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Kunspirieren. Über die Entstehung eines Wortes.

Von Caroline Krüger

kunspirierenKunspirieren ist ein neues Wort. Es ist noch nicht im Duden, jedoch bereits „googelbar“. Wer möchte, kann es finden und es benutzen. Das Wort ist in der Welt.

Während die Wörter, aus denen unsere Sprache besteht, zum allergrössten Teil geschaffen und erfunden wurden, während wir noch gar nicht auf der Welt waren, verhält es sich mit manchen ein bisschen anders. Im ABC des guten Lebens finden sich zum Beispiel ein paar neue Wörter, auch an der Denkumenta haben wir ein paar neue Wörter geprägt.

Und bei einem Wort – dem Wort kunspirieren – weiss ich sogar ziemlich genau, wann es entstanden ist. Es wurde am 30. August 2013 zwischen 9.30 und 10.45 im Bildungshaus St. Arbogast in der Nähe von Götzis, Oesterreich, geboren. Im Gegensatz zu sonstigen Herleitungen von Wörtern, von etymologischen Ursprüngen und Spekulationen, lässt sich hier alles genau bestimmen, denn ich war dabei.

Die meisten kennen die Erfahrung, dass unsere herkömmlichen Wörter manchmal nicht genau auf das passen, was wir sagen möchten. Unsere Sprache ist geprägt von der Welt, in der wir leben, und umgekehrt. Wenn wir die Verhältnisse verändern möchten, ist es hilfreich, auch unser Sprechen und unsere Sprache zu verändern. Ein bekanntes Beispiel ist das noch nicht beendete, vielleicht nie endende, Ringen um eine geschlechtergerechte Sprache, in der 99 Erzieherinnen und 1 Erzieher nicht zu 100 Erziehern werden … die Frauen nicht verschwinden. Um eine Sprache aber auch, die Spass macht, nicht grämlich korrekt daher kommt …

Zur genannten Zeit fand ein Gespräch statt zum Thema Alltagskunst. Wir diskutierten über Alltag und Kunst, und mir fiel auf, dass sich die Diskussion am Begriff „Kunst“ festmachte: Was ist Kunst (und was nicht)? Ich empfand darüber ein noch unbenennbares Unbehagen. Der alte Spruch, dass Kunst von können komme, fiel uns ein. Jedoch, meinen wir nicht noch mehr? Wäre es nicht Kunsthandwerk, wenn es allein um das (technische) Können ginge?

kunspirieren2Mir (und gleichzeitig auch anderen) kam der Gedanke, dass eine Schwierigkeit in dem Nomen liegen könnte, und ich schlug vor, ein neues Verb zu „Kunst“ zu finden: kunsten.

„Kunsten“ brachte eine gewisse Erleichterung in die Diskussion, da wir nun auch über Prozesse sprechen konnten, über das Wahrnehmen von „Kunst“, über das Herstellen von „Kunst“, über das Sprechen über „Kunst“….es hatte ein Verb gefehlt, das all diese Bedeutungen umgreifen konnte.

Eine Teilnehmerin berichtete, sie finde zurzeit nur das Ansehen von „Kunst“, insbesondere Theater, erträglich. Durch eine Krankheit am so genannt „normalen Alltag“ gehindert, war ihr das bewusste „Kunsten“ ein Bedürfnis und eine Freude. Sie brauchte auch den spanischen Begriff „conspirar“, der ihr in diesem Zusammenhang einfiel – nicht nur das sich Verbünden, das Konspirieren, sondern auch das „zusammen atmen- conspirare“ ist in diesem Begriff enthalten. Gerade bei einer Theateraufführung atmen die ZuschauerInnen und die SchauspielerInnen die gleiche Luft, sie konspirieren – und sie kunsten, die einen, indem sie präsentieren, die anderen, indem sie aufnehmen….

Aus kunsten und conspirar wurde plötzlich, von mehreren gleichzeitig gedacht, das Wort kunspirieren.

