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FRUCHTBARER ZORN – Über Sabine Scholls Roman „Wir sind die Früchte des Zorns“

Von Jutta Pivecka

„Fäden und Textilien bilden Verbindungslinien zwischen Generationen von Frauen.

Manchmal schwebt einer Leserin die Idee von einem ungeschriebenen Roman vor. Meistens ist dieses Begehren diffus. Dann fällt ihr ein Buch in die Hände, sie liest, sie schlägt die Seiten um: Das ist es! So hat sie das lesen wollen, so also kann das erzählt werden: der matrilineare Familienroman.

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Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns

 

Der Familienroman hat eine lange Tradition. Glückliche und unglückliche (heterosexuelle) Paarbeziehungen stehen zumeist im Mittelpunkt oder verkorkste Vater-Sohn-Beziehungen. Dem Leben der Frauen, deren Domäne die Familie doch sein soll, bleibt diese Erzähltradition unangemessen. Denn das Leben der Frauen dreht sich mitnichten vor allem um den Mann, seine Liebe oder Zurückweisung, um „den Richtigen“, der zu finden oder zu verpassen ist. Dass und wie sehr sich das Leben der Frauen auf die andere Frau bezieht, die Mutter, Schwester, Tochter, Enkelin ist der durch eine männliche Perspektive dominierten Erzähltradition jedoch weitgehend entgangen. Stattdessen prägt das fiktive Romangeschehen, selbst und gerade wenn ein männlicher Autor sich die Perspektive einer weiblichen Figur aneignet, fast stets eine Geschichte des ehelichen Betrugs. An der Frau ist vor allem ihr Verhältnis zum anderen Mann von Interesse: Anna Karenina, Effi Briest, Madame Bovary.

 

Mit dieser Tradition hat es Sabine Scholl  zu tun, wenn sie die Familiengeschichte ihrer Ich-Erzählerin in „Wir sind die Früchte des Zorns“ radikal auf die weibliche Perspektive beschränkt. Die Männer (der Mütter, Großmütter, Schwägerinnen und Schwiegermütter) haben in dieser Erzählung fast alle keinen Namen. Sie treten im Leben der Frauen als bloßes Schicksal auf, das Status und Position der Frauen“ in der Welt“ definiert, aber eben nicht deren Welt. Stattdessen wird erzählt, was sich in Frauenleben ereignet, ungesehen, unbeobachtet und vor allem unbeschrieben von einer männlich geprägter Weltauffassung,  nach der diese Erfahrungen gar nicht zu jener „Welt“ gehören, die öffentlich und veröffentlichenswert ist. Die Geschichte der Frauen, die Scholl erzählt,  ist eine Geschichte des Zorns über diese Beschränkung der Wahrnehmung von Welt, aber auch eine Geschichte der Hoffnung. Voran gestellt hat Sabine Scholl ihrem Roman ein Zitat von Louise Bourgeois: „I have been to hell and back. And let me tell you, it was wonderful.“

 

Die weibliche Familiengeschichte, die Scholl erzählt, ist keine harmonische Geschichte tiefen Einverständnisses und warmer Gefühle. Es ist auch eine Geschichte der Verletzungen, der Differenzen der Frauen. Genau deshalb ist es die Geschichte, nach der ich mich gesehnt hatte,  die einen Spiegel, in dem die Frauen sich erkennen können im Blick der anderen Frau, herstellt. Dabei fängt auch Sabine Scholls Roman mit einer heterosexuellen Liebesgeschichte an. Odette, die Schwiegermutter der Ich-Erzählerin, die Mutter jenes Mannes, der in diesem Roman keinen anderen Namen erhalten wird als den ihren, nämlich „Odettes Sohn“, diese Odette, eine nicht mehr ganz junge  Französin, verliebt sich nach dem Krieg in einem Alpendorf in Chübeer, einen Österreicher. Sie wird mit ihm eine Ehe führen, in der er sie immer wieder mit jüngeren Frauen betrügen wird und doch stets auf ihre Loyalität zählen kann und in der sie sich freiwillig in finanzielle Abhängigkeit zu ihm begibt. Odette schafft sich so einen Lebensraum, der durch Chübeer zwar begrenzt, aber nicht definiert wird. In diesem geschützten Raum muss sie sich nicht um Finanzen und Handwerker kümmern, braucht sie die „großen“ Entscheidungen nicht zu treffen, wird „für sie gesorgt“. Das gibt ihr indes den Spielraum, für sich selbst und ein gutes Leben der anderen zu sorgen: für ihren Sohn, für elegante Kleidung, eine gediegene Einrichtung, die Bequemlichkeit des Mannes, das gute Essen, das Sommerhaus, die Enkelkinder.

