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Das Mädchen Wadjda: Frauenleben in Saudi Arabien

Von Antje Schrupp

wadjdaSaudi Arabien ist ein Land, von dem nur schwer vorstellbar ist, wie Frauen dort leben. Dass sie nicht mal Auto fahren dürfen, dafür ist das Land weltweit berüchtigt. Die Vielehe wird ganz offiziell praktiziert, die Geschlechtertrennung ist extrem, Frauen sind weitgehend aus der Öffentlichkeit verbannt.

Weniger bekannt ist, dass es auch in Saudi Arabien höchst einflussreiche Frauen gibt, zum Beispiel Nahed Taher, die Vorstandsvorsitzende der Gulf Investment Bank, oder Lubja Olayan, Vorstandsvorsitzende der Olayan Financing Company – beide gehören  laut Forbes zu den hundert mächtigsten Menschen der Welt.

Und dann ist da noch Haifaa Al Mansour. Die 1974 geborene Regisseurin hat jetzt den ersten saudi-arabischen Spielfilm gedreht. „Das Mädchen Wadjda“ erzählt eine Geschichte über das Begehren, das sich von keinem Hindernis einschüchtern lässt: Die elfjährige Wadjda wünscht sich ein Fahrrad, damit sie mit dem Nachbarjungen Wettrennen fahren kann. Und sie verhandelt mit wem auch immer es notwendig ist: mit der Mutter, mit dem Besitzer des Fahrradladens (damit er das Fahrrad nicht etwa jemand anderem verkauft), mit der Lehrerin. Sie ist erfinderisch beim Geldverdienen und erfinderisch darin, Verbote auf eine Weise zu überschreiten, dass sie ihrem Ziel näher kommt, ohne sich zu verkämpfen. Sie verhandelt auch mit sich selbst und meldet sich etwa zu einem Korankurs an, weil dort ein hohes Preisgeld winkt.

Der Film lebt zu einem Großteil von der großartigen Darstellung von Waad Mohammed, die Wadjda spielt, aber auch die anderen Figuren sind stark: Reem Abdullah etwa als Mutter, die befürchtet, Wadjdas Vater könne sich bald eine zweite Frau nehmen, oder Ahd Kamel als strenge Schulleiterin, die die Mädchen ihrer Schule auf das Leben im Patriarchat vorbereiten will.

Besonders angenehm ist, wie unaufgeregt hier Einblick gewährt wird in den Lebensalltag saudi-arabischer Frauen. Ihr Lebensgefühl rückt der Betrachterin näher, ohne dass sie zu bloßen Opfern werden. Nicht auf dem, was Frauen im Unterschied zu Männern alles verboten ist, liegt der Fokus des Films, sondern auf den unterschiedlichen Handlungsoptionen, die verschiedene Frauen angesichts der Umstände wählen.

Zu dem starken Eindruck von Authentizität trägt vor allem auch bei, dass der Film tatsächlich in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad gedreht wurde. Mehrere Jahre brauchte Al Mansour, um die Finanzierung und die Dreherlaubnis zu bekommen, und dann musste sie mit ihrer Crew von einem abseits geparkten Wagen aus über Walkie-Talkie kommunizieren, weil sie sich nicht mit „fremden“ Männern gemeinsam auf der Straße bewegen durfte. Den starken Willen, die eigenen Wünsche unbeirrbar zu verfolgen, scheint die Regisseurin mit ihrer Protagonistin offenbar gemeinsam zu haben.

Zu sehen sein wird der Film in seinem Herkunftsland allerdings nicht: In Saudi Arabien sind Kinos verboten. In Deutschland kommt „Das Mädchen Wadjda“ nächste Woche ins Kino.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 20.08.2013
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