Kunspirieren bedeutet, etwas schaffen, das in den Bereich „Kunst“ gehört (die aber nicht genau definiert werden muss). Es bedeutet auch, etwas zu „konsumieren“, das in diesen Bereich gehört. Insbesondere bedeutet es, dies gemeinsam mit anderen zu tun. Kunspirieren macht Spass, ist nicht Resultat-orientiert, sondern bezeichnet ein gegenwärtiges Tun. Es entzieht sich den gängigen Definitionen – wer kunspiriert kann etwas Bestimmtes können, im Sinne von „über Fähigkeiten oder Fertigkeiten verfügen“, muss aber nicht. Kunspirieren kann jede und jeder.

Wir legten das neugeborene Wort zusammen mit anderen in ein temporäres Labyrinth. Dort konnten auch andere Teilnehmerinnen es sehen und sich dazu etwas ausdenken.

Eine Teilnehmerin hat das Wort zum Namen ihres Blogs gemacht, und sie schreibt dazu: „Deshalb bin ich meinem Begehren gefolgt und es gibt jetzt diesen Blog. Hier werde ich versuchen eine bisschen Kunst in meinen Alltag zu bringen ein bisschen den Alltag als Kunst zu (er)finden und mein Nach-denken teilen – eben kunspirieren oder kunstspirieren und vielleicht auch con-spirieren.“

In Windeseile hat es also dieses Wort geschafft, in die Welt zu kommen. Ein Zeichen dafür, dass der Platz schon bereit war?

Autorin: Caroline Krüger
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 28.10.2013
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Gré Stocker-Boon sagt:

    Liebi Lüüt,..es muss euch schon vorgekommen sein,das Schuppen vor den Augen gefallen sind mit dem Wort Konspirieren.Ein schöner Basis für viele,zum Mitmachen und Konsumieren.Etwas hinzufügen,etwas weglassen.Vielfältig-Brüchig-Konzentriert-Sichtweisenart-Aneinandergereiht-Fachkundig-Einseitig-Gestalterisch sprechend in „Route“ gebracht,lässt hoffen,das Konspirieren gut tut.Ich erinnere mich gut als ich Musikleiterin von „Laien-Halbprofis-Profis“ war,“Spielleute“ eben.Wir spielten Disharmonien, beim Versuch der „Schrei von Munch“ nochmal ins Bild zu setzen und das Bild neu zu malen am Ewigkeitssonntag in November,wo die Verstorbene mit Namen gedacht werden.Natürlich spielten wir auch harmonisches nachher..

  • gudrun sagt:

    Kunspirieren – das gefällt mir sehr gut. Mir fällt dazu Inspiration ein, Beseelung, das „Einhauchen von Geist“. Wir sind mit etwas verbunden, was über uns hinaus weist, uns lebendiger macht, uns Tiefe gibt. Damit verknüpfte sich ideengschichtlich auch die Vorstellung, dass Kunst auf „Eingebungen des Göttlichen“ beruht. Kunspirieren verbinde ich damit, Zugang zur Tiefe, zu uns Selbst zu finden und uns von dort inspirieren zu lassen. Man braucht dazu auch den Mut und die Freude daran, eingetretene Pfade zu verlassen, wie der Artikel es beschreibt. Und da dies abseits des Mainstreams geschieht, ist es wohl auch ein wenig konspirativ und vielleicht auch deshalb, weil etwas Nicht-Alltägliches, Geheimnisvolles ins uns berührt wird. Mir gefällt es auch, den Begriff nicht nur auf Kunst zu beziehen, sondern so zu erweitern, das er dieses phantasievolle, beziehungsreiche Nachdenken bezeichnet.

  • Christine Wildberg sagt:

    „Liebi Lüüt…“ – mir scheint hier ein lustiges Grüppchen zusammengekommen zu sein.

