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Drei Fotografinnen in der Kunsthalle Darmstadt. Noch bis zum 8. September

Von Jutta Pivecka

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Die Darmstädter Kunsthalle zeigt zur Zeit  eine Ausstellung unter dem Titel „bauhaus und neues sehen“ mit Arbeiten von drei Fotografinnen, die auf unterschiedliche Weise mit der Geschichte des Bauhauses verbunden sind und miteinander auch die Erfahrung der Emigration teilen. Ursprünglich war die Ausstellung bis zum 4. August terminiert, ist aber wegen des großen Interesses bis zum 8. September verlängert worden.

Lucia Moholy (1894 – 1989) ist berühmt geworden als Fotografin der Bauhaus-Archiktetur in  Dessau. Ihre Bilder stellen die geometrischen Bauentwürfe der Architekten einer Betrachterin so vor, dass durch die betonten Bilddiagonalen und Verkürzungen eine Dynamik entsteht, durch die die Betrachterin gleichsam in einen Dialog mit den Gebäuden gebracht wird. Sie dokumentiert auf diese Weise  in diesen Bildern nicht bloß die Arbeit der Architekten, sondern stellt durch die Auswahl der Bildausschnitte und die Bildkomposition Bezüge auch zur traditionellen Landschaftsmalerei her.  Es entstehen neue und radikale Blicke, die dem unbelebten Material quasi Leben, einen Charakter verleihen.

Gertrud Arndt (1903 – 2000) ist vor allem bekannt durch die auch in Darmstadt zu sehende Serie von Selbstbildnissen unter dem Titel „Maskenphotos„. Die Grimassen und Mimiken, die Arndt in dieser Serie dem eigenen Gesicht abfotografiert, können als ein „Katalog von menschlichen Ausdrucksformen“ (Peter Joch im Katalog zur Ausstellung) angesehen werden. Arndt kostümiert ihr Gesicht und ihren Körper, verkleidet sich mit Netzen und Hüten, nimmt Posen und Züge an, die jederzeit auf ihr Einstudiert-Sein verweisen. Die Maskenphotos untersuchen kein „Ich“, sondern reflektieren und parodieren mit ihren burlesken Kostümen das traditionelle Geschlechterverhältnis und das durch es entworfene „Frauenbild“ in all seinen überkommenen Variationen. Einmal mehr wird auch am Beispiel Arndts offensichtlich, wie häufig ein weibliches Kunstschaffen sich erst über und durch diese vorgängigen  und so übermächtig erscheinenden Bilder von Weiblichkeit hindurch freizusetzen vermag.

Die dritte Fotografin, deren Werke die Darmstädter Ausstellung vorstellt, ist Elsbeth Juda. Deren faszinierende Porträts waren für mich die Entdeckung dieser Ausstellung. Juda, die in 1911 Darmstadt geboren wurde und nach der Emigration eine Schülerin von Moholy in London war, fotografierte die meisten ihrer Bilder für das von ihrem Mann herausgegebene Magazin „The Ambassador“, das nach 1945 Handelsblatt und Werbeträger für die angeschlagene Wirtschaft Großbritanniens wurde. Judas Porträts für die britische Textilindustrie unterlaufen, gerade so wie Gertrud Arndts „Maskenphotos“ die gängigen Klischees von weiblicher Schönheit. Juda stellt das berühmte Fotomodell Barbara Goalen  in ungewöhnliche Kontexte: auf Feuertreppen, in Fabrikhallen, auf das Dach eines Hauses. Dabei ist Goalen, schaut eine genau hin, nicht mit einem Kleid „bekleidet“, sondern sind lediglich Stoffbahnen auf und über ihren Körper drapiert. Die Inszenierung der Frau als Produkt wird hier sichtbar gemacht und ironisch gebrochen. „Die schöne Frau“ als Kunstprodukt wird nicht angeboten, sondern ihre Konstruktion offengelegt.

In anderen Porträts stellt Juda die verschiedenen Klassen der britischen Gesellschaft dar: Oberschicht-Jüngling im Dandy-Look, Arbeiter an den Maschinen, Hausfrauen, Churchill mit Graham Sutherland. Dabei inszeniert sie alle in der gleichen intensiven, an niederländische Porträtmalerei erinnernden, mit starken Licht-/Schatten-Kontrasten arbeitenden Weise. Ihre Arbeiten entblößen die sozialen Widersprüche und verweisen zugleich den Mythos von einer „natürlichen Ordnung“  (der Geschlechter und Klassen) ins Reich der Legenden.

Noch bis zum 8. September ist die Ausstellung in der Darmstädter Kunsthalle zu sehen. Es lohnt sich.

Ausstellungskatalog:

Peter Joch (Hrsg.): bauhaus und neues sehen. fotografien von lucia moholy, gertrud arndt, elsbeth juda

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 25.08.2013
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