 

Sabine Scholl erzählt ihre „matrilineare“ Familiengeschichte nicht linear, sondern in Sprüngen, mit Einschüben, Vorausschauen, nimmt unterschiedliche Fäden auf und lässt sie wieder fallen. In dieser Erzählung ist immer Gegenwart. Denn die Vergangenheit definiert die Gegenwart nicht, sie ist vielmehr immer gegenwärtig. Die Tochter ist ein Teil der Mutter, die Mutter ist ein Teil der Großmutter, die Schwiegermutter ein Teil des eigenen Kindes. Wer ein Kind geboren hat, weiß, dass eine aus der anderen kommt und diese für immer in ihr drinsteckt. Dieses Wissen um die Bindung und ihre Unauflöslichkeit schützt nicht vor den Ängsten, den Verletzungen, den Schmerzen. Es ist dieses Wissen vielmehr in einer Welt, in der Unabhängigkeit als Ziel postuliert, in der Anerkennung sich aus Abspaltung, aus Trennung, aus „Definition“ ergibt, ein Wissen, das quer zu all dem Wissen steht, das öffentlich sich zur „Wissenschaft“ erklärt. Es ist das mütterliche Wissen um die Abhängigkeit, auch das Wissen um den Schrecken, dass keine diesem Knäuel entrinnen kann.

 

Denn die Frauen  in Scholls Roman tragen schwer an dieser Gebundenheit, der Fessel, die das Leben ist. Erika, die Mutter der Ich-Erzählerin trägt am schwersten. Sie hat, so gesteht am Ende, nach ihrem Freitod, der Vater seinen Kindern, deshalb niemals Kinder gewollt, weil sie nicht gebunden sein wollte ans Leben. Das ist die „Erbschuld der Frauen“: „Und ich bin ja schuld, so wie auch Erika schuldig ist. Ich bin schuld, dass Erika Mutter geworden ist, und Erika ist schuld, dass ihre Mutter Mutter geworden ist. Das ist die Erbschuld der Frauen. Hätte sie mich nicht, wäre sie frei, zu tun und zu lassen, was sie will. Hat Erika mir erklärt. Nun ist ihr wirkliches Leben zu Ende.“ Freiheit, in jener Welt, in der Erika lebt, in einer patriarchal geprägten Welt, ist Freiheit davon, Leben zu geben, Freiheit von der Mutterschaft.  Diese Logik scheint unausweichlich. Zu Ende gedacht heißt das aber auch: Die Freiheit führt zum Ende des Lebens selbst, wenn die Frauen es nicht mehr weitergeben. Die so verstandene Freiheit als Unabhängigkeit ist damit, entlarvt die Ich-Erzählerin die Mutter zuletzt, zutiefst irrational.

 

Die Ich-Erzählerin aber, indem sie sich der Mutterschaft aussetzt, muss sich auf die Suche machen nach einer anderen Freiheit als jener. Sie geht den Weg vieler Frauen ihrer Generation und Schicht: Sie bildet sich, sie studiert, sie ist berufstätig, sie will gleichgestellt sein mit dem Mann, mit  Odettes Sohn, mit dem sie eine Tochter und einen Sohn zeugt. Und sie schreibt. Diese Suche, die Sabine Scholl in ihrem Roman nicht be-, sondern erschreibt, führt zu den anderen Frauen: Erikas Mutter, Odettes Mutter, die Mutter des Vaters der Ich-Erzählerin, die Tochter. Die Fessel der Mutterschaft ist zugleich der Zugang zu dieser Welt der anderen Frauen: „Ich schiebe meine Tochter vor mir her, als Ausweis, der mir den Eintritt erlaubt in ein Gebiet, aus dem ich ausgeschlossen wurde, weil ich nicht sein wollte wie die anderen Frauen der Familie. Nun ist der Abstand zwischen ihnen und mir nicht mehr so groß. Die Natur hat gesiegt. Und ich lasse sie in dem Glauben, denn der Glaube ist bequem, erübrigt das Reden.“

 

Für Erikas Tochter scheint das Lesen und das Schreiben zunächst, vor der Mutterschaft, ein Ausweg zu sein: „Eine Rettung. Meine Rettung. Solange ich zu lesen habe, kann mir nichts passieren. In den Büchern finde ich keine Lösung, aber das schmerzhafte Kratzen der Gegenwart hört auf für die Dauer eines Romans. Inzwischen bin ich Malte Laurids Brigge, bin ich Malina, bin ich Malapartes Haus. Ich spiele in den wichtigsten Theaterstücken des 20. Jahrhunderts. Dank Wels höre ich einen echten Dichter. Er gibt mir die Hand. Und eine echte Dichterin arbeitet in der Bibliothek. Ich sehe einen Ausweg. Ich benutze die Bahn, um mich fortzubewegen, weit genug, so wird einmal alles gut. Doch leider fährt das Dunkel mit. So oft ich auch geboren bin, so oft holt das Sterben mich wieder ein.“

 

Das Elternhaus nämlich, in dem die todessehnsüchtige Mutter Erika lebt, ist das Haus der Toten. Es ist das Haus, von dem aus die Bewohner in den selbst gewählten Tod gehen, ein düsterer Ort, von dem einerseits das Leben kommt und an dem andererseits immer wieder alles ein Ende hat. Der Absprung, den Erikas Tochter aus dieser Welt durch Literatur sucht, gelingt zum Schein, bis sie sich einlässt auf das Leben, auf Odettes Sohn und selber Leben schenkt. Wenn das Leben fortgesetzt wird, muss die Frau, die es gibt, zurückkehren; sie muss die Leiden der Mütter durchqueren. Sich als Frau zu erkennen heißt dann, sich als eine Andere wahrnehmen, die sich nicht mehr gehört: „Die Mutter ist mit ihrem Kind enger verbunden als geglaubt. Selbst ihr Blut gehört einer Frau nicht mehr allein, sobald sie einmal schwanger war. Bis ans Ende ihrer Tage schwimmen einzelne Zellen der Kinder in ihrem Lebenssaft herum. Das Baby in mir drückt aufs Gemüt. Aber das ist nicht erlaubt. Eine zukünftige Mutter muss guter Dinge sein. Ich sitze nachmittags in der milden Sonne, wärme meinen Bauch und fürchte den Tod. Obwohl ich gebären werde, macht das Sterben mir Angst. Suche die Unterwelt auf in Gedanken, blicke vom Balkon aus über eine Mündung. Ich bereite mich vor.“