    Konspirieren in Anlehnung an Konsumieren finde ich auch lustig. Wir funktionieren z. B. in den ehelichen Pärchen wie „eingeschweißtes Fleisch“ und sorgen gemeinsam für das Aufrecht-Erhalten des Patriarchats. Praktisch wird die Frau bei diesem Pack durch den Namens-Träger der Familie konsumiert!

  • margarete normann sagt:

    Es klingt nach Kannibalismus…

  • manfred gabriel sagt:

    Und Kannibalismus hängt eng mit Patriarchalismus zusammen. Ich habe gelesen:

    Die Institution der Ehe ist ein patriarchalisches Instrumentarium.

    Die Hinweise auf das Entstehen einer „Ausbeuterkultur“, die irrtümlicherweise nicht selten als Zivilisation bezeichnet wird; de facto jedoch eine patriarchalische Gesellschaft ist, reichen bis ca. 4000 J. v.Chr. zurück (Brosius 2004). J. DeMeo, der Leiter des „Orgone Biophysikalischen Forschungslabors“, weist mit Hilfe seiner geographischen Untersuchungen des menschlichen Verhaltens darauf hin, dass globale Muster sozialer Gewalt eng mit prähistorischen Klima-Veränderungen zusammenhängen (DeMeo 2006, S. 230).

    Soziale Gewalt ist quasi jede Kriegs-Situation. Im Krieg entscheidet der destruktive Kampf über den vermeidlichen Siegerposten im Sinne des Herrschers. Zu den Herrschern gehören zu 99 % weiße Männer. Diese ziehen ihre Rechtsfertigung des Krieges von der „capites und pecunia Ideologie der neolithischen Herden- und Hirtenstufe“ (Armbruster 2010, S. 236f.). Und was hat es mit der Institution der Ehe zu tun? Einfach: die „göttliche“ Legitimation.

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Eins möchte ich noch zufügen: Die Weibchen hockten damals bestimmt nicht rosa-bekleidet mit gebundenen Händen (geschlossene Zimmer!) auf Hütten-Podesten sondern hatten auch einiges mit der Erde, ihren Früchten und dem Leben an sich zu tun…

  • ehemalige Studentin des Matriarchats sagt:

    Auf einem Matriarchats-Kongress sagte ein Mann aus einer matriarchalen Gemeinschaft: Bei uns genießen diese Männer hohen Status, die wie eine gute Mutter sind.

  • Caroline sagt:

    Liebe alle, vielen Dank für die Kommentare.
    Ich bin über die Wendung zum Thema „Kannibalismus“ etwas überrascht.
    Ich vermute, dass die Assoziation etwas damit zu tun hat, dass ich das Wort „konsumieren“, wenn auch in Anführungszeichen, positiv verwendet habe. Deshalb wollte ich hierzu kurz etwas schreiben: Mir fällt auf, dass viele Menschen in meinem Umfeld, und auch ich selbst, dazu neigen, „Konsum“ per se als schlecht zu betrachten. Im Gegensatz dazu wird das Erschaffen, das Tätig-Sein und Produktiv-Sein positiv gewertet. Bei der Denkumenta dachte ich auch darüber nach, ob wir nicht auch „gutes Konsumieren“ kennen. Gutes Konsumieren wäre etwas, das anderen nicht schadet und einem selbst Freude macht….was natürlich keine hinreichende, sondern nur eine annähernde Definition ist….Wenn ich als Zuschauerin ins Theater gehe, konsumiere ich auf eine gewisse Art das Theaterstück. Ich denke und fühle auch etwas dabei. Dieser Konsum schadet niemandem (oder jedenfalls wüsste ich gerade nicht, wie). Ich tue dies zusammen mit anderen….dieses Beispiel für „Kunspirieren“ erscheint mir auch ein Beispiel für „gutes Konsumieren“. Daher habe ich die beiden Wörter im Artikel zusammengebracht….
    Vielleicht ist es so besser verständlich?
    herzlichen Gruss
    Caroline Krüger

  • manfred gabriel sagt:

    „Ich bin über die Wendung zum Thema „Kannibalismus“ etwas überrascht.“

    Ja, es ist halt unterschiedlich – je nachdem, wo wir grade persönlich stecken. Nach der Auseinandersetzung mit dem Thema „Ehe“ finde ich für die in dieser ehelichen Institution herrschenden Verhältnisse (bitte, ich meine nicht die gut funktionierenden Ehen!) zutreffend. Die Frau ackert (normalerweise) täglich unentgeltlich aus „Liebe“, um die Familie um die Runden zu bringen und merkt oft nicht, dass ihr Leben mit der nötigen Energie verfließt…

  • margarete normann sagt:

    Das Thema „Arbeit“ liegt mir auch am Herzen. Zu diesem Thema .. Ich werde nicht arbeiten, um Geld zu verdienen. Geld ist nicht mein Lebensziel! Im Auschwitz mussten die Insassen arbeit, ohne Geld zu kriegen. Heute bekommt man Geld für die Berufs-Arbeit. Die Lebens-Energie verfließt, damit die Pharma-Bosse Käufer für ihr Gift bekommen. Hexen, Frauen und Männer, die mit den Kräften der Natur für Gesundheit sorgten, wurden gefoltert und verbrannt – angestiftet durch die „Kirche“, weil Hexen der aufsteigenden (nicht nur medizinischen) Wissenschaft unangenehm in die Quere gekommen sind. – Bah, ist es grauenhaft!

  • Mir gefällt, wie unsere neuen Wörter den Duden alt aussehen lassen 🙂

  • Karina Starosczyk sagt:

    Liebe Ina

    Sogar bei Presseclub im Gästebuch wird an neuer Interpretation des alten Vokabulars getüftelt:

    „Schreckt nicht der Blick nach Frankreich?“

    In Frankreich haben die mindestens das Wasser-Reinigungs-System verändert und tun nicht mehr Aluminium in die Leitungs-Wasser, damit die Bevölkerung flächendeckend mit dem Gift Aluminium vernebelt wird! Aber auch dort in Frankreich sitzen Bilder-berger an der Regierung und funktionieren nach „codex alimentarius“.

    „Warum wird das Grundeinkommen nicht weiter diskutiert,…“

    Doch doch. Es wird kräftig darüber diskutiert. Nun aber, wer Bohnen in Ohren hat, hört nur die eigene Stimme! Es muss heißen: b e d i e n u n g s l o s e s G r u n d e i n k o m m e n!“

  • Karina Starosczyk sagt:

    An Ina Preatorius:

    Vom letzten Presseclub zu unserem Thema:

    „10.11.2013 17:54 Uhr schrieb Anonym
    @ 13:30 Uhr Unternehmensberater
    Interessant – ein „Unternehmensberater“, der die Kundschaft berät. ,-)
    Der Mann der WW wird schon im Sinne der Aktionäre und Eigentümer tätig sein. Sonst hätte er den Job nicht lange.

    Mindestlohn wird für das gesamte heutige Podium kein Thema sein.
    Warum hat man keine Menschen eingeladen, die mit diesem Thema persönliche Erfahrungen gesammelt haben. Es gibt in den Medien VIELE „feste Freie“ oder „Freie Feste“ …
    Oder die vielen Medienskandale: Zack, von heute auf morgen die GESAMTE Belegschaft entlassen. Zum Hungerlohn die Hälfte wieder eingestellt.
    Am 10.11.2013 17:49 Uhr schrieb Realität (62 J)
    Ein Volk wird danach beurteilt, wie es mit seinen alten Menschen umgeht. Wen wundert’s?
    Das schließt menschenwürdige Strukturen für jedes Alter mit ein, sodass keiner vergessen wird. Bildung, Fortbildung und gleichzeitig gerechte Löhne und Renten. Wir sind laut Grundgesetz ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. ‚Sozial‘ steht dort wirklich. Also muss sich auch jeder daran halten.

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