. Es waren hauptsaechlich Rumaeninnen, ab 16 Jahren, zur Prostitution gezwungen worden, nachdem sie mit lukrativen Jobangeboten nach Deutschland gelockt worden waren.
    Es gibt auch – wenn auch marginal – das Phaenomen der „Freierin“. Ist es die weibliche Variante des „Freiers“? Bezeichnend dabei: es handelt sich um Frauen mit (zumindestens Geld-)Macht, die sich juengere („machtlose“) Maenner „zulegen“. Ich habe das in Senegal beobachtet, wo sich aeltere (ab 50 J) Mittelstandseuropaerinnen einen jungen, sportlichen, afrikanischen Gigolo „leisten“, der sie waehrend ihres Urlaubs dort staendig begleitet und von ihr dafuer ausgehalten und belohnt wird.

  • Danke, dass das Thema hier aufgegriffen wird. Mich nervt diese Verleugnung schon lange; existiert ja auch bei der Steuererhebung in dieser Branche.

  • Liebe Anke Drygala,
    ich möchte mich Ihrem Beitrag voll und ganz anschließen.

    Die Prostituierung und Pornografisierung nimmt auch unter jungen Frauen derzeit immer größere Ausmaße an. Man denke nur an die in regelmäßigen Abständen wiederkehrenden Zeitungsbeiträge über das coole Sexleben von einzelnen Studentinnen, die kurz mal schnelle Kohle machen, indem sie sich prostituieren oder die neue Pole-Dancing-Mode der teils noch vorpubertären Mädchen.

    Was bedeutet es, wenn täglich 1,2 Millionen Männer zu Sexarbeiterinnen gehen? Das ist wirklich die Frage. Sicherlich ist Macht im Spiel, „Omnipotenz“ – ein schönes Wort.Da kann sich einer etwas leisten, was anders nicht so einfach zu bekommen ist. Es geht aber auch um körperliches Begehren. Ist es eine hässliche Weise zu den eigenen sexuellen Bedürfnissen zu stehen?

    In meiner Sexualberatungspraxis erlebe ich oft folgende Situation: Eine Frau klagt über fehlendes Lustempfinden und kommt in die Beratung, weil sie Angst hat, ihren Mann deshalb zu verlieren. Oder Frauen kommen, weil sie noch nie sexuelle Erfüllung erlebt haben, erzählen aber, dass sie regelmäßig Sex mit ihren Männern haben.

    Meine Hypothese: Zwischen Frauen und Männern gibt es eine unglaubliche Differenz, was die Wahrnehmung des sexuellen Begehrens und der Fähigkeit, diese Wünsche zu äußern und auszuleben, betrifft. Und doch gehören die (körperliche) Verleugnung der eigenen Lust(Frauen)oder deren Nicht-Wissen um das eigene Lustempfinden als auch die gewaltsame Triebbefriedigung (Männer), die im Kaufvertrag mit einer Sexarbeiterin scheinbar zivilisiert ist, zusammen.

  • Danke für den ausgezeichneten Artikel! Die Gleichung Sexarbeit sei wie jede andere Arbeit beruht u. a. auch auf einem Denkfehler.
    Denn wie jede andere Arbeit könnte sie auch einer Arbeitslosen zur Annahme empfohlen bzw. verordnet werden. Schöne Aussichten für junge Frauen ohne Job oder über 50 Jährige bei Stellenverlust!
    Das Ganze zeigt nur den Verlust lebensbejahender und gegenseitiger Sexualität und die Monetarisierung aller Lebensbereiche.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Männer, die Sex kaufen, sind keine Freier, sondern Sexkäufer, evtl. sogar Zwangssexkäufer. Hinter dem schönen alten Wort Freier sehe ich einen Mann, der sich um die Gunst einer Frau müht, eben um sie freit. Vor ca. 20 Jahren gab es eine Umfrage unter deutschen Prostituierten bei der sich herausstellte, dass 80% von ihnen in der Kindheit und als Jugendliche sexualisierte Übergriffe erfahren hatten. Manche sagten aus, diese Erlebnisse würden ihnen nun helfen, dann wäre der Ekel vor ihren Kunden nicht mehr so groß.

  • Karina Starosczyk sagt:

    „..Offensichtlich erfüllt Prostitution eine „wichtige gesellschaftliche Funktion“. Ja, aber welche? Die Befriedigung männlicher Triebwünsche in unkomplizierter Weise „ohne weitere Verpflichtungen“? Mit diesem uralten Argument wird das Bedürfnis nach Prostitution aus der biologischen Triebstruktur des Mannes abgeleitet. Übergangen wird dabei, dass Prostitution ein Nebeneffekt der Ehe ist..“

    Und ob es nicht stimmt. Weil das Sexliefern der Frauen im Bordell an die Männer nicht auf der Freiwilligkeit basiert (welche selbstbewusste, gut situierte Frau lässt sich von einem Dreckskerl für Kohle bespringen?) sondern die Wirtschaftlichkeit der patriarchalisierten Gesellschaft ankurbelt, ist es eine Schandtat. Die Frau kriegt im Bordell vom Mann „Knete“, damit sie sich was zum Essen kaufen kann und vor dem nächsten „Freier“ noch die Kraft hat, ihre Schenkel zu spreizen. Freya (ursprünglich Göttin der Liebe) wurde im Patriarchat wie Vieles pervertiert! Hier zu Lande gibt es genug missbrauchter Frauen und Männer, die in diesen menschen-unwürdigen wirtschaftlichen Sog gezogen werden!

    Es ist halt eine patriarchalische Angelegenheit, die weibliche Sexlieferung der Frau an den Mann in der Ehe und Bordell! Ich bin verheiratet und rede aus eigener Erfahrung. Für eine „selbstbewusste“ Frau ist ein sexuelles Leben in der Ehe, was mit Liebe etwas zu tun hätte grundsätzlich nicht zu haben. Ich will den gelungenen Ehen hier nichts Falsches einreden. Ich spreche nur vom Spektrum meiner Erfahrung in „meiner“ patriarchalisierten Umgebung.

    Karina Starosczyk

  • Richy sagt:

    Dieser gute Artikel bringt es auf den Punkt. Ich kann nur sagen „Danke“ ! Auch mir liegt es am Herzen, dass der Begriff `Freier` eine Neuauflage erfahren sollte. Freier sind keine Männer, die sich um Frauen bemühen im Sinne von `Freien, Bemühen, Heiraten` . Im sog. Freiertum zeigen sich Misogynie, Gewalt, Kriminalität und Abwertung der Geschlechter . Auf der Basis dieser Spiegelung oder Erfahrung sollte das Geschäft um die Ware Frau nicht beschönigt werden durch einen Begriff, der die Realität von Menschenverachtung und Ausbeutung verschleiert.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Hallo, ich sehe es genauso, wichtig ist immer, wirklich zu fragen, was hinter den Worten wirklich steckt! Das Wort „Freier“ hat mich auch immer irritiert, denn Männer, die Frauen oder ja auch Kinder kaufen sind doch keine freien Menschen (in diesem Sinne hab ich es auch verstanden oder so könnte es sich assoziieren lassen). Ganz im Gegenteil, Freier sind Menschen, die zu feige sind, so würd ich es sagen, einem anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Noch mehr: ich würde das, was dort passiert nicht Sexualität nennen, sondern: legalisierte (jedenfalls in Deutschland) und bezahlte Unterdrückung bzw in vielen Fällen Gewalt.
    Das hat für mich wirklich nichts mehr mit
    Sexualität zu tun. Das ist auch wieder so eine
    pervertierte Auffassung davon. Was daran erotisch sein
    soll, siehe die ganzen Romane im „Rotlichtmilieu“ etc,
    weiß ich auch nicht.
    „„Wofür bezahlt wird, das ist in Ordnung“ (5). Ist das tatsächlich in Ordnung? Die so erzeugte „Normalisierung“ der Prostitutionsnachfrage ermöglicht es, soziale und emotionale Realitäten abzuspalten“
    Genau das ist das Problem, dass die sozialen und emotionalen Realitäten abgespalten werden. Welcher „Freier“ fragt schon, wieso die Frau dort ist, Opfer von Menschenhandel, Vergewaltigung und Missbrauch in der Kindheit, Verwahrlosung, Armut, bestenfalls von allem etwas? Keiner. Und das ist auch ein Skandal, dass eben nicht mehr gefragt wird: „Was ist mit diesem Menschen passiert, dass sie oder er dort gelandet ist“. Wer das
    nicht glauben will, die und dem empfehle ich einen Gang durch Bahnhofsviertel oder aber auch auf dem Berliner
    „Kinderstrich“. Da vergeht einem alle Freude.
    Und da wird umso mehr klar, worum es bei Prostitution
    wirklich geht: Erniedrigung und angebliche „Macht“, die jedoch keine ist, sondern aus Minderwertigkeitskomplexen der im Großteil Männer, die solche Erniedrigungen kaufen.

  • margarete normann sagt:

    Danke Carola Meier Seethaler für Deine Grade-Stellung: „…Denkfehler.
    Denn wie jede andere Arbeit könnte sie auch einer Arbeitslosen zur Annahme empfohlen bzw. verordnet werden. Schöne Aussichten für junge Frauen ohne Job oder über 50 Jährige bei Stellenverlust! Danke Carola Meier Seethaler für Deine Grade-Stellung: „…Denkfehler. Denn wie jede andere Arbeit könnte sie (die Prostitution) auch einer Arbeitslosen zur Annahme empfohlen bzw. verordnet werden. Schöne Aussichten für junge Frauen ohne Job oder über 50 Jährige bei Stellenverlust! Und ich habe echt eine Sendung im Fernseher über die neuen Ämter für Arbeitslose gesehen, wo darüber berichtet wurde, dass jungen Frauen empfohlen wurde, Familie zu gründen oder mal jemanden anrufen….

  • Danke, liebe Anke Drygala, einfach nur danke für diese klaren Worte und Gedanken. In der Sexualpädagogik und auch im Rahmen meiner Aktivitäten mit „Liliths Schatz – Eine Geschichte über die Sexualität, die Lust und den Menstruationszykus“ treffe ich bei diesem Thema täglich auf Abgründe der Selbstverleugnung und -entfremdung gerade auf Seiten von Frauen, die durchaus zu denken gewohnt sind – mit dem Kopf und nichts darunter. Mögen Worte wie Deine zumindest bei einigen Ansätze einer elementaren verlorenen Verbindung wieder entstehen lassen.

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