 

Der Kampf um die Gleichstellung zum Mann, zum Vater der Kinder, um die die Ich-Erzählerin kämpft, scheitert. Denn Odettes Sohn kann seiner Vaterschaft entrinnen, während die Mutter an ihre Mutterschaft gebunden ist. Der Mann beginnt ein neues Leben, während die Mutter, die Ich-Erzählerin, mit den Kindern allein bleibt. Nicht dass der Mann eine neue Partnerin gefunden hat, führt jedoch das Scheitern herbei. Er beibt vielmehr von Anfang an aus dem „Mutter-Land“ der Frauen ausgeschlossen, ohne sich aber jemals um den Eintritt zu bemühen. Von der anderen Seite, von der Seite des Mannes her, ist niemand der Ich-Erzählerin auf ihrem Weg der Suche nach einer anderen Freiheit entgegen gekommen. Was Sabine Scholl in ihrer Familiengeschichte über diese „Partnerschaft“ zwischen Mann und Frau, Vater und Mutter erzählt, ist übertragbar auf die gegenwärtige gesellschaftliche Situation. Das Streben nach Gleichstellung, das sich an der partriarchalen Norm orientiert, kann nur scheitern. Wenn Frauen sich an dieser Norm orientierten, würden sie keine Mütter. Wenn sie keine Mütter würden, gäbe es weder Töchter noch Söhne. Auch Odettes Sohn wäre nicht am Leben, wenn Odette seine Normen und Wertvorstellungen, sein Beharren auf individueller Freiheit ohne Verpflichtungen durch Andere für sich in Anspruch genommen hätte. In der Starre jener Ordnung jedoch, die auch die Mütter der Frau gelten lassen und die sich tief eingegraben hat in deren Selbstwahrnehmung, ist auch noch das Scheitern der Beziehung die Schuld der Frau: „Hanna, Martha, Erika leben erneut tagtäglich in auf. Odette ist immer schon argwöhnisch gewesen. Ich ließ ihren Sohn zu oft allein. Ließ in die Babys wickeln. Fläschen geben. Ließ ihn manchmal kochen. Ließ ihn Wäsche aufhängen. Ließ ihn keine anderen Frauen haben daneben. Ich flog zu oft und reiste zu oft mit der Bahn, ließ ihn zwei, drei Tage allein mit den Kindern. So verdiene ich das Ende dieser Ehe.“

 

Sabine Scholls literarische Antwort darauf ist radikal und eben deshalb so lesenswert. Denn die Ich-Erzählerin, eine Frucht des Zorns der Frauen, ihres Unvermögens und ihres Ungenügens, eines Zorns, der sich als Schuldgefühl auch und immer wieder gegen sie selbst richtet, gibt die Orientierung auf, die immer gegolten hat. Sie schreibt sich den Mann weg, der nur noch als Sohn, als Vater, als Großvater oder als Ehemann vorkommt, aber nicht mehr als ein Name. Namen tragen die Frauen. Sie erhalten sie gleichsam zurück, nach all den Jahren und Jahrzehnten der Vergewaltigung, des Geraubtwerdens, der Enteignung, des Unsichtbarmachens, der Einfügung in das falsche, das patriarchale Leben. „Ohne meinen Namen kann ich weder lieben noch geliebt werden, habe ich keinen Platz in der Gemeinschaft. Nur, dass mein eigener Name nichts bedeutet. Er ist Statthalter für die Geschichte einer Region, bezeichnet die Zugehörigkeit von Frauen, die geraubt werden. Habe ich lange geglaubt. Der englische Titel der Legende erst bringt mich auf die Wahrheit. Es war nicht Raub, sondern rape, Vergewaltigung der Frauen durch die Römer. Und die Sabinerinnen verbündeten sich mit den Tätern, wiligten ein, Mütter zu werden für ihre Kinder. Wandten sich gegen ihre Herkunft.“ Sabine Scholls Roman „Wir sind die Früchte des Zorns“ ist die Aufkündigung dieses Bündnisses. Es ist dabei keine billige Retourkutsche, nach dem Motto: Weil ihr uns unsichtbar gemacht und beraubt habt, nehme ich euch nun eure Namen und euer Leben. Es ist vielmehr so: Damit die Frauen sich leben und sich befreien können, müssen sie die Fessel an das Leben uminterpretieren, die Mutter aus der symbolischen Ordnung des Patriarchats befreien. Dies kann nur durch einen radikalen Schritt gelingen, dadurch, das Leben gegen die Lügen der Schrift zu behaupten: „Aber die Schrift ist der Tod. Und Kinder sind das Gegenteil. Und deshalb bin ich froh. Für die Kinder habe ich leben gelernt. Fingern und fädeln. Wort ist Faden und Faden macht Welt.“

 

So entsteht ein neues Welt-Gewebe, zu dem Sabine Scholls Roman ein bedeutsamer Beitrag ist, aus den Fäden der Frauen, aus den Differenzen, aus dem Zorn – und es verändert sich, es wächst, es schrumpft, es wird aufgezogen und immer wieder neu zusammengefädelt. Die Wahrheit ist so wenig „definierbar“ wie das Leben. „Etliche Ichs. Ich ist eine andere ist eine andere ist eine andere.“

 

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns, secession € 19,95

Sabine Scholl: Wir sind die Früchte des Zorns, Kindle Edition € 14,99

 

 

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivecka
Eingestellt am: 14.10.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich bin alt geworden, ohne je den Wunsch nach eigenen KInder gehabt zu haben. So habe ich diesen Artikel gelesen. Und ich war während des Lesens zunehmend gefangen hinein in eine Welt, die ich persönlich nie durchlebt habe (und von der ich so wohl vieles nicht kennen gelernt habe und trotzdem immer noch meine, dass es „das“ auch nicht gebraucht hat).
    Jetzt fühle ich mich wie nach einem Kinobesuch, bei dem der Film in einer mir gänzlich fremden Welt spielte. Ich werde einen Espresso trinken, um wieder wach zu werden…

  • Monika von der Meden sagt:

    Diese beschreibung habe ich mit grossem Ibnteresse gelesen und werde mich wohl zum Kauf entschliessen.
    Ich möchte aber noch erwähnen, dass ich gerade zum wiederholten Mal die Bücher „Herzenhören“ und Herzenstimmen“ von Jan Philipp Sendker gelesen habe, in denen Frauen und Männer mit Namen vorkommen und es eigentlich nur um unsere Liebesfähigkeit geht.

  • Jutta Piveckova sagt:

    Liebe Fidi, ich glaube nicht, dass man Scholls Roman so lesen kann oder soll, als sei es „das Schicksal“ einer jeden Frau, Mutter zu werden (bzw. werden zu wollen.) Sie setzt sich mit einer bestimmten Tradition auseinander, die es in der „Realität“ gibt und in der Literatur. Beide sind patriarchal geprägt: Der „Familiename“ ist der Name des Vaters, der Familienroman ist die Erzählung über die männliche Linie (siehe Buddenbrooks et.al.). Diesen Traditionen stellt sie die matrilineare Erzählung entgegen.
    Und: Auch die keine Kinder hat, ist immer die Tochter einer Mutter. Noch lebt auf dieser Erde kein Mensch, den keine Mutter geboren hat. Dass es so ist, spielt aber in den Erzählungen, die die Welt erklären sollen, oft keine Rolle. Umgekehrt: Männliche Erzähltraditionen handeln oft von der Elimination der leiblichen Mutter, um die Selbstgeburt des Künstlers zu ermöglichen.
    Deshalb, auch deshalb, ist mir Scholls Roman so wichtig – und begegnet einer Sehnsucht, die ich hatte/habe.
    Liebe Grüße
    Jutta

  • Jutta Piveckova sagt:

    @ Monika von Meden Ja, ich würde auch nie sagen, dass dieses Verfahren (die Männer namenlos zu lassen) zwingend ist. Es ist eben jenes, das Sabine Scholl für ihren Roman wählt. Und innerhalb dieses Romans überzeugt es mich.

  • Sabrina Bowitz sagt:

    „So entsteht ein neues Welt-Gewebe, zu dem Sabine Scholls Roman ein bedeutsamer Beitrag ist, aus den Fäden der Frauen, aus den Differenzen, aus dem Zorn – und es verändert sich, es wächst, es schrumpft, es wird aufgezogen und immer wieder neu zusammengefädelt. Die Wahrheit ist so wenig „definierbar“ wie das Leben. „Etliche Ichs. Ich ist eine andere ist eine andere ist eine andere“
    Liebe Jutta, vielen Dank für den spannenden Artikel!
    Ich schwanke selbst oft zwischen: Wie kann ich mich als Frau annehmen? Was bedeutet das überhaupt? und:ich will damit gar nichts zu tun haben! Wenn es von Männern definiert wird, die nicht nachdenken, sondern es sich leicht machen und es heißt:Kinder großziehen, Aufgabe der Frau fertig, dann werde ich böse, denn es ist nicht wahr.
    Und ich finde es auch jedes Mal schade, wie in Geschichten
    und Filmen oft die Frau als passiv dargestellt wird, denn jeder Mensch, jede Frau und jeder Mann, hat doch ein eigenes Innenleben. Es wäre völlig irrsinnig wenn
    nicht. Und das darzustellen lohnt sich.
    Außerdem, wie es auch mal in dem Club der toten Dichter gesagt wurde (leider auch keine besonders guten Frauen-vor-bilder da, aber na ja): „Words and ideas can change the world“.
    Und wenn die Frauen mehr und aktiver erwähnt werden in den Romanen und Filmen, dann sehe ich die Chance, dass sich auch in der Öffentlichkeit das Bild ändern kann.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    „Männliche Erzähltraditionen handeln oft von der Elimination der leiblichen Mutter, um die Selbstgeburt des Künstlers zu ermöglichen.“ Dass ein Mensch – Mann oder Frau – lebenslang nicht allein auf die Mutter fixiert bleiben kann, ist doch klar. Sich von der mütterlichen Wurzel als „Ich“ abschneiden lassen, ist eine andere Kuriosität. Die Umgebung, die Umwelt der Mutter ist nicht die gleiche wie die des Kindes, deswegen kann das Wesen des Kindes nicht lebenslang an der Mutter hängen bleiben! Jedes Menschen-Leben auf dieser Erde hat eigene Existenz-Berechtigung und darf/muss in dem gegebenen ganzheitlichen Gefüge sich behaupten, sonst funktioniert es lediglich. Die patriarchalischen Gegebenheiten der Gegenwart erzwingen viele kranke Schicksale.

    Während meines matriarchalen Studiums habe ich gelernt, dass matriarchal organisierte Gemeinschaften, die vor Jahrtausenden flächendeckend existiert haben, im Mittelpunkt des gemeinsamen Handelns die Mutter-Kind-Beziehung fokussiert haben. – Da gab es damals noch kein Maskulinismus oder Feminismus. Bei diesen beiden Bezeichnungen handelt es sich um „zivilisatorisch“ aufgefasste Sachverhalte. Für die „Primitiven“ – wie sie von vielen „Modernen“ bezeichnet werden – gab es keinen herrschenden und schöpfenden Gott Vater, der dazu noch mit Geld zu kaufen wäre. Die Geburt eines Kindes war für die Menschen ein „göttliches“ Ereignis: ein neues Leben entstand! Es wurde wie ein Wunder gefeiert. Die Eigen-Biologie war den Menschen mit Sicherheit bekannt; war aber nicht mit sozialen Zwängen verbunden. Männer und Frauen begriffen sich als Brüder und Schwester und haben innerhalb des Clans der Mutter Verantwortungen, Pflichten und Freiheiten gehabt. Ihre Sexualität war keine familiäre Angelegenheit, sondern „Privat-Sache“, die von der ganzen Familie mitgetragen wurde. Nicht jede Frau musste Mutter werden. Im Gegenteil, Mutter konnte eine Frau werden, wenn die sozialen Voraussetzungen gegeben waren, d. h. wenn die Gemeinschaft dazu bereit war, ein weiteres Menschen-Leben zu versorgen. Die vielen weiblichen Gottes-Skulpturen der alten Zeit waren Ausdrücke der „Vergöttlichung“ der Schöpfungs-Kraft. Mann-Frau-Beziehung war nicht dermaßen pervertiert wie heute, dass Frauen und Männer Existenz-Kriege um dies und jenes führen mussten. An natürlichen Gegebenheiten haben sie gemeinsam die Kunst des Lebens gelernt.

    „Words and ideas can change the world” – wenn die Menschen es ins Leben bringen!

  • Katarina Klein sagt:

    Danke für die Beschreibung des Matriarchats. Leider gab es Matriarchat vor Jahrtausenden und ich lebe hier und heute. Es gibt heute nicht mehr diese Verhältnisse wie damals. Im ausgehenden Patriarchat, das viele Menschen als vergangen begreifen, obwohl sie Tag für Tag darunter leiden müssen, gibt es Mord und Totschlag um jede Ecke und Frau zählt noch was, wenn sie Kohle nach Hause bringt. Du merkst wahrscheinlich die Wut in mir. Ich habe mich in dieser Gesellschaft lange genug bemüht. Es reicht mir!

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Ich kann Katarina Deine Wut gut verstehen. Auch mir ergeht es im Grunde nicht anders – schließlich bin ich auch eine Frau, die nach der „göttlichen“ Vorstellung der Patriarchen den Herren zu Füssen zu liegen hätte. Na ja, zuerst soll sie noch aufräumen, kochen, pflegen, all die alltäglichen Versorgungen zu Ende bringen, bevor sie sich dem „Herren“ nach Gottes-Wille zu Füssen legt. Du siehst Katarina, ich kann sogar übertreiben. Wir müssen die Realität der Gegenwart adäquat wahrnehmen und unsere Wege mit dem Regenschirm in der Hand zwischen den Regentropfen wagen!

    Es gab und gibt matriarchale Gemeinschaften (Uschi Madeisky hat schon mehrere Filme darüber gedreht). Leider sind sie als Menschen-Gemeinschaften auch den realen Zuständen des brutalen Patriarchats ausgesetzt. Wir werden nicht morgen in Deutschland Matriarchat ausrufen können. Wie können aber von den matriarchal lebenden Gemeinschaften lernen, anders zu leben.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    An Erick Leuse:

    Vielleicht sind sie einfach überfordert (???)

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Ich finde die Diskussion sehr interessant. Erick Leuse, ich kann dich verstehen. Ich frage mich auch immer: Was ist hier bitte los? Wieso wird das immer noch so gemacht? Vor allem bei der Erziehung von Mädchen und Jungen. Ich seh auch immer wieder wie Mütter und Väter stolz sind wenn die kleinen Jungs so richtig auf die Pauke hauen (soll heißen:prügeln prügeln prügeln und am besten noch mit Spielzeugwaffen rumrennen). Wieso macht sich denn niemand Gedanken, was das bedeutet?
    Oder dass mal wieder dann die Mädchen dazu erzogen werden zu schweigen und zu lächeln? Natürlich nicht in dem Ausmaß wie früher aber ich sehe es immer in Univeranstaltungen oder anderswo dass sich ganz viele Frauen so unwohl in ihrer Haut fühlen (wie solls auch anders sein bei der Gesellschaft), dass sie sich nicht zu Wort melden wollen.
    Dabei hätten doch alle was davon.
    Ich frage mich auch, wie das zu ändern ist. Wie kann ich
    mit diesem Regenschirm durch solche ätzenden Regentropfen
    laufen, wie kann ich etwas ändern, wenn ich selbst Mit-glied (auch wieder sehr schön) in einer Gesellschaft bin, in der systematisch Ausbeutung betrieben wird?
    Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, ich versuche nur jeden
    Tag etwas dagegen zu tun tun und für Menschenrechte und Anerkennung/ Respekt zwischen Frau und Mann, insbesondere auch für Kinder.
    Es ist so viel, was geändert werden sollte und manchmal
    erscheint alles hoffnungslos aber ich sehe immer wieder gute Initiativen und Anfänge. Vielleicht kann man diese
    Anfänge wieder neu beginnen. Hannah Arendt hat mir da auch immer wieder Mut gemacht: der Mensch ist Anfang des Anfangens. Ein Anfang ist immer wieder möglich. Und wenn es erst einmal nur im Kleinen ist, dann ist das so, aber es verändert trotzdem was.
    In einem zugegeben etwas populistischen Buch zur Self-Compassion (Kristin Neff, eine sehr intelligente Frau!) habe ich das gut wiedergegeben gefunden, in dem die Autorin dort immer wieder erklärt, dass es politisch ist daran zu arbeiten sich selbst zu mögen und sich nicht zu verurteilen. Denn es stimmt: Unsere Gesellschaft baut darauf auf, dass wir uns verurteilen und uns bessern wollen. Erkennbar ist das an der Ratgeberliteratur, an Internetforen und an dem Kaufverhalten.
    „Danke für die Beschreibung des Matriarchats. Leider gab es Matriarchat vor Jahrtausenden und ich lebe hier und heute. Es gibt heute nicht mehr diese Verhältnisse wie damals. Im ausgehenden Patriarchat, das viele Menschen als vergangen begreifen, obwohl sie Tag für Tag darunter leiden müssen, gibt es Mord und Totschlag um jede Ecke und Frau zählt noch was, wenn sie Kohle nach Hause bringt. Du merkst wahrscheinlich die Wut in mir. Ich habe mich in dieser Gesellschaft lange genug bemüht. Es reicht mir!“
    So geht es mir auch.

  • Karina Starosczyk sagt:

    Ein Erklärungs-Versuch: Wenn ein Reicher einem rangmäßig gleich-starken Reichen etwas wegnehmen möchte, kann er mit Widerstand auf Augenhöhe rechnen. Wenn er einem Armen, der am Verhungern ist, einen Krümel von seinem Tisch schmeißt, bedankt sich der Arme – im Normal-Fall – und erweist dem Brot-Geber die Treue. Wenn in einer Gesellschaft das Geld im Mittelpunkt der Handlung steht und der „liebe dreifache Männer-Gott“ die Legitimation des Verbrechens liefert, was kann der Arme tun, der Brot braucht, um überleben zu können?

    Ich höre schon Stimmen, die Sagen: Schau Dir doch die Kirchen an. Der christliche Glaube mit seiner männlichen Lobby hat abgewirtschaftet! Wer geht noch in die Kirche oder glaubt in diesem Sinne? O.k. Es gibt auch nicht mehr Hitler mit Ausschwitzt auf der Erde. Wirken aber diese verbrecherischen Kräfte wie bei Rockefeller und den anderen Bilderbergern nicht systematisch weiter? Die Sendung über „codex alimentarius“ zeigte deutlich, wie dieses Verbrechen weiterlebt. – Danke Katarina für Deine Recherchen! Allein die Augen Tag für Tag aufzumachen, liefert (mir) genug schmerzliche Präsentation! Ich muss den Fernseher nicht anmachen (kann zurzeit auch nicht), um zu erfahren, wo wieder Kriege oder Verbrechen vonstatten gehen. Ich frage mich nur noch: Wann und wie geht es zu Ende? Dass es zum Abgrund führt, kann doch grundsätzlich gesehen werden – oder?

    Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Explosions-Stoff aus den Kämpfen um Brot und Überleben nehmen.

  • Jutta Piveckova sagt:

    ich freue mich über diesen langen Kommentarstrang und die eifrige Debatte, einerseits; andererseits kann ich den Zusammenhang zur Rezension und zum Buch von Sabine Scholl inzwischen nicht mehr nachvollziehen.

    Deshalb möchte ich noch mal darauf hinweisen, dass es in diesem Familienroman nicht um alle Probleme einer patriarchalen Gesellschaft geht, sondern um die – höchst individualistische – Entscheidung der Ich-Erzählerin, ihr Leben und ihre Identität aus der Bindung und Auseinandersetzung mit den anderen Frauen zu begreifen und zu erzählen. Dass ist keine gesellschaftlich zwingende Position, sondern eine, die bestimmte Spielräume eröffnet und bestimmte Möglichkeiten, sich selbst zu begreifen und fortzuschreiben, die verschüttet bleiben, wenn eine sich/ihr eigenes „Frauen“-Bild immer wieder und immer nur über die Auseinandersetzung, die Abwehr, die Negation männlicher Zuschreibungen an das Weibliche gewinnt. Dabei ist die Auseinandersetzung, die Bezugnahme auf weibliche Zuschreibungen keineswegs konfliktfrei oder harmonisierend dargestellt, insbesondere nicht, wenn es um Mutterschaft geht. (Das kann ja auch gar nicht sein, denn auch die von Frauen gebildeten und gepflegten Bilder von Weiblichkeit sind ja in einem patriarchalen Kontext entstanden.) Dennoch entwickelt dieser Roman eine optimistische Perspektive aus der Möglichkeit im eigenen Verhältnis zu Tochter und Sohn nicht nur zu wiederholen, sondern Neues zu gestalten.

    Sorry, aber mir ist es wichtig, trotz all der interessanten Aspekte, die hier im Kommentarstrang berührt werden, noch einmal auf diesen großartigen, lesenswerten Roman zurückzukommen. 🙂

  • Karina Starosczyk sagt:

    „Deshalb möchte ich noch mal darauf hinweisen, dass es in diesem Familienroman nicht um alle Probleme einer patriarchalen Gesellschaft geht, sondern um die – höchst individualistische – Entscheidung der Ich-Erzählerin, ihr Leben und ihre Identität aus der Bindung und Auseinandersetzung mit den anderen Frauen zu begreifen und zu erzählen.“

    Im Patriarchat zählen die „individuellen“ (einzelnen) Probleme und Identitäten nicht; was zählt, ist Geld! Und doch können auch in diesem bestialischen System individuelle Entscheidungen helfen! Stellt z. B. eine Frau ihre eigene Existenz in die Mitte des eigenen Lebens, wird sie nicht auf den Mann hinarbeiten. Sie muss dann nicht seinen Namen tragen, damit sie hoffnungsvoll in den Spiegel gucken kann! Werden wir Frauen die Ich-Erzählerinnen des eigenen Lebens, werden wir die Anderen achten, wie wir selbst geachtet werden möchten, wird sich das Partie-Exemplar selbst verziehen!

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Jutta, du hast recht, wir sind etwas vom Thema weggekommen, aber das zeigt ja, dass das Buch einiges befeuern kann (oder deine Besprechung eher). Auf jeden Fall werde ich das Buch aber mal lesen, es wird sicher interessant!
    Ich habe auch das Gefühl, dass das Buch einem Mut machen könnte, dass es andere Sichtweisen gibt, die sich entwickeln lassen und der Mut neue Wege zu finden.
    Manchmal denk ich, dass der Blick auf Frauen, durch Frauen, durch Männer (verallgemeinernd naja) meistens schwierig ist. In den ganzen Jahrhunderten haben Frauen oft unterdrückt gelebt- aber eben nicht nur. Es gab immer wieder
    mutige mutige Frauen, die versucht haben, trotz aller widrigen Umstände, einen neuen Weg zu gehen, zu versuchen umzugestalten. Ich mochte da auch die Gegenwelt in Christa Wolfs Roman Kassandra, in der Frauen und Männer versucht
    haben friedlich und respektvoll miteinander zu leben.
    Ich wünsche mir das, dass wir respektvolle Umgangsweise
    entwickeln. Das Buch ist sicher sehr spannend!
    Ich denke irgendwie, gerade wenn das einzelne Individuum
    in der Gesellschaft nichts zählt, kann frau sich so helfen, dass sie einen anderen Weg wählt. Und das haben viele Frauen (und auch Männer) ja auch und machen es immer
    noch. Ich finde es sehr spannend, dass die Erzählerin sich in der Auseinandersetzung mit anderen Frauen versucht neu zu entdecken und daher sehe ich das Buch als sehr spannend an.
    Neues gestalten klingt wirklich wunderbar!
    Vielleicht auch einmal das Positive zu suchen in der Verbindung zwischen Frauen, in den Eigenarten, Besonderheiten, Zwischentönen, die jede und natürlich jeder hat.
    Der Roman wird auf jeden Fall gelesen:).

  • Jutta Piveckova sagt:

    Liebe Sabrina,
    das freut mich und ich bin gespannt auf deine Eindrücke von dem Roman. Grade habe ich noch einmal nachgelesen, was Sabine Scholl im Deutschlandfunk über ihren Roman gesagt hat. Wichtig war ihr in dem Interview vor allem, die Traditionslinie zu den Frauen herzustellen aus jenem „bäuerlichen“ – wie sie sagt – Umfeld, aus dem sie stammt, und von denen es beinahe keine Überlieferung zu geben scheint. Deren Ängste, Verstörungen, aber auch ihre Leistungen sichtbar zu machen, das war ihr ein Anliegen.
    Mich hat die Lektüre dieses Romans so froh gemacht, weil diese verletzte und verletzende, aber auch so stärkende und bewahrende Beziehung zur eigenen Mutter, von der wir alle wissen, die in unserer Kultur fast gar nicht vorkommt, von der nicht erzählt wird, hier einmal im Mittelpunkt steht. Daraus kann viel Selbst-Bewusstsein entstehen, nicht indem die Mutter verHERRlicht (sic!) wird, sondern indem ihre Bedeutung überhaupt erst einmal in den Blick gerät. Von da lässt sich ausgehen..
    Ich selbst habe keine Tochter, „nur“ Söhne. Aber auch in diese Beziehung lässt sich dieses neue Selbst-Bewusstsein tragen und daraus eine Veränderung der Idee von Mutterschaft herleiten. (Denn die meisten, die Mutter sind, erfahren ja durchaus nach wie vor, dass sie einerseits mit den verklärenden, den überhöhenden ideal-Bildern der „Heiligen Mutter“ konfrontiert werden und andererseits ihr Alltag als Mutter „privat“ ist, also keinen Niederschlag im öffentlichen Leben findet, keine Anerkennung, keine Möglichkeit zur Individualisierung bietet oder zu bieten scheint. Diese Falle, in die meine Generation, wie ich glaube, getappt ist: die Konkurrenz zwischen Mutterschaft und „Selbstverwirklichung“ orientiert an einer männlichen Norm der Erwerbsarbeit oder des Kunstschaffens, aus der gilt es herauszukommen.)
    Liebe Grüße

  • Sabrina Bowitz sagt:

    Liebe Jutta, der Roman ist auf dem Weg zu mir, ich werde dann Rückmeldung geben. Ich bin gespannt.
    Ich sehe es auch so, dass die Selbstverwirklichung auf ganz unterschiedlichen Wegen zu finden ist. Denn wie definiert sie sich? Ich sehe bei arbeitenden Frauen oder Männern oft wenig Selbstverwirklichung, auch in meinem Umfeld. Wenn es nur darum geht, wie gern mein Chef mich hat oder wie viel Kohle auf der Bank liegt oder dass nur ja niemand von mir sagt, dass ich „faul“ bin, dann seh ich darin einen Sicherungsgrund für die Existenz (was absolut wichtig ist), aber doch keine Selbstverwirklichung.
    Ich glaube sowieso das Wort ist schwierig zu umfassen.
    Für Frauen und Männer, die sich wirklich selbstverwirklichen wollen, auch in der Arbeit vielleicht, wäre das Grundeinkommen wirklich eine gute Maßnahme.
    Dann müsste nicht mehr unter menschenunwürdigen Bedingungen gearbeitet werden. Und wenn ein Mensch sich dafür entscheidet lieber zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, dann ist das eben die freie Entscheidung (und sie sollte frei sein). Das soll dann aber nicht bedeuten, dass diese Person dann unfrei ist. Im Sinne von abhängig von jedem anderen in der Gesellschaft.
    Das finde ich falsch. Einer Mutter, einem Vater, die zu Hause bleiben gehört genauso Anerkennung gezollt und Lohn wie jeder und jedem anderen auch.
    Das ist nur meine Meinung dazu. Vorher haben wir wirklich keine nennenswerte Freiheit.
    Ich lese auch sehr wenig über Mütter, die sich selbst verwirklichen können, obwohl sie für die Kinder gelebt haben, es wär schön da auch mal was anderes zu lesen.
    Es kann ja auch genauso feministisch sein Mutter zu sein und den eigenen Weg zu gehen, wie es feministisch ist sich den Job zu suchen, den man gerne hätte.
    Beides nur Ausformungen von Freiheit und freier Wahl, die aber dadurch möglich sein muss, dass in der Gesellschaft für beides Respekt gezollt wird und eben finanzielle Sicherheit.
    Das ist die Grundlage der Würde in unserer Gesellschaft, weil jede und jeder Geld zum Leben benötigt.Ich weiß, es klingt komisch, aber ich glaube, dass dadurch die Produktivität in einem Land unglaublich steigen würde, einfach weil jede und jeder das macht, was ihr und ihm wirklich gefällt- und aus Interesse und nicht aus Not.
    Darin seh ich wirklich eine Zukunft.

    Liebe Katarina, das Gute zu sehen finde ich auch wichtig.
    Manchmal kann ich mir Nachrichten schon kaum mehr durchlesen weil überall nur noch schlechte Nachrichten sind.
    Und das ist schlimm, aber es gibt auch die Menschen, die
    ihren Weg gehen, die fürsorglich sind, die unglaublich starke und liebevolle Menschen sind in dem was sie tun und damit bewundernswert. Viel stärker als jede Soldatin und jeder Soldat und jede Politikerin, jeder Politiker.
    Das wird oft vergessen, gerade wenn wieder Massenpanik
    ausbricht. Es gibt auch so viel Lebens-wertes auf der
    Welt, doch natürlich muss die Augen offengehalten werden für
    das, was nicht gut läuft.
    Das ist ebenso wichtig, damit sich was ändern lässt